Energie 19.03.1999, 17:20 Uhr

Je mehr Arbeitslose, umso mehr Stromdiebe

Niemand muß ihren Stromfahndern die Tür öffnen. Abschreckung und Aufklärung sind darum die wichtigsten Aufgaben der Männer von der Abteilung „Abwehr Stromdiebstahl“ der Berliner Bewag.

Langsam läßt Peter Hübner den weißen Kombi ausrollen. „Nummer 58, da sind wir.“ Im Vorgarten steht eine alte Schubkarre, ein dunkler Kinderwagen vor einer hölzernen Haustür, von der der Lack abbröckelt. Das graue Einfamilienhaus liegt scheinbar verlassen am Tegeler See. Burkhardt Lenz geht noch mal die Akten durch: Anton Metzger*. Strom abgestellt wegen Zahlungsunfähigkeit. Anonymer Anruf bei Berlins Stromversorger, der Bewag. Angeblich wird hier Strom geklaut. „Hast du Angst vor Kampfhunden?“, witzelt Lenz mit einem letzten Blick in die Unterlagen und macht sich fertig. „Der Kunde gilt als aggressiv und hat einen Hund.“
Lenz und Hübner sind auf der Jagd nach Dieben, Stromdieben. Jeden Tag rücken die beiden Männer von der „Abwehrgruppe Stromdiebstahl“ der Bewag auf der Suche nach manipulierten Stromzählern und illegal angezapften Leitungen aus. Ihr Revier heute: Die nördlichen Berliner Bezirke. Viel Hoffnung machen sie sich bei Anton Metzger aber nicht: Zweimal waren sie schon erfolglos am Tegeler See.
Doch plötzlich bewegt sich eine schlanke Gestalt hinter der Gardine im ersten Stock. „Wenn die uns schon gesehen haben, kannst Du es vergessen“, raunt Hübner seinem Kollegen beim Aussteigen zu. „Wahrscheinlich machen sie gar nicht auf.“
Aufmachen: Darauf sind die neun Männer von der „Soko-Strom“, wie die Bild-Zeitung die Leute von der Anti-Stromklau-Einheit nennt, angewiesen. Sie fahnden nach Selbsteinschaltern, suchen Zählermanipulatoren und verfolgen Wiederholungstäter. 3200 Fälle haben Hübner und Lenz zusammen mit ihren sieben Kollegen 1998 in Berlin entdeckt und dabei schätzungsweise den Diebstahl von 150 000 kWh festgestellt – das entspricht dem durchschnittlichen Verbrauch von 75 Berliner Bürgern.
Sie rücken an, wenn übel gesinnte Nachbarn oder vermeintliche Freunde ihre Nächsten anonym bei der Bewag beschuldigen, Strom zu stehlen, wenn Bewag-Monteure auf ihren Arbeitsgängen durch Keller, Hinterhöfe und Treppenhäuser manipulierte Stromverteiler finden oder die Ableser sehen, daß ein Stromzähler verdächtig langsam läuft oder still steht.
Ihre wichtigsten „Ermittlungswerkzeuge“ sind Überraschung, glückliche Zufälle und Stromdiebe, die zuwenig über ihre Rechte wissen. Denn eigentlich muß niemand die Bewag-Ermittler in die Wohnung lassen. „Wir sind ganz auf unser Fingerspitzengefühl angewiesen“, sagt Peter Hübner, der als Elektriker – Stellenbeschreibung: „Spezial-Techniker“ – für die technische Seite des Stromdiebstahls zuständig ist.
Aber bei Metzgers geht diesmal die Tür auf: Eine zierliche Frau, ihr acht Monate alten Baby im Arm, steht im Türrahmen, hinter ihr im Haus knurrt ein Hund. „Guten Tag, wir sind von der Bewag und möchten mal ihren Stromzähler sehen“, beginnt Hübner seine Verhandlung um den Schritt über die Türschwelle – und wird eingelassen. Drinnen knurrt der Hund lauter.
