Härtetest im All 07.07.2026, 18:59 Uhr

Baumaterial für den Mond übersteht ISS-Test und wird teils sogar fester

Ein möglicher Baustoff für Mondbasen hat den Härtetest im All bestanden. Einige Proben waren danach sogar belastbarer.

Mondoberfläche mit Förderanlagen und Maschine die auf dem Mond Rohstoffe abbauen, mit der Erde im Hintergrund.

Auf dem Mond gewonnener Regolith gilt als möglicher Rohstoff für künftige Infrastruktur – vom Landeplatz bis zum Baumaterial.

Foto: picture alliance / Zoonar | Oliver Boehmer

Baustoffe für den Mond müssen weitaus mehr aushalten als klassischen Druck und statisches Gewicht. Sie müssen im Vakuum bestehen, kosmische Strahlung blockieren, extreme Temperaturwechsel verkraften und den harschen Bedingungen des Weltraums dauerhaft standhalten. Ein Forschungsteam der University of Delaware hat deshalb Proben eines potenziellen Mond-Baustoffs sechs Monate lang außen an der Internationalen Raumstation (ISS) getestet.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die Proben zeigten nach Angaben der Forschenden keinerlei Degradation. Einige waren nach ihrer Rückkehr sogar fester als identische Vergleichsproben, die parallel auf der Erde gelagert wurden.

Bevor wir in die Details gehen, ist eine fachliche Einordnung wichtig:

  • Kein echter Mondstaub: Getestet wurde simuliertes Mond- und Marsregolith (Regolith-Simulanzien).
  • Begrenzter Aussagekräftigkeit: Der Versuch beweist, dass die ausgehärteten Materialien im niedrigen Erdorbit (LEO) stabil bleiben. Er ist jedoch kein automatischer Beleg dafür, dass sich daraus auf dem Mond ohne Weiteres Straßen, Landeplätze oder Habitate errichten lassen.

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Warum Baustoffe auf dem Mond ein eigenes Problem sind

Wer dauerhaft auf dem Mond operieren will, benötigt eine funktionale Infrastruktur. Dazu gehören:

  • Landeplätze und Startrampen
  • Verkehrswege und Transportpfade
  • Schutzstrukturen gegen Strahlung und Mikrometeoriten
  • Fundamente für technische Anlagen
  • Bauteile für künftige Habitate

Diese Materialien von der Erde mitzubringen, ist wirtschaftlich und logistisch kaum darstellbar. Jedes zusätzliche Kilogramm Nutzlast erhöht die Startkosten und den Treibstoffbedarf massiv.

Deshalb rückt die sogenannte In-situ Resource Utilization (ISRU) in den Fokus der Raumfahrtforschung. Das Prinzip: Rohstoffe werden direkt vor Ort gewonnen und verarbeitet. Auf dem Trabanten betrifft das vor allem das Regolith – die lockere Staub- und Gesteinsschicht der Mondoberfläche.

„Regolith ist im Wesentlichen ein tonartiges Silikatmaterial“, erklärt Norman Wagner, Inhaber des Unidel Robert L. Pigford-Lehrstuhls für Chemieingenieurwesen an der University of Delaware. „Er ist sowohl auf der Erde als auch auf dem Mond eines der am häufigsten vorkommenden Materialien, was ihn für den Bau interessant macht.“

Geopolymere statt klassischem Zement

Das Team um Wagner setzt bei der Materialentwicklung auf Geopolymere. Dabei handelt es sich um zementähnliche, anorganische Bindemittel, die aus alumosilikatischen Ausgangsstoffen entstehen. Vereinfacht ausgedrückt: Tonartige Materialien werden chemisch aktiviert und vernetzen sich zu einem festen Verbund.

Der werkstoffliche Unterschied zu klassischem Zement (Portlandzement) ist fundamental: Geopolymere benötigen keinen klassischen, energieintensiven Klinkerprozess mit hohen Brenntemperaturen. Für Mondmissionen ist das ein entscheidender Vorteil, da Energie, Wasser und Zusatzstoffe vor Ort stark limitiert sind. Je weniger Equipment und Masse von der Erde importiert werden müssen, desto effizienter ist das Bauverfahren.

In früheren Laborversuchen zeigten sich jedoch klare materialspezifische Grenzen des Materials:

  • Vakuum: Unter Luftabschluss sank die Druckfestigkeit der Probekörper teilweise.
  • Tiefe Temperaturen: Bei Bedingungen um −80 °C reagierten die chemischen Komponenten nicht wie gewünscht.
  • Hohe Temperaturen: Bei Hitze wurden die mondähnlichen Proben zwar fester, aber auch deutlich spröder.

Genau hier setzt der ISS-Test an: Er prüft die Beständigkeit nicht unter künstlichen Laborbedingungen, sondern im realen Weltraumumfeld.

