3,5 m unter Düsseldorf: Diese Ziegel verraten eine verschwundene Festung
Feldbrandziegel und Festungsverband verraten 300 Jahre alte Mauern unter Düsseldorf. Ihre Vermessung verbessert sogar die Bauplanung.
Auf der Fundstelle unter dem Düsseldorfer Behrensbau sind Reste der ehemaligen Festungsmauern freigelegt. Die Relikte liegen unterhalb des Kellerbodens und rund 3,5 m unter dem heutigen Straßenniveau.
Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf/Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege
Beim Umbau des Behrensbaus in Düsseldorf sind Archäologen auf Reste der ehemaligen Stadtfestung gestoßen. Die historischen Ziegelmauern liegen rund 3,5 m unter dem heutigen Straßenniveau und gehören zur sogenannten oberrheinischen Front aus dem 18. Jahrhundert. Oberirdisch ist von diesem Teil der Befestigung heute fast nichts mehr zu sehen.
Der Fund ist auch technisch interessant. Größe und Art der Ziegel, der verwendete Kalkmörtel und vor allem der Mauerverband geben Hinweise darauf, dass es sich um Festungsbau handelt und nicht um ein jüngeres Fundament. Zugleich liefern die eingemessenen Mauerreste neue Anhaltspunkte dafür, wie genau historische Festungspläne waren – und wo bei künftigen Bauarbeiten weitere Relikte im Untergrund zu erwarten sein könnten.
Inhaltsverzeichnis
- Festungsmauern unter dem Keller des Behrensbaus
- Feldbrandziegel helfen bei der Identifizierung
- Historische Pläne treffen auf eingemessene Mauern
- Warum der Fund für heutige Baustellen wichtig ist
- Wie die oberrheinische Front entstand
- Der Rhein setzte den Festungswerken zu
- Ab 1801 verschwand die Festung
Festungsmauern unter dem Keller des Behrensbaus
Die Mauerreste kamen Anfang 2026 beim Umbau des Behrensbaus am Mannesmannufer zum Vorschein. Unterhalb des Kellerbodens, rund 3,5 m unter dem heutigen Straßenniveau, stießen die Arbeiten auf Relikte der früheren Düsseldorfer Stadtbefestigung.
Nach Einschätzung der Stadt gehören sie zur sogenannten oberrheinischen Front, die im 18. Jahrhundert Teil einer Erweiterung der Festungsanlagen war. Wie groß die bislang freigelegten Abschnitte sind und welche Mauerstärken dort tatsächlich gemessen wurden, ist noch nicht veröffentlicht. Auch ihre genaue Funktion innerhalb der Befestigung wird derzeit wissenschaftlich untersucht.
Der Fund liegt unter einem Gebäude, das selbst ein Stück Architekturgeschichte ist. Peter Behrens entwarf das frühere Verwaltungsgebäude der Mannesmannröhren-Werke 1910. Seit Frühjahr 2024 wird der denkmalgeschützte Bau umfassend saniert und für das künftige Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen umgebaut. Die bauliche Fertigstellung ist derzeit für 2030 vorgesehen.
Feldbrandziegel helfen bei der Identifizierung
Nicht jede alte Ziegelmauer im Düsseldorfer Untergrund gehört automatisch zur ehemaligen Stadtfestung. Entscheidend für die Einordnung sind deshalb vor allem Material, Aufbau und Dimension der Konstruktion. Die Stadt nennt drei Merkmale, anhand derer sich Festungsmauern beispielsweise von modernen Fundamenten unterscheiden lassen:
- Große Feldbrandziegel, die mit Kalkmörtel verbunden wurden, sind ein erster Hinweis.
- Hinzu kommt der sogenannte Festungsverband. Dabei wechselt im Mauerkern die Ausrichtung der Ziegellagen.
- Auch die Dimension solcher Bauwerke fällt auf. Festungsmauern dieser Bauart konnten Mauerstärken von bis zu mehreren Metern erreichen.
Welche Erkenntnisse sich aus dem konstruktiven Aufbau historischer Mauern gewinnen lassen, zeigt auch ein aktueller Fund in China: Bei der Stadtmauer von Jingzhou kamen in einem freigelegten Querschnitt fünf Bauphasen aus rund 1000 Jahren zum Vorschein.
Historische Pläne treffen auf eingemessene Mauern
Auf Baustellen wird von historischen Bauwerken oft nur ein kleiner Ausschnitt sichtbar. Ein einzelnes Mauerstück reicht deshalb selten aus, um seinen Ursprung sicher zu bestimmen.
Archäologen gleichen solche Funde mit alten Plänen, bekannten Festungsbauten und bereits dokumentierten Befunden ab. Dabei geht es nicht nur darum, das Alter einer Mauer einzugrenzen. Auch ihre ursprüngliche Funktion innerhalb der Anlage lässt sich so besser einschätzen.

In Düsseldorf funktioniert dieser Abgleich in beide Richtungen. Historische Karten liefern zunächst Hinweise darauf, wo Bastionen, Wälle und Gräben verlaufen sein könnten. Die tatsächlich freigelegten und eingemessenen Mauerreste zeigen anschließend, wie genau diese alten Darstellungen waren und wo die Festungswerke wirklich lagen.
Dass archäologische Untersuchungen lange verbreitete Vorstellungen über historische Konstruktionen korrigieren können, zeigt auch das Doberaner Münster. Dort widerlegten Untersuchungen unter anderem die Annahme, das Bauwerk stehe auf Hunderten Eichenpfählen.
