Antike Lieferketten: Molekulare Spurensuche in Pompeji
Wie global war Pompeji? Chemische Analysen von Ascheresten zeigen: Die Römer nutzten bereits exotische Importwaren aus Asien und Afrika für Rituale.
Hauptstraße von Pompeji: Über diese Verkehrsachsen gelangten Waren aus dem gesamten Mittelmeerraum in die Stadt – auch jene exotischen Harze, die Forschende heute in den Räuchergefäßen nachweisen konnten.
Foto: picture alliance / Zoonar | Stefan Laws
Forschende der LMU München und der Universität Zürich analysierten Aschereste aus Pompeji mit modernen Laborverfahren. Die Ergebnisse zeigen: Die römische Stadt war bereits vor knapp 2000 Jahren in weitreichende Handelsverbindungen bis nach Afrika und Asien eingebunden. Neben lokalen Pflanzen nutzten die Bewohnenden auch importierte Harze für ihre Rituale.
Inhaltsverzeichnis
Pompeji war Teil eines globalen Handelsnetzes
Der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. konservierte das Leben in Pompeji wie eine Momentaufnahme. Die dicke Schicht aus vulkanischem Material schützte Gebäude, Kunstwerke und organische Überreste über fast zwei Jahrtausende hinweg. Für die heutige Wissenschaft ist das ein Glücksfall.
Ein internationales Team hat nun neue Einblicke in den Alltag der römischen Antike gewonnen. Die Fachleute untersuchten die Inhalte von Räuchergefäßen aus privaten Haushalten und einer nahegelegenen Villa. Die Ergebnisse der chemischen Analysen zeigen deutlich: Selbst alltägliche Rituale griffen auf importierte Produkte zurück. Die Ware legte dabei tausende Kilometer über Land- und Seewege zurück, bevor sie in Pompeji genutzt wurde. Möglich machte das unter anderem der Straßenbau im römischen Imperium.
Laboranalysen blicken in die Opferschalen
In römischen Haushalten gehörten Rauchopfer zum religiösen Standard. Die Menschen verbrannten verschiedene Substanzen auf ihren Hausaltären, um die Götter milde zu stimmen. Bisher stützte sich das Wissen darüber vor allem auf antike Texte oder bildliche Darstellungen. Nun liefert die Naturwissenschaft Fakten.
Die Forschenden der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), der Universität Zürich und weiterer Partnereinrichtungen nutzten für ihre Studie modernste Methoden. Zum Einsatz kamen unter anderem die Gaschromatographie mit Massenspektrometrie (GC-MS) sowie mikroskopische Untersuchungen von Pflanzenresten.
Durch diese Verfahren lassen sich organische Substanzen bis auf die molekulare Ebene bestimmen. Die Fachleute analysierten die Asche aus zwei Opferschalen aus Pompeji und der Villa Regina in Boscoreale. Dabei identifizierten sie eine Mischung aus regionalen und weit gereisten Inhaltsstoffen.

Exotische Importe für den Hausaltar
Die Analysen förderten Überraschendes zutage. Die Bewohnenden verbrannten keineswegs nur heimische Hölzer oder Kräuter. Johannes Eber von der Universität Zürich leitete die Studie und erklärt dazu: „Wir können nun konkret zeigen, welche Düfte im pompejanischen Hauskult tatsächlich verbrannt wurden. Neben regionalen Pflanzen fanden wir auch Spuren importierter Harze – ein Hinweis auf weitreichende Handelsverbindungen von Pompeji.“
In den Proben fanden sich Rückstände aromatischer Harze aus der Familie der Burseraceae. Diese stammen vermutlich aus tropischen Regionen Afrikas oder Asiens. Ihr Nachweis in privaten Haushalten zeigt, wie stabil die damaligen Handelswege funktionierten. Importierte Duftstoffe waren offenbar nicht auf Eliten beschränkt, sondern Teil des Alltags.
Die Mischung macht das Ritual
Neben den importierten Harzen nutzten die Menschen auch lokale Ressourcen. In der folgenden Tabelle sind die wichtigsten identifizierten Bestandteile der Proben aufgeführt:
| Substanztyp | Herkunft | Funktion/Bedeutung |
| Holzige Pflanzen | Regional (Umgebung Vesuv) | Brennmaterial und Basis |
| Steinobst / Lorbeer | Regional | Duftstoff und symbolische Gabe |
| Aromatische Harze (Burseraceae) | Tropische Regionen (Afrika/Asien) | Importgut für Rituale |
| Traubenprodukte | Regional | Vermutlich Wein für Trankopfer |
Besonders der Nachweis von Traubenprodukten stützt bisherige Vermutungen der Archäologie. Maxime Rageot von der Universität Bonn führte die biomolekularen Untersuchungen durch. Er stellt fest: „Molekulare Analysen deuten auch auf ein Traubenprodukt in einem der Räuchergefäße hin. Dies würde mit der Verwendung von Wein in Ritualen übereinstimmen, die in römischen Bildern gezeigt und in Texten beschrieben wird.“
Moderne Methoden für antike Fragen
Die Studie zeigt auch, wie stark sich die Archäologie verändert hat. Klassische Ausgrabungen liefern weiterhin die Grundlage. Den entscheidenden Erkenntnisgewinn bringen jedoch zunehmend naturwissenschaftliche Analysen.
Durch die Kombination verschiedener Disziplinen entsteht ein deutlich präziseres Bild der Vergangenheit. Philipp W. Stockhammer, Archäologe an der LMU, dessen Forschungsgruppe die Untersuchung anstieß, fasst zusammen: „Die Verbindung verschiedener aktueller chemischer und mikroskopischer Untersuchungsverfahren macht den religiösen Alltag der Menschen in Pompeji plötzlich greifbar.“
Auch die Leitung des Archäologischen Parks Pompeji sieht in dieser interdisziplinären Zusammenarbeit die Zukunft der Forschung. Direktor Gabriel Zuchtriegel betont:
„Ohne Pompeji wäre unser Wissen über die römische Welt weniger reich. Doch es handelt sich um einen Reichtum an Daten und Erkenntnissen, den nur eine zeitgemäße Archäologie angemessen erschließen kann.“
Ein Beitrag von: