Vor 30 Jahren 03.12.2014, 10:59 Uhr

Die tödliche Giftwolke von Bhopal

Heute vor genau 30 Jahren ereignete sich in der indischen Stadt Bhopal der schlimmste Chemieunfall der Menschheitsgeschichte: Ein Riesentank mit ätzendem Methylisocyanat geriet außer Kontrolle, 27 Tonnen der Substanz legten sich als Giftwolke über die Stadt. Bis heute sind mehr als 200.000 Menschen erkrankt und bis zu 30.000 an den Folgen des Unglücks gestorben.  

Am 3. Dezember 1984 ereignete sich die Giftgastragödie in einem Werk der Union Carbide Corporation: Eine Woche später warteten Tausende von Betroffenen mit Lungenverätzungen in überfüllten Krankenhäusern. 

Am 3. Dezember 1984 ereignete sich die Giftgastragödie in einem Werk der Union Carbide Corporation: Eine Woche später warteten Tausende von Betroffenen mit Lungenverätzungen in überfüllten Krankenhäusern. 

Foto: dpa

Es war wie oft bei technischen Katastrophen eine dumme Verkettung von Ereignissen, die heute Nacht vor genau 30 Jahren den bisher schlimmsten Chemieunfall der Geschichte auslöste und mehrere zehntausend Menschen tötete. In der indischen Tochterfabrik des US-Konzerns Union Carbide mitten in der Stadt Bhopal gelegen, gelangt um Mitternacht bei Reinigungsarbeiten Wasser in einen Tank mit Methylisocyanat, Ausgangsstoff für das Pflanzenschutzmittel Sevin. Das löst eine heftige exotherme chemische Kettenreaktion aus.

Der Kühlturm, der genau so etwas bremsen soll, ist zu diesem Zeitpunkt schon seit einem halben Jahr aus Kostengründen abgeschaltet. Der Fackelturm zum Verbrennen des Gases ist wegen Wartungsarbeiten nicht angeschlossen. Und die Entlüftungsanlage ist nicht in Betrieb, mit der toxisches Gas neutralisiert werden kann. So entweichen 27 Tonnen hochgiftigen Methylisocyanats ungehindert in die Außenluft.

Die Katastrophe von Bhopal bleibt unvergessen: Bis heute sind über 200.000 Menschen an den Folgen der giftigen Chemiewolke erkrankt, rund 30.000 sind gestorben. 

Die Katastrophe von Bhopal bleibt unvergessen: Bis heute sind über 200.000 Menschen an den Folgen der giftigen Chemiewolke erkrankt, rund 30.000 sind gestorben. 

Foto: Jagadeesh Nv/dpa

Die Folgen sind katastrophal: Das Gas verätzt bei Tausenden Bewohnern der Slums rund um die Chemiefabrik die Schleimhäute, die Augen und die Lungen. Am nächsten Tag türmen sich die Leichenberge im Hamidi-Spital auf – dem Krankenhaus, das in der Nähe der am stärksten betroffenen Wohnviertel liegt. „Das Ausmaß der Katastrophe überstieg unsere Vorstellungskraft“, erzählt Pathologe Dr. K. Satpathy, der selbst an vielen Tausend Toten der Katastrophe die Autopsie vorgenommen hatte. „Überall waren Tote, Verletzte, Angehörige. Und niemand kannte die Zusammensetzung des Giftes.“

Symptome wie bei Zyklon B

Der Pathologe stellte in seinen Autopsien dieselben Symptome wie bei Vergiftungen mit Zyanid fest, dem Wirkstoff des in Auschwitz benutzen Giftes Zyklon B. Er registrierte eine helle Färbung des normalerweise dunkleren, venösen Blutes. Das Zyanid sorgt dafür, dass die Zellatmung eingestellt wird. Das Blut kann keinen Sauerstoff mehr abgeben und hat auch auf dem Rückweg zum Herzen die hellere Farbe des arteriellen Blutes.

So sieht das alte Fabrikgebäude der Union Carbide Fabrik heute aus – 30 Jahre nach der Explosion, die eine tödliche Giftwolke in die Stadt schickte.  

So sieht das alte Fabrikgebäude der Union Carbide Fabrik heute aus – 30 Jahre nach der Explosion, die eine tödliche Giftwolke in die Stadt schickte.  

Foto: Doreen Fiedler/dpa

Thiosulfat hätte helfen können. Das Gegenmittel für Zyanidvergiftungen ist analogen Fotofreunden als Fixiersalz für die wertvollen Negative und Abzüge bekannt. Doch es kam nicht zum großflächigen Einsatz des Gegenmittels: Ein Gerücht ging um, dass ein Patient an der Behandlung gestorben sei. „Thiosulfat hätte viele Menschen retten können“, glaubt Satpathy.

Warren Anderson musste sich nie vor einem Gericht verantworten

Einer hat den größten Chemie-Gau in der Geschichte stoisch ausgesessen: Warren Anderson, zur Zeit der Havarie der Vorsitzende von Union Carbide, hat sich nie vor einem indischen Gericht verantwortet. Zwar hat der indische Staat mehrere Auslieferungsanträge gestellt, denen ist die USA aber nie nachgekommen.

Das gehört zu jedem Jahrestag der Katastrophe: Bürger Bhopals verbrennen eine Puppe, die Warren Anderson darstellt. Der damalige Vorsitzende von Union Carbide hat sich nie vor einem indischen Gericht verantworten müssen. Er ist im September 2014 gestorben. 

Das gehört zu jedem Jahrestag der Katastrophe: Bürger Bhopals verbrennen eine Puppe, die Warren Anderson darstellt. Der damalige Vorsitzende von Union Carbide hat sich nie vor einem indischen Gericht verantworten müssen. Er ist im September 2014 gestorben. 

Foto: Sanjeev Gupta/dpa

Anderson, der nach seiner Pensionierung ein komfortables Leben in Florida führte, während viele Menschen in Bhopal weiter litten, stand für viele sinnbildlich für die Straflosigkeit und Ungerechtigkeit in dieser Katastrophe.

Mit 92 Jahren friedlich im Altersheim eingeschlafen

Aktivisten in Bhopal demonstrieren jedes Jahr am 3. Dezember vor dem Tor der ehemaligen Fabrik. Dabei verbrennen sie eine Puppe, die Anderson darstellt. Das können sie sich in diesem Jahr sparen: Warren Anderson ist am 29. September 2014 mit 92 Jahren friedlich in einem Altersheim in Velo Beach in Florida eingeschlafen. 

Von Detlef Stoller

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