Bergung der Brennelemente gestoppt 11.11.2013, 13:29 Uhr

Radioaktive Wasserblase aus Fukushima treibt zur amerikanische Westküste

Die Situation im Atomkraftwerk Fukushima gerät zunehmend außer Kontrolle. Die Betreiberfirma Tepco hat wegen Problemen die Bergung der 1300 Brennelemente aus Reaktorblock 4 verschoben. Gleichzeitig hat sich im Pazifik eine Blase mit radioaktiv verseuchtem Wasser gebildet, die auf die kalifornische Küste zutreibt.

Ingenieure vor dem Abklingbecken für Brennstäbe im Reaktor 4 des Atomkraftwerkes Fukushima: Die Bergung der 1300 Brennelemente wurde wegen technischer Probleme verschoben.

Ingenieure vor dem Abklingbecken für Brennstäbe im Reaktor 4 des Atomkraftwerkes Fukushima: Die Bergung der 1300 Brennelemente wurde wegen technischer Probleme verschoben.

Foto: dpa/Kimimasa Mayama

Die riesige radioaktive Wasserblase, die sich im Pazifik gebildet hat, treibt auf Kaliforniens Küste zu und hat offenbar im Meer schon für erhebliche Schäden gesorgt. 300 Tonnen verseuchtes Wasser fließen täglich ins Meer. Das Wasser aus den leckenden Tanks auf dem Kraftwerksgelände hat nach Angaben des Kraftwerksbetreibers Tepco Strahlenbelastungen von 100 Millisievert pro Stunde. Das ist der Strahlungswert, den ein Mitarbeiter in einem japanischen Atomkraftwerk innerhalb von 5 Jahren abbekommen darf. In Fukushima ist man dieser Strahlenbelastung in nur einer Stunde ausgesetzt.

Das ausgetretene Wasser enthält unter anderem Strontium, das Wissenschaftler gerne als „Knochenkiller“ bezeichnen. Strontium schädigt das Knochenmark und kann Leukämie auslösen. Hält sich ein Mensch nur eine Stunde direkt neben diesem Wasser auf, treten nach zehn Stunden erste Anzeichen der Strahlenkrankheit auf: Übelkeit und ein Rückgang der weißen Blutkörperchen.

Blase mit radioaktivem Wasser erreicht im März Kalifornien

Wie Wissenschaftler herausgefunden haben, hat dieses stark belastete Wasser eine riesige Blase gebildet, die im Pazifik auf die USA zutreibt. Nach Untersuchungen der Strömungsverhältnisse im Pazifischen Ozean hat das gravierende Folgen für die US-amerikanische Westküste. Nuklearingenieur Arjun Makhijani, Präsident des Instituts für Energie- und Umweltforschung IEER mit Sitz in Takoma Park in Maryland, erwartet, dass die Blase im März 2014 die US-Küste erreicht. Der Höchststand dieser vor allem mit Cäsium 137 verseuchten Wasserblase wird für das Jahr 2016 erwartet.

Fische bluten aus Kiemen, Bäuchen und Augäpfeln

„Wir müssen Lebensmittel besser überwachen. Ich glaube nicht, dass der US-Umweltschutz und die Lebensmittelbehörde einen guten Job machen“, so Makhijani. Offenbar gibt es schon jetzt Schäden durch die Radioaktivität in den US-Gewässern. So sind vor Südkalifornien rund 45 Prozent aller Seelöwen-Jungtiere gestorben. Normalerweise sterben weniger als ein Drittel der Jungen. Entlang der Pazifikküste Kanadas und Alaskas ist die Population des Rotlachses auf ein historisches Tief gesunken. Entlang der kanadischen Westküste erkranken Fische aus unbekannter Ursache. Sie bluten aus Kiemen, Bäuchen und Augäpfeln.

Experten schätzen, dass sich die Radioaktivität der Küstengewässer vor der US-Westküste in den nächsten fünf bis sechs Jahren verdoppeln wird. In Kalifornien stellten Wissenschaftler bei einer Untersuchung von 15 Blauflossen-Thunfischen fest, dass alle durch radioaktiven Fallout aus Fukushima kontaminiert waren.

Experten haben im Plankton zwischen Hawaii und der Westküste der USA sehr große Mengen von Cäsium 137 gefunden. Plankton ist der Beginn der maritimen Nahrungskette. Nach einer Simulation des Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel werden bis zum Jahre 2020 auch die entlegendsten Winkel des Pazifischen Ozeans mit größeren Mengen von Cäsium 137 verseucht sein.

100-mal so viel Strahlung freigesetzt wie Tschernobyl

Die Angaben der Experten und des Betreibers Tepco zur Menge der ins Meer geratenen radioaktiven Strahlung weichen zwar voneinander ab, liegen aber allesamt auf einem sehr hohen Niveau. Forscher am Meteorologischen Forschungsinstitut der japanischen Behörde für Meteorologie schätzen, dass täglich radioaktives Cäsium und Strontium mit einer Aktivität von jeweils 30 Milliarden Becquerel in den Pazifik gelangen.

Blick aus einem Hubschrauber auf die undichten Wassertanks auf dem Reaktorgelände in Fukushima: Inzwischen ist so viel radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik geflossen, dass sich eine radioaktive Wasserblase gebildet hat, die im März 2014 die Westküste der USA erreichen wird.

