Die Zukunft beginnt jetzt 07.07.2026, 16:00 Uhr

Skovsporet statt El Cosmico: Wo 3D-Druck am Bau erwachsen wird

El Cosmico zeigt die Formfreiheit, Skovsporet den Praxistest: Zwei 3D-Druck-Projekte zeigen, wohin sich das Bauen entwickelt.

El Cosmico in Marfa

El Cosmico (siehe Foto) glänzt mit freier Form, Skovsporet liefert serielle Wohnungen. So unterschiedlich entwickelt sich der 3D-Druck am Bau.

Foto: Icon

In Texas entsteht derzeit ein markantes Bild für die Zukunft des Bauens: ein 3D-gedrucktes Hotel in der Wüste, entworfen von der Bjarke Ingels Group und realisiert mit Robotertechnik von ICON. Geschwungene Wände, Kuppeln, Bögen und organische Formen prägen das Erscheinungsbild. El Cosmico in Marfa wirkt wie ein Projekt, das in Renderings, Architekturmagazinen und sozialen Medien besonders gut funktioniert.

Doch die für die Fachwelt relevantere Geschichte spielt sich nicht in Texas ab, sondern in Holstebro, einer Stadt im Westen Dänemarks. Dort entsteht mit Skovsporet ein deutlich unaufgeregteres Projekt: 36 Studentenapartments, verteilt auf sechs Gebäude. Keine Wüstenromantik, keine Luxusresidenzen, keine große Inszenierung. Dafür ein nüchterner Praxistest, der für die Bauwirtschaft echte Signalwirkung haben könnte.

Beim 3D-Druck am Bau geht es nicht nur um die Frage, welche komplexen Geometrien ein Drucker erzeugen kann. Entscheidend ist, ob sich daraus wiederholbare, wirtschaftliche Bauprozesse entwickeln lassen. Genau hier zeigt sich, ob die Technik über einzelne Demonstrationsprojekte hinauskommt. Texas demonstriert die Formfreiheit, Dänemark testet den Baualltag.

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El Cosmico: Wenn der 3D-Druck die Architektur von der Geraden befreit

El Cosmico ist seit Jahren als Hotel- und Campingkonzept in Marfa etabliert. Nun wird das Projekt an einem neuen Standort auf einer Fläche von mehr als 24 ha, also rund 60 Acres, deutlich erweitert. Nach Angaben der Betreiber soll die Anlage 2027 öffnen. Das Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit ICON und der Bjarke Ingels Group, kurz BIG.

Das architektonische Konzept bricht bewusst mit konventionellen Standards. Vorgesehen sind Unterkünfte, ein Restaurant und Gemeinschaftszonen, die konsequent auf Kuppeln, Bögen, Gewölbe und parabolische Formen setzen. Der 3D-Druck wird hier nicht primär als schnellere Bauweise eingesetzt, sondern als Werkzeug für Geometrien, die im konventionellen Bau sehr aufwendig und kostenintensiv wären. Statt rechtwinklige Räume in Serie zu setzen, nutzt das Projekt geschwungene Wände und plastische Körper.

Rendering von El Cosmico. Foto: Icon

Die Technik hinter dem Wüstenprojekt

Medienberichten zufolge realisiert El Cosmico 43 Hotel-Einheiten und 18 Wohnhäuser. Gedruckt wird mit dem Vulcan-System von ICON. Die Eckdaten der Maschine:

  • Dimensionen: 14,2 m Breite, 4,7 m Höhe
  • Gewicht: 4,75 t
  • Material: Lavacrete, eine proprietäre, zementbasierte Mischung

Entscheidend ist dabei jedoch nicht nur die Hardware. ICON passt die Materialmischung an die jeweiligen Baustellenbedingungen an, etwa an Feuchtigkeit, Temperatur und Sonneneinstrahlung.

Die Herausforderung in der Praxis: 3D-Betondruck ist kein simpler Großformatdrucker für Standardbeton. Das Verfahren hängt stark vom Materialverhalten, der Pumpbarkeit, der Abbindezeit und dem Schichtaufbau ab. Bleibt eine Schicht zu weich, verliert die Wand ihre Formstabilität. Zieht sie zu schnell an, leidet die Verbindung zur nächsten Lage. Der Roboter ist nur eine Komponente eines komplexen Gesamtsystems.

El Cosmico zeigt damit gut, was technologisch und architektonisch machbar ist. Die Frage, ob diese Technik den Wohnungsbau in der Breite verändern kann, beantwortet das Projekt jedoch nicht. Dafür ist es zu spezifisch und zu stark im Luxussegment verankert.

Blick in El Cosmico. Foto: Icon

Skovsporet: 36 Studentenwohnungen statt Wüstenhotel

Skovsporet wirkt im Vergleich fast unscheinbar – und genau das macht das Projekt für Ingenieure und Planer so spannend. In Holstebro entstehen 36 ebenerdige Studentenapartments.

