Wie zerlegt man einen 3300 Jahre alten Tempel, ohne ihn zu zerstören?
Am Ramesseum bei Luxor wird der 3300 Jahre alte Pylon Ramses’ II. unter einer riesigen Schutzhalle Stein für Stein demontiert und restauriert.
Das Ramesseum bei Luxor wurde im 13. Jahrhundert v. Chr. unter Ramses II. errichtet. Der monumentale Tempelkomplex aus Sandstein gehört heute zum UNESCO-Welterbe und wird derzeit in mehreren Bereichen archäologisch untersucht und restauriert.
Foto: picture alliance / imageBROKER | Daniel Schoenen
Am Ramesseum in Luxor steht eine ungewöhnliche Restaurierung bevor. Teile des monumentalen Eingangspylons sollen abgebaut, dokumentiert und konserviert werden. Dafür haben Fachleute zunächst ein zweites Bauwerk errichtet: eine 42 m lange und 21 m hohe Schutzkonstruktion, unter deren Dach sogar ein Kran arbeiten kann.
Bei der Restaurierung eines antiken Bauwerks zählt jeder einzelne Stein. Seine Lage, Bearbeitungsspuren, Inschriften und Anschlussflächen können Hinweise darauf geben, wie vor Jahrtausenden gebaut wurde. Deshalb muss genau dokumentiert werden, woher ein Block stammt und in welchem Zusammenhang er stand, bevor er bewegt wird.
Genau das ist derzeit am Ramesseum auf der Westseite des Nils bei Luxor gefragt. Der Totentempel Ramses‘ II. entstand im 13. Jahrhundert v. Chr. und gehört zur Welterbestätte „Ancient Thebes with its Necropolis“. Ramses II. regierte etwa von 1279 bis 1213 v. Chr.; sein Tempel wurde überwiegend aus Sandstein errichtet.
Im Mittelpunkt der aktuellen Arbeiten steht der erste Pylon, der monumentale Eingang zum Tempelbezirk. Für die nächste Restaurierungsphase haben die Korea Heritage Service, die Korea National University of Heritage und der ägyptische Supreme Council of Antiquities nun eine ungewöhnlich große Schutzkonstruktion fertiggestellt. Sie wurde am 3. September 2026 eingeweiht und soll die Arbeiten am historischen Bauwerk unter geschützten Bedingungen ermöglichen.
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1092 m² Dach über einem antiken Bauwerk
Mit einem gewöhnlichen Wetterschutz hat die Konstruktion wenig gemeinsam. Sie misst 42 m × 26 m, überdeckt damit 1092 m² und besitzt 21 m hohe Stützen. Nach Angaben der koreanischen Denkmalbehörde wurden bei der Planung unter anderem das lokale Klima, das Landschaftsbild und die Bedingungen auf dem Gelände berücksichtigt.
Der große freie Raum unter dem Dach wird gebraucht. Im Inneren soll ein Kran eingesetzt werden können, um Steinbauteile bei der Demontage und Restaurierung zu bewegen. Gleichzeitig schützt die Konstruktion die archäologische Anlage vor äußeren Einflüssen. Die Korea Heritage Service bezeichnet sie als erste großmaßstäbliche temporäre Schutzanlage dieser Art für eine Denkmalrestaurierung in Ägypten.
Technische Einzelheiten zur Konstruktion selbst sind bislang allerdings kaum veröffentlicht. Angaben zur Gründung, zum Tragwerksmaterial oder zur Windbemessung fehlen ebenso wie Informationen zur vorgesehenen Krantechnik.

Was ist eigentlich ein Pylon?
Pylone prägen viele altägyptische Tempelanlagen. Typischerweise bilden zwei massive, nach oben schmaler werdende Turmbauten mit einem Tor dazwischen den monumentalen Eingang.
Beim Ramesseum trägt der erste Pylon unter anderem Darstellungen der Schlacht von Kadesch. Hinter ihm folgen Höfe, ein zweiter Pylon und die großen Säulenbereiche des Tempels. Das ägyptische Ministerium für Tourismus und Altertümer beschreibt das Ramesseum als Sandsteinbau, der späteren ägyptischen Tempelanlagen als Vorbild diente.
Mehr als 3000 Jahre haben jedoch deutliche Spuren hinterlassen. Die Projektverantwortlichen nennen langfristige natürliche Verwitterung, starke tägliche Temperaturschwankungen und Erdbebenrisiken als Belastungen. Die Arbeiten sollen deshalb sowohl die Stabilität des Pylons verbessern als auch seine langfristige Erhaltung erleichtern.
Der Pylon wird systematisch demontiert
Seit 2023 läuft ein auf fünf Jahre angelegtes koreanisch-ägyptisches Restaurierungsprojekt. Bis 2027 sollen Teile des Pylons systematisch demontiert und restauriert werden. Parallel wollen die Fachleute die Bauteile dokumentieren und die Steine konservatorisch behandeln.
Das bedeutet nicht, dass der gesamte Ramses-Tempel auseinandergebaut wird. Die Arbeiten konzentrieren sich auf den Pylon und jene Bauteile, die im Zuge seiner Sicherung und Restaurierung behandelt werden müssen.
Bei einem Baudenkmal zählt dabei nicht allein, ob ein Stein weiterhin Lasten aufnehmen kann. Bearbeitungsspuren, Inschriften und die Lage innerhalb des Mauerwerks gehören zum historischen Befund. Die Dokumentation soll deshalb gewährleisten, dass Herkunft und Zusammenhang der ausgebauten Bauteile nachvollziehbar bleiben.
Wie aufwendig die Verbindung von Bestandsaufnahme und Rekonstruktion bei antiken Steinbauten sein kann, zeigt auch die Restaurierung des rund 2300 Jahre alten Theaters auf Thassos. Dort werden unter anderem Bruchflächen historischer Bauteile digital erfasst, bevor neue Marmorteile angefertigt werden.

Beim Restaurieren kommen neue Funde ans Licht
Die Untersuchungen am Ramesseum liefern bereits mehr als Informationen über Schäden und Statik. Bei Ausgrabungen und der Untersuchung von Bauteilen fanden die Fachleute unter anderem Steine mit einer Kartusche Ramses‘ II. Eine Kartusche ist die ovale Einfassung, in der die Namen ägyptischer Herrscher geschrieben wurden.
Auf weiteren Bauteilen kamen Ortsnamen zum Vorschein. Nach Angaben der Korea Heritage Service liefern sie neue Hinweise auf die territoriale Ausdehnung während der Regierungszeit Ramses‘ II.
Das zeigt, warum die Demontage eines historischen Bauwerks nicht mit einem gewöhnlichen Rückbau vergleichbar ist. Eine bislang verdeckte Steinfläche kann plötzlich eine Inschrift tragen. Ein Anschluss kann Hinweise auf die ursprüngliche Baufolge geben. Selbst ein Bauteil, das aus konstruktiver Sicht beschädigt ist, kann archäologisch wertvoll sein.
Auch außerhalb des Pylons gibt das Ramesseum Neues preis
Parallel dazu haben andere archäologische Untersuchungen im Tempelkomplex in jüngerer Zeit zahlreiche neue Befunde geliefert. Eine ägyptisch-französische Mission entdeckte unter anderem Werkstätten, Küchen und Lagerräume. Hinzu kamen Hinweise auf ein sogenanntes „House of Life“, eine mit dem Tempel verbundene Einrichtung für Wissen und Ausbildung.
Die Funde zeigen, dass das Ramesseum weit mehr war als ein monumentales Heiligtum. Zum Komplex gehörten Bereiche, in denen Lebensmittel gelagert, Handwerk betrieben und Verwaltungsaufgaben erledigt wurden.
Solche Befunde helfen dabei, historische Großbauten nicht nur als Architektur, sondern als funktionierende Anlagen zu verstehen. Auch bei der Felsenstadt Petra zeigen archäologische und bautechnische Untersuchungen, wie eng Konstruktion, Materialwahl und Infrastruktur miteinander verbunden waren.
Quellen
- Korea Heritage Service: Fertigstellung der Schutzkonstruktion am Ramesseum, 4. September 2026
- Ägyptisches Ministerium für Tourismus und Altertümer: Ramesseum – Temple of Ramses II
- Ägyptisches Ministerium für Tourismus und Altertümer: Neue archäologische Funde am Ramesseum
- UNESCO World Heritage Centre: Ancient Thebes with its Necropolis
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