Wie die Dürre Europa den Saft abdreht
Dürre in Europa legt Kraftwerke lahm: Niedrige Pegel stoppen Atom-, Kohle- und Wasserkraft. Drohen Abschaltungen für Industrie auch in Deutschland?
Aktuelle Aufnahme des ungerischen KKW Paks: Ende Juli verkündete Ungarns Premier Peter Magyar, dass die Anlage wegen des niedrigen Donaupegels komplett vom Netz muss. Es ist nicht das einzige Kraftwerk in Europa, dem die Dürre zu schaffen macht.
Foto: picture alliance / Xinhua News Agency | David Balogh
Die neuesten Meldungen kommen vom Donaukraftwerk Paks in Ungarn. Ministerpräsident Péter Magyar höchstpersönlich teilte am Freitagabend (31. Juli, 19:20) per Facebook mit, den letzten der vier Blöcke des Kernkraftwerks Paks aus den 1980er Jahren abzuschalten. Stillstand, zum ersten Mal seit Betriebsbeginn vor 44 Jahren. Grund: die Dürre. Die Donau hat zu wenig Wasser. Rund 2 GW Stromerzeugungsleistung fallen so aus, berichtete dpa. Industriellen Großverbrauchern droht die Kappung der Stromzufuhr, falls ein kompletter Stromausfall im Land droht. Rumänien sprengt heute einen Felsen an der Donau, damit das Wasser aus dem Bala-Kanal wieder besser in Richtung des KKW Cernavodă fließen kann, wie Verteidigungsminister Radu Miruţă auf Facebook mitteilte.
Die Dürre dreht den Kraftwerken den Saft ab. Das betrifft nicht nur Atomkraftwerke, sondern auch Wasser-, Kohle- und Gaskraftwerke. Noch nicht in Deutschland. Aber die Bundesnetzagentur machte just Details zu ihrer geplanten digitalen „Sicherheitsplattform Strom“ (SiPlaS) öffentlich. Die soll regeln, was im Fall der Fälle passiert. Jetzt ist klar: Die ersten, die vom Netz genommen werden, sollen energieintensive Großverbraucher sein. Ein Überblick.
Inhaltsverzeichnis
Wo die Dürre in Europa Kernkraftwerke bereits jetzt in die Knie gezwungen hat
Letzte Woche mussten in Europa eine ganze Reihe von Reaktorblöcken in Kernkraftwerken dürrebedingt vom Netz. Grund hierfür ist einerseits der niedrige Wasserstand der Flüsse, aus denen das Kühlwasser entnommen wird. Aber auch eine mittelbare Folge des niedrigen Wasserstands führt zur Abschaltung. Selbst wenn der Flusspegel an sich noch ausreichen würde – wenn das erwärmte Wasser nach der Kühlung wieder rückgeführt wird, dann könnte flussabwärts nach dem Kraftwerk das Wasser zu warm werden. Naturschutz. Auch dann müssen die Anlagen vom Netz oder drosseln vorausschauend ihre Leistung. In der letzten Woche – und auch in früheren Jahren – ist und war das vor allem immer wieder in Frankreich ein Thema. Eine Übersicht, Stand 3. August 2026 (kein Anspruch auf Vollständigkeit):
- Bulgarien, KKW Kozloduy, Blöcke 5 und 6: Nach Betreiberangaben sei eine Notfall-Flussausbaggerung eingeleitet und Abkommen mit Serbien geschlossen, um eine Komplettstilllegung Ende Juli abzuwenden. Derzeit läuft dass Kraftwerk noch nach Plan. Das KKW Kozloduy liegt an der Donau.
- Frankreich, KKW Golfech, Block 2: Die Anlage an der Garonne ging am 29. und 30. Juli vollständig vom Netz, so EDF. Die Anforderung zur vorübergehenden Stilllegung kommt danach in Frankreich vom nationalen Stromnetzbetreiber RTE. Kriterium ist eine Wassertemperatur von mehr als 28 °C.
- Frankreich, KKW Bugey, Blöcke 3, 4, 5: Nach einem Bericht des Fachmagazins NEI vom Freitag letzter Woche sind auch diese drei Blöcke vom Netz. Hier ist die Rhône betroffen.
- Frankreich, KKW Nogent-sur-Seine, Blöcke 1 und 2: Ende Juli wegen zu hoher Wassertemperaturen der Seine abgeregelt.
- Frankreich, Saint-Alban, Blöcke 1 und 2, Blayais, Blöcke 1 und 3: hier soll es laut NEI eine rollierende Drosslung gegeben haben.
- Rumänien, KKW Cernavodă, Block 1: Am 28. Juli 2026 wegen historisch niedrigem Donaupegel kontrolliert vom Netz getrennt. Block 2 laufe unter strengen Sicherheitsauflagen, so ein Medienbericht. Auch Cernavodă liegt an der Donau.
- Schweiz, KKW Beznau, beide Blöcke: Laut Betreiber Axpo seit dem 24. Juli bereits wegen der hohen Aare-Temperaturen vom Netz.
- Ungarn, KKW Paks, alle Blöcke.
