Messe The Smart E/Intersolar 24.06.2026, 08:00 Uhr

Solar: Scheitert Vorreiter Deutschland am eigenen Erfolg?

Deutschlands Solarboom stockt: Netze, Speicher und Politik bremsen den Ausbau. Die Branche steht vor neuer Phase der Marktintegration.

Senkrecht stehende Solarpanele

In München eröffnete am 23. juni 2026 die Multimesse The Smarter E mit dem internationalen Zugpferd, der Intersolar 2026. Deutschland hatte 2025 den veitstärksten Solarzubau weltweit. in diesem Jahr profitiert die Branche bisher vom Irankrieg und Kürzungsplänen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche für die Solarförderung von Hausdachanlagen.

Foto: Stephan W. Eder

Die Zahlen für den Solarausbau in Deutschland schauen gut aus: Weltweit ist Deutschland beim jährlichen Zubau 2025 hinter China (382 GW), Indien (45,7 GW) und den USA (43,2 GW) mit 17,6 GW auf Platz vier vorgerückt. Das meldete der Bundesverband BSW Solar in München zum Auftakt der Messe Intersolar. Auch bei der installierten Gesamtleistung belegt Deutschland mit 118 GW in identischer Reihenfolge den vierten Rang.

„Wir hatten einen sehr dynamischen Ausbau in den letzten Jahren“, so Markus Elsässer zur Messeeröffnung. Er veranstaltet die Messe mit seiner Firma Solar Promotion seit 1991. Man sei jetzt in Deutschland an einem Punkt, „wo wir knapp 60 % der Stromversorgung mit Erneuerbaren erreicht haben“. Solar und Wind prägten die Energieversorgung.

Doch es klemmt im System. Die jährlichen Ausbauzahlen für Solar könnten 2026 das dritte Jahr in Folge in Deutschland auf etwa gleichem Niveau verharren, 2024 lag der Ausbau bei 17,7 GW. Für dieses Jahr erwartet der BSW Solar einen Zubau in ähnlicher Größenordnung. Netze, Speicher, Lastprofile und Debatten ums Marktdesign sind aktuell die Hemmschuhe. Und am Horizont drohen Hellbrise, Dunkelflaute und negative Strompreise. Scheitert Deutschland, Vorreiter in Sachen Solar, am Ende am eigenen Erfolg?

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Wo die Erfolge der deutschen Solarwirtschaft liegen

Die Stimmung war schon mal besser zum Intersolar-Auftakt. Dabei gibt sich die Branche selbstbewusst. Der BSW Solar rechnete vor, dass Photovoltaikanlagen in Deutschland zwischen 2020 und 2025 knapp 390 Mrd. kWh Strom erzeugt hätten. Damit habe sie den Import von fossilen Energieträgern im Wert von mehr als 20 Mrd. € ersetzt.

Klimaschadenskosten von bis zu 250 Mrd. € seien vermieden worden, so Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Verbandes: „Solarstrom schützt nicht nur das Klima, sondern auch den Wirtschaftsstandort Deutschland.“

Solar kann Ökonomie, die Frage stellt sich nicht mehr. Der Kernkonflikt, der schon länger schwelt, ist der: Wie viel Solarstrom kann unser Stromsystem aufnehmen, wenn er nicht mehr nur erzeugt, sondern zeitlich verschoben, lokal verbraucht, netzdienlich gesteuert und marktfähig gemacht werden muss?

Warum es im deutschen Solarsystem kracht

„Wir sehen das Solarsystem inklusive Speicher als Baustein, um uns energetisch Richtung Unabhängigkeit zu bewegen. Aufgrund der Gespräche mit unseren Installateuren wissen wir, dass viele Auftragsbücher gefüllt sind und dass man Solar als positiven Faktor sieht“, berichtet Patrik Danz, CSO (Chief Sales Officer) bei IBC Solar. Kritisch, so der Ingenieur, sehe man in der Solarbranche folgende Themen: „Wie geht es weiter mit dem EEG? Was ist die politische Ausrichtung? Wie wird Solar gegebenenfalls unterstützt oder auch weniger unterstützt? Bin ich mit den Produkten auch in der Langfristigkeit richtig aufgestellt?“ Hinzu kommt die gesamte Thematik um den Anschluss von Stromspeichern, die oft auch mit Solaranlagen verbaut werden.

„Die Lage in puncto Netzanschluss ist schwierig, weil die Netzbetreiber sicherlich auf der einen Seite sehr viele Anfragen auf dem Tisch haben. Auf der anderen Seite wird ihr altes Geschäftsmodell durch erneuerbare Energien eher reduziert; auch dadurch kommt es zu Verzögerungen“, weiß Danz. Die gesetzlich zugesagten acht Wochen Feedback nach Antragstellung für einen Netzanschluss sind heute nicht mehr der Fall. „Wir warten deutlich länger, bis es Zusagen bei normalen Solarparks oder bei Speichern gibt“, so Danz. In vielen Fällen müsse man mehrfach nachfragen, um überhaupt eine Aussage zu bekommen.

