Neubau zwischen Ruinen: So kämpft Japan um die Geisterinsel Hashima
Solarstrom, Starlink und kein klassisches Fundament: Ein neuer Stützpunkt soll den Erhalt der zerfallenden Insel Hashima erleichtern.
Die Ruinenstadt Hashima liegt rund 15 km vor Nagasaki. Wegen ihrer von Ufermauern und Betonbauten geprägten Silhouette wird die ehemalige Bergbauinsel auch Gunkanjima – Kriegsschiffinsel – genannt.
Foto: picture alliance / imageBROKER | Roland Marske
Auf Japans verlassener Bergbauinsel Hashima ist erstmals seit 56 Jahren wieder ein Gebäude entstanden. Der kleine Holzbau kommt ohne klassische Fundamente aus und versorgt sich teilweise selbst mit Strom. Er soll Forschern und Arbeitern als Stützpunkt dienen – denn Salz, Taifune und eindringendes Wasser lassen die berühmte Betonstadt immer schneller zerfallen.
Auf Hashima wurde mehr als ein halbes Jahrhundert lang nichts Neues gebaut. Seit dem 16. April 2026 steht auf der verlassenen Insel nun wieder ein nutzbares Gebäude. Der eingeschossige Holzbau trägt die nüchterne Bezeichnung „Gebäude 72“ und soll vor allem Forschern und Arbeitern als Stützpunkt dienen.
Das klingt zunächst unspektakulär. Auf Hashima ist jedoch schon der Bau eines 52,44 m² großen Hauses eine technische Herausforderung. Die Insel liegt rund 15 km vor Nagasaki, besitzt keine normale Versorgungsinfrastruktur und ist nur per Schiff erreichbar. Hohe Wellen, starke Winde und Taifune können den Zugang tagelang verhindern. Zudem steht Hashima unter Denkmalschutz. Der Boden darf deshalb nicht ohne Weiteres verändert werden.
Der Neubau ist Teil einer langfristigen Strategie. Nagasaki will die Ufermauern, Reste der Bergbauanlagen und ausgewählte Wohngebäude sichern. Dafür kalkuliert die Stadt über 30 Jahre mit Kosten von 14,76 Mrd. Yen. Vollständig erhalten lässt sich die Geisterstadt jedoch nicht. Viele Stahlbetonbauten sind bereits irreversibel geschädigt.
Inhaltsverzeichnis
- Ein Holzhaus ohne klassische Fundamente
- Photovoltaik, Batteriespeicher und Starlink
- Warum ausgerechnet jetzt wieder gebaut wird
- Aus einem Felsen wurde eine Bergbaustadt
- 5267 Menschen auf wenigen Hektar
- Salz lässt die Betonstadt auseinanderbrechen
- Nicht jedes Gebäude kann gerettet werden
- Vier Kameras und ein digitales Modell
- Nicht die gesamte Geisterstadt ist Welterbe
- Zur Geschichte gehört die Zwangsarbeit
- Besucher dürfen nur einen kleinen Teil betreten
Ein Holzhaus ohne klassische Fundamente
Gebäude 72 ist 3,11 m hoch und wurde aus handelsüblichen Holzbauteilen zusammengesetzt. Die Konstruktion soll sich mit vergleichsweise einfachen Arbeitsschritten errichten lassen. Außenwände aus tragenden Holzwerkstoffplatten nehmen die horizontalen Kräfte bei Erdbeben auf.
Ein herkömmliches Fundament kam nicht infrage. Da Hashima als historische Stätte geschützt ist, durfte der Untergrund nicht durch größere Erd- oder Gründungsarbeiten verändert werden. Gewichte entlang der Außenwände sollen deshalb verhindern, dass starke Winde das Gebäude verschieben oder zum Kippen bringen.
Dafür verwendeten die Bauleute Drahtkörbe, die mit Schutt von der Insel gefüllt wurden. Nach Angaben des Baukonzerns Shimizu handelt es sich um Material, das nicht zu den geschützten Bestandteilen der historischen Anlage gehört. Die Lösung reduziert zugleich die Menge an Baustoffen, die per Schiff nach Hashima gebracht werden muss.
Der Neubau soll nicht nur als Forschungs- und Arbeitsraum dienen. Bei Unfällen, plötzlichen Erkrankungen oder extremem Wetter können Besucher dort vorübergehend Schutz suchen. Eine dauerhaft besetzte Rettungsstation ist Gebäude 72 allerdings nicht.
Photovoltaik, Batteriespeicher und Starlink
Auch bei der Versorgung muss der kleine Stützpunkt weitgehend ohne vorhandene Netze auskommen. Shimizu testet deshalb ein begehbares Photovoltaiksystem. Die quadratischen Module sind jeweils 35 cm breit und werden wie Pflasterelemente auf dem Boden verlegt.
Zunächst wurden 20 Module mit einer maximalen Leistung von jeweils rund 21 W installiert. Sie sind mit einem mobilen Batteriespeicher verbunden und sollen Strom für Beleuchtung, Klimatisierung und Kommunikation liefern. Bei Bedarf lässt sich das System erweitern.
Für die Datenverbindung kommt der Satellitendienst Starlink zum Einsatz. Die Internetverbindung soll es ermöglichen, Messdaten zu übertragen und Forschungsarbeiten besser mit Fachleuten auf dem Festland abzustimmen. Gerade nach Unwettern könnten Schäden dadurch schneller bewertet werden.
Auch die Abwasserentsorgung ist aufwendig. Das neue Toilettensystem benötigt keine regelmäßige Frischwasserzufuhr. Nach Angaben der Projektpartner reichen 400 l mit Chemikalien versetztes Spülwasser für ungefähr 2.500 Nutzungen. Feststoffe setzen sich in einem Behälter ab, während das darüberstehende Wasser aufbereitet und erneut verwendet wird.
Warum ausgerechnet jetzt wieder gebaut wird
Der Neubau ist das erste Projekt einer Kooperation zwischen der Stadt Nagasaki und Shimizu. Beide Partner hatten bereits 2015 vereinbart, bei der Erhaltung, Erschließung und öffentlichen Vermittlung Hashimas zusammenzuarbeiten. 2025 wurde die Vereinbarung erneuert und erweitert.
Die Verbindung zwischen dem Baukonzern und der Insel reicht deutlich weiter zurück. Shimizu war nach eigenen Angaben am Bau und an späteren Arbeiten an zahlreichen Gebäuden auf Hashima beteiligt. Dazu zählt auch Gebäude 30, das 1916 errichtet wurde und als ältester noch erhaltener mehrgeschossiger Stahlbeton-Wohnblock Japans gilt.
Historische Bauzeichnungen aus dem Unternehmensarchiv wurden der Stadt Nagasaki für die Dokumentation und Erforschung der Insel zur Verfügung gestellt. Gebäude 72 soll diese Arbeit nun direkt vor Ort erleichtern.
Der kleine Holzbau wird Hashima also nicht retten. Er verbessert jedoch die Bedingungen für jene Fachleute, die Schäden erfassen, Materialien untersuchen und Sicherungsverfahren entwickeln sollen.

Aus einem Felsen wurde eine Bergbaustadt
Hashima ist nur etwa 480 m lang und 160 m breit. Ihren Beinamen Gunkanjima – Kriegsschiffinsel – verdankt sie der Silhouette aus hohen Ufermauern und dicht stehenden Betongebäuden.
Ursprünglich war Hashima lediglich ein kleiner Felsen im Meer. Unter dem Meeresboden befanden sich jedoch ergiebige Kohleflöze. Mitsubishi übernahm das Bergwerk 1890 und baute den unterseeischen Kohleabbau aus.
Mit der Förderung wuchs die Insel. Bergematerial wurde verwendet, um rund um den ursprünglichen Felsen neue Flächen aufzuschütten. Ufermauern schützten das künstlich geschaffene Gelände gegen hohe Wellen. Hashimas heutiger Umriss ist daher kein natürliches Küstengebilde, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Bergbau- und Küstenbauarbeiten.
Auf der Süd- und Ostseite lagen Schächte, Werkstätten, Aufbereitungsanlagen und Einrichtungen zum Verladen der Kohle. Auf den übrigen Flächen drängten sich Wohnhäuser und öffentliche Gebäude. Unter der Insel führten Schächte und Strecken weit unter den Meeresboden.
5267 Menschen auf wenigen Hektar
Weil die Fläche knapp war, baute Mitsubishi früh in die Höhe. Neben Gebäude 30 entstanden weitere mehrgeschossige Wohnkomplexe aus Stahlbeton. Auf Hashima gab es Schulen, ein Krankenhaus, Geschäfte, öffentliche Bäder, Gemeinschaftsräume, einen Tempel und einen Schrein.
1959 erreichte die Insel mit 5267 Bewohnern ihren höchsten Bevölkerungsstand. Bezogen auf die gesamte Fläche lebten rechnerisch mehr als 80.000 Menschen je km² auf Hashima. Offizielle Stellen in Nagasaki bezeichnen sie deshalb als den damals am dichtesten besiedelten Ort der Welt. Solche Rekorde hängen allerdings davon ab, welche Flächen und Siedlungsformen miteinander verglichen werden.
Die extreme Verdichtung war nur möglich, weil nahezu das gesamte Leben vom Bergwerk organisiert wurde. Arbeitsplätze, Wohnungen und Versorgungseinrichtungen bildeten ein geschlossenes System.
Als Kohle in Japan gegenüber Erdöl an Bedeutung verlor, brach dieses System zusammen. 1974 schloss Mitsubishi das Bergwerk. Noch im selben Jahr war die Insel unbewohnt. Hinweise auf eine panische Flucht der Bewohner gibt es nicht. Der Auszug erfolgte jedoch innerhalb weniger Monate.
Salz lässt die Betonstadt auseinanderbrechen
Seit der Schließung fehlen Wartung, Entwässerung und regelmäßige Reparaturen. Gleichzeitig ist Hashima einer besonders aggressiven Meeresumgebung ausgesetzt. Salzige Gischt erreicht Fassaden und Innenräume. Regen dringt durch beschädigte Dächer ein. Bei hohen Wellen läuft Meerwasser über die Ufermauern.
Für die Stahlbetongebäude ist vor allem der Eintrag von Chloriden problematisch. Normalerweise schützt die alkalische Umgebung im Beton die Bewehrung vor Korrosion. Gelangen jedoch genügend Chloride bis zum Stahl, kann diese Schutzwirkung zusammenbrechen.
Bei der Korrosion entstehen Rostprodukte, die mehr Volumen beanspruchen als der ursprüngliche Stahl. Dadurch bilden sich Spannungen im Beton. Risse entstehen, die Betonüberdeckung platzt ab und die Bewehrung liegt frei. Gleichzeitig nimmt der tragfähige Stahlquerschnitt ab.
Auf Hashima verstärken sich die Schäden gegenseitig. Risse erleichtern das Eindringen von Wasser und Salz. Beschädigte Entwässerungen halten Feuchtigkeit in den Konstruktionen. Weitere Abplatzungen öffnen neue Angriffsflächen.
Der Erhaltungsplan der Stadt spricht von teilweise irreversiblen Schäden. Für stark degradierte Stahlbetonbauten in einer solchen Umgebung gebe es keine etablierte Technik, mit der sich ihr dauerhafter Erhalt garantieren lasse.

Nicht jedes Gebäude kann gerettet werden
Nagasaki muss deshalb Prioritäten setzen. Der aktuelle Kostenrahmen für die über 30 Jahre geplanten Arbeiten liegt bei 14,76 Mrd. Yen. Die Summe umfasst vier große Bereiche:
- die Ufermauern,
- die steinernen Stützwände,
- die Reste der Produktionsanlagen,
- Wohngebäude, Besucherwege und weitere Einrichtungen.
An erster Stelle stehen die Ufermauern und Stützwände. Sie besitzen eine doppelte Funktion. Einige Abschnitte stammen aus der für den Welterbestatus maßgeblichen Meiji-Zeit. Zugleich halten sie die aufgeschütteten Flächen zusammen und schützen die Insel vor den Wellen.
Versagen diese Konstruktionen, könnten Aufschüttungen ausgespült und darauf stehende Ruinen zusätzlich destabilisiert werden. Vorgesehen sind unter anderem das Verfüllen von Rissen, das Schließen von Hohlräumen unter Wasser und Verstärkungen auf der Innenseite der Mauern.
Danach folgen die Reste der Kohleförderung. Sie zeigen, wie die Kohle aus den unterseeischen Flözen gefördert, aufbereitet, gelagert und auf Schiffe verladen wurde.
Bei den Wohngebäuden sollen zunächst Bauten gesichert werden, die das Erscheinungsbild der Insel besonders stark prägen und deren Erhaltung technisch noch realistisch erscheint. Als erstes größeres Wohngebäude nennt Nagasaki den vergleichsweise wenig geschädigten Block Nummer 3.
Vier Kameras und ein digitales Modell
Bevor Bauteile gesichert werden können, müssen Fachleute ihren Zustand genau erfassen. Die gesamte Insel wurde deshalb bereits mit einem 3D-Laserscanner aufgenommen. Aus den Daten entstand ein digitales Modell der Bauwerke und Geländeformen.
