Kernenergie 02.03.2001, 17:28 Uhr

Die Wächter der Castoren harren aus

Der westfälischen Kleinstadt droht schon bald wieder der Ausnahmezustand. Die strahlende Fracht muss weggeschafft werden.

Anfang Februar. Es ist kalt, fürchterlich kalt. Das Thermometer zeigt gerade mal 3 °C an. Für Hans Schedl eine völlig normale Sache. „Unsere Halle ist eben ziemlich luftig. Das gehört zum Konzept der Anlage. Diese Temperaturen sind für uns in dieser Jahreszeit hier drinnen nichts Ungewöhnliches“, meint der promovierte Kernphysiker. Schedl hat in Gorleben gearbeitet, Wackersdorf mit geplant und ist jetzt seit einigen Jahren in Ahaus für die Sicherheit des Zwischenlagers zuständig.
Vor uns gähnende Leere. Links und rechts 20 m hohe Betonwände. Alles grau in grau – der Boden sauber, glänzend wie frisch gebohnert. Dass wir uns nicht in einer riesigen Badminton-Halle für Naturfreaks befinden, wird schnell klar. An der Stirnseite der Lagerhalle tauchen gelbe und blaue zylindrische Behälter auf. Fein säuberlich gestapelt lungern in etwa 80 m Entfernung jede Menge Castoren herum. Die stehen einfach so da und kühlen ab, und das seit Jahren. Die strahlenden Atommüll-Container geben Wärme an ihre Umgebung ab. Zwischen 60 °C und 90 °C beträgt die Außentemperatur an der gerippten Oberfläche der blauen Castoren. Die Masse der gelben Zylinder gibt kaum noch Wärme ab, erklärt man uns.
Die Halle in Ahaus ist so gebaut, dass von außen durch Öffnungen mit Vogelschutzgittern kalte Luft nach innen dringt, an den Behältern vorbeiströmt, diese kühlt und nach oben über Luftfilter wieder abzieht. „Wenn unser Lager komplett belegt wäre, hätten wir hier eine thermische Wärmeleistung von rund 17 Megawatt zur Verfügung“, erklärt Hans Schedl. Doch von einer vollen Belegung ist das Zwischenlager in Ahaus noch weit entfernt.
Die knapp 200 m lange und rund 40 m breite Brennelemente-Zwischenlagerhalle ist gerade mal zu einem Achtel gefüllt. Ob sie überhaupt jemals voll wird, ist derzeit das große Geheimnis der Atombranche.
Rund 100 Mio. DM hat die betonierte Gruft auf Zeit gekostet. Der nukleare Betrieb begann im Juni 1992. Damals wurden die ersten drei Castor-Transport- und Lagerbehälter mit Brennelementen des abgeschalteten Thorium-Hochtemperaturreaktors (THTR 300) aus Hamm-Uentrop nach Ahaus gebracht. Innerhalb von drei Jahren landeten 305 Castoren mit sage und schreibe 620 000 Brennelementekugeln in der nagelneuen Lagerhalle. „Es gab es kaum Akzeptanzprobleme und nur ganz wenige Störungen während der Transporte“, erinnert sich Pressesprecher Michael Ziegler.
Das hat sich geändert: Nach Gorleben gehört Ahaus zu den „Schlachtfeldern“ der Anti-AKW-Bewegung. Der letzte Transport nach Ahaus fand im März 1998 statt. Die sechs blauen Castoren wurden aus den Meilern Neckarwestheim und Gundremmingen angeliefert. Kosten damals: Rund 100 Mio. DM – nur für den Polizeischutz. Die Sicherheitsgarantie für einen Castorzug mit sechs Transportbehältern ist genauso kostspielig wie der Bau eines Zwischenlagers.
Die 35 Mitarbeiter der Brennelemente-Zwischenlager Ahaus GmbH (BZA) hatten im Frühjahr 1994 alle Hände voll zu tun. Innerhalb von drei Monaten rollten knapp 100 Castoren nach Ahaus. Durch ein riesiges Schleusentor kamen die Castoren mit der Typenbezeichnung THTR direkt im Eingangsbereich des nuklearen Depots an. Mit einem Kran wurden die gelben Metallbüchsen aus den Eisenbahnwaggons hochgehievt und in der Lagerhalle abgestellt. „Wir mussten damals die Mess- und Überwachungseinrichtungen an die Castoren anschließen, das war alles. Dazu kam natürlich die Durchführung der Heliumlecktests“, erklärt Schedl.
Vor uns auf dem Boden der Halle tauchen kleine, etwa 5 cm große Einbuchtungen in regelmäßigen Abständen von etwa 3 m auf. Diese winzigen Vertiefungen bilden die Kontaktstellen für jeden Castor, der in Ahaus trocken zwischengelagert wird. Ein deponierter Behälter wird an den Kontaktstellen jeweils elektronisch angedockt, rund um die Uhr überwacht, potenzielle Veränderungen werden im Pförtnergebäude angezeigt.
Problematisch ist vor allem die Dichtheit der Behälter. Da darf nichts vom strahlenden Inventar nach außen dringen. Die gesetzlich zulässigen Grenzwerte seien, so Pressemann Ziegler, während der gesamten Betriebszeit noch nicht überschritten worden.
Die gelben THTR-Castoren bestehen aus 38 cm dickem Spezialguss und wiegen 26 t. Verschlossen sind sie mit zwei Deckeln, von denen einer allein mehr als eine Tonne wiegt. In Hamm-Uentrop wurde im Behälterinnenraum ein Unterdruck hergestellt. Eine Prozedur, die auch heute beim Transport durchgeführt wird.
