54 Energiepfähle und 864 Solarmodule: Die Technik hinter Berlins neuem 133-m-Turm
Unter Berlins neuem 133-m-Hochhaus arbeiten 54 Gründungspfähle auch als Wärmetauscher. Dazu kommen Fassaden-PV und ein Roboter im Aufzugsschacht.
Am Berliner Alexanderplatz entsteht das Hochhaus 030BLN. Der Neubau erreicht 133 m Höhe und setzt unter anderem auf thermisch aktivierte Gründungspfähle und Photovoltaik in der Fassade.
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Am Berliner Alexanderplatz wächst das Hochhaus 030BLN in die Höhe. Der Gebäudekern hat inzwischen seine endgültigen 133 m erreicht. Interessant ist der Neubau vor allem dort, wo man wenig davon sieht: 54 Gründungspfähle werden gleichzeitig als Wärmetauscher genutzt. Strom liefern 864 Solarmodule an Dach und Fassade. Selbst der Sprinklertank übernimmt neben dem Brandschutz noch eine zweite Aufgabe.
133 m hoch, 33 Geschosse und rund 60.000 m² Mietfläche: Das 030BLN gehört zu den Hochhäusern, die derzeit das Bild des Berliner Alexanderplatzes verändern. Der Rohbau des Sockelgebäudes ist bereits fertig, die Fertigstellung des gesamten Projekts ist für die zweite Jahreshälfte 2027 vorgesehen. Vorgesehen sind Büros, Einzelhandel, Gastronomie und rund 300 sogenannte Urban-Living-Einheiten.
Für Ingenieurinnen und Ingenieure sind andere Zahlen spannender: 54 thermisch aktivierte Bohrpfähle und 864 Photovoltaikmodule gehören zum Energiekonzept. Hinzu kommen eine natürlich belüftbare Fassade, ein doppelt genutzter Sprinklertank und ein Roboter, der im Aufzugsschacht arbeitet.
Inhaltsverzeichnis
- Gründungspfähle werden zu Wärmetauschern
- Wenn Tragwerk und Gebäudetechnik zusammenkommen
- 864 Solarmodule auf Dach und Fassade
- PV an einem Hochhaus stellt den Brandschutz vor neue Aufgaben
- Auch der Sprinklertank gehört zum Energiekonzept
- Kastenfenster ermöglichen natürliche Lüftung
- Im Aufzugsschacht arbeitet ein Roboter
Gründungspfähle werden zu Wärmetauschern
Ein 133 m hohes Gebäude braucht eine Gründung, die erhebliche Lasten sicher in den Untergrund überträgt. Beim 030BLN bekommen 54 der dafür eingesetzten Bohrpfähle eine zweite Aufgabe.
Sie sind thermisch aktiviert. In den Pfählen verlaufen Rohrleitungen mit einem Wärmeträgermedium. Über diese Leitungen lässt sich Wärme zwischen Gebäude und Erdreich austauschen. Im Heizbetrieb dient der Untergrund als Wärmequelle, beim Kühlen als Wärmesenke. Covivio spricht deshalb von 54 Bohrpfählen, die das Erdreich als Wärmetauscher nutzen.
Die Pfähle selbst erzeugen also weder Wärme noch Kälte. Sie erschließen vielmehr das Erdreich für die Gebäudetechnik. Angaben zur thermischen Leistung, zum erwarteten Jahresertrag oder dazu, welchen Anteil des Heiz- und Kühlbedarfs die Pfähle übernehmen sollen, hat Covivio bislang nicht veröffentlicht.
Wenn Tragwerk und Gebäudetechnik zusammenkommen
Energiepfähle sind keine neue Technik. Interessant wird das Verfahren, weil ein ohnehin erforderliches Bauteil zusätzlich energetisch genutzt wird.
Damit steigen allerdings auch die Anforderungen an die Planung. Geotechnik, Tragwerksplanung und technische Gebäudeausrüstung müssen zusammenpassen. Die Gründung muss weiterhin zuverlässig Gebäudelasten übertragen, gleichzeitig verändert die thermische Nutzung die Temperatur der Pfähle und des umgebenden Bodens.
Wie leistungsfähig solche Systeme sein können, zeigt ein anderes Hochhausprojekt: Beim Timber Peak in Mainz sind 120 statisch erforderliche Bohrpfähle thermisch aktiviert. Dort nennt der Projektentwickler einen Jahresertrag von rund 240 MWh Heiz- und 80 MWh Kühlenergie. Zwei Wärmepumpen übernehmen die Temperierung der Büroflächen.
Für das Berliner 030BLN fehlen vergleichbare Betriebsdaten bislang. Gerade sie wären später interessant, um die tatsächliche Bedeutung der 54 Energiepfähle für das Gesamtsystem beurteilen zu können.
864 Solarmodule auf Dach und Fassade
Oberhalb der Erde übernimmt die Gebäudehülle einen Teil der Energiegewinnung. Insgesamt sollen 864 Photovoltaikmodule rund 120.000 kWh Strom pro Jahr erzeugen. Ein Teil der Module sitzt auf dem Dach, ein anderer wird in die Fassade integriert.
Wie groß damit der Anteil am gesamten Stromverbrauch des Hochhauses sein wird, lässt sich aus den veröffentlichten Daten nicht bestimmen. Technisch interessanter ist ohnehin die Integration der Module in die Fassade.