Warum der Fund für heutige Baustellen wichtig ist
Der Abgleich mit historischen Plänen hilft nicht nur der Forschung. Er kann auch für künftige Bauprojekte wichtig werden. Je genauer bekannt ist, wo die früheren Festungswerke tatsächlich verliefen, desto besser lässt sich abschätzen, an welchen Stellen im Untergrund weitere Relikte zu erwarten sind.
Die Stadt Düsseldorf spricht deshalb ausdrücklich von mehr Planungssicherheit für kommende Bauvorhaben. Unerwartete archäologische Funde können schließlich zusätzliche Untersuchungen notwendig machen und damit auch den Bauablauf beeinflussen.
In Düsseldorf gibt es inzwischen zahlreiche solcher Befunde. Bei Tiefbauarbeiten wurden immer wieder Teile der alten Befestigungsanlagen freigelegt, vermessen und dokumentiert. Manche liegen heute bis zu 6 m unter dem Straßenniveau.
Besonders viele Erkenntnisse lieferten die Arbeiten am Rheinufertunnel und an der Wehrhahn-Linie. Aus den damaligen Grabungsergebnissen konnten unter anderem die Lage der Bastion Spee und des angrenzenden alten Hafenbeckens rekonstruiert werden.
Wie die oberrheinische Front entstand
Die Geschichte der Düsseldorfer Festung begann lange vor den jetzt entdeckten Mauern. Bereits 1538 fiel der Beschluss, Düsseldorf zur Festungsstadt auszubauen. Der aus Bologna stammende Baumeister Alessandro Pasqualini entwarf dafür eine Anlage nach italienischem Vorbild. Sie umfasste fünf Bastionen, mit Ziegeln verkleidete Erdwälle, einen geschützten Hafen und eine Zitadelle.
Für den aktuellen Fund ist allerdings eine spätere Ausbauphase wichtiger. Unter Kurfürst Johann Wilhelm II., besser bekannt als Jan Wellem, sollte die Festung nach Süden erweitert werden. Die Arbeiten begannen 1710, kamen zunächst aber nur langsam voran. Sein Nachfolger Karl Philipp verkleinerte die ursprünglichen Pläne.
1726 wurde schließlich die sogenannte Innere Extension beschlossen. Dazu gehörte auch die Verstärkung der oberrheinischen Front. Genau diesem Abschnitt ordnet die Stadt die jetzt gefundenen Mauerreste zu.
Zwischen 1733 und 1739 wurde die Front weiter ausgebaut. Vorgelagerte Wälle und Gräben, sogenannte Kontergarden, sollten die eigentliche Befestigung zusätzlich schützen. Zusammen mit einem Ravelin und mehreren Brücken entstand so ein gestaffeltes Verteidigungssystem.
Der Rhein setzte den Festungswerken zu
Die größte Bedrohung für diesen Teil der Festung kam zeitweise nicht von feindlichen Truppen, sondern vom Rhein. Hochwasser und Eisgang setzten den Anlagen immer wieder zu. Nach einem schweren Hochwasser im Jahr 1784 wurde deshalb ein Damm gebaut, der die vorgelagerten Festungswerke besser vor dem Fluss schützen sollte.
Doch das reichte nicht aus. 1799 richtete eine weitere Flut erhebliche Schäden an. Die Brücke zwischen Ravelin und Kontergarde wurde fortgerissen, mehrere Futtermauern wurden unterspült und stürzten ein.
Die Festungsbauer passten die Anlage daraufhin erneut an. Die oberrheinischen Kontergarden wurden zu einem durchgehenden Werk verbunden, aus Resten des Ravelins entstand eine sogenannte Tenaille – ein Wall mit einziehendem Winkel.
Die oberrheinische Front änderte sich somit im Verlauf ihrer Geschichte. Hochwasser, Reparaturen und militärische Anforderungen sorgten über Jahrzehnte hinweg immer wieder für Umbauten. Ob sich solche unterschiedlichen Bau- oder Reparaturphasen auch an den jetzt freigelegten Mauern unter dem Behrensbau ablesen lassen, ist noch offen.
Ab 1801 verschwand die Festung
Im Laufe des 18. Jahrhunderts verloren bastionäre Festungen zunehmend an militärischer Bedeutung. 1795 nahmen französische Truppen Düsseldorf nach einem Beschuss ein. Im Frieden von Lunéville wurde 1801 schließlich festgelegt, die Festung zu schleifen. Noch im selben Jahr begann der Rückbau.
Wälle wurden abgetragen, Gräben verfüllt und die frei werdenden Flächen später neu bebaut. Ganz verschwunden ist die Festung dennoch nicht. Teile der alten Mauern befinden sich bis heute in den Untergeschossen des Maxhauses, des Hetjens – Deutschen Keramikmuseums und des Stadtmuseums. Sichtbar erhalten ist vor allem die Bastion Diemantstein am Stadtmuseum.
Mit dem Fund unter dem Behrensbau ist nun ein weiterer Abschnitt der ehemaligen Befestigung archäologisch nachgewiesen.
Quellen
- Landeshauptstadt Düsseldorf, 25.08.2026: Historische Festungsmauern unter dem Behrensbau entdeckt – Primärquelle zu Fundtiefe, oