Von 234 auf 780 Mio. €: Warum Hamburgs neues Müllkraftwerk so teuer wird
Hamburgs neues Müllkraftwerk sollte rund 234 Mio. € kosten. Nun stehen bis zu 780 Mio. € im Raum. Was beim ZRE technisch und finanziell schieflief.
Von 234 auf bis zu 780 Mio. €: Hamburgs Müllkraftwerk ZRE wird immer teurer. Wirtschaftsprüfer kritisieren Planung und Risikomanagement.
Foto: picture alliance/dpa | Lilli Förter
Aus ursprünglich rund 235 Mio. € könnten bis zu 780 Mio. € werden. Statt 2025 könnte die Anlage erst Jahre später vollständig in Betrieb gehen. Hamburgs neues Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) entwickelt sich damit zu einem der problematischsten Infrastrukturprojekte der Hansestadt. Wirtschaftsprüfer kritisieren nicht nur die Kostenentwicklung, sondern auch Projektplanung, Überwachung, Risikomanagement und die Information der Kontrollgremien.
Dabei baut Hamburg an der Schnackenburgallee weit mehr als eine gewöhnliche Müllverbrennungsanlage. Das ZRE soll Abfälle sortieren, Wertstoffe zurückgewinnen, unterschiedliche Abfallfraktionen verbrennen und daraus Strom und Fernwärme erzeugen. Genehmigt ist eine Gesamtdurchsatzkapazität von 323.000 t nicht gefährlichen Abfällen pro Jahr.
Finanziell ist das Projekt inzwischen weit von den ursprünglichen Annahmen entfernt. Aktuell rechnet die Projektgesellschaft mit 720 bis 780 Mio. €. Die 780 Mio. € sind dabei keine endgültig festgestellten Baukosten, sondern die obere Grenze einer neuen Prognose. Einen entsprechend erhöhten Gesamtkostenrahmen hat der Aufsichtsrat bislang nicht beschlossen.
Inhaltsverzeichnis
- Am Anfang standen rund 235 Mio. €
- 145.000 t Hausmüll werden zunächst sortiert
- Zwei Verbrennungslinien für unterschiedliche Abfälle
- Im Winter sollen bis zu 75 MW Fernwärme fließen
- Aus 235 wurden zunächst 534 Mio. €
- Wirtschaftsprüfer sehen schwere Defizite in der Projektsteuerung
- Neue Geschäftsführung fand veränderte Lage vor
- Weitere 97 Mio. € für den Weiterbau freigegeben
- Statt 2025 möglicherweise erst 2029 oder 2030
- Das ZRE wird zum Politikum
Am Anfang standen rund 235 Mio. €
Als Hamburg das ZRE Ende 2017 präsentierte, waren die Dimensionen noch andere. Damals bezifferte die Umweltbehörde die Gesamtkosten auf rund 235 Mio. €. In der aktuellen politischen Debatte wird meist mit einem ursprünglichen Ansatz von rund 234 Mio. € gerechnet.
Auch technisch hat sich das Projekt seitdem verändert. Das Konzept von 2017 sah unter anderem eine Sortieranlage für 140.000 t Hausmüll pro Jahr, Biogasanlagen, eine Biogasaufbereitung, ein Biomasseheizkraftwerk und ein Ersatzbrennstoffkraftwerk vor. Zusammen sollten die Anlagen bis zu 70 MW Wärme, 15 MW Strom und rund 10 MW Biogas erzeugen.
In der später genehmigten Ausführung sieht das ZRE anders aus. Geblieben ist jedoch der Grundgedanke: Abfall soll nicht einfach verbrannt, sondern zuvor möglichst weit aufbereitet und anschließend energetisch genutzt werden.
145.000 t Hausmüll werden zunächst sortiert
Ein zentraler Bestandteil ist die Hausmüllaufbereitung, die für bis zu 145.000 t pro Jahr genehmigt ist. Dort sollen unter anderem Metalle, Glas, Kunststoffe und Papier aus dem Restmüll zurückgewonnen werden. Zum Baustart 2023 ging Hamburg davon aus, auf diese Weise jährlich rund 9.600 t Wertstoffe zusätzlich für Recyclingprozesse verfügbar machen zu können.
Was danach übrig bleibt, kann je nach Eigenschaften und Heizwert energetisch verwertet werden.
Die thermische Anlage ist deutlich größer als die Hausmüllsortierung. Die immissionsschutzrechtliche Genehmigung von August 2024 erlaubt einen jährlichen Gesamtdurchsatz von 323.000 t nicht gefährlichen Abfällen. Dazu gehören neben Siedlungsabfällen unter anderem hausmüllähnliche Gewerbeabfälle und bereits aufbereitete Siedlungsabfälle.
Zwei Verbrennungslinien für unterschiedliche Abfälle
Das technische Herzstück bilden zwei getrennte Verbrennungslinien:
- Niederkalorik-Linie: Ausgelegt für Abfälle mit Heizwerten zwischen 6 und 12 MJ/kg. Die Feuerungswärmeleistung beträgt 47 MW, die genehmigte Jahreskapazität 150.400 t.
- Hochkalorik-Linie: Verarbeitet Brennstoffe mit Heizwerten zwischen 9 und 15 MJ/kg, erreicht eine Feuerungswärmeleistung von 73 MW und ist für maximal 163.000 t pro Jahr ausgelegt.
Beide Linien verfügen über Rostfeuerung, Dampferzeuger und eigene Abgasreinigung. Vorgesehen sind mehrstufige Trockensorptionsverfahren, Gewebefilter zur Abscheidung von Staub und Schadstoffen sowie eine selektive katalytische Reduktion (SCR) zur Entstickung der Abgase.
Im Winter sollen bis zu 75 MW Fernwärme fließen
Die Energieauskopplung gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Anlage. Das ZRE soll die in den Abfällen enthaltene Energie flexibel als Strom oder Wärme nutzen. Nach den 2023 veröffentlichten Planungsdaten können im Winter bis zu 75 MW Fernwärmeleistung ausgekoppelt werden. Im Sommer, wenn weniger Wärme benötigt wird, sollen bis zu 22 MW elektrische Leistung zur Verfügung stehen.
Das ZRE ist damit auch für Hamburgs Wärmewende relevant. Nach damaliger Planung sollte die Stadtreinigung mit ihren Abfallbehandlungsanlagen nach Fertigstellung des ZRE bis zu 50 % des Fernwärmebedarfs der Hamburger Haushalte decken können.
Aus 235 wurden zunächst 534 Mio. €
Der finanzielle Absturz erfolgte nicht auf einen Schlag. Nach dem ursprünglichen Ansatz von rund 234 bis 235 Mio. € stieg der Kostenrahmen zunächst auf 534 Mio. €. Gleichzeitig verschob sich die erwartete Fertigstellung vom ursprünglich vorgesehenen Jahr 2025 zunächst auf 2026 beziehungsweise 2027.
Doch auch diese Zahlen erwiesen sich als nicht haltbar. Im Frühjahr 2026 wurde bekannt, dass die Probleme erheblich größer waren. Ein Lagebericht der Projektgesellschaft nennt inzwischen eine Größenordnung von 720 bis 780 Mio. €.
Nimmt man den oberen Wert, liegt die Prognose rund 546 Mio. € über dem ursprünglichen Ansatz. Mit allgemeinen Baupreissteigerungen allein lässt sich diese Entwicklung nach den vorliegenden Erkenntnissen nicht erklären.
Wirtschaftsprüfer sehen schwere Defizite in der Projektsteuerung
Besonders brisant wurde der Fall durch die Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte. Die Prüfer kamen zu dem Ergebnis, dass es Mängel in der Projektplanung und Projektüberwachung sowie im Risikomanagement gegeben habe. In der Folge seien die zuständigen Gremien über erwartbare Kostensteigerungen und zeitliche Verzögerungen nicht angemessen und nicht rechtzeitig informiert worden.
Damit geht es längst nicht mehr nur um gestiegene Material-, Personal- und Baukosten. Im Mittelpunkt stehen inzwischen die Fragen, ob Risiken früh genug erkannt wurden, wie belastbar die Kostenprognosen waren und ob die Kontrolle des Projekts funktioniert hat.