Bei gebäudeintegrierter Photovoltaik – kurz BIPV – ersetzt die Solartechnik konventionelle Fassadenelemente oder wird konstruktiver Bestandteil der Gebäudehülle. Damit ändern sich die Anforderungen. Die Module müssen nicht nur Strom erzeugen, sondern unter anderem auch in Fassadenkonstruktion, Befestigung und Brandschutz passen.
Wie vielfältig solche Lösungen inzwischen gestaltet werden können, zeigt der Beitrag „Strom aus der Fassade“ auf ingenieur.de. Auch die VDI nachrichten haben sich mit der Frage beschäftigt, wie BIPV Architektur und Stromerzeugung miteinander verbinden kann.
PV an einem Hochhaus stellt den Brandschutz vor neue Aufgaben
Beim 030BLN kommt ein zusätzlicher Faktor hinzu: die Gebäudehöhe. Photovoltaikmodule werden hier Teil der Fassade eines Hochhauses.
Nach Angaben des Projektteams waren dafür umfangreiche Brandversuche erforderlich. Drees & Sommer nennt daran neben Covivio unter anderem das Architekturbüro Sauerbruch Hutton und die Brandschutzplaner von hhpberlin als Beteiligte.
Covivio bezeichnet das 030BLN als erstes Hochhaus in Deutschland mit mehr als 60 m Höhe und einer in die Fassade integrierten Photovoltaikanlage. Das Unternehmen führt diesen Anspruch auch in seiner aktuellen Projektmeldung an.
Der Superlativ ist allerdings mit Vorsicht zu behandeln. Fassadenintegrierte Photovoltaik gibt es in Deutschland seit vielen Jahren. Die Besonderheit soll sich ausdrücklich aus der Kombination mit einem Hochhaus von mehr als 60 m Höhe ergeben. Eine unabhängige Dokumentation, mit der sich der Anspruch auf eine Deutschland-Premiere zweifelsfrei prüfen ließe, liegt bislang nicht vor.
Auch der Sprinklertank gehört zum Energiekonzept
Ein weiteres Beispiel für die Mehrfachnutzung technischer Infrastruktur findet sich beim Brandschutz. Der vorgeschriebene Sprinklertank soll nicht ausschließlich Löschwasser vorhalten.
Nach Angaben von Drees & Sommer wird sein Wasservolumen zugleich in das Kühlsystem eingebunden und als thermischer Pufferspeicher genutzt. Damit bekommt eine Anlage, die für den Brandschutz ohnehin benötigt wird, eine zusätzliche Aufgabe in der Gebäudetechnik.
Gerade dieser Ansatz zieht sich durch das Energiekonzept des Hochhauses: Gründungspfähle tragen und tauschen Wärme mit dem Erdreich aus, Fassadenelemente schützen das Gebäude und produzieren Strom, der Sprinklertank steht für den Brandfall bereit und wird gleichzeitig in die Kälteversorgung eingebunden.
Kastenfenster ermöglichen natürliche Lüftung
Auch die Fassade soll den Energiebedarf beeinflussen. Die Architekten von Sauerbruch Hutton sehen eine Kastenfensterkonstruktion vor, die eine natürliche Belüftung des Hochhauses ermöglicht. Zusätzlich nennen sie Geothermie und die Nutzung von Grauwasserwärme als Bestandteile des Energiekonzepts.
Bei einem Hochhaus ist eine natürliche Lüftung anspruchsvoller als bei einem niedrigen Gebäude. Winddruck und Druckunterschiede verändern sich mit der Gebäudehöhe. Fassadenöffnungen lassen sich deshalb nicht einfach wie gewöhnliche Fenster behandeln. Konstruktion und Lüftung müssen aufeinander abgestimmt sein.
Ein ähnliches Zusammenspiel aus Hochhausfassade, natürlicher Lüftung und Energietechnik findet sich beispielsweise beim Tour Triangle in Paris. Dort kombiniert die Planung unter anderem eine doppelschalige Fassade mit Geothermie, Fernwärme, Fernkälte und Photovoltaik.
Im Aufzugsschacht arbeitet ein Roboter
Auch beim Bau des Hochhauses kommt eine ungewöhnliche Technik zum Einsatz. Schindler nutzt für die Installation der Aufzüge sein Robotiksystem R.I.S.E. – kurz für „Robotic Installation System for Elevators“.
Der selbstkletternde Roboter arbeitet im Aufzugsschacht. Er vermisst die vorgesehenen Positionen, bohrt Löcher in die Betonwände und setzt Ankerbolzen für Führungsschienen, Schachttüren und weitere Bauteile. Ein Operator überwacht die Arbeiten vor Ort per Kamera.
Schindler liefert für das 030BLN elf Aufzüge und sechs Fahrtreppen. Nach Angaben des Unternehmens kann das Robotersystem bei der Vorbereitung und Installation von Aufzugsschächten die benötigte Zeit um bis zu 40 % reduzieren. Dabei handelt es sich allerdings um eine Herstellerangabe und nicht um einen für das Berliner Projekt veröffentlichten Vergleichswert.
Quellen
- Covivio: 030BLN erreicht die finale Höhe von 133 Metern, 1. Oktober 2026
- Sauerbruch Hutton: Hochhaus am Alexanderplatz
- Schindler: Robotik-System R.I.S.E. beim Hochhausprojekt 030BLN, 9. Juni 2026
- Drees & Sommer: Projektinformationen zu Energiedesign, Fassadentechnik, Energiepfählen, Brandschutz und Nutzung des Sprinklertanks beim 030BLN
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