Von außen eine Mauer, innen stecken fünf Bauphasen aus 1000 Jahren
Ein Querschnitt durch Jingzhous Stadtmauer zeigt fünf Bauphasen aus rund 1000 Jahren – von Stampflehm über Grabziegel bis zur Ming-Mauer.
Panoramablick auf die historische Stadtmauer von Jingzhou. Die Mauser ist 11,28 km lang und vereint Bauphasen aus mehr als 1000 Jahren – von Stampflehm über frühes Ziegelmauerwerk bis zu späteren Erweiterungen aus Ziegel und Stein.
Foto: Smarterpix / foxto
Von außen betrachtet präsentiert sich die Stadtmauer im chinesischen Jingzhou als ein geschlossenes, historisches Bauwerk. Doch wer einen Blick auf einen freigelegten Querschnitt wirft, sieht die ungewöhnliche Baugeschichte: Im Inneren verbergen sich mehrere Generationen der Befestigung, die übereinanderliegen und teilweise ineinandergreifen. Stampflehm, frühes Ziegelmauerwerk, nachträgliche Böschungen sowie spätere Ziegel- und Steinummantelungen dokumentieren rund 1000 Jahre Baugeschichte an ein und derselben Stelle.
Der ungewöhnliche Querschnitt befindet sich an Bastion Nr. 11 im Norden der Stadt. Dort stießen Fachleute bei Sicherungsarbeiten im Jahr 2019 unter einer Mauer aus der Ming-Zeit überraschend auf ältere Ziegelstrukturen. Drei archäologische Grabungskampagnen legten schließlich eine außergewöhnlich vollständige Abfolge frei: von einem Erdwall aus der späten Tang-Zeit über die Ziegelphase während der Fünf Dynastien bis hin zu Umbauten unter den Song-, Ming- und Qing-Dynastien.
Die heute erhaltene Stadtmauer misst 11,28 km, besitzt sechs historische Tore und 25 bastionsartige Vorsprünge. Der freigelegte Querschnitt zeigt, dass an diesem Abschnitt ältere Konstruktionen wiederholt in spätere Bauphasen integriert wurden. Nachfolgende Generationen von Baumeistern nutzten vorhandene Konstruktionen und bezogen sie schrittweise in ihre eigenen Verstärkungsbauten ein.
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Bauschäden lieferten den Blick ins Innere
Der Ausgangspunkt für diese Erkenntnisse war kein lang geplantes Forschungsprojekt, sondern ein konstruktives Problem. Bastion Nr. 11 war bereits seit 2016 wegen Fundamentsetzungen und Rissbildungen als sanierungsbedürftig eingestuft. Als bei den späteren Sicherungsarbeiten ältere Mauerzüge unter der sichtbaren Substanz auftauchten, genehmigte die chinesische Denkmalbehörde systematische archäologische Untersuchungen.
Derart tiefe Eingriffe hatte man zuvor bewusst vermieden. Nach Angaben des Jingzhou-Museums bestand die Sorge, die Standsicherheit der historischen Stadtmauer durch Ausgrabungen innerhalb des Mauerkörpers zu gefährden. Entsprechend gering war das Wissen über den tatsächlichen inneren Aufbau. Die Grabung an Bastion Nr. 11 änderte das schlagartig: Statt einer homogenen Konstruktion kam ein Schichtenstapel historischer Bautechnik zum Vorschein.
Die Evolution der Bauphasen im Überblick
- Phase 1 (späte Tang-Zeit): Erdwall als Basis
Die älteste nachgewiesene Substruktion besteht aus Erde. Was heute als massive Mauer erscheint, begann an diesem Abschnitt als Stampflehmwall. Lagenweise eingebaut und verdichtet, ermöglichte Stampflehm große und massive Wandquerschnitte. Die Grabung datiert diesen ältesten nachgewiesenen Abschnitt in die späte Tang-Zeit.
