Nord Stream: US-Investoren im Gespräch: Könnte die Pipeline wirklich wieder Gas liefern?
USA und Russland sprechen über US-Investoren für Nord Stream. Doch selbst ein Deal würde die Pipeline nicht einfach wieder in Betrieb bringen.
Die Erdgasinfrastruktur in Lubmin an der Ostseeküste: Hier sollte das über Nord Stream 2 ankommende Gas übernommen und anschließend in das deutsche Fernleitungsnetz eingespeist werden.
Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Michael Sohn
USA und Russland sprechen offenbar wieder über Nord Stream – diesmal geht es um einen möglichen Einstieg amerikanischer Investoren. Doch selbst wenn es dazu käme, ließen sich die Pipelines nicht einfach wieder in Betrieb nehmen. Zwar hat ein Strang von Nord Stream 2 die Explosionen von 2022 ohne bekanntes Leck überstanden. Ob die Leitung heute noch betriebsbereit ist, weiß allerdings niemand. Und das wäre ohnehin nur eine von mehreren Hürden.
Nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters haben Jared Kushner, Sondergesandter von US-Präsident Donald Trump, und der russische Präsidentenberater Kirill Dmitrijew über einen möglichen Einstieg amerikanischer Investoren gesprochen. Reuters beruft sich dabei auf fünf Personen, die mit den Vorgängen vertraut sind.
Wie weit diese Gespräche tatsächlich gediehen sind, bleibt offen. Kushner und Dmitrijew trafen sich zuletzt in Moskau und New York. Welche Rolle Nord Stream dabei spielte, konnte Reuters nicht abschließend klären. Ein Vertreter des Weißen Hauses erklärte der Nachrichtenagentur zudem, in jüngster Zeit habe es keine Gespräche speziell über Nord Stream gegeben.
Von einem konkreten Geschäft kann also keine Rede sein. Interessant ist die Frage trotzdem: Was würde ein US-Investor überhaupt verändern? Und könnte eines Tages tatsächlich wieder Gas durch Nord Stream nach Deutschland fließen?
Inhaltsverzeichnis
- Bei Nord Stream geht es um zwei unterschiedliche Projekte
- Von vier Leitungen blieb eine ohne bekanntes Leck
- Mehr als 1200 km Pipeline unter der Ostsee
- Druck wurde nach den Explosionen abgesenkt
- Was müsste vor einem Neustart untersucht werden?
- Auch Lubmin müsste bereit sein
- Ein Strang könnte rechnerisch enorme Mengen transportieren
- Die größten Hindernisse sind derzeit rechtlicher Natur
- Was würde ein amerikanischer Investor ändern?
- Die Zertifizierung von Nord Stream 2 ist weiterhin offen
- Ein Eigentümerwechsel allein reicht nicht
Bei Nord Stream geht es um zwei unterschiedliche Projekte
Bei Nord Stream muss man zwischen zwei Projekten unterscheiden. Nord Stream 1 und Nord Stream 2 bestehen jeweils aus zwei Leitungssträngen durch die Ostsee, gehören aber zu unterschiedlichen Gesellschaften.
Im Mittelpunkt der aktuellen Reuters-Recherche steht unter anderem die Nord Stream AG, die Nord Stream 1 betreibt. Gazprom hält dort 51 %. Die übrigen Anteile liegen bei deutschen, französischen und niederländischen Unternehmen. Nach Reuters-Informationen wollen die beiden deutschen Anteilseigner ihre Beteiligungen offenbar behalten, sollte Gazprom seinen Anteil verkaufen.
Anders sieht es bei Nord Stream 2 aus. Betreiberin ist die Nord Stream 2 AG mit Sitz im schweizerischen Zug. Sie steht weiterhin auf der US-Sanktionsliste. Aus den aktuellen Gesprächen lässt sich deshalb nicht ableiten, dass ein amerikanischer Investor Nord Stream 2 übernehmen soll.
Die Debatte über eine mögliche Rückkehr zu russischem Pipelinegas läuft ohnehin schon seit Längerem. ingenieur.de hat die politischen und energiepolitischen Hintergründe bereits ausführlicher beleuchtet.
