Reaktorsicherheit 12.10.2012, 19:54 Uhr

AKW Temelin: Schweißnaht beschäftigt Politik und Experten

Die Schweißnaht mit dem Kürzel 1-4-5 im Block 1 des Kernkraftwerks Temelin 1 hält immer noch Politik, Behörden und Industrie in Atem. Umweltaktivisten gehen davon aus, dass von der Naht am Reaktordruckbehälter aus dem Jahr 2000 Gefahr ausgeht. Am 18. Oktober soll 1-4-5 Kern einer Debatte im oberfränkischen Wunsiedel sein.

Beim „2. Internationalen Hearing AKW Temelin“ in Tschechien diskutierten Kernkraftgegner mit Dana Drábová, der Präsidentin der staatlichen Atomsicherheitsbehörde, und mit Temelin-Kraftwerksdirektor Milos Stepanovský. Die ausführliche Diskussion zwischen zwei der wichtigsten tschechischen Energierepräsentanten und etwa 50 Gästen fand im Infozentrum des Kernkraftwerks statt. Veranstalterin war die Partei „Die Grünen“ aus dem Fichtelgebirge. Aktueller Anlass war die anstehende politische Entscheidung in Tschechiens Parlament für ein neues, staatliches Energiekonzept. Darin auch Pläne für fünf neue Kernkraftwerke (KKW) in Tschechien.

Die deutschen, österreichischen und tschechischen Umweltaktivisten wollen jedoch, dass die alten KKW abgeschaltet werden, vor allem der Block Temelin 1. Der stellt in deren Augen eine grenzüberschreitende Gefahr dar. Temelin 1 lief vor knapp zehn Jahren an. Viele Pannen sind dokumentiert, die jüngsten erst im vergangenen September.

AKW Temelin: Greenpeace sieht in Schweißnaht 1-4-5 Gefahrenquelle

Jan Haverkamp von der Umweltorganisation Greenpeace hat ein grundsätzliches Problem mit Temelin 1. Für ihn geht besonders von der Schweißnaht mit dem Kürzel 1-4-5 – zwischen Reaktordruckbehälter und einer Hauptkühlleitung – große Gefahr aus. Der Niederländer mit tschechischen Wurzeln behauptet seit einem Dutzend Jahren: In Temelin 1 ist ein Rohr am Reaktordruckbehälter zuerst falsch angebracht, dann wieder abgesägt, gedreht und neu angeschweißt worden.

Dafür hat Greenpeace sogar einen Zeugen, der das mehrfach nachvollziehbar geschildert haben soll, wenn auch anonym. Der Mann ist laut Jan Haverkamp „beim Schweißtrupp damals dabei gewesen“. Und jetzt habe er Angst um Job und Leben.

Haverkamp hat sich bereits durch sämtliche Gerichtsinstanzen Tschechiens geklagt. „2010 hat das Verfassungsgericht die vierte Entscheidung gegen uns getroffen“, ärgert sich der Umweltaktivist noch heute. Nun bleibt nur noch der Weg nach Aarhus.

In den Aarhus-Protokollen haben die EU-Staaten vertraglich festgelegt, wie sie sich beim Ausbau von Kernkraftwerken gegenseitig anhören müssen. Und was die Verbände dazu sagen dürfen.

In der Diskussion gab Temelin-Chef Stepanovský nun zwar zu: „Bei der Montage wurde ein falsches Rohrstück montiert. Das wurde ausgetauscht“, und ergänzte: „Wir verheimlichen nichts.“ Doch Haverkamp will Zugang zu dieser Dokumentation. „Das ist uns bislang immer abgesagt worden. Im Web sind gerade mal zwei Seiten DIN A4 dazu.“

Auf Nachfrage versprach Stepanovský, Kraftwerksdirektor beim tschechischen Energieriesen CEZ: „Ich bin bereit, unseren Experten mit einem echten Schweißexperten die Dokumentation über diese Schweißnaht 1-4-5 prüfen zu lassen.“ Nur Jan Haverkamp wolle er nicht dabei haben.