Der aktuelle Projektstatus laut SAGA Space Architects:

  • Struktur: Die Wohnungen sind in sechs Cluster mit jeweils sechs Einheiten aufgeteilt.
  • Bauphase: Die Hauptdruckphase für alle 36 Einheiten ist abgeschlossen.
  • Ausbau: Dachkonstruktionen, Innenwände, Installationen und der weitere Ausbau laufen.
  • Fertigstellung: Die Übergabe an die Bewohner ist für August 2026 geplant.

Hier zeigt sich der wesentliche Unterschied: Skovsporet ist kein exklusives Einzelstück. Es ist ein serielles Wohnbauprojekt. Mehrere Gebäude, ähnliche Einheiten, wiederholbare Abläufe. Genau in diesem Segment muss sich eine neue Bauweise bewähren, wenn sie den Status eines reinen Prototyps verlassen will.

Rendering von Skovsporet, hier entstehen 36 Studentenwohnung, aufgeteilt auf 6 Gebäude. Foto: Saga

Die dokumentierte Lernkurve

Gedruckt wurden die Apartments für die Wohnungsbaugesellschaft NordVestBo mit einer Gesamtfläche von 1654 m². Pro Wohneinheit sind es etwa 40 bis 50 m². Zum Einsatz kam der BOD3-Drucker von COBOD.

Interessant ist vor allem die Leistungssteigerung während des Projekts:

  • Erstes Gebäude mit sechs Einheiten: Der Druck dauerte noch mehrere Wochen.
  • Letztes Gebäude mit sechs Einheiten: Der Druck wurde in nur fünf Tagen abgeschlossen.

Bezogen auf die reine Druckphase entspricht das mehr als einer Wohneinheit pro Tag. Das ist ein beachtlicher Wert – allerdings nur, wenn man ihn korrekt einordnet. Gedruckt wurde nicht das schlüsselfertige Haus, sondern im Wesentlichen die vertikale Wandstruktur.

Blick in eine der Studentenwohnungen. Foto: Saga

Der Drucker baut nicht das gesamte Haus

Hier liegt einer der häufigsten Denkfehler in der Debatte um den 3D-Druck am Bau. Die Maschine baut kein Haus aus einer Hand. Sie erstellt in der Regel die tragenden oder raumbildenden Wandstrukturen.

Folgende Gewerke bleiben weiterhin klassische Bauleistungen, die von Handwerksbetrieben ausgeführt werden müssen:

  • Dachkonstruktion und Abdichtung
  • Fenster und Türen
  • Innenwände und kompletter Innenausbau
  • Haustechnik und Elektroinstallationen
  • Brandschutzdetails und Oberflächenbehandlungen

Skovsporet führt das deutlich vor Augen. Die Druckphase ist zwar beendet, der Bau ist damit aber noch nicht fertig.

Das schmälert den Wert des Projekts keineswegs. Im Gegenteil: Es macht den technologischen Beitrag ehrlicher. Der 3D-Druck ist kein vollständiger Ersatz für das Bauhandwerk. Er ist ein Werkzeug, das spezifische Rohbauprozesse digitalisiert und verändert. Die Kernfrage lautet, ob diese Veränderung ausreicht, um Bauzeiten, Personaleinsatz, Materialverbrauch und die nachgelagerte Logistik spürbar zu optimieren.

Bei Skovsporet deutet die Druckphase auf einen echten Produktivitätseffekt hin. COBOD verweist auf eine hohe Maßhaltigkeit, ein Drei-Personen-Bedienteam und ein bodengeführtes Schienensystem des Druckers. Dieses System lässt sich entlang der Y-Achse erweitern, sodass längere Wandabschnitte ohne zeitaufwendiges Umsetzen der Anlage am Stück gedruckt werden können.

In der Baupraxis entscheidet nicht die spektakulärste Form, sondern die Prozessstabilität. Skovsporet liefert hierzu belastbarere Anhaltspunkte als ein einzelnes Prestigeobjekt.

Cobod im Einsatz. Foto Saga

Was Dänemark besser zeigt als Texas

El Cosmico und Skovsporet stehen nicht in direkter Konkurrenz. Sie demonstrieren zwei unterschiedliche Anwendungsfelder derselben Technologie:

Kriterium El Cosmico (Texas) Skovsporet (Dänemark)
Fokus Formfreiheit und Geometrie Serie und Standardisierung
Architektur komplexe Formen ohne klassische Schalung repetitive, funktionale Einheiten
Zielgruppe Premium- und Hospitality-Segment Studentenwohnen und serieller Wohnbau
Kernfrage Was ist architektonisch machbar? Wie gut lässt sich der Ablauf wiederholen?

Für Ingenieure und Planer ist das dänische Modell die anspruchsvollere Bewährungsprobe. Die Zukunft des 3D-Drucks entscheidet sich nicht an der Druckdüse allein. Sie entscheidet sich an den Schnittstellen: bei der Arbeitsvorbereitung, der Materiallogistik, den Bauordnungen, den Genehmigungsverfahren und dem Zusammenspiel mit dem Ausbau.

Eine gedruckte Wand ist erst dann ein funktionales Bauteil, wenn Lastabtragung, Bewehrung, Wärmebrücken, Schallschutz und Brandschutz normgerecht und dauerhaft gelöst sind.

Nachhaltigkeit: Ein Ansatz, aber kein Selbstläufer

Auch beim Thema Nachhaltigkeit ist eine präzise Betrachtung notwendig. Der 3D-Druck kann den Schalungsaufwand reduzieren und ermöglicht es, Material gezielt nur dort abzulegen, wo es konstruktiv erforderlich ist. Dadurch kann weniger Verschnitt entstehen.

COBOD verweist bei Skovsporet auf konkrete Maßnahmen:

  • CO₂-reduzierter Zement: Verwendung von D.fab-Beton mit FUTURECEM von Aalborg Portland.
  • Präzision: Materialablage erfolgt nur dort, wo sie strukturell benötigt wird.
  • Umweltschutz vor Ort: Durch die präzise Platzierung der Druckbetten konnten 95 % des vorhandenen Baumbestands auf dem Grundstück erhalten werden.

Das sind relevante Ansätze. Sie ersetzen jedoch keine unabhängige Lebenszyklusanalyse. Gedruckt wird nach wie vor mit zementbasierten Bindemitteln – und Zement bleibt treibhausgasintensiv. Wer den 3D-Druck pauschal als klimafreundlich deklariert, greift zu kurz.

Seriös bleibt die Aussage: Die Technologie kann helfen, Material gezielter einzusetzen. Ob ein Projekt in der Gesamtbilanz nachhaltiger ist, hängt von der konkreten Rezeptur, dem Energieeinsatz, den Transportwegen und dem Rückbaukonzept ab.

Ende 2025 waren die Studentwohnungen bereits weit fortgeschritten. Foto: Saga

Warum Skovsporet die wichtigere Geschichte erzählt

Kurz gesagt: El Cosmico liefert das stärkere Bild. Skovsporet ist der bessere Test.

Das texanische Hotel zeigt, wie der 3D-Druck neue gestalterische Spielräume eröffnet. Es ist ein Projekt für Form, Ästhetik und mediale Aufmerksamkeit. Das ist legitim und technologisch aufschlussreich, bleibt aber bis auf Weiteres ein Nischenfall.

Skovsporet ist weniger spektakulär, aber genau darin liegt der Wert für die Branche. Das Projekt zeigt den Einsatz im realen Wohnbaukontext: mehrere Einheiten, ein reproduzierbarer Druckprozess und ein anschließender konventioneller Ausbau für die reale Nutzung. Es geht hier nicht um ein Einzelobjekt, sondern um die Etablierung eines belastbaren Bauprozesses.

Der Unterschied lässt sich prägnant zusammenfassen: El Cosmico glänzt. Skovsporet liefert.

Das bedeutet nicht, dass Skovsporet bereits den endgültigen Durchbruch des 3D-Drucks im Bauwesen markiert. Dafür ist das Projektvolumen noch zu gering, die Datenlage wird stark von den Projektbeteiligten selbst kommuniziert, und der Ausbau bleibt handwerkliche Konvention. Aber das Projekt verschiebt den Fokus der Diskussion in die richtige Richtung: weg von der reinen Show, hin zur Optimierung der Baustelle.

Was leistet der 3D-Druck am Bau heute wirklich?

Die Bilanz aus beiden Projekten zeigt: Der 3D-Druck ist weder eine Spielerei noch das universelle Allheilmittel für die Baukrise.

  • Er vereinfacht die Umsetzung freier Formen, wie El Cosmico zeigt.
  • Er bietet Produktivitätspotenziale bei repetitiven Wandstrukturen, wie Skovsporet zeigt.

Er ersetzt jedoch nicht den ganzheitlichen Bauprozess und löst nicht automatisch die Kosten-, Klima- und Fachkräfteprobleme der Branche. Seine Stärke entfaltet das Verfahren dort, wo digitale Planung, Materialwissenschaft und Baustellenautomatisierung präzise ineinandergreifen. Genau deshalb lohnt sich der Blick nach Dänemark: Hier wird sichtbar, wie sich der 3D-Druck pragmatisch in einen realen Bauablauf integrieren lässt.

Für die langfristige Entwicklung der Baupraxis wird genau diese serielle Skalierbarkeit der entscheidende Faktor sein.

Quellen und weiterführende Informationen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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