Von vier Leitungen blieb eine ohne bekanntes Leck
Nord Stream 1 transportierte seit 2011 beziehungsweise 2012 russisches Erdgas nach Deutschland. Nord Stream 2 wurde rund zehn Jahre später fertiggestellt. Nach erfolgreichen Tests und der ersten Befüllung mit Gas im Herbst 2021 war das System technisch weitgehend fertig. Zum kommerziellen Gastransport kam es jedoch nie.
Die Bundesnetzagentur setzte das Zertifizierungsverfahren für die Nord Stream 2 AG bereits am 16. November 2021 aus. Der Grund war die Betreiberstruktur: Für den deutschen Abschnitt sollte eine Gesellschaft nach deutschem Recht gegründet werden, auf die wesentliche Vermögenswerte und Personal übertragen werden sollten.
Am 22. Februar 2022 zog die Bundesregierung zusätzlich ihre zuvor abgegebene Bewertung zur Versorgungssicherheit zurück. Ohne eine neue Bewertung konnte die Bundesnetzagentur keine positive Zertifizierungsentscheidung treffen.
Im September 2022 wurden anschließend drei der vier Nord-Stream-Röhren bei Explosionen beschädigt. Beide Stränge von Nord Stream 1 sowie Strang A von Nord Stream 2 wiesen Lecks auf. Strang B von Nord Stream 2 blieb ohne bekanntes Leck. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Leitung heute nachweislich betriebsbereit ist.
Mehr als 1200 km Pipeline unter der Ostsee
Nord Stream 2 besteht aus zwei rund 1225 km langen Offshore-Leitungen zwischen Russland und Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Jede Leitung wurde für eine Transportkapazität von 27,5 Mrd. m³ Erdgas pro Jahr ausgelegt.
Nord Stream 2 in Zahlen
- Länge je Strang: rund 1225 km
- Innendurchmesser: rund 1153 mm
- höchste Auslegungsdruckstufe: 220 bar
- Kapazität je Strang: 27,5 Mrd. m³ Erdgas pro Jahr
- Gesamtkapazität: 55 Mrd. m³ pro Jahr
- Strang ohne bekanntes Leck: Nord Stream 2, Strang B
Die Pipeline kommt ohne Verdichterstation auf dem Meeresgrund aus. Das Gas wird deshalb auf russischer Seite mit hohem Druck eingespeist. Je nach Abschnitt ist die Leitung für unterschiedliche Druckstufen ausgelegt. Der höchste Auslegungsdruck beträgt 220 bar. Die Dimensionen zeigen, warum sich ein solcher Strang nicht einfach nach mehreren Jahren Stillstand wieder „aufdrehen“ lässt.
Druck wurde nach den Explosionen abgesenkt
Nach den Explosionen senkte die Nord Stream 2 AG den Druck im verbliebenen Strang B im Oktober 2022 kontrolliert auf etwa 50 bar. Der Betreiber bezeichnete das damals als Sicherheitsmaßnahme. Weitere Schritte sollten von Untersuchungen der Pipeline und Gesprächen mit den zuständigen Behörden abhängen.
Damit ist bekannt, dass an Strang B nach den Explosionen kein Leck festgestellt wurde. Öffentlich belegt ist dagegen nicht, welchen Zustand die mehr als 1200 km lange Leitung heute insgesamt hat. Leckfrei und betriebsbereit sind zwei verschiedene Dinge.
Was müsste vor einem Neustart untersucht werden?
Welche Prüfungen für eine tatsächliche Wiederinbetriebnahme vorgeschrieben würden, hängt vom Zustand der Anlage, den zuständigen Behörden und den beteiligten Prüfstellen ab. Typischerweise wären mehrere Bereiche relevant:
- Lage auf dem Meeresboden: Hat sich die Pipeline verschoben oder gibt es frei gespannte Abschnitte?
- Äußerer Zustand: Sind Verformungen oder andere Schäden erkennbar?