„Eine Causa Schweißnaht 1-4-5 gibt es gar nicht“, lautete die völlig gegensätzliche Aussage von Atomsicherheitschefin Drábová. Dabei müsste die Sicherheitsbehörde laut Haverkamp jene Inspektionsberichte haben, aus denen Stepanovský zitierte, ebenso wie Verweise zu den Schweißlogbüchern. Darin sollte stehen, was genau im Jahre 2000 an der Schweißnaht geschah.

„Durch die ausweichenden Antworten von CEZ und der Atomaufsicht bekommt man immer stärker das Gefühl, die haben was zu verheimlichen“, resümiert Elmar Hayn, der Nürnberger Grünen-Schatzmeister.

Fachbehörden halten sich in Sachen AKW Temelin bedeckt

Viele Fachbehörden halten sich zu diesem Streit bedeckt. Hier einige Antworten auf die Frage, wie sich ein zweites Anschweißen eines Rohrs am Reaktordruckbehälter auf die KKW-Sicherheit auswirken würde. Wenra, das Netzwerk europäischer Atomaufsichtsbehörden, will die Sicherheitsregelungen vereinheitlichen. Doch Wenra-Chairman Hans Wanner, Generaldirektor des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats der Schweiz, verweist lediglich auf die „Wenra Safety Reference Levels“ auf der Homepage. Konkrete Fragen müssten jedoch die jeweiligen Länder selbst beantworten.

Marlene Holzner, Sprecherin von EU-Energiekommissar Günther Oettinger, empfiehlt: „Wenden Sie sich an die Nationale Behörde für Atomsicherheit.“

Die deutsche Reaktorsicherheitskommission verweist auf die Bundesanstalt für Materialprüfung. Deren „einziger Fachmann dazu ist gerade in Urlaub“.

Aus der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEO heißt es: „Leider sind die IAEO Safety Standards und Guidelines nicht auf so eine detaillierte technische Ebene geschrieben.“ Die Standards selbst seien auf www-ns.iaea.org nachzulesen.

Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit GRS, macht dagegen eine klare Aussage. „Sofern die entsprechenden Arbeiten fach- beziehungsweise spezifikationsgerecht durchgeführt werden, ist das von Ihnen geschilderte Vorgehen grundsätzlich ohne nachteilige Auswirkungen auf die Sicherheit möglich. Dazu gehören neben der korrekten Durchführung und der Verwendung spezifikationsgerechter Materialien natürlich auch entsprechende Prüfungen der Schweißnähte.“ Für das Deutsche Atomforum verändert sich die Sicherheit „überhaupt nicht“. Ein solches Vorgehen sei durchaus „üblich“, auch in der Industrie allgemein. „Der betreffende Rohrabschnitt wird durch den erneuten Einbau nicht schlechter und die Qualifizierung und Sicherheit der Schweißnähte sind gegeben“, erklärt Christopher Weßelmann, Chefredakteur der Zeitschrift für Kernenergie „Atomwirtschaft“.

Umweltaktivisten setzen auf Treffen von CSU-Landrat mit Temelin Direktor

Anders das Bundesumweltministerium BMU, Deutschlands Nationale Atomsicherheitsbehörde. Hierzulande werde „am Primärkreis nicht punktuell geschweißt (Reparaturschweißen), da sonst Spannungen entstehen können. Sollte so etwas notwendig sein, wird „umlaufend neu aufgetragen“. Es werden somit betroffene Stücke herausgetrennt, ersetzt und neu verschweißt. Doch will das BMU „nicht die Arbeit der Atomaufsichtsbehörden unserer Nachbarländer kommentieren oder bewerten“.

Die Umweltaktivisten setzen nun auf den 18. Oktober. Da kommen Tschechiens Atomsicherheitspräsidentin Drábová und Temelin-Direktor Stepanovský ins oberfränkische Wunsiedel. „Unter der Regie unseres CSU-Landrats Karl Döhler geht es speziell um die Schweißnaht 1-4-5“, blickt Brigitte Altmann voraus. „Auch die bayerische Atomaufsicht ist angefragt.“ Vielleicht bringe die Landesbehörde gleich einen anerkannten Schweißexperten mit, den der Temelin-Kraftwerkschef akzeptieren würde, so die Grünen-Politikerin. 

  • Heinz Wraneschitz

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