Seit einigen Monaten ist in der Wohnung der Metzgers der Strom abgestellt, weil die „Kunden“ – Peter Hübner spricht immer von Kunden – ihre Rechnung nicht mehr zahlen konnten. Frau Metzger ist klar, was Hübner und Lenz von ihr wollen, zeigt ihnen die Zähler, die beiden notieren die Zählerstände: Alles Okay.
Dann suchen sie nach Verlängerungskabeln. Kurz nach der ersten Abschaltung hatten die Metzgers sich Strom per Verlängerungskabel von den Nachbarn geliehen: Das ist verboten, denn die Bewag verkauft ihren Strom nur zur Eigennutzung. Normalerweise jedoch wird das Weiterleiten unter Nachbarn toleriert. Doch wenn Kunden nicht zahlen, erinnert die Bewag sich an das Kleingedruckte in ihren Verträgen: „Nur wenn die Leute keinen Strom haben“, so Hübners Erfahrung, „zahlen sie auch irgendwann ihre Rechnungen um wieder angeschlossen zu werden.“
Aber Kabel sind jetzt keine zu finden, Frau Metzger schimpft auf die Nachbarin, die sie angezeigt hat: „Die will uns hier raus haben und schikaniert uns, wo es nur geht.“ Wenn sie jetzt etwas kochen will, geht sie zu ihrer Freundin.
Im Auto steckt Peter Hübner sich eine Zigarette an, dreht den Zündschlüssel um und fährt los. Kein Blick zurück, kaum Gedanken über die Denunzianten aus der Nachbarschaft, die Frau mit ihrem Baby. Was wahr ist an den Denunziationen, läßt sich sowieso nicht feststellen. Die junge Frau war kooperativ, der Mann scheint arbeitslos zu sein, wer weiß, ob sie noch die Miete zahlen können – sie haben wirklich Sorgen genug. Routineeinsatz.
Obwohl sie wissen, daß über die Hälfte aller allgemein gehaltenen Hinweise wie „Ich vermute, daß mein Nachbar Strom klaut“, nicht stimmen, müssen Lenz und Hübner doch bei jeder Meldung raus.
Während Burkhard Lenz letzte Notizen in seine Unterlagen macht, steuert Peter Hübner den weißen Kombi Richtung Wedding. Neun Fälle haben die beiden Stromkomissare heute auf ihrer Liste, die sie mit der Routine von 15 Dienstjahren abarbeiten. Beide Männer sind Mitte 40 und arbeiten schon seit fünf Jahren zusammen: „Das ist wichtig, weil man sich auf den Kollegen verlassen können muß“, sagt Lenz. „Wenn wir mal auf einen aggressiven Kunden stoßen, müssen wir sicher sein, daß der andere nicht wegläuft“.
Hübner biegt in die Müllerstraße ein, die Lebensader des Arbeiterbezirks Wedding. Hier und in Neukölln, Kreuzberg, Prenzlauerberg und Friedrichshain finden sich die meisten der 30 000 bis 40 000 abgestellten Stromzähler Berlins. Hier absolvieren Hübner und Lenz 60 % bis 70 % ihrer Einsätze, jedes Jahr überprüfen sie 5000 bis 6000 Wohnungen. „Je mehr Menschen arbeitslos werden, desto mehr Strom wird geklaut“, weiß Lenz. Dabei stehen die abgesperrten unter den fast 2,5 Mio. Zählern in Berlin im Mittelpunkt ihrer Arbeit. „Meistens erwischen wir Leute, denen der Strom abgestellt wurde und die die Sperrungen umgehen.“ Selbsteinschaltung, heißt das im Bewag-Jargon.
Neben einem Eduscho-Laden führt eine Einfahrt in den Hinterhof: Unter dem Arm eine halbhohe Metalleiter, eine Monteurstasche, Formulare und die Unterlagen zu diesem „Fall“ ziehen die beiden los. Hier soll ein findiger Kunde, dem die Bewag zum zweiten Mal die Zuleitung aus der Hauptleitung gesperrt hat, die Drähte im Verteilerkasten wieder zusammengeschraubt haben.