- Korrosionsschutz: Arbeiten Beschichtung und kathodischer Korrosionsschutz noch wie vorgesehen?
- Rohrwand: Gibt es Materialverluste oder Veränderungen der Geometrie?
- Armaturen und Messtechnik: Funktionieren Ventile, Überwachung und Sicherheitseinrichtungen?
- Landanlagen: Sind Einspeisung, Empfangsstation und Netzanbindung einsatzbereit?
Für die Untersuchung der Rohrwand können sogenannte Inspektionsmolche eingesetzt werden. Diese Geräte fahren durch die Pipeline und erfassen je nach Messtechnik beispielsweise Materialverluste oder Verformungen.
Ein solcher Molchlauf kann große Teile der Pipeline von innen untersuchen. Äußere Kontrollen des Leitungsverlaufs und auffälliger Abschnitte ersetzt er jedoch nicht vollständig.
Auch Lubmin müsste bereit sein
Selbst ein technisch intakter Offshore-Strang würde noch nicht automatisch Gas nach Deutschland bringen. Nord Stream 2 endet bei Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wurde die Erdgasempfangsstation Lubmin 2 errichtet und nach Angaben des Bergamts Mecklenburg-Vorpommern Ende 2019 nach Drucktests und Probebetrieb technisch in Betrieb genommen.
Von Lubmin aus sollte das Gas in das deutsche Fernleitungsnetz weiterfließen. Dafür bestehen Anschlüsse an die Nordeuropäische Erdgasleitung NEL und an die Europäische Gasanbindungsleitung EUGAL.
Für einen Neustart müsste also die gesamte Transportkette funktionieren: die Einspeisung auf russischer Seite, die Leitung durch die Ostsee, die Empfangsstation in Lubmin und die Anbindung an das deutsche Fernleitungsnetz. Ein einzelner unbeschädigter Rohrstrang reicht dafür nicht.
Ein Strang könnte rechnerisch enorme Mengen transportieren
Die Größenordnung ist trotzdem beachtlich. Ein einzelner Strang von Nord Stream 2 wurde für 27,5 Mrd. m³ Erdgas pro Jahr ausgelegt. Je nach Gasqualität entspricht das grob 280 bis 300 TWh Energie. Deutschland verbrauchte 2025 nach Angaben der Bundesnetzagentur insgesamt 864 TWh Gas. Rein rechnerisch entspricht die Nennkapazität eines einzelnen Nord-Stream-2-Strangs damit ungefähr einem Drittel dieses Jahresverbrauchs.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Deutschland auch ein Drittel seines Bedarfs darüber decken würde. Deutschland ist inzwischen stärker in den europäischen Gasmarkt eingebunden und exportiert selbst erhebliche Mengen in Nachbarländer.
Auch die Importstruktur hat sich seit 2022 grundlegend verändert. Neben Pipelinegas aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien spielen inzwischen LNG-Terminals eine wichtige Rolle. Wie stark Deutschland inzwischen auf diese Infrastruktur setzt, zeigt unser Beitrag „Gasspeicher nur zu 50 % gefüllt: Was LNG-Terminals jetzt leisten können – und was nicht“. Einen breiteren Blick auf die Importwege und die Versorgungssicherheit gibt außerdem unsere Analyse „Wie sicher ist die deutsche Gasversorgung wirklich?“.
Die größten Hindernisse sind derzeit rechtlicher Natur
Selbst wenn Strang B technisch einsatzbereit wäre, dürfte darüber derzeit kein regulärer Gastransport aufgenommen werden. Seit Juli 2025 gilt in der EU ein spezielles Transaktionsverbot für Nord Stream und Nord Stream 2. Verboten sind Geschäfte, die unmittelbar oder mittelbar mit Fertigstellung, Betrieb, Wartung oder Nutzung der Pipelines zusammenhängen. Das Verbot erfasst ausdrücklich auch den Kauf von Gas, das über die Leitungen transportiert wird.
