Es scheint paradox 23.08.2002, 18:21 Uhr

Hochwasser bringt weniger Strom aus Wasserkraft

Zu viel Wasser schadet den Wasserkraftwerken. Während der Flut in Bayern wurde weniger Strom erzeugt. Schwemmgut versperrte die Einlaufbauwerke, Pumpen mussten eingesickertes Wasser absaugen und zusätzliches Personal überwachte die Anlagen.

Durch das verheerende Hochwasser der Donau und ihrer Nebenflüsse ist in den letzten Tagen die Stromerzeugung aus Wasserkraft in Bayern zurückgegangen. Dies meldete der Verband der Bayerischen Elektrizitätswirtschaft in München. Besonders kleinere Wasserkraftwerke mussten für mehrere Tage abgeschaltet werden. Aber auch große Anlagen haben ihre Leistung vermindert oder gingen ganz vom Netz. Zusätzlich mussten die Wehre in den Staudämmen geöffnet werden, um die großen Wassermassen einigermaßen zu beherrschen. Große Probleme bereiteten den Betreibern der Kraftwerke allerdings das viele Schwemmgut, das die Wassermassen mit sich führten. Baumstämme und Sträucher waren ebenso von den Wehren zu entfernen wie auch Möbelstücke und anderes von den angeschwollenen Flüssen angeschwemmtesTreibgut.
Hohen Aufwand haben die Kraftwerkseigner an Vorsorgemaßnahmen betrieben. So mussten die Dämme gesichert und überwacht werden. Außerdem wurden die Anlagen neben der automatischen Überwachung durch zusätzliches Personal Tag und Nacht betreut.
In Bayern war besonders an der Donau wegen der vielen Zuflüsse lange nicht abzuschätzen, wie hoch der Wasserpegel wirklich steigen würde. Bei den hochwassererfahrenen Stadtwerken Passau – die Dreiflüssestadt ist normalerweise jährlich zweimal vom Hochwasser betroffen – konnten die kleineren Wasserkraftwerke „gerettet“ werden, so der Technische Leiter. Da die Lenzpumpen rund um die Uhr gelaufen sind, konnte das einsickernde Wasser in den unteren Räumen der Anlage auf dem Stand von etwa 1,8 m gehalten und das Kraftwerk weiterbetrieben werden.
Die Erfahrung mit früheren Hochwassern hat auch die Vorsorgemaßnahmen beeinflusst. So haben die Stadtwerke Passau nach dem Jahrhunderthochwasser 1954 mit etwa 12,6 m den Stromkunden empfohlen, ihre elektrischen Hausanschlusskästen nicht im Keller anzubringen, sondern in mindestens dieser Höhe an anderer Stelle zu installieren. Deswegen mussten während des Hochwassers in Passau nur relativ wenige Haushalte die Fluttage ohne Strom verbringen. Das jetzige Hochwasser erreichte mit 10,81 m seinen Pegelhöchststand .
In Füssen im Allgäu wurde ein 30-jähriges Hochwasser registriert. Dank der Speicherwirkung des Forggensees konnte hier die Situation am Lech jedoch entschärft werden. Die Kraftwerke an der Isar, darunter auch die Kernkraftwerke Isar 1 und 2, waren nicht so stark betroffen. Hier bewährte sich zum wiederholten Mal vor allem die Wasseraufnahme des Speichers am Sylvenstein-Stausee.
Über Auswirkungen auf Kraftwerke im weit aus stärker betroffenen Osten Deutschlands liegen derzeit noch keine sicheren Aussagen vor. Hier sind es besonders die ländlichen Gegenden, die durch das Wegschwemmen von Überlandmasten und Trafostationen völlig von der Stromversorgung abgeschnitten sind. Aber auch in den Städten wird es längere Zeit brauchen, um eine normale Stromversorgung wieder herzustellen, da die Hausstromanschlüsse in den Kellern vom Hochwasser überflutet wurden. JOACHIM HOSPE

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