Sechs Monate außen an der ISS

Für das Experiment wurden dünne Platten aus den Geopolymeren im Rahmen der NASA-Mission MISSE-20 (Materials International Space Station Experiment) außen an der ISS montiert. Auf dieser Plattform sind die Werkstoffe jenen extremen Einflüssen ausgesetzt, die sich auf der Erde nur schwer im Verbund simulieren lassen:

  • Ultraviolette Strahlung (UV)
  • Atomarer Sauerstoff
  • Geladene Teilchen (kosmische Strahlung)
  • Permanentes Vakuum
  • Drastische thermische Zyklen (Wechsel zwischen extremer Hitze und Kälte)

Nach sechs Monaten kehrten die Proben zur Erde zurück. Die in der Fachzeitschrift Advances in Space Research veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass sich die Geopolymere qualitativ nicht verschlechtert haben. Dass einige Proben sogar eine höhere Festigkeit als die Erd-Referenzen aufwiesen, ist der wichtigste Befund der Arbeit. Er deutet darauf hin, dass diese Materialklasse im ausgehärteten Zustand robuster gegenüber Weltraumeinflüssen ist als bislang angenommen.

Warum das Ergebnis vorsichtig gelesen werden muss

Trotz des Erfolgs ist die Mondbaustelle damit noch nicht einsatzbereit. Aus ingenieurtechnischer Sicht müssen die Resultate aus drei Gründen differenziert betrachtet werden:

  1. Niedriger Erdorbit vs. Mondoberfläche: Die ISS befindet sich im LEO. Dort spielen atomarer Sauerstoff und die spezifische Ausrichtung der Proben zur Flugbahn eine Rolle. Auf dem Mond hingegen dominieren ungefilterte Solarstrahlung, aggressiver und elektrostatisch aufgeladener Mondstaub sowie noch extremere Temperaturgradienten.
  2. Gehärteter Zustand vs. Verarbeitung: Getestet wurden fertig ausgehärtete Proben. Das löst nicht das Problem des eigentlichen Bauprozesses vor Ort. Das Material muss auf dem Mond automatisiert gemischt, gefördert, geformt oder gedruckt und unter Extrembedingungen zuverlässig ausgehärtet werden. Dieser verfahrenstechnische Schritt ist die eigentliche Hürde.
  3. Simulanzien vs. Realität: Der Einsatz von künstlichem Regolith ist mangels echter Probenmengen unumgänglich. Obwohl die chemischen und physikalischen Eigenschaften gut angenähert sind, ersetzen sie die natürliche Variabilität des echten Mondbodens nicht vollständig.

Dominiks Einordnung: Der Begriff „Baumaterial für den Mond“ ist rein begrifflich zulässig, beschreibt aber den aktuellen Entwicklungsstand zu optimistisch. Es handelt sich um ein vielversprechendes Basismodell in der Materialforschung, nicht um ein baureifes Produkt.

KI soll die richtige Rezeptur vorhersagen

Ein weiteres Problem: Mondregolith ist nicht homogen. Je nach Region unterscheidet sich der Boden in seiner Partikelgröße, Mineralogie und chemischen Zusammensetzung. Ein Baustoffverfahren, das nur unter Laborbedingungen mit einer standardisierten Mischung funktioniert, ist für die Praxis untauglich.

Das Team hat daher in einer separaten Studie in Acta Astronautica Methoden des maschinellen Lernens integriert:

  • Das Ziel: Ein KI-Modell soll vorhersagen, welche Festigkeit ein Geopolymer erreicht, wenn die chemische Zusammensetzung des lokalen Regoliths und die Verarbeitungsparameter bekannt sind.
  • Der Nutzen: Ingenieure müssen nicht für jede neue Bodenprobe langwierige Versuchsreihen starten, sondern können Rezepturen und Prozessparameter datenbasiert eingrenzen.

Entscheidend ist die Rheologie und Verarbeitung

Für den Erfolg auf dem Mond ist die Handhabung des Materials vor dem Erstarren kritisch. Das Bindemittel-Gemisch muss fließ- und pumpfähig sein, um beispielsweise im 3D-Druck eingesetzt werden zu können.

Das Labor untersuchte in diesem Kontext den sogenannten kritischen Gelpunkt – also den Übergang von der flüssigen Aufschlämmung (Suspension) zum festen Gefüge. Nach Angaben der University of Delaware hatten mechanische Einwirkungen wie Mischen oder Scherkräfte vor diesem Punkt keinen negativen Einfluss auf die spätere Aushärtungszeit oder die endgültige Festigkeit. Das erhöht die Prozesstoleranz für automatisierte Bauverfahren, bei denen Materialflüsse und Pumpzeiten auf dem Mond kaum millimetergenau steuerbar sind.

Auch für die Bauwirtschaft auf der Erde interessant

Die gewonnenen Erkenntnisse besitzen durchaus Relevanz für die terrestrische Bauwirtschaft. Geopolymere gelten als potenzielle CO₂-ärmere Alternative zu klassischem Zement. Da sie lokale, alumosilikatische Reststoffe oder Tone chemisch aktivieren, lässt sich der thermische Energiebedarf bei der Herstellung theoretisch senken.

Ein kurzfristiger Ersatz für klassischen Beton im Massenbau ist allerdings unrealistisch. Dafür sind die Fragen rund um die großskalierte Rohstoffverfügbarkeit, die bauaufsichtliche Normung, die Langzeitbeständigkeit und die Handhabung im Baualltag noch zu komplex. Die Forschung zeigt jedoch, wie moderne Baustofftechnik, Ressourceneffizienz und Prozessautomatisierung funktional ineinandergreifen können.

Quellen und weiterführende Informationen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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