Hinzu kommt seit 2026 eine weitere EU-Regelung: Die Union hat den schrittweisen Ausstieg aus russischen Gasimporten rechtlich festgeschrieben. Die Einfuhr von russischem Pipelinegas ist grundsätzlich verboten. Für bestimmte bestehende Verträge gibt es Übergangsfristen. Das spezielle Nord-Stream-Verbot besteht davon unabhängig. Auch die Nord Stream 2 AG selbst unterliegt weiterhin US-Sanktionen.
Was würde ein amerikanischer Investor ändern?
Kurzfristig wenig. Ein Einstieg amerikanischer Investoren könnte Eigentumsverhältnisse verändern. Die bestehenden europäischen Verbote würde er jedoch nicht aufheben.
Reuters zitiert einen US-Regierungsvertreter mit der Einschätzung, ein Geschäft sei angesichts der Hindernisse mittelfristig unwahrscheinlich. Auch die Bundesregierung lehnt eine Wiedereröffnung ab. Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte gegenüber Reuters, Nord Stream und russisches Gas unterlägen europäischen Sanktionen. Eine Wiedereröffnung benötige zudem die Zustimmung der Bundesregierung – und diese sei nicht gewünscht. Darüber hinaus bliebe bei Nord Stream 2 das alte Zertifizierungsproblem bestehen.
Die Zertifizierung von Nord Stream 2 ist weiterhin offen
Die Bundesnetzagentur hat Nord Stream 2 nie für den kommerziellen Gastransport zertifiziert. Das Verfahren wurde bereits im November 2021 ausgesetzt. Die Nord Stream 2 AG wollte dafür eine deutsche Tochtergesellschaft schaffen, die Eigentümerin und Betreiberin des deutschen Leitungsabschnitts werden sollte. Erst nach Übertragung der notwendigen Vermögenswerte und personellen Mittel hätte das Verfahren fortgesetzt werden können.
Im Februar 2022 kam der Rückzug der deutschen Bewertung zur Versorgungssicherheit hinzu. Nord Stream 2 war damit zwar gebaut, getestet und mit Gas befüllt, erhielt aber nie die regulatorische Freigabe für den kommerziellen Betrieb.
Ein Eigentümerwechsel allein reicht nicht
Die Gespräche zwischen den USA und Russland bringen zwar Bewegung in die Debatte. An den Hürden für einen Neustart von Nord Stream 2 ändern sie aber erst einmal nichts. Strang B weist kein bekanntes Leck auf und könnte theoretisch bis zu 27,5 Mrd. m³ Gas pro Jahr transportieren. Ob die Leitung nach Jahren des Stillstands technisch noch einsatzbereit ist, weiß man öffentlich jedoch nicht.
Vor einer Wiederinbetriebnahme wären deshalb umfangreiche Prüfungen nötig. Hinzu kommen die rechtlichen Hürden: EU-Verbote und US-Sanktionen müssten aufgehoben oder geändert werden. Und selbst dann wäre das ausgesetzte Zertifizierungsverfahren von Nord Stream 2 noch offen.
Ein amerikanischer Investor könnte also die Eigentümerstruktur verändern. Bis wieder Gas durch die Ostsee fließt, wäre es trotzdem noch ein weiter Weg.
Quellen
- Reuters, 8. Oktober 2026: Gespräche zwischen USA und Russland über einen möglichen US-Investor für Nord Stream
- Bergamt Mecklenburg-Vorpommern: Nord Stream 2, Lubmin 2 und technische Einbindung in EUGAL und NEL
- Bundesnetzagentur: Zertifizierungsverfahren für Nord Stream 2 seit November 2021 ausgesetzt
- Bundeswirtschaftsministerium, 22. Februar 2022: Rückzug der Bewertung zur Versorgungssicherheit
- EUR-Lex: Verordnung (EU) 2025/1494 – Transaktionsverbot für Nord Stream und Nord Stream 2
- EUR-Lex: Verordnung (EU) 2026/261 – schrittweiser Ausstieg aus russischen Gasimporten
- Bundesnetzagentur: Gasverbrauch, Importe und LNG-Anteil 2025
- US Treasury / OFAC: Sanktionseintrag der Nord Stream 2 AG
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