Kernkraft 13.08.2010, 19:48 Uhr

Naher Osten setzt zunehmend auf Nukleartechnik

Neben Asien und Lateinamerika steigt vor allem im Nahen Osten derzeit das Interesse am Bau von Kernkraftwerken. Doch die Angst vor einer militärischen Nutzung überschattet die Kernenergiekonzepte, ob in Jordanien, der Türkei oder Saudi-Arabien.

Holger Rogner überlegt nicht lange, wenn er gefragt wird, wo dieser Tage das Interesse an Kernenergie am raschsten wächst? „Asien, Mittelost und dann mit einigem Abstand in Lateinamerika“, antwortet der Chef der Abteilung Planung und wirtschaftliche Studien der International Atomic Energie Agency (IAEA) in Wien.

Vor allem im Nahen Osten wird umgedacht. Rogner: „Wenn für das Fass Öl 70 $ und mehr gezahlt werden, ist es eben interessanter, das zu verkaufen, als es zu Hause zu nutzen. Und da kommt zunehmend die Kernenergie ins Spiel.“

Aber nicht nur der Ölpreis und der jährlich im Nahen Osten um 8 % bis 10 % wachsende Strombedarf treiben die Staaten der Region zum Umdenken. Hinzu kommen einige politische Entwicklungen. Seit 2003 werden nicht nur in saudi-arabischen Regierungskreisen Bedenken und Warnungen geäußert, dass die US-Bundesregierung im Konflikt mit dem Iran zu sehr auf eine diplomatische Lösung setzt.

Mittlerweile meint die Mehrheit der Direktoren des Boards der IAEA, nukleare Waffen seien in Reichweite des Regimes in Teheran und setzt hinter die Wirksamkeit der Sanktionen der Vereinten Nationen, der EU und der USA ein Fragezeichen. „Kein Wunder, dass in der Region die Meinung Aufwind hat, dass Washington die Aufgabe der nuklearen iranischen Waffenentwicklung entweder nicht durchsetzen kann oder will“, sagt Al-Faraj, Direktor des Kuwait Center for Strategic Studies. „Deshalb wird nun nach neuen passenden Antworten gesucht.“

Das erste iranische Kernkraftwerk Bushehr werde ab September dieses Jahres in Betrieb genommen. Dies kündigte Ali Akbar Salehi, der Präsident der iranischen Atomenergiebehörde, nach Presseberichten am Montag dieser Woche an. Die USA, Russland und Frankreich werden mit dem Iran eine Konferenz über die Details des Austauschs von Kernbrennstoff abhalten. Iran hoffe, dass diese Konferenz in den nächsten zwei Wochen stattfinden werden, so Salehi.

Was die Sache noch brenzliger macht, ist der Umstand, dass die Türkei seit 2008 international durchzusetzen versucht, dass das Land grünes Licht für eine eigene Atombombe erhält. Heute schon verfügt die türkische Armee wegen der Nato-Mitgliedschaft über beträchtliches nukleares waffentechnologisches Know-how. 90 Atombomben des Typs B61 liegen auf dem Gelände der Luftbase Incirlik Air Base. 50 sind für amerikanische Jets vorgesehen, 40 für türkische. Aber kein einziger amerikanischer Bomber ist derzeit dort für den Fall des Falles stationiert.

In nicht weniger als 14 Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas wird seit vier Jahren verstärkt über die Nutzung von Kernkraft nachgedacht. Jordanien möchte in einigen Jahren als Erster in der Region ein Kernkraftwerk starten, abgesehen von Israel, das bereits Reaktoren betreibt.

Beträchtliche heimische Uranerzfunde ermutigen Amman bei dem Ziel, zum Uranexporteur oder zu einem regionalen Zentrum der Herstellung von Brennstoff zu werden. Rund ein Drittel des Energiebedarfs des Landes sollen nukleare Anlagen 2030 abdecken. Die Botschaft kommt an. „Zum ersten Mal kommen nun Leute und klopfen an unsere Türen,“ staunt König Abdullah. Aber er klagt auch darüber, dass Jerusalem versuche, Länder wie Frankreich oder Südkorea davon zu überzeugen, keine nukleare Technologie zu liefern.

Dennoch rudert bereits die französische Areva mit im jordanischen Boot. Russische, chinesische und südkoreanische Akteure ebenso. Unter dem Tisch werden die Interessen neu arrangiert. Und verteidigt.

Vor drei Jahren hatten israelische Bomber in Syrien einen Reaktor für die Produktion von Plutonium ausgehoben. Nordkorea baute ihn im Auftrag Irans zusammen. Mit Ausnahme des iranischen Kraftwerkes Bushehr steht heute keine einzige Anlage dieses Typs im Mittleren Osten, aber das dürfte sich ändern.

Im Frühjahr genehmigte die Regierung in Riad das Projekt der King Abdullah City for Nuclear and Renewable Energy. Dabei wurde einer Kooperation mit der französischen Areva, der japanischen Mitsubishi und der südkoreanischen Samsung der Vorzug gegeben. Grund ist das Bestehen Washingtons darauf, den 123-Vertrags zu unterschreiben. Dieser schließt bei der Lieferung von US-Technologie die Anreicherung oder Wiederaufbereitung von abgebranntem nuklearen Brennstoff aus.

„Nicht die Kraftwerke, sondern die Anreicherung und Wiederaufbereitung sind ja das sicherheitspolitische Kernproblem“, erinnert Rogner. Derzeit haben nur die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ein 123-Papier unterschrieben. Nicht Saudi-Arabien, nicht Jordanien, Ägypten oder Bahrain.

Finanziell wie industriell ist Saudi-Arabien bereits heute gut gerüstet, heißt es bei der IAEA. Reaktoren bis 2,55 GW auf die Beine zu stellen, sei grundsätzlich kein Problem. Personal ist laut Al-Faraj das engste Nadelöhr, möglicherweise auch das Projektmanagement. Erfahrungen der VAE könnten da helfen. Denn dort soll eine südkoreanische Gruppe unter Führung der Korea Electric Power Corp. bis 2020 für 20 Mrd. $ vier Kraftwerke mit einer Leistung von je 1,4 GW bauen.

JAN HÖHN/swe

  • Jan Höhn

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Energie, Energierohstoffe, Klimaschutz, CO2-Handel, Drucker und Druckmaschinenbau, Medien, Quantentechnologien

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