Energieintensive Betriebe 01.06.2012, 11:00 Uhr

Glasherstellung: Hohe Energiepreise zwingen zu mehr Energieeffizienz

Steigende Energiepreise treiben Glashersteller wie Saint-Gobain Glass an, freiwillig effizienter – also sparsamer – zu arbeiten. Effizienzvorgaben aus Brüssel und Berlin seien daher unnötig.

Es braucht viel Energie, um aus Quarzsand, Soda, Dolomit, Kalk und kleinen Mengen anderer Rohstoffen etwa Fensterglas, Autoscheiben oder Spiegel herzustellen. In der Glasschmelzwanne von Saint-Gobain im sächsischen Torgau ist es bis zu 1600 °C heiß.

Beheizt wird die Schmelzwanne mit Erdgas. Die Erdgasrechnung ist entsprechend hoch. „Sie macht beim Herstellen von Flachglas 37 % der Herstellungskosten aus“, sagt Werksleiter Uwe Naumann.

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Vor vier Jahren betrug der Anteil des Erdgases an den Ausgaben erst 30 %, doch seitdem habe sich der Gaspreis fast verdoppelt. Auch die Industriestrompreise sind deutlich gestiegen: Saint-Gobain Glass zahlt heute 160 % mehr als 2002. Auf Strom entfallen zurzeit etwa 5 % der Kosten, so Naumann.

Ende 2012 endet Befreiung von der Energiesteuer für energieintensive Betriebe

Wegen des hohen Energieverbrauchs sorgt sich der Werksleiter um neue Vorschriften und Kostenbelastungen. Ende 2012 endet in Deutschland die Befreiung von der Energiesteuer für energieintensive Betriebe. Unklar ist, in welchem Maß die Bundesregierung energieintensive Betriebe weiter unterstützen will.

Innerhalb der EU gibt es zudem Wettbewerbsverzerrungen: In Frankreich, dem Stammland des Unternehmens, ist Industriestrom etwa heute rund ein Drittel preiswerter als in Deutschland.

EU-Politiker beraten, ob Betriebe ihre Produkte jedes Jahr im Schnitt um 1 % bis 1,5 % effizienter herstellen müssen. Im modernen Torgauer Werk sei das kaum möglich, so Naumann.

Die Schmelzwanne ist das Herz der Glasherstellung. Sie verbraucht am meisten Energie und wird nur alle 16 Jahre erneuert. Beim letzten Mal – 2006 – konnte der Energieverbrauch vor allem durch eine bessere Isolierung der Wanne um etwa 15 % gesenkt werden.

Unternehmen sparen bei der Glasherstellung freiwillig Energie ein

Die Möglichkeit der Verbesserung stoße an physikalische Grenzen, so Naumann: „Glas lässt sich bei niedrigeren Temperaturen nicht schmelzen.“ Und der Werksleiter ergänzt, dass hochwertige Wärmeschutzverglasung und Glas für Photovoltaik- und Solarthermieanlagen zu den Klimaschutzzielen beitragen.

Die hohen Energiekosten sorgten zudem dafür, dass sich Glashersteller ganz ohne Vorschriften bemühten, „so viel wie möglich an Energie einzusparen und wieder zurückzugewinnen“, so Naumann.

All das mache das Unternehmen freiwillig. So werde natürlich die Verbrennungsluft vorgewärmt und mit der Wärme des Abgases geheizt. Schrittweise würden ältere Pumpen durch effizientere und sparsamere ersetzt. Durch effizientere Geräte und Maschinen lasse sich der Gesamtenergieverbrauch aber nur im Promillebereich verbessern.

Energiewende könnte Qualität der Glasherstellung verringern

Saint-Gobain Glass sorgt sich neben steigenden Energiepreisen auch um die Energiewende – und das gleich zweimal:

Einfluss von Biomethanzusatz zum Erdgas auf die Glasherstellung:

„Seit Biomethan dem Erdgas zugespeist wird, schwankt der Methangehalt und damit der Brennwert im Prozentbereich“, erklärt Detlev Rebenstorff. Er ist bei der Saint-Gobain Glass Deutschland GmbH für Umweltpolitik zuständig. Ändert sich der Brennwert, ändert sich die Temperatur in der Glaswanne, was wiederum dazu führen kann, dass sich kleine Bläschen im Glas bilden und somit dessen Qualität beeinflussen.

Einfluss von Spannungsschwankungen im Stromnetz auf die Glasherstellung:

„Der vermehrte Einsatz von Erneuerbaren führt zu leicht schwankenden Spannungen des Stroms“, ergänzt Werksleiter Naumann. So haben in den letzten Jahren kurzzeitige Spannungsabfälle deutlich zugenommen. Die elektrische Steuerung mancher Geräte ist aber so empfindlich, dass „diese schon bei einem Spannungsabfall von 20 ms reagieren“. Diese geringe Zeitspanne entspricht einer Halbwelle von 50 Hz.

Das Unternehmen hat sich geholfen und nachgerüstet. „Wir überwachen Brennwert und Stromspannung sehr genau und steuern bei Bedarf gegen“, so Rebenstorff. Das alles sei kein Plädoyer gegen die Energiewende. Es muss nur sichergestellt sein, dass Glashersteller auch künftig Gas und Strom sicher und preisgünstig beziehen können.

Nichts wäre schlimmer, als wenn etwa bei Sturm oder Windflaute plötzlich die Stromversorgung abreißt. Notstromdiesel liefern zwar nach etwa 7 s Strom, Mitarbeiter können Kühlwasserpumpen per Hand einschalten. Dauert der Stromausfall aber länger als eine halbe Stunde, würden die Anlagen leiden.

 

Ein Beitrag von:

  • Ralph H. Ahrens

    Chefredakteur des UmweltMagazins der VDI Fachmediengruppe. Der promovierte Chemiker arbeitete u.a. beim Freiburger Regionalradio. Er absolvierte eine Weiterbildung zum „Fachjournalisten für Umweltfragen“ und arbeitete bis 2019 freiberuflich für dieverse Printmedien, u.a. VDI nachrichten. Seine Themenschwerpunkte sind Chemikalien-, Industrie- und Klimapolitik auf deutscher, EU- und internationaler Ebene.

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