Egal von welchem Kernkraftwerk Castoren weggeschafft werden müssen. Im Zwischenlager in Ahaus wird bei der Ankunft der Gusszylinder der Zwischenraum zwischen den beiden Deckeln mit dem Schutzgas Helium unter Überdruck gesetzt. Und darin besteht anschließend die Aufgabe des Teams in Ahaus: 30, 40 Jahre lang 24 Stunden am Tag zu kontrollieren und zu garantieren, dass der Überdruck und damit die technische Dichtheit des Castors perfekt sitzt. „Die Arbeit übernimmt die Elektronik, und zwar das automatische Behälterüberwachungssystem“, sagt Hans Schedl.
Ein Nachlassen der Behälterdichtheit während der Zwischenlagerung ist bisher – sprich in den vergangenen sechs Jahren – in Ahaus noch nicht vorgekommen. Sollten die gelben strahlenden Müllcontainer trotzdem einmal Leck schlagen, dann müssen die Castoren wieder abtransportiert und in einer kerntechnischen Anlage mit neuen Dichtungen ausgerüstet werden. Wenn die Technik mitspielt, haben die Mitarbeiter von Schedl nur Routineaufgaben zu erledigen. Hauptsache die Gussbehälter bleiben dicht.
Die 305 THTR-Castoren stellen für die Mannschaft in Ahaus keine allzu große Herausforderung dar. Die Wärmeentwicklung hält sich in Grenzen, das strahlende Inventar macht keine allzu großen Probleme.
Ganz anders sieht die Sache links und rechts neben den im Zweierpack übereinander gestapelten postgelben, runden Containern aus. 50 von 420 Stellplätzen werden in Ahaus von den THTR-Castoren belegt. Bleiben also noch 370 freie Stellen, die mit den großen Behältern vom Typ Castor V/19 oder Castor V/52 belegt werden können. Insgesamt reicht der Platz im münsterländischen Zwischenlager für knapp 4000 Tonnen aus. Komplizierter ist die Lagerung der blauen Castor-Behälter mit ihren strahlenden Brennelementen auf jeden Fall. „Die Reststrahlung und die Wärmeentwicklung ist viel höher als bei den gelben THTR-Castoren“, sagt Hans Schedl.
Der Lagerung in einem Zwischenlager wie Ahaus geht in aller Regel der Aufenthalt in einem Abklingbecken beim jeweiligen Atommeiler voraus. Abgebrannte Brennelemente, die zu rund 95 % aus Uran, 4 % Spaltprodukten und 1 % Plutonium bestehen, werden nach der Entnahme aus dem Reaktor in einem Wasserbecken gelagert, bis ihre Strahlung so weit abgeklungen ist, dass man sie relativ problemlos zur Wiederaufarbeitung oder Zwischenlagerung transportieren kann.
Je nach Reaktortyp können die Brennstäbe in den Nasslagern am Standort zwischen fünf und sogar zehn Jahren deponiert werden werden. Im Normalfall reicht die Kapazität der kraftwerkseigenen Abklingbecken aus, um die abgebrannten Brennelemente von etwa zehn bis zwölf Betriebsjahren aufzunehmen.
Gravierende Engpässe zeichnen sich jetzt für alle AKW-Betreiber ab, weil seit Frühjahr 1998 nach einem Erlass der damaligen CDU-Bundesumweltministerin Angela Merkel keine Castor-Tranporte mehr durchgeführt werden durften.
Nach neuen Auflagen genehmigte das Bundesamt für Strahlenschutz vor einem Jahr fünf neue Transporte von abgebrannten Brennelementen aus den Atomkraftwerken Biblis, Neckarwestheim und Philippsburg nach Ahaus. Der erste Transport nach Ahaus war für den 3. März vorgesehen. Er sollte von Neckarwestheim Richtung Münsterland rollen, wurde aber von Bundesumweltminister Jürgen Trittin gestoppt. „Das hätte garantiert wieder viel Aufruhr mit sich gebracht“, ist BZA-Sprecher Michael Ziegler überzeugt. Noch fehlen die von der rot-grünen Bundesregierung favorisierten Zwischenlager an den meisten Standorten der 19 deutschen Atommeiler. Frühestens nach 2005 ist mit ihrer Inbetriebnahme zu rechnen. Bis dahin werden weitere Atomtransporte quer durch deutsche Lande rollen – auch nach Ahaus.
Die ganze Debatte über künftige Atomtransporte ist für die Mannschaft in Ahaus nicht nachvollziehbar. Freie Plätze für Castoren gibt es reichlich, kampferprobt ist Ahaus seit dem März 1998 auch. Mit anderen Worten: Ahaus ist für Brennelemente aus Biblis oder sonst woher aufnahmebereit. „Wenn ein Transport kommt, machen wir die Tore auf, wenn nicht, ändert sich für uns auch nichts“, meint BZA-Pressesprecher Michael Ziegler. Sein Blick schweift über die freien Stellen in der Lagerhalle. Theoretisch könnte Ahaus in den nächsten Monaten den ganzen nuklearen Müll der deutschen Kernkraftwerke schlucken, ohne damit Platzprobleme zu bekommen. Der Haken: Technisch ist vieles machbar, nur politisch scheint Ahaus bereits ein Auslaufmodell zu sein, längst bevor ein Viertel aller Stellplätze von Castoren belegt worden sind.
Anfang Februar erklärte der neue Präsident des Deutschen Atomforums, Gerd Maichel, dass zentrale Zwischenlager wie Ahaus nur noch solange notwendig sind, bis die Lagerung an den Standorten der 19 deutschen Atommeiler „rechtssicher und zuverlässig funktioniert“. MICHAEL FRANKEN

Atommüll

Mindestens zwei Transporte pro Jahr VDI nachrichten, Ahaus, 3. 2. 01 – Lange haben vor allem die Franzosen Rücksicht auf deutsche Politiker genommen. Doch nun ist Schluss damit. Frankreichs Premier Lionel Jospin hat Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mehr oder weniger ultimativ aufgefordert, deutschen Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague zurückzunehmen. Nur dann, so Jospin, könnten auch wieder Transporte abgebrannter Brennelemente aus deutschen Atommeilern in die französische Aufbereitungsanlage aufgenommen werden. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) rechnet in den kommenden zehn Jahren mit jährlich zwei Atomtransporten aus Frankreich Richtung Gorleben. Die Mengen atomaren Mülls, die in den kommenden Jahren durch Deutschland gefahren werden müssen, sind beträchtlich. „Zwischen zwei und zehn Transporten werden bis 2005 noch notwendig sein“, meint ein Branchenkenner. Allein der jetzt verschobene Transport von Neckarwestheim nach Ahaus hätte nur für den Polizeieinsatz rund 100 Mio. DM gekostet.
Sicher ist nur: Je früher die Zwischenlager an den AKW-Standorten in Deutschland in Betrieb gehen, desto wahrscheinlicher ist ein relativ friedlicher Einstieg in den Atomausstieg – zumindest in Ahaus. Denn für die Zwischenlagerung von hochaktivem Atommüll aus Frankreich oder Großbritannien kommt das münsterländische Lager nicht in Frage, dafür ist bisher nur Gorleben vorgesehen. mif

  • Michael Franken

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