- Phase 2 (Fünf Dynastien, 907–960 n. Chr.): Ziegelmauer über älterem Bestand
Ein deutlicher Wechsel der Bauweise: Die Befestigung erhielt eine Ziegelkonstruktion. Das Jingzhou-Museum wertet sie als die bislang älteste durch archäologische Grabungen nachgewiesene Ziegelstadtmauer Chinas. Das Besondere: Viele Ziegel stammten aus älteren Gräbern der Han- bis Tang-Zeit und trugen teils figürliche oder florale Muster. Die Baumeister verwendeten hier also bereits vorhandenes Baumaterial erneut. Historische Quellen berichten ebenfalls davon, dass Ziegel aus Grabanlagen für den Stadtmauerbau gewonnen wurden.
- Phase 3 (Song-Zeit): Verstärkung durch Stampflehm und Entwässerung
In dieser Phase wurde der bestehende Mauerkörper durch zusätzliche Bereiche aus Stampflehm verstärkt und erhöht. Hinzu kam ein gemauerter Entwässerungsgraben mit gezieltem Gefälle. Nach Angaben des Jingzhou-Museums sollte er Regenwasser schnell ableiten und verhindern, dass der Mauerkörper durchfeuchtet und geschwächt wurde.
- Phase 4 (Ming-Zeit, 1368–1644): Die prägende Hülle aus Ziegel und Stein
Die bestehende Konstruktion wurde großflächig mit Ziegel- und Steinbereichen erweitert und ummantelt. Diese Phase prägt das heutige Erscheinungsbild. Unter der Oberfläche blieb das ältere Kernbauwerk jedoch erhalten. Besonders interessant sind beschriftete Ming-Ziegel: Sie tragen Angaben zu Herstellungszeit, Herkunft und verantwortlichen Beamten. Nach Einschätzung des Jingzhou-Museums bildeten sie eine frühe Form der Qualitätsrückverfolgbarkeit.
- Phase 5 (Qing-Zeit): Kontinuierliche Instandhaltung
In der letzten Kaiserdynastie wurde das bestehende System weiter repariert, angepasst und genutzt. Der sichtbare Querschnitt dokumentiert damit Bau- und Nutzungsphasen von der späten Tang-Zeit bis zur Qing-Dynastie. Das Jingzhou-Museum bezeichnet die Stadtmauer zugleich als ein Verteidigungs- und Hochwasserschutzsystem, das über mehr als 1000 Jahre kontinuierlich genutzt wurde.

Eine „Mauer in der Mauer“: Bauen im Bestand vor 1000 Jahren
Gerade die frühe Ziegelphase liefert einen bemerkenswerten Befund: Die verschiedenen Baugenerationen liegen keineswegs nur horizontal übereinander, sondern greifen als Bauteile ineinander. Qing Studio beschreibt den freigelegten Aufbau entsprechend als eine Abfolge von „walls built upon walls“.
Die damaligen Baumeister fingen an diesem Abschnitt nicht bei null an. Der Verzicht auf einen vollständigen Rückbau dürfte Baumaterial und Bauaufwand reduziert haben. Zugleich konnte eine vorhandene Befestigung während der Umbauphasen zumindest teilweise bestehen bleiben. Welche militärischen oder logistischen Überlegungen dabei im Einzelnen ausschlaggebend waren, lässt sich aus den veröffentlichten Befunden jedoch nicht ableiten.
Aus bautechnischer Sicht ist dieses Gefüge aus unterschiedlichen Ziegeln, Mörteln, Stampflehmbereichen und Fundamentzuständen anspruchsvoll. Unterschiedliche Materialien können verschieden auf Feuchtigkeit, Temperaturänderungen und Setzungen reagieren. Welche Mechanismen die konkreten Schäden an Bastion Nr. 11 verursacht haben, geht aus den bislang veröffentlichten Angaben allerdings nicht eindeutig hervor.
Multifunktional: Schutz vor Feinden und Hochwasser
Jingzhou liegt am Jangtse und war historisch immer wieder von Hochwasser bedroht. Die Stadtmauer war daher nicht nur ein militärisches Verteidigungsbauwerk, sondern übernahm nach Angaben des Jingzhou-Museums zugleich eine wichtige Funktion im Hochwasserschutz.
Historische Aufzeichnungen weisen demnach auf Wasserstandsanstiege von bis zu 17 m hin. Um auf die Hochwassergefahr zu reagieren, wurde die Mauer wiederholt erhöht und erreichte zeitweise mehr als 30 m Höhe. Militärische Anforderungen spielten ebenfalls eine zentrale Rolle, lassen sich aber nicht jeder einzelnen Ausbauphase eindeutig zuordnen.
Der erhaltene Entwässerungsgraben aus der Song-Zeit zeigt zusätzlich, dass Wasser bereits innerhalb des Mauerkörpers konstruktiv berücksichtigt wurde. Sein Gefälle sollte Niederschlagswasser gezielt ableiten und eine Durchfeuchtung der Konstruktion verhindern.
Was ist eine Bastion vom Typ „Mamian“?
Der untersuchte Grabungsbereich liegt an einer sogenannten „Mamian“-Bastion, der Nr. 11. Dabei handelt es sich um rechteckige Vorsprünge, die aus der eigentlichen Mauerflucht hervortreten. Jingzhou besitzt davon insgesamt 25.
Sie erfüllten vor allem zwei Funktionen:
- Militärisch: Die Vorsprünge verbesserten die Verteidigung entlang der Mauerflanken.
- Baulich: Die massiven Baukörper verstärkten den jeweiligen Mauerabschnitt.
Bastion Nr. 11 befindet sich im nördlichen Abschnitt der Stadtmauer und erreicht nach Angaben des Jingzhou-Museums eine Höhe von etwa 14 m.

Wenn der Fund selbst ein Tragwerk braucht
Nach Abschluss der Grabungen entstand ein neues ingenieurtechnisches Problem: Der freigelegte Querschnitt durfte nicht dauerhaft ungeschützt der Witterung ausgesetzt bleiben. Regen, Feuchtigkeitsschwankungen und weitere Verwitterung hätten insbesondere die offenliegenden Stampflehmbereiche geschädigt. Gleichzeitig durfte ein Schutzbau möglichst keine zusätzlichen Belastungen in die empfindliche historische Bausubstanz einleiten.
Das Architekturbüro Qing Studio entwarf zusammen mit Tragwerksplanern der Huazhong University of Science and Technology einen 330 m² großen Ausstellungspavillon, der nach dem Prinzip des minimalen Eingriffs konstruiert wurde.
- Abstand zum Bestand: Neue Stahlträger und Stützen halten einen klaren konstruktiven Abstand zur historischen Mauer und überspannen den Grabungsbereich.
- Schonende Gründung: Die Fundamente der Tragstruktur nutzen weitgehend die Punkte des vorherigen provisorischen Schutzbaus, um zusätzliche Eingriffe in archäologische Schichten und historische Fundamente zu begrenzen.
- Entkoppelte Besucherlenkung: Eine leichte perforierte Plattform kragt entlang des Grabungsprofils aus und ermöglicht den Blick auf den Querschnitt, ohne die historischen Oberflächen als Verkehrsfläche zu nutzen.
- Adaptives Dachdesign: Das Schutzdach gliedert sich in zwei Zonen. Der südliche Teil folgt der Neigung der Erdböschung, der nördliche orientiert sich an Richtung und Neigung der verbliebenen Bastionswand. Eine variable Querschnittsform lässt die Dachkante von außen möglichst schlank erscheinen.
Diese konstruktiven Details nennt Qing Studio ausdrücklich als Teil der Strategie, Eingriffe in den historischen Bestand zu minimieren.
Seit 2026 ist die Konstruktion als archäologischer Ausstellungspavillon zugänglich. Sie macht sichtbar, wie ältere Bausubstanz über Jahrhunderte weitergenutzt, ergänzt und ummantelt wurde. Begriffe wie „Bauen im Bestand“ oder „Ressourceneffizienz“ gab es damals nicht – das konstruktive Prinzip, vorhandene Substanz in einen neuen Bauzustand einzubeziehen, lässt sich in Jingzhou dennoch unmittelbar am Original ablesen.
Quellen
- China Daily: Living history book opens at Jingzhou city wall (18.08.2026) – aktuelle Angaben des Jingzhou-Museums zu Grabung, Bauphasen, Hochwasserschutz und Dimensionen der Stadtmauer.
- Qing Studio / ArchDaily: Jingzhou City Wall Archaeological Site Exhibition Pavilion (18.02.2026) – Projektbeschreibung des 330-m²-Schutzbaus mit Tragwerks- und Denkmalschutzkonzept.
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