Dürre beutelt auch Gas-, Kohle- und Laufwasserkraftwerke
Wenn zu wenig Wasser durch Europas Flüsse rauscht, dann gehen aber nicht nur die KKW im Gigawatt-Maßstab vom Netz. Logisch erscheint, dass auch Laufwasserkraftwerke betroffen sind: weniger Wasser, weniger Leistung. Ganz aktuell betroffen sind nach unseren Recherchen Anlagen an der Donau in Bulgarien, Rumänien und Serbien. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters fährt das Kraftwerk Eisernes Tor 1, mit 2280 MW das größte Kraftwerk dieser Art an der Donau, derzeit seine Stromerzeugung nur noch auf einem Fünftel. Nach einem Bericht der serbischen Energiemarktagentur ist der Donau-Durchfluss Ende Juli an der rumänischen Grenze auf rund 1700 m³/s gefallen – üblich sind 4.700 m³/s. Die Wasserkraft-Erzeugung brach in der Region drastisch ein, in Bulgarien seien es fast 45 % gewesen.
Aber auch Kohle und Gaskraftwerke können beeinträchtigt werden. Beide nutzen wie Kernkraftwerke Kühlwasser, die Kraftwerksleistung liegen aber in der Regel nicht in der GW-Klasse. Der Bedarf an Kühlwasser ist bei Kernkraftwerken, vor allem, wenn sie mehrere Blöcke haben, allein oft leistungsbedingt höher. Bei Kohlekraftwerken kommt hinzu, dass der Fluss vor der Haustür oft die Versorgungsstraße mit Brennstoff ist. Und bei sinkendem Pegel können die Frachtschiffe nicht mehr so viel zuladen. Es gibt einen Logistikengpass.
Um die Stromproduktion aufrecht zu erhalten, wird dann weniger Strom erzeugt, um die Vorräte an Brennstoff strecken zu können. Ende Juli 2026 drosselte das serbische Kohlekraftwerk Kostolac seine Produktion. Hintergrund war hier konkret die mangelnde Kühlwasseransaugung durch den niedrigen Donaupegel.
Was die Bundesnetzagentur vorhat, wenn die Dürre auch in Deutschland den Saft abdreht
Die Idee einer Sicherheitsplattform für die Energieversorgung in Deutschland – sie entstand als Reaktion auf den Einmarsch Russlands in die Ukraine. Seit Oktober 2022 gibt es bei der Bundesnetzagentur daher die Sicherheitsplattform Gas. Die für Strom schien weniger vordringlich, aber es wird an ihr gearbeitet.
Die Bundesnetzagentur in Bonn ist dran an einem Pendant im Stromsektor. „Rein präventiv“, wie die Agentur dem Fachblatt ZfK bestätigte. Online ist die Siplas abgekürzte Plattform noch nicht zu finden.
Soviel ist aber dem Ursprungsbericht des Onlineportals Apollo zu entnehmen: „Im Ernstfall will die Regulierungsbehörde energieintensive Unternehmen mithilfe dieser Plattform dazu zwingen, ihre Produktion herunterzufahren. Folgen die Betriebe dieser Aufforderung nicht, kann die Bundesnetzagentur ihnen den Strom abstellen lassen.“
Was die Sicherheitsplattform Strom regeln soll
Laut Apollo arbeite die Agentur an der Plattform. Was bei einem Blackout – also einer kurzfristigen Stromunterbrechung – passieren muss, dafür gibt es etablierte Verfahren der Netzbetreiber. Aber eine Kraftwerksabschaltung durch sinkende Pegelstände eines Flusses – sprich: Dürre – ist längerfristig absehbar. Der „Welt“ zufolge sollen die betroffenen Unternehmen im Notfall mit einem Vorlauf von 3 d bis zu 24 h angewiesen werden, ihren Stromverbrauch zu reduzieren.
Siplas soll als deutschlandweite Datenbank und Kommunikationsplattform alle Endabnehmer im Land mit mehr als 8 GWh Jahresstrombedarf verpflichtend registrieren. Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion baue das System derzeit im Namen der Bundesnetzagentur auf und solle es auch betreiben, so der Apollo-Bericht. Eine Strommangellage aber ist akut nicht vorhanden, Deutschland gilt seit Jahren als das Land in Europa mit dem stabilsten Stromnetz. Das betont auch die Bundesnetzagentur immer wieder.
Wenn der Stromausfall auch uns erreicht, muss trotzdem die Kommunikation funktionieren. Keine einfache Aufgabe, aber in dieser Hinsicht ist in Deutschland manches aufgesetzt. Schließlich soll die kritische Infrastruktur von THW und Feuerwehren über Krankenhäusern, Bahn und Wasserversorgung bis hin zum Rundfunk funktionieren. Die Siplas-Plattform bringt jetzt Ordnung ins Gefüge, weil es für alle Beteiligten besser ist, vorab zu wissen, wer zuerst vom Netz muss, falls es einen Versorgungsengpass bei Strom gibt. Ob durch einen Kriegsfall oder Wetterlagen spielt dabei keine Rolle.
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