Chemie 14.01.2011, 19:51 Uhr

„Die Klebebänder der Zukunft können mehr als nur kleben“

Tesa-Film ist in Deutschland bekannt als Traditionsmarke für Klebeband. Dabei macht die Firma Tesa nur ein Viertel seines Umsatzes mit dem beliebten Helfer auf dem roten Abroller und anderen Selbstklebeprodukten für den Haushalt. Viel wichtiger für die Beiersdorf-Tochter sind Klebelösungen für Automobilbau, Konsumelektronik und Druckereien. Robert Gereke, Vorstand des Industriegeschäfts, erklärt, wie die Klebebänder mit Zusatzfunktionen wie Leiten, Leuchten oder leichtes Lösen den Weg in die Zukunft meistern.

Robert Gereke ist ein viel beschäftigter Mann. Zum Interview am Stammsitz von Tesa in Hamburg kommt der Industrievorstand dennoch pünktlich vom Termin aus Paris. Sein Flug war angesichts des winterlichen Chaos um Stunden verspätet, doch dem quirligen Chemiker ist kein Ärger anzumerken.

Er liebt seinen Job: „Für meine berufliche Entscheidung war es das Beste hierherzukommen“, schwärmt Gereke über seinen Arbeitgeber Tesa. Dieser ist in Deutschland vor allem durch sein Klebeband bekannt. „Die Klebebänder der Vergangenheit, die haben geklebt, und das tun sie auch heute noch – sie kleben irgendwas, irgendwie“, erklärt Gereke.

Doch gerade im Industriegeschäft will er mit seinem vielseitigen Team aus Forschern und Entwicklern mehr erreichen. Viele Kollegen sind Chemiker wie er selbst, doch auch Maschinenbauer und Verfahrensingenieure unterstützen ihn bei der Umsetzung seiner Ideen.

Künftig will das Hamburger Werk Klebebänder herstellen, die mehr können als nur kleben. Gelingen soll das mithilfe einer neuen Technologie zur lösungsmittelfreien Beschichtung von Klebebändern, der sogenannten Acrylat-Extrusions-Technologie (ACX). Gereke denkt dabei zum Beispiel an Handys. Deren Display wird heute bereits mit Klebeband montiert. Einige der dafür eingesetzten Spezialprodukte optimieren gleichzeitig die Lichtqualität: Sie absorbieren das Streulicht, das am Rand von LCDs üblicherweise austritt und so die Bildqualität beeinträchtigt.

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Mit der ACX-Technologie lassen sich auch Klebemassen aus verschiedenen Polymeren zusammensetzen. „In diesen Polymerblends können wir grundsätzlich konträre Eigenschaften unterbringen: also etwa ein Klebeband, bei dem wir die Klebkraft – zack – ausschalten können“, schwärmt Gereke und schnalzt zur Untermalung mit den Fingern.

Der Trick beim Verfahren ist der Entzug des Lösungsmittels gleich nach der Polymerisation, also noch vor dem Abmischen der Acrylatmasse mit für die Klebeeigenschaften wichtigen Komponenten und der Beschichtung des Trägers. Bislang erfolgten alle Prozessschritte unter Zusatz von Lösemitteln, die erst im letzten Schritt durch Trocknung entfernt wurden. Der Nachteil: Die Beimischung von Zusatzstoffen war kaum möglich, da deren Bestandteile sich in der lösemittelhaltigen Masse nicht gleichmäßig verteilten.

Bei ACX wird nur noch im Polymerisationsprozess selbst Lösungsmittel verwendet. So lassen sich nach dem Trocknen andere Komponenten mit der Klebmasse abmischen. Es können beispielsweise Feststoffe verwendet werden, „um bestimmte Eigenschaften zu erzielen“, erklärt Gereke die Vorteile von ACX.

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Klebebänder mit Zusatzfunktion sind allerdings zum großen Teil noch Zukunftsmusik. Doch schon heute spart Tesa mit der seit Anfang 2010 betriebenen Produktionsanlage in Hamburg-Hausbruch jährlich 3400 t Lösungsmittel ein, zudem 2000 t CO2 und 9000 m³ Prozesswasser.

„Das ist doch ganz gewaltig“, freut sich Gereke. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) sah das genauso und förderte die fast vier Jahre dauernde Entwicklung und Umsetzung der ACX-Technologie deshalb im Rahmen seines Umweltinnovationsprogramms.

Doch der promovierte Chemiker Gereke denkt auch wirtschaftlich: „Die Lösungsmittelfreiheit haben wir ja nicht nur deshalb entwickelt, weil wir Altruisten sind und der Umwelt was Gutes zu wollen, sondern weil das Ganze auch irgendwie mit der Ökonomie einhergehen muss.“ Denn die nötigen Investitionen waren enorm, lässt er durchblicken. Neben den Einsparungen bei Chemikalien und Prozessenergie sind es daher die neuen Produktperspektiven, die die Rechnung aufgehen lassen.

Neben den Klebebändern mit Zusatzeffekt lassen sich ohne Lösungsmittel schon heute wesentlich dickere Acrylatklebeschichten herstellen. Das steigert die Klebkraft, selbst auf schwierigen – etwa rauen oder fettigen – Oberflächen. Das patentierte Verfahren liefert zum Beispiel extra dicke Klebebänder für Permanentverklebungen externer Anbauteile am Auto, für Fassadenelemente an Häusern und Solarzellen in der Wüste.

Klar ist: Tesa braucht die neuen Produkte. 2009 war die Firma gemeinsam mit ihren Kunden aus der Automobilindustrie von der Weltwirtschaftskrise stark betroffen, der Umsatz sank verglichen mit 2008 um 13 %. Maßnahmen wie Kurzarbeit oder die Auslagerung der Logistik an einen externen Dienstleister waren unvermeidbar. 2010 ging es dank einer unerwartet schnellen Erholung der Auftragslage wieder aufwärts.

Dennoch betont Gereke: „Es gibt natürlich Hunderte von billigen Klebebandanbietern. Wenn Sie versuchen, mit denen zu konkurrieren – das können Sie gleich vergessen. Dann können wir gleich alles nach China verlagern.“

Deshalb spielt der Standort Deutschland für Tesa gerade in der Forschung und Entwicklung eine große Rolle. Produziert wird auch in China und Singapur, doch Innovationen entstehen eher hierzulande. Gereke kennt die Forschungsabteilung in Hamburg gut, denn er war dort selbst lange Zeit beschäftigt.

Seine Karriere bei Tesa, die 1993 noch eine Sparte der Beiersdorf AG war, begann allerdings im Qualitätsmanagement. Im Bereich Marketing konnte Gereke ebenfalls Erfahrungen sammeln, wenn er auch anfangs wenig überzeugt war von diesem neuen Arbeitsfeld. Lächelnd erzählt er, wie es dazu kam: „Unser damaliger Vorstandsvorsitzender meinte, ich müsse ins Marketing. Ich habe damals gesagt, nee, möchte ich eigentlich nicht – weil ich Entwickler war, und es gab noch so viel zu tun. Aber da hat er gesagt: Du gehst!“

Mittlerweile profitiert Gereke von seinen vielfältigen Erfahrungen. Unter seiner Leitung ist das Marketing im Industriebereich deutlich technischer geworden. Früher habe es praktisch eine klassische Trennung gegeben, erinnert er sich: „Im Marketing saß damals der Betriebswissenschaftler und in der F & E der Chemiker oder Ingenieur. Die beiden konnten in der Regel nur begrenzt miteinander sprechen.“

Damit Gespräche nicht mehr dem „Stille-Post-Spiel“ ähneln, sitzen heute auch Techniker im Marketing. Darin unterscheidet sich Tesa klar vom Mutterkonzern Beiersdorf. Trotzdem sei die Zusammenarbeit gut und Tesa profitiere noch immer von Erbstücken des Nivea-Herstellers wie etwa der hohen Marktorientierung – so wie umgekehrt Beiersdorf „wohl froh sein wird über die wirtschaftliche Entwicklung bei Tesa in diesem Jahr“, meint Gereke.

Ziel ist es, Lösungen für den Markt passend aus den Bedürfnissen einzelner Kunden abzuleiten. Entscheidend sei die Wahl der richtigen Verfahren. „Welche Technologie müssen wir entwickeln, damit wir in einen Markt reinkommen?“ Darauf muss Gereke als Industrievorstand regelmäßig Antworten finden.

Seine Erfolgserlebnisse sind dabei nicht mehr so stringent wie zu seiner Zeit in der Produktentwicklung. Dort könne man gemeinsam mit dem Kunden am fertigen Produkt sehen, was man erreicht habe. „Was ich im Augenblick mache, da sieht man den direkten Bezug manchmal nicht mehr ganz genau“, bedauert Gereke.

Insofern kann sich der zweifache Vater zwei Alternativen zur aktuellen Position vorstellen: „Wieder zurück ins Labor, da hätte ich schon Lust drauf“, sagt er und grinst. Oder: „Ich würde liebend gerne nach Singapur gehen. Nur hat mich dummerweise nie jemand gefragt.“

Doch eigentlich gefällt ihm sein derzeitiger Job trotz „schweinemäßiger“ Arbeitszeiten viel zu gut. Man merkt dem sportlichen Norddeutschen seine Begeisterung an, wenn er von noch besseren Klebebändern oder noch ressourcenschonenderen Technologien spricht. Es gibt noch so viel zu tun.

www.vdi-nachrichten.com/fruehling

 

Ein Beitrag von:

  • Paula Morgenstern

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