Vier Treppen geht es die knarrenden Holzstufen eines Berliner Hinterhauses hoch. Rechts über einer in hellem Blau lackierten Tür fehlen die Plomben des Verteilerkastens: Hübner stellt die Leiter auf, schraubt die Verkleidung ab und mißt die Spannung: „Blau, Null-Fünfzehn“, sagt er, ohne den Blick abzuwenden. „Auf dem blauen Kabel ist ein Stromfluß von 0,15 Ampere“, notiert Lenz. Damit ist klar, daß der „Kunde“ hinter der Wohnungstür den gesperrten Zähler heimlich wieder überbrückt hat.
Auf das Klingeln reagiert niemand, also bleibt die Tür für die Bewag-Männer zu. Statt dessen füllt Lenz eine kleine Mahnung aus und steckt sie in den Türspalt. Stromdiebstahl ist ein Verstoß gegen das Strafgesetz, § 248 c droht mit Geldstrafen und bis zu fünf Jahren Haft für Wiederholungstäter. Doch kaum jemand geht wegen Stromklau hinter Gitter. Die Bewag schaltet ihre Anwälte erst ein, wenn jemand dreimal wegen „Selbsteinschaltung“ erwischt wurde. „Was wir machen“, so Hübner „dient vor allem dazu, die Leute abzuschrecken“.
Mit einigem Erfolg. Bisher ist der Verlust aus „gestohlenem“ Strom für das Unternehmen eher marginal.14,7 GWh speist die Bewag jährlich in das Berliner Netz. Allein die Netzverluste und der Eigenbedarf von gut 10 % oder 1,6 GWh übertreffen die von Hübner und seinen Kollegen nachgewiesenen Stromdiebstähle um das Zehntausendfache.
Hübner und Lenz haben auch ihre Stammkunden, Leute, bei denen das Stromklauen zur Manie geworden ist, denen die Sicherungen ausgebaut und verplombt werden, weil sie den Strom nicht bezahlen, die neue Sicherungen einsetzen, bis die Bewag den Zähler in der Wohnung abmontiert. Stammkunden, die anschließend die Enden der Stromleitungen in der Wohnung anzapfen, auch hier wieder getrennt werden und dann langsam die immer weiter in der Wand verschwindenden Kabelenden verfolgen, bis sie irgendwann Wände aufstemmen und sich in die Steigeleitungen des Hauses einklemmen. „Kunden“, die sich gefährden, indem sie Nägel in die Wände schlagen und hoffen, die richtige Leitung zu treffen und damit auch noch zu potentiellen Brandstiftern werden. Solche „Kunden“ nutzen manchmal auch die Heizungsleitungen als Erdung – und provozieren so Stromschläge bei allen, die ihre Heizung berühren.
„Stromklau kommt aber nicht nur in unteren sozialen Schichten vor.“ Hübner und Lenz haben auch in den besseren Berliner Bezirken schon Leute erwischt, die die Heizung ihres Schwimmbades an der 70 cm tief vergrabenen Hauptleitung in der Erde angeschlossen haben.
Doch heute ist ein ruhiger Tag. Die Bewag-Kommisare steigen die vier Treppen wieder runter, räumen die Leiter in den Wagen und fahren Richtung Kleingartenkolonie „Eigene Scholle“. Hier soll ein Schrebergärtner seinen „Zähler abgeschaltet haben“ – behaupten die Nachbarn. Hübner und Lenz waren schon dreimal da und haben nie jemanden angetroffen. Auch heute ist niemand in der kleinen Gartenhütte: Regen liegt in der Luft, wer arbeitet da schon im Garten. „Im Sommer haben wir bessere Chancen“, sagt Hübner detektivisch. Lenz macht sich eine Notiz. „Wir vergessen niemanden“, sagt Lenz und Hübner steuert den Wagen zum nächsten „Kunden“.
MARCUS FRANKEN
*Name von der Red. Geändert

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