Darüber hinaus sieht der Erhaltungsplan vier fest installierte Kameras vor. An ausgewählten Ufermauern, Produktionsanlagen und Wohngebäuden sollen Neigungen und Rissbreiten alle sechs Monate gemessen werden. Die Ergebnisse fließen in regelmäßige Zustandsberichte ein.
Das Monitoring kann den Zerfall nicht stoppen. Es zeigt aber, welche Schäden sich beschleunigen und wo eine Sicherung besonders dringend wird. Der neue Forschungsstützpunkt soll solche Arbeiten erleichtern.
Nicht die gesamte Geisterstadt ist Welterbe
Seit 2015 gehört die Hashima Coal Mine zur UNESCO-Welterbestätte „Stätten der industriellen Revolution der Meiji-Zeit in Japan“. Die serielle Welterbestätte umfasst insgesamt 23 Komponenten aus den Bereichen Eisen- und Stahlproduktion, Schiffbau und Kohlebergbau.
Nicht jedes Gebäude auf Hashima trägt gleichermaßen zum außergewöhnlichen universellen Wert der Welterbestätte bei. Besonders wichtig sind die historischen Ufermauern und Überreste der Kohleförderanlagen aus der Meiji-Zeit.
Viele der bekannten Wohnblöcke entstanden später. Sie sind dennoch bedeutende Zeugnisse der Bergarbeitersiedlung und prägen das charakteristische Erscheinungsbild Hashimas. Die Stadt berücksichtigt deshalb nicht nur den UNESCO-Status, sondern auch den baulichen Zustand, die Sicherheit, die technische Machbarkeit und die Bedeutung eines Gebäudes für die Gesamtansicht.
Zur Geschichte gehört die Zwangsarbeit
Die Industrialisierung Hashimas hat auch eine gewaltsame Seite. Während der japanischen Kolonialherrschaft und des Zweiten Weltkriegs wurden zahlreiche Koreaner und andere Menschen gegen ihren Willen nach Japan gebracht und unter harten Bedingungen zur Arbeit gezwungen.
Das UNESCO-Welterbekomitee stellte 2021 fest, dass Japan diese Geschichte in der öffentlichen Darstellung der Industriestätten nicht ausreichend vermittelt hatte. Es forderte eine verständlichere Darstellung der Zwangsrekrutierung und der Arbeitsbedingungen sowie ein angemessenes Gedenken an die Opfer.
2023 erkannte das Komitee zusätzliche Maßnahmen Japans an. Zugleich forderte es weitere Forschung, zusätzliche Datenerhebung und einen fortgesetzten Dialog mit den betroffenen Staaten. Die historische Kontroverse ist damit nicht abgeschlossen.
Besucher dürfen nur einen kleinen Teil betreten
Hashima ist kein frei zugänglicher Lost Place. Touristen können die Insel nur im Rahmen organisierter Bootstouren besuchen. An Land dürfen sie sich ausschließlich auf gesicherten Wegen und Aussichtsplattformen bewegen.
Die dicht bebauten Wohnviertel bleiben wegen der Einsturzgefahr gesperrt. Bei starkem Wind, hohen Wellen oder schlechtem Wetter werden Fahrten oder Landgänge abgesagt.
Gebäude 72 ändert daran zunächst nichts. Es schafft weder neue Wohnräume noch macht es die Ruinen wieder zugänglich. Seine Aufgabe ist deutlich nüchterner: Es soll Forschung und Sicherungsarbeiten auf einer Insel ermöglichen, auf der bislang selbst Strom, Wasser, Kommunikation und ein geschützter Arbeitsraum fehlten.
Hashima lässt sich nicht in den Zustand von 1959 zurückversetzen. Zu weit ist der Zerfall fortgeschritten, zu aggressiv ist die Lage mitten im Meer. Nagasaki kann jedoch verhindern, dass zentrale Teile der Insel unkontrolliert verschwinden.
Das erste neue Gebäude seit 56 Jahren ist dafür kein Rettungsbauwerk im eigentlichen Sinne. Es ist ein Werkzeug für einen jahrzehntelangen, selektiven Erhalt: Zuerst müssen die Ufermauern halten. Danach können bedeutende Bergbauanlagen und einzelne Wohngebäude gesichert werden. Welche Ruinen langfristig bestehen bleiben, entscheidet sich an ihrem Zustand, den verfügbaren Verfahren – und den Kosten.
Ein Beitrag von: