Biogas-Produktion 20.01.2012, 12:01 Uhr

Biogasanlagen verbreiten keine EHEC-Keime

Biogasanlagen sind keine Keimschleudern. Darin sind sich die meisten Forscher knapp ein Jahr nach der EHEC-Krise einig. Entwarnung geben sie trotzdem nicht

Knapp ein Jahr ist es her, da bangte die Nation um Patienten, die mit schwerem Durchfall und versagenden Nieren in deutschen Kliniken lagen. Ein aggressives Colibakterium, EHEC, befiel knapp 3000 Menschen. 46 Patienten starben. Sie fielen Sprossen zum Opfer, die mit dem Keim verseucht gewesen waren. Das stand nach Monaten der molekularbiologischen Spurensuche fest.

Bis dahin aber gerieten allerlei Verdächtige in die Kritik – so auch die rund 7000 deutschen Biogasanlagen. Wenn Mais, Gras, Gülle oder Biomüll vergoren werden, bleibe ein Abfall übrig, der völlig verkeimt sei, so die Kritiker. Da dieser zur Düngung auf die Äcker ausgefahren wird, könne das die Lebensmittel verseuchen. Biogasanlagen wurden prompt als Keimschleudern beschimpft.

Selbst als die Biogasbetreiber freigesprochen waren, blieb der Nachgeschmack des Vorwurfs. Die Forschung wurde angekurbelt. Deshalb gibt es nun mehr Daten denn je über die Qualität der Gärreste.

Keine Vermehrung von krankmachenden EHEC-Keimen in Biogasanlagen

Aus den Ergebnissen lässt sich zunächst eine gute Nachricht ablesen: „Es ist Konsens, dass es in den Gäranlagen zu keiner Vermehrung der Keime kommt“, sagte Werner Philipp, Tierhygieniker an der Universität Hohenheim, den VDI nachrichten. „Die Besiedlungszahlen nehmen oft um den Faktor 100 bis 1000 ab.“ Entgegen den Anschuldigungen ist der Biogasreaktor also keine Brutstätte der Erreger. Auch dann nicht, wenn er bei milden 30 °C bis 40 °C betrieben wird.

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Die Vergärung taugt aber nicht zum Abtöten der Keime, wie einige Betreiber es wohl gern hätten. „Wenn im Ausgangsmaterial Seuchenerreger vorkommen, etwa Salmonellen, dann werden diese zwar dezimiert, aber nicht immer inaktiviert“, kommentiert Philipp seine Messungen. Auch Colibakterien können den Vergärungsvorgang überstehen. „Der Gärrest ist in solchen Fällen seuchenhygienisch nicht unbedenklich.“

Das ist nicht nur ein hypothetisches Risiko: Henriette Mietke-Hofmann von der Staatlichen Düngemittelkontrolle in Sachsen wies mehrfach Salmonellen in Biogasgülle nach, vor allem dann, wenn Bioabfälle mit vergoren wurden. Ähnliche Ergebnisse fand Mikrobiologe Wolfgang Wagner vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg.

Fraglich ist, ob Keime gefährlich werden, die mit dem Gärrest in den Acker gepflügt werden

Krankheitskeime dem Menschen gefährlich werden können, wenn sie mit dem Gärrest in den Acker gepflügt werden. Bisher konnte kein Krankheitsfall auf diese Praxis zurückgeführt werden, versichert der Tierhygieniker. Ganz ausschließen will er ein Risiko allerdings nicht und verweist auf eine historische Seuche: Als Klärschlamm in der Schweiz noch unbehandelt auf Felder und Wiesen ausgebracht wurde, erkrankten viele Rinder an Salmonellose. Den Bauern entstand ein Schaden von bis zu 5 Mio. SFr., erinnert sich Philipp.

Zurzeit beschäftigen die Biogasbranche allerdings eher andere Mikroben. Dazu zählen Mykobakterien wie der Tuberkuloseerreger und Coxiellen, die vom Vieh auf Menschen übergehen können und grippeähnliches Q-Fieber auslösen. „Das sind sehr hartnäckige Burschen. Da weiß man bisher nicht, wie sie sich in der Biogasanlage verhalten“, urteilt der Hohenheimer Forscher.

Solche Wissenslücken sind ein Problem, weil damit das Risiko konkreter Fälle nicht abgeschätzt werden kann. So verarbeitet ein thüringischer Biogasbetreiber Mist von Rindern und Ziegen. In der Gegend ist Q-Fieber aufgetreten. Die Bauern wollen wissen, ob die Gärreste unbedenklich sind. Niemand kann ihnen darauf eine fundierte Antwort geben. „Man rennt in der Wissenschaft oft den Vorkommnissen hinterher“, quittiert Philipp.

Hundertprozentige Entwarnung für Biogasanlagen nicht möglich

Eine hundertprozentige Entwarnung können auch jene Forscher nicht geben, die Pflanzenkrankheitserreger in den Biogasbottichen verfolgt haben. „Die meisten Keime sterben in ein paar Stunden ab. Dann besteht keine große Gefahr“, sagte Luitgardis Seigner von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising bei München.

Aber es gibt Ausnahmen: Der Kartoffelkrebserreger sowie Ring- und Schleimfäulepilze der Kartoffel können überleben. In ganzen Knollen waren die Pilze auch nach über 100 Tagen im Biogastank noch virulent. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft rät deshalb, kranke Kartoffelpartien gar nicht erst in Biogasanlagen zu werfen. Andernfalls könne nicht ausgeschlossen werden, dass sich Krankheiten aufschaukelten, wenn die Gärreste auf Kartoffeläcker kommen. Doch vorgeschrieben ist diese Empfehlung nicht.

Ein Beitrag von:

  • Susanne Donner

    Susanne Donner ist studierte Chemikerin und schreibt als Wirtschaftsjournalistin über Technik- und Medizinthemen u. a. für die Wirtschaftswoche, GEO, FAZ und ingenieur.de.

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