Blick aus einem Hubschrauber auf die undichten Wassertanks auf dem Reaktorgelände in Fukushima: Inzwischen ist so viel radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik geflossen, dass sich eine radioaktive Wasserblase gebildet hat, die im März 2014 die Westküste der USA erreichen wird.

Foto: Kyodo

Tepco gibt an, dass seit Beginn der Fukushima-Katastrophe radioaktives Tritium mit einer Aktivität zwischen 20 und 40 Billionen Becquerel ins Meer gelangt ist. Es wird geschätzt, dass durch Fukushima bis zu 100 Mal so viel radioaktive Strahlung in den Ozean freigesetzt wurde, wie während der gesamten Katastrophe von Tschernobyl.

Bergung der Brennelemente gestoppt

Nicht weniger beunruhigend ist die Nachricht, dass der Versuch, die 1300 beschädigten Brennelemente aus Reaktorblock 4 zu bergen, vorerst gescheitert ist. Ein Riesenproblem bei der Bergung ist das Chaos der Brennelemente: Sie haben durch die Kräfte der Naturgewalten Mikado gespielt und sind entsprechend durcheinander gebracht worden. Tepco wollte die Brennelemente ursprünglich manuell bergen. Laut dem Nuklearexperten Arnie Gundersen ist aber die einzige Möglichkeit eine computergesteuerte Bergung.

Bei Kernschmelze müsste Tokio mit 35 Mio. Menschen evakuiert werden

Es besteht offenbar eine sehr große Gefahr bei diesem Bergungsprojekt. Richard Broinowsky von der Universität Sydney sagte im australischen Radiosender ABC, dass die Gefahr bestehe, dass die Brennelemente im Fall einer Kernschmelze ungeheure Mengen von Radioaktivität in die Atmosphäre abgeben würden. Im Falle ungünstiger Winde müsste Tokio evakuiert werden, so Broinowsky.

Das geht aber kaum. In der Metropolregion um Tokio leben über 35 Millionen Menschen. Und deshalb haben die japanischen Behörden jetzt den Bergungsplan erst einmal verschoben, in der kühnen Hoffnung, dass sie weiter die Brennelemente mit Wasser kühlen und so das schlimmste verhindern können. Es ist eine Wette auf die Zukunft. Denn Tepco hat bereits 1000 Tanks auf dem Gelände der Atomruine und in den Bergen um Fukushima errichtet, in denen das verseuchte Kühlwasser gespeichert wird. Und der Zustand dieser Tanks ist eine einzige Katastrophe.

„Ich muss klar sagen, dass wir schludrig gearbeitet haben.“

Was kein Wunder ist, denn es musste ja schnell gehen nach der Atomkatastrophe am 11. März 2011. Ein Zeuge dieser Flickschusterei ist der Automechaniker Yoshitatsu Uechi, der im Auftrag von Tepco im vergangenen Jahr sechs Monate am havarierten AKW Fukushima gearbeitet hat. Seine Aufgabe: Tanks zusammenbauen, im Eiltempo. „Ich muss klar sagen, dass wir schludrig gearbeitet haben. Wahrscheinlich lecken die Tanks deshalb schon jetzt“, sagte der 48-Jährige freimütig gegenüber der Nachrichtenagentur AP und ergänzt. „Jedes Mal, wenn hier die Erde ein bisschen bebt, bricht mir der Schweiß aus.“

Im havarierten Reaktor 4 des Atomkraftwerkes Fukushima lagern 1300 Brennelemente. Die sind durch das Erdbeben vor zwei Jahren durcheinander geraten, so dass die Bergung besonders schwer ist.

Im havarierten Reaktor 4 des Atomkraftwerkes Fukushima lagern 1300 Brennelemente. Die sind durch das Erdbeben vor zwei Jahren durcheinander geraten, so dass die Bergung besonders schwer ist.

Foto: dpa/Tomohiro Ohsumi

Wenn er dann erzählt, dass etwa der Rostschutz auf Nieten und Schweißnähten nicht wie vorgeschrieben unter trockenen Bedingungen aufgebracht wurden, sondern bei Regen und Schneefall, versteht man die Sorge des Automechanikers. Sein Bericht geht so weit, dass Tanks mit radioaktiv verstrahltem Wasser in die Tanks gefüllt worden ist, bevor diese fertig waren.

„Ihre Qualität ist an der absoluten Untergrenze.“

Ebenso unglaublich: Die Dichtheitsprüfungen der Tanks wurde bei Regen durchgeführt. „Wir waren in einer Notsituation und mussten viele Tanks so schnell wie möglich bauen“, rechtfertigt Teruaki Kobayashi von Tepco die unorthodoxe Dichtheitsprüfung der Tanks und gibt zu: „Ihre Qualität ist an der absoluten Untergrenze.“

Auf dem Gelände des Kraftwerks werden derzeit rund 370 000 Tonnen radioaktiv kontaminierten Wassers gelagert. Etwa ein Drittel davon befindet sich in Stahltanks mit gummierten Nähten, die mit Bolzen geschlossen werden. Ein absolutes Provisorium. Bis März 2016 will Tepco diese Provisorien komplett gegen robustere Tanks austauschen. Dazu will das Unternehmen die Speicherkapazität für das kontaminierte Wasser auf 800 000 Tonnen erhöhen.

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