Laut Danz steht Deutschland aber mit dem Problem nicht allein da. IBC Solar beobachtet Probleme damit in ganz Europa. „Polen zum Beispiel, das sehr stark auf Kohle gesetzt hat, schafft es überhaupt nur, zwischen 7 % und 10 % der Beantragungen pro Jahr zu bestätigen“, weiß Danz. Er schätzt: „Wir werden in Europa verstärkt eine stärkere Dezentralisierung der Solaranlagen sehen. Wir haben hier daher ein europäisches Problem, was die Netzverknüpfung, die Leitungen, den Netztransport angeht.“

Ist jetzt der Plan der Bundesregierung, die Förderung von Solar für Hausdächer zu streichen, gut oder schlecht?

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant im Rahmen der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), die feste Einspeisevergütung für Hausdachanlagen ab 2027 komplett zu streichen. Das, so Körnig, werde der Branche eine Sonderkonjunktur in diesem Jahr bescheren. Ein Vorzieheffekt, denn, so Körnig, nach Berechnungen des Verbands würde sich dann eine durchschnittliche Solaranlage auf dem Hausdach erst nach 20 Jahren amortisieren. Das würde wohl viele Interessenten künftig abschrecken; rechnen würden die Leute mit 10 bis 12 Jahren. „Wenn es dann Richtung 20 Jahre geht oder mehr, können Sie sich vorstellen, dass dann nur noch ein Bruchteil der Haushalte bereit ist, in eine Solaranlage zu investieren“, sagte Körnig.

Patrik Danz hat bei IBC Solar über seine Partnerunternehmen, die im Feld installieren, das Ohr ganz nah dran am Markt. „Wir wissen von unseren Installateuren, dass sie das Thema Wegfall der EEG-Umlage in den letzten Monaten sehr stark schon in den Endkundengesprächen thematisiert haben. Es sieht danach aus, dass sich viele Endkunden darüber bewusst sind, Solarenergie lieber stärker selbst zu nutzen, etwa durch Ergänzen eines Speichers oder eines Elektrofahrzeugs, als einzuspeisen. Insofern ist bei den heutigen 0,07 € Einspeisevergütung die grundsätzliche Haltung, dass der Wegfall der EEG-Umlage wahrscheinlich gar nicht so stark Einfluss nehmen wird.“

Politisch aber ist das ein heißes Eisen, auch in Bayern, dem Solarvorreiter in Deutschland. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete, steht die bayerische Staatsregierung einer abrupten Streichung skeptisch gegenüber. Dadurch könnten bei einer abrupten Streichung die Ausbauzahlen der PV-Aufdachanlagen in Bayern deutlich zurückgehen, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Allerdings ist sich die Staatsregierung im Klaren, dass ein dauerhaftes Festhalten an der Einspeisevergütung dem Ziel widerspricht, Photovoltaik stärker in den Markt zu integrieren.

Wo die Perspektive für Solar in Deutschland liegt

IBC-Solar-Vertriebschef Danz macht sich keine übermäßigen Sorgen ums Geschäft: „Die Solarwirtschaft kennt einen Geschäftsverlauf mit Aufs und Abs, der sich Solarcoaster nennt. Deswegen können wir damit umgehen, wenn es derzeit im gesamten Solarbereich mal nicht steil bergauf geht.“

Was sich ändert, ist inzwischen ganz deutlich die Rolle. Solar wird wichtiger, weil sie in einer elektrifizierten Wirtschaft immer mehr Aufgaben übernimmt. Sie soll Strom liefern, Gasimporte senken, Preise dämpfen, Gewerbebetriebe stabilisieren, Ladeinfrastruktur versorgen. Perspektivisch soll sie auch Wärme- und Industrieprozesse unterstützen. So ist das beabsichtigt im Rahmen der Energiewende. Dafür aber reicht reines Wachstum beim Anlagenaufbau nicht aus.

Der nächste Wachstumsschub sollte daher vielleicht weniger spektakulär aussehen. Er wird technischer. Es geht um flexible Wechselrichter, bidirektionale Schnittstellen, Speicherregelung, Prognosealgorithmen, dynamische Tarife, netzdienliche Steuerung und robuste Planung für Dächer, Parkplätze und Freiflächen. Das fordert die Branche heraus, schafft aber auch nachhaltigere Wertschöpfung.

Ein Beitrag von:

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder ist Technik- und Wissenschaftsjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Klima und Quantentechnologien. Grundlage hierfür ist sein Studium als Physiker und eine anschließende Fortbildung zum Umweltjournalisten.

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