Energie 09.03.2026, 15:00 Uhr

Atom-Pläne mit neuartigen Reaktoren „fern jeder Realität“

Atomkraftwerke werden wieder positiv wahrgenommen. Eine Forschungsarbeit geht dem nach, auch mit Blick auf die Geschichte. Mit ernüchternden Ergebnissen.

Ehemaliges Atomkraftwerk Grafenrheinfeld: Ein Dampferzeuger wirden aus ehemaligem Reaktorgebäude geholt.

Rückbau von Kernkraftwerken in Deutschland: Ein Dampferzeuger im ehemaligen Kernkraftwerk Grafenrheinfeld wird mithilfe eines Schwerlastkrans aus dem Reaktorgebäude gehoben und auf zwei Träger für den Weitertransport montiert.

Foto: picture alliance/dpa | Daniel Vogl

Gerade in letzter Zeit erklären verantwortliche Politikerinnen und Politiker auch hierzulande wieder verstärkt: Neuartige Atomkraftwerke seien die wahre, weil billigere Zukunft unserer Stromversorgung. Doch Fanny Böse versetzt ihnen mit ihrer brandaktuellen Doktorarbeit einen Schlag ins Kontor: Bei der Onlinepräsentation ihrer Dissertation „Long-Term Development of the Nuclear Power System: A Socio-Techno-Ecological Analysis of Technology, Narratives and Sustainability Gaps“ stellte sie jedenfalls klar: „Diese Ideen sind fern jeder Realität!“

Jetzt wäre einer solchen Veröffentlichung mit großer Skepsis entgegenzutreten – wenn sie nicht ausgerechnet beim BASE entstanden wäre, dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, also einer dem Bundesumweltministerium nachgeordneten Atom-Aufsichtsbehörde. Und dessen Chef, Bundesumweltminister Carsten Schneider, hatte unlängst erst zu Avancen seiner Kabinettskollegin Karherina Reiche in Richtung neuer Kernkraftwerke gesagt: „Diese kleinen Reaktoren sind ein großer Mythos. Es wird viel über sie geredet, aber es scheitert an der Umsetzung.“

Studienarbeit widerspricht Aussicht auf preiswerte Kleinreaktoren

Zur Erinnerung: Ende des Jahres 2025 musste Kanadas Regierung Markus Söder widersprechen: Bayerns CSU-Ministerpräsident hatte der Öffentlichkeit von einem dort funktionierenden „Small Modular Reactor“ (SMR) als Vorbild auch für unsere Stromwirtschaft erzählt. Aber im Land nördlich der USA gibt es gar kein solches SMR-Projekt, nur eine vage Idee dafür.

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Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin Fanny Böse hat nun klargestellt: Zwar werde immer wieder erwartet, SMR-Reaktoren würden die Kernkraft günstiger machen. Sie haben jedoch weniger als 300 MW elektrischer Leistung. „Das Problem ist zunächst der Kostennachteil gegenüber den bestehenden Techniken: Den müssen sie erst einmal kompensieren.“

Dafür trug sie „Lernraten“ vor: „Erst ab 3000 Reaktoren mit identischem Design ist ein SMR gleich teuer wie heutige AKW. Das gibt Ihnen vielleicht eine Idee, von welchen Dimensionen wir sprechen.“ Denn Status quo seien vereinzelt realisierte SMR: zwei in Russland, einer in China. Die US-Firma Nuscale wiederum, die sich selbst als „the global leaders in SMR nuclear technology“ bezeichnet, hat laut der Wissenschaftlerin „finanzielle Schwierigkeiten. Wir sind also ganz weit entfernt“ von der Zahl 3000.

Das Kernenergieparadoxon: Wiederholung bekannter Technologiekonzepte macht noch keinen realen Boom

Die zweite, immer wieder erwähnte Atomkrafttechnologie ist die sogenannte „Plutonium-Ökonomie“: Reaktoren, die sich ihren Brennstoff selbst „erbrüten“. Davon seien in Russland drei Anlagen in Betrieb und in China eine. Dabei stamme das Konzept bereits aus den 1970er-Jahren, stellte Böse fest und nannte eine „Szenariensammlung“, die immer noch im Umlauf sei. Doch bis heute sei „deren Kostenvorteil rein hypothetisch“; selbst Leichtwasserreaktoren seien weiterhin billiger.

