VDI: Die fossile Brücke entscheidet über den Erfolg der Energiewende
Deutschland will klimaneutral werden, doch das Energiesystem hängt den politischen Zielen hinterher. Auf den Berliner Energietagen attestiert VDI-Direktor Adrian Willig dem Land eine „riesige Umsetzungslücke“ und benennt drei Schlüsseltechnologien, mit denen die Transformation jetzt gelingen kann.
VDI-Direktor Adrian Willig am 5. Mai in Berlin.
Foto: Stephan W. Eder
Deutschland will klimaneutral werden, aber das Energiesystem ist noch nicht dort, wo die politischen Ziele längst stehen. Laut Adrian Willig, dem Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), steht die Technik bereit – aber: „Wir haben eine riesige Umsetzungslücke.“ Das aktuelle Energiesystem Deutschlands ist weder im internationalen Vergleich wirtschaftlich noch ausreichend versorgungssicher.
Zu diesem Ergebnis kommt der VDI im Rahmen seines Zukunftsdialogs Energie. Ohne einen sachlichen Blick auf die bestehenden Herausforderungen und gezielte Nachbesserungen bei Tempo, Systemintegration und regulatorischen Rahmenbedingungen drohe die Transformation zu scheitern. Fossile Energieträger werden trotz der gesetzlich festgesetzten deutschen Klimaziele nicht einfach verschwinden. Sie bilden eine Brücke – und genau die wird jetzt zum Prüfstand. Willig erklärte auf den Berliner Energietagen, was Versorgungssicherheit ausmacht und welche Technologien über Erfolg oder Scheitern der Transformation entscheiden.
Inhaltsverzeichnis
Wo es bei der deutschen Energiewende wirklich klemmt
Über fossile Energieträger wird in Deutschland wieder härter gestritten. Kohle soll raus, Öl und Gas sollen zurückgedrängt werden, gleichzeitig wird über neue Gaskraftwerke, Reservekapazitäten, Wasserstofffähigkeit und CCS diskutiert. Parallel subventioniert die Bundesregierung den Verbrauch angesichts steigender Öl- und Gaspreise infolge der Hormus-Blockade.
Wer das als Widerspruch liest, liegt nicht ganz falsch. Wer es aber nur als Widerspruch lesen will, macht es sich zu einfach. Das machte VDI-Direktor Willig in Berlin am 5. Mai deutlich: „Das aktuelle Energiesystem Deutschlands genügt nicht den politischen Zielen“, sagte er bei der Vorstellung der VDI-Studie „Impulse zur Energieversorgung der Zukunft“.
Lesen Sie hier die ersten Ergebnisse des VDI-Zukunftsdialogs Energie
Der Satz enthält eine grundsätzliche Kritik. Denn er trennt zwischen dem, was politisch beschlossen wurde, und dem, was technisch, wirtschaftlich und organisatorisch bereits vorhanden und möglich wäre. Zur Energiewende-Debatte gesellt sich die Resilienzfrage. Willig unterscheidet: „Wir haben eine hohe technische Versorgungssicherheit.“ Heißt: Die Stromversorgung funktioniert im Alltag zuverlässig, Deutschland hat kaum Ausfallzeiten und liegt im globalen Vergleich vorne. Allerdings habe das Land eine „ungünstige politische Versorgungssicherheit. Wir sind ein Stück weit politisch verwundbar.“
Genau hier liegt der Kern der Debatte um fossile Energieträger. Es geht nicht nur darum, ob Deutschland Gas, Öl und Kohle schneller ersetzen kann. Es geht auch darum, wodurch sie ersetzt werden – und ob die neuen Abhängigkeiten am Ende wirklich besser sind als die alten. Willig wies auf die Abhängigkeiten hin, die sich durch die Dominanz Chinas bei Schlüsseltechnologien für die Energiewende ergeben: einerseits als Lieferant kritischer Rohstoffe für erneuerbare Anlagen, andererseits als dominanter Marktführer bei den konkreten Produkten. „Resilienz heißt nicht nur weniger Öl und Gas, das heißt in Zukunft auch diversifizierte Lieferketten“, so Willig mit Blick auf europäische Wertschöpfungsketten, strategische Industriepolitik und eine reale Kreislaufwirtschaft.

Warum Energiepolitik Standortpolitik ist
„Energiepolitik ist immer auch Standortpolitik“, betont Willig. Das ist in der aktuellen Lage mehr als eine Formel. Energiepreise, Versorgungssicherheit, Netze, Speicher und Importabhängigkeiten entscheiden darüber, ob Industrie in Deutschland investiert oder woanders. Willig verweist auf den internationalen Vergleich, den die VDI-Expertinnen und -Experten im Rahmen der Studie erstellt haben.
Deutschland habe mit Ländern wie Italien und Japan mit die höchste Importabhängigkeit im Energiesektor. Gleichzeitig sei die CO₂-Intensität des Stroms „immer noch zu hoch“. Beim Roll-out von Smart Metern sei Deutschland „Schlusslicht“. Daraus folgt für ihn: „Wir haben Nachholbedarf. Wir sind international nicht wettbewerbsfähig.“
Diese Diagnose ist unbequem, weil sie zwei Debatten zusammenzieht, die politisch oft getrennt geführt werden. Die eine fragt: Wie schnell kommen wir aus fossilen Energien heraus? Die andere fragt: Wie bleibt der Industriestandort wettbewerbsfähig? Willig macht deutlich, dass beides nicht gegeneinander ausgespielt werden darf. Wer fossile Energieträger ersetzen will, muss ein System aufbauen, das zugleich klimafreundlicher, belastbarer und wirtschaftlich tragfähig ist.
Was ist das Zielbild für 2045?
Die Studie beschreibt die Gegenwart als fossil stark geprägt:
- Hohe Energieimportabhängigkeit
- Wenig Flexibilität
- Einsatz von Einzeltechnologien
- Kaum Wasserstoffanwendungen
Das Zielbild für 2045 sieht deutlich anders aus:
- Stark elektrifiziert, Strom aus erneuerbaren Energien
- Geringere Energieimporte
- Flexible Stromerzeugung und -nutzung
- Systemintegration unterschiedlicher Technologien
Wasserstoff und seine Derivate werden dabei in den schwer zu dekarbonisierenden bzw. schwer zu elektrifizierenden Anwendungen der Industrie, der Energiewirtschaft und in Teilen des Verkehrssektors eingesetzt. Willig stellt klar, was die Ergebnisse der Studie sind: „Es sind keine Prognosen, sondern konsistente Zielbilder unter Annahme bestimmter Kosten.“ Ein entscheidender Unterschied: Ein Zielbild beschreibt, wie ein funktionierendes Energiesystem aussehen kann – es garantiert aber nicht, dass es entsteht. Auch die angesetzten Kosten unterscheiden sich. Im Rahmen des Zukunftsdialogs untersuchte der VDI verschiedene Szenarien; das der Agora Energiewende geht von bis zu 147 Mrd. € pro Jahr aus, andere berücksichtigte Szenarien lägen deutlich darunter.
„Die erfolgreiche Transformation ist technisch möglich“, sagt Willig. „Der Engpass ist die Durchführung konkreter Maßnahmen und die Nutzung von Technologien.“ Dann folgt der Satz, der über der gesamten Debatte stehen könnte: „Wir haben eine riesige Umsetzungslücke.“
Was hilft uns aus dem Stillstand bei der Energiewende?
Das Impulspapier nennt drei Schlüsselmaßnahmen, die laut Willig zwei wichtige Fragen adressieren: „Was setzen wir schnell um? Wo können wir schnell besser werden?“ Konkret:
- Großbatteriespeicher: Es brauche nicht rund 2 GW (heute), sondern 50 GW. „Ohne Flexibilität keine Transformation des Energiesystems“, betont Willig.
