Material für Mini-Reaktoren 13.03.2026, 15:32 Uhr

Neuer Spezialzement soll Atomkraftwerke sicherer machen

Forschende entwickeln strahlungsresistenten Zement für Kernkraftwerke und SMR. Ein neuer Baustoff soll Reaktoren künftig sicherer machen.

In einem Bau-Prüflabor wird ein kubischer Betonprobekörper in einer Druckprüfmaschine belastet

In einem Bau-Prüflabor wird ein kubischer Betonprobekörper in einer Druckprüfmaschine belastet, bis er zerbricht. Solche Tests zeigen, wie hoch die Festigkeit von Beton ist – ein entscheidender Faktor auch für Sicherheitsstrukturen in kerntechnischen Anlagen.

Foto: Smarterpix / ant_ref@mail.ru

Die Kernenergie erlebt international eine neue Aufmerksamkeit. Steigende Strompreise, geopolitische Spannungen und ehrgeizige Klimaziele führen dazu, dass viele Staaten ihre Energiepolitik neu bewerten. Besonders kleine modulare Reaktoren – sogenannte Small Modular Reactors (SMR) – gelten als mögliche Ergänzung zu erneuerbaren Energien.

Während Politik und Industrie über Reaktorkonzepte und Finanzierung diskutieren, rückt ein anderes Thema in den Fokus: die Materialien, aus denen solche Anlagen gebaut werden. Forschende am Indian Institute of Technology (IIT) Guwahati haben einen Zementmörtel entwickelt, der mechanisch belastbarer sein und gleichzeitig Strahlung besser abschwächen soll.

Die Idee dahinter ist vergleichsweise pragmatisch. Statt völlig neue Werkstoffe zu entwickeln, modifizieren die Forschenden einen der wichtigsten Baustoffe moderner Infrastruktur: Zement.

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Sicherheit beginnt beim Baustoff

In kerntechnischen Anlagen spielen Baustoffe eine entscheidende Rolle. Beton und Stahlbeton bilden die äußeren Strukturen von Reaktorgebäuden, Abschirmwänden und Sicherheitsbarrieren. Diese Bauteile müssen über Jahrzehnte stabil bleiben und gleichzeitig Strahlung abschwächen.

Der sogenannte Sicherheitsbehälter eines Reaktors besteht deshalb aus mehreren Schichten: Stahl, Stahlbeton und weiteren Materialien. Sie sollen radioaktive Stoffe selbst bei extremen Ereignissen zurückhalten – etwa bei Erdbeben, Explosionen oder starken Temperaturunterschieden.

Unfälle wie Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) haben deutlich gemacht, wie wichtig robuste Sicherheitsstrukturen sind. Die Forschung an widerstandsfähigeren Baustoffen gehört deshalb seit Jahren zu den zentralen Themen im nuklearen Anlagenbau.

Mikropartikel verändern den Zement

Das Team um Bauingenieur Hrishikesh Sharma setzte genau an dieser Stelle an. Die Forschenden entwickelten einen Zementmörtel, der durch spezielle Mikropartikel ergänzt wird. Diese Zusatzstoffe sollen sowohl die mechanischen Eigenschaften als auch die Strahlungsabschirmung verbessern.

Zum Einsatz kommen vier Oxide:

  • Boroxid
  • Bleioxid
  • Bismutoxid
  • Wolframoxid

Die Partikel wurden in kleinen Mengen in den Zementmörtel eingebracht. Anschließend untersuchte das Team, wie sich die Mischung nach 28 Tagen Aushärtung auf Druckfestigkeit und Strahlungsabschirmung auswirkt.

Die Ergebnisse zeigen unterschiedliche Effekte

Bleioxid erhöht vor allem die Dichte und Festigkeit des Materials. Wolframoxid verbessert die Rissbeständigkeit und kann gleichzeitig Gamma-Strahlung abschwächen. Boroxid wiederum ist besonders effektiv bei der Absorption von Neutronen, während Bismutoxid ebenfalls zur Abschwächung von Gamma-Strahlung beitragen kann.

Damit adressiert die Materialmischung zwei zentrale Anforderungen: strukturelle Stabilität und Strahlungsabschirmung. Sharma erklärt dazu: „Die Sicherheit der nuklearen Infrastruktur hängt entscheidend von der Leistungsfähigkeit der Sicherheitsbehältermaterialien unter extremen mechanischen und strahlungstechnischen Bedingungen ab.“

Und weiter: „Durch diese Forschung haben wir gezeigt, dass sorgfältig entwickelter, mit Mikropartikeln modifizierter Zementmörtel sowohl die strukturelle Integrität als auch die Strahlungsabschirmungsfähigkeit erheblich verbessern kann.“

Vom Mörtel zum Beton

Bis zur praktischen Anwendung ist der Weg allerdings noch lang. Die bisher untersuchten Materialien betreffen vor allem Zementmörtel, also einen Bestandteil späterer Betonmischungen.

Der nächste Schritt besteht darin, die Rezeptur auf vollständige Betonmischungen zu übertragen und anschließend Bauteile aus Stahlbeton zu testen. Erst dann lässt sich beurteilen, ob sich der Ansatz für reale Bauwerke eignet.

Die Forschenden arbeiten außerdem daran, die Dosierung der Mikropartikel zu optimieren. Ziel ist ein Gleichgewicht zwischen mehreren Eigenschaften:

  • mechanische Festigkeit
  • Dauerhaftigkeit
  • Verarbeitbarkeit
  • Strahlungsabschirmung

Langfristig könnte der Baustoff nicht nur in Kernkraftwerken, sondern auch in medizinischen Strahleneinrichtungen oder Forschungsreaktoren eingesetzt werden.

Kleine Reaktoren, neue Anforderungen

Die Materialentwicklung fällt in eine Phase, in der sich die Kerntechnik verändert. Klassische Kernkraftwerke erreichen häufig Leistungen von über 1000 MW. SMR-Reaktoren sind deutlich kleiner. Sie liefern meist weniger als 300 MW elektrische Leistung.

Die Industrie verbindet damit eine einfache Rechnung: kleinere Reaktoren sollen schneller gebaut, seriell gefertigt und damit wirtschaftlicher werden. Viele Konzepte sehen vor, Reaktormodule in Fabriken zu produzieren und anschließend am Standort zu montieren.

Allerdings ist der Begriff SMR eher ein Sammelbegriff. Der Reaktorforscher Christoph Pistner vom Öko-Institut beschreibt das so: „Small Modular Reactor ist eigentlich ein Sammelbegriff für Atomkraftwerke, die weniger als 300 Megawatt elektrischer Leistung haben.“

Die technischen Konzepte reichen von klassischen Druckwasserreaktoren bis zu experimentelleren Varianten mit Natrium, Blei oder Salzschmelzen als Kühlmittel.

Politischer Rückenwind für Kernenergie

Parallel zur technischen Entwicklung verändert sich auch die politische Diskussion über Kernenergie. Beim Atomgipfel in Frankreich betonte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Europa müsse seine Energiepolitik breiter aufstellen.

„Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, der Kernenergie als einer zuverlässigen bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren.“ Und weiter: „Europa will an dieser Renaissance teilhaben.“

Die EU-Kommission hat deshalb eine Strategie vorgestellt, mit der SMR-Reaktoren bis Anfang der 2030er-Jahre zur industriellen Anwendung gebracht werden sollen. Dazu gehören harmonisierte Genehmigungsverfahren und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten.

Auch die Finanzierung spielt eine Rolle. Die Europäische Investitionsbank plant, in den kommenden drei Jahren mehr als 75 Mrd. € für Energieprojekte bereitzustellen. Diese Mittel sollen unter anderem in Infrastruktur, neue Energietechnologien und Effizienzmaßnahmen fließen.

Frankreich zählt zu den stärksten Befürwortern der Kernenergie in Europa. Präsident Emmanuel Macron sieht darin einen wichtigen Baustein für wirtschaftliche Stabilität. „Wir brauchen die Kernenergie, weil sie eine Quelle von Fortschritt, Wohlstand und Unabhängigkeit ist.“

Kritik an SMR bleibt

Trotz politischer Unterstützung bleibt die Skepsis gegenüber SMR groß. Kritikerinnen und Kritiker weisen darauf hin, dass viele Projekte noch weit von einer kommerziellen Nutzung entfernt sind. Die Energieökonomin Claudia Kemfert formuliert es deutlich: „Atomenergie ist mit Abstand die teuerste Art der Stromerzeugung.“

Auch bei kleinen Reaktoren ist der wirtschaftliche Vorteil bislang nicht bewiesen. Das US-Projekt NuScale etwa wurde nach stark steigenden Kosten gestoppt. Andere Konzepte befinden sich noch im Genehmigungs- oder Teststadium. Selbst optimistische Szenarien gehen davon aus, dass größere SMR-Programme erst Mitte der 2030er-Jahre Strom liefern könnten.

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Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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