In ihrer Doktor-Arbeit zeigt sie auch auf Grundlage umfangreicher Datenanalysen auf: Ambitionierte Ausbauprojektionen stellten für die Atomenergie kein neues Phänomen als Antwort auf den Klimawandel dar, sondern bildeten seit den 1970er-Jahren ein wiederkehrendes Muster.

Warum aber werden diese Neu-Atom-Ideen trotzdem immer wieder in die Öffentlichkeit gestellt, wurde die BASE-Mitarbeiterin gefragt. Ihre Antwort: „Das ist das Kernenergieparadoxon“; verschiedenste Energie-Organisationen „haben über lange Jahre ihre alten Szenarien im Blick und lassen die unrealistischen Annahmen weiterleben“. Dabei berief sie sich unter anderem auf Szenarien der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO, der Internationalen Energieagentur IEA oder des Weltklimarats IPCC.

Strom aus neuen Atomkraftwerken wäre Stand heute viel zu teuer

Künstlerische Darstellung von so gernannten "Small Modular Reactors" SMR. Foto: aa-w/Smarterpix
Künstlerische Darstellung von sogenannten „Small Modular Reactors“ (SMR). Foto: aa-w/Smarterpix

Ohnehin stagniere der Atom-Zubau seit den 1980er-Jahren; die installierte elektrische Atomkraftwerksleistung sank von etwa 105.000 MW (1990) auf um die 95.000 MW (2020). Zubau sei außer in Ländern wie China oder Russland, wo der Staat für die Kosten aufkommt, kaum zu verzeichnen. Und die wenigen aktuell im Bau befindlichen Atomkraftwerke auf Basis von Leichtwasserreaktoren in westlichen Ländern seien „stark überteuert und dauern deutlich länger als erwartet“. Nur eines der von Böse genannten Beispiele: Flamanville-3 im Nachbarland Frankreich. Das Atomkraftwerk sollte ursprünglich 4,3 Mrd. $ kosten, zurzeit stehen 25 Mrd. $ im Raum.

Gebaut wurde dort 17 Jahre lang, geplant waren gerade mal 4,5.  Und dann spreche noch etwas anderes gegen neue Atomkraftwerke: Der Strompreis. Lag der für Atomstrom in den 1950er-Jahren bei 42 $/MWh, kostete die Megawattstunde 2022 schon 180 $. Darin seien weder Kosten für den Rückbau der AKW noch für die Endlagerung berücksichtigt. Dagegen wurden zu diesem Zeitpunkt Solar- und Windstrom bereits für unter 60 $/MWh produziert, Tendenz weiter stark sinkend, erläuterte Fanny Böse. Deshalb nannte sie „die Annahmen von deutlich niedrigeren Atomstrom-Kosten, als wir heute haben, unrealistisch“.

Forscherin fordert „kritischen Diskurs“ zum Atomenergieausbau

Die Wissenschaftlerin hatte im Verlauf ihrer dreijährigen Erarbeitung der Dissertation demnach festgestellt: Es gebe immer wieder „die Erwartung an langfristig greifbare Technologien, aber Energieszenarien sind in der Wissenschaft abstrakt, sind Annahmen und Narrative“. Oder es seien gar „Projektionen von Experten auf aktuell vorgegebene Roadmaps und auf politische Pläne“, so Böse bei der Vorstellung ihrer Forschungsergebnisse.

Am Ende kam Fanny Böse noch einmal auf das Kernenergieparadoxon zurück: Die „hypothetischen und sehr optimistischen Annahmen“ einiger internationaler Organisationen mit starken Ausbauszenarien stünden bis heute „im starken Kontrast zur Realität“, würden aber weiterhin in der realen Welt genutzt. Ihre Forderung deshalb: „Wir brauchen einen kritischen Diskurs und möglichst eine Anpassung“, damit es zu guten energiepolitischen Entscheidungen kommen könne.

Ein Beitrag von:

  • Heinz Wraneschitz

    Freier Fachjournalist in der Metropolregion Nürnberg. Der Ingenieur für Elektrische Energietechnik arbeitet viele Jahre in der Industrie, u.a. Zentrumsleiter für ein herstellerunabhängiges Solarberatungsunternehmen. Seit 2005 ist er mit dem Redaktionsbüro bildtext.de hauptberuflich journalistisch tätig. Seine Themen sind Umwelt, Energie und Wirtschaft.

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