- Gaskraftwerke: Das Impulspapier sieht ein Wachstum von 30 GW (heute) auf 60 bis 146 GW elektrischer Leistung vor. Ohne sie sei das Energiesystem nicht zu transformieren.
- Wärmepumpen: Sie sind aus VDI-Sicht die dominierende Technologie für die Gebäudewärmeversorgung der Zukunft.
Welche Rolle spielen Gaskraftwerke?
„Keine Versorgungssicherheit ohne gesicherte Kraftwerksleistung“, betont Willig mit Blick auf Gaskraftwerke. Die seien „die Versicherung des Systems“ – Reserve für den Notfall, kein neues Leitbild. Diese Unterscheidung ist wichtig. Eine Versicherung braucht man für den Ernstfall. Willig führt das Beispiel der Feuerwehr an: Die Versicherung darf nicht zum Normalbetrieb werden. Wenn Gaskraftwerke dauerhaft hohe Laufzeiten bekommen, wäre die fossile Brücke zu breit gebaut.
Welche Rolle Großbatteriesysteme bei der Absicherung im Ernstfall spielen können, hängt nicht allein von der Technologie ab, sondern auch von langfristigen Wetterentwicklungen – konkret: davon, wie lange Dunkelflauten nach 2045 andauern. Der Klimawandel ist ein bereits stattfindender Prozess. Dass sich Wetterlagen eher verstetigen, als dass sie sich häufiger abwechseln, ist eine der Prognosen für ein wärmeres Klima. Und wenn die Versicherung fehlt, fehlt dem System in Dunkelflauten die Rückendeckung. Die politische Aufgabe besteht darin, genau diese Balance zu organisieren.
Warum reichen erneuerbare Energien allein nicht?
Die Energiewende beinhaltet eine starke Elektrifizierung. „Elektrifizierung ist der Hauptpfad“, so Willig. Strom aus erneuerbaren Quellen wird zum zentralen Energieträger. Damit das System funktioniert, braucht es Flexibilität. Bei Großspeichern nennt Willig einen Sprung „von ca. 2 GW auf 50 GW“. Sein Petitum dazu: „Ohne Flexibilität keine Transformation des Energiesystems.“
Es genügt nicht, Windräder und Solaranlagen zuzubauen. Das System braucht Speicher, flexible Lasten, Netze, Reserveleistung und digitale Steuerung. Dass Deutschland beim Smart-Meter-Roll-out zurückliegt, ist in dieser Logik kein Randthema, sondern ein Symptom.
Warum entscheidet Akzeptanz?
Willig betont, dass die Energiewende die Menschen mitnehmen muss. Das brauche einen Kommunikationsprozess, den der VDI mit der Fachkenntnis seiner Mitglieder unterstützt. „Die beste Technologie nutzt Ihnen nichts, wenn der Verbraucher sie nicht akzeptiert.“ Allerdings helfe auch die beste Lösung nicht, wenn „der gesetzliche Rahmen den Hochlauf ausbremst“.
Das gelte besonders für Wärmepumpen. „Wärmepumpen sind die Zukunftstechnologie für die Gebäudewärmeversorgung.“ Perspektivisch spricht Willig von einem Hochlauf von knapp 2 Mio. auf 13 bis 16 Mio. Anlagen. Damit ist ein neuralgischer Punkt der deutschen Energiepolitik benannt. Die Wärmepumpe ist nicht an der Physik gescheitert, sondern an Kommunikation, Kostenangst, Gebäudebestand, Handwerkermangel und politischer Überhitzung. Technologie braucht Plausibilität im Alltag.
Was ein bleibender Fachkräftemangel für die Transformation der Energiesysteme – nicht nur bei der Wärmepumpe – bedeutet, kommentiert Willig: „Sonst bleibt es ein Papiertiger.“ Für die Gesellschaft müsse klar sein: „Wir können nicht alle Influencer werden.“ Es brauche dafür Ingenieurinnen und Ingenieure. Denn Energiewende besteht in der Praxis aus Planung, Tiefbau, Montage, Netzanschlüssen, Genehmigungsakten und Wartung.
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