Umweltsenatorin Katharina Fegebank, die zugleich dem Aufsichtsrat der Stadtreinigung vorsitzt, sprach nach Bekanntwerden der Ergebnisse von einem Vertrauensbruch. Nach ihrer Darstellung war dem Aufsichtsrat trotz wiederholter Nachfragen kein realistisches Bild der Lage vermittelt worden.
Neue Geschäftsführung fand veränderte Lage vor
Die Probleme wurden Anfang 2026 besonders deutlich. Zu diesem Zeitpunkt hatte eine neue Geschäftsführung die Stadtreinigung übernommen. Nach deren Darstellung passten die vorgefundenen Verhältnisse weder zu den bis dahin kommunizierten Fertigstellungsterminen noch zu der Annahme, dass der vorhandene Kostenrahmen ausreichen würde.
Der langjährige Stadtreinigungs-Geschäftsführer Rüdiger Siechau war Ende 2025 ausgeschieden. Der Aufsichtsrat lässt inzwischen prüfen, ob rechtliche Schritte gegen frühere Verantwortliche möglich sind. Damit ist noch keine persönliche Verantwortlichkeit festgestellt.
Weitere 97 Mio. € für den Weiterbau freigegeben
Hamburg hat das ZRE trotz der Probleme nicht gestoppt. Der Aufsichtsrat genehmigte zunächst weitere 97 Mio. €, um die Arbeiten fortsetzen zu können. Gleichzeitig soll ein externes Monitoring die Kontrolle verbessern. Weitere Finanzierungsentscheidungen sollen enger überprüft werden.
Das ist auch deshalb notwendig, weil die derzeit genannten 720 bis 780 Mio. € noch keine endgültig beschlossene Projektabrechnung darstellen. Ob die obere Grenze tatsächlich ausreicht, bleibt eine der entscheidenden offenen Fragen.
Statt 2025 möglicherweise erst 2029 oder 2030
Auch der Terminplan hat sich massiv verschoben. Beim Baustart im April 2023 war die Fertigstellung noch für 2025 vorgesehen. Später wurde daraus 2026 beziehungsweise 2027.
Inzwischen wird nach aktuellen Berichten mit einer schrittweisen Inbetriebnahme in den Jahren 2029 bis 2030 gerechnet. Einzelne Anlagenteile sollen dabei zeitversetzt anlaufen. Demnach könnte die Müllverbrennung bereits beginnen, bevor das ZRE Wärme in das Hamburger Fernwärmenetz einspeist. Ein neuer verbindlicher Gesamttermin steht bislang nicht fest.
Das ZRE wird zum Politikum
Die Kosten- und Terminprobleme beschäftigen inzwischen auch die Hamburgische Bürgerschaft. Am 18. August 2026 kommt der Umweltausschuss erneut zu einer Sondersitzung zusammen. Die Umweltbehörde soll dort über die Entwicklungen seit einer vorherigen Sondersitzung im Juni berichten.
Im Kern geht es inzwischen um weit mehr als die zusätzlichen Kosten. Das ZRE zeigt exemplarisch, wie anspruchsvoll die Projektsteuerung großer verfahrenstechnischer Anlagen ist. Bauleistungen, Verbrennungstechnik, Abgasreinigung, Energie- und Stoffströme sowie Genehmigungsanforderungen müssen technisch, terminlich und wirtschaftlich aufeinander abgestimmt werden. Gleichzeitig müssen Risiken früh erkannt und den Entscheidungsgremien vollständig kommuniziert werden.
Quellen
- Freie und Hansestadt Hamburg: Grundsteinlegung für das Zentrum für Ressourcen und Energie, technische Daten und Energieauskopplung (19.04.2023)
- Freie und Hansestadt Hamburg: Ursprüngliches ZRE-Konzept und damalige Gesamtkosten von rund 235 Mio. € (21.12.2017)
- Freie und Hansestadt Hamburg: Immissionsschutzrechtliche Genehmigung des ZRE mit Anlagenkapazitäten und technischen Daten (06.08.2024)
- Tagesschau/dpa: Deloitte-Befund, Kostenentwicklung und Kritik an Projektsteuerung und Risikomanagement (09.07.2026)
- WELT/dpa: Aktuelle Sondersitzung des Hamburger Umweltausschusses zum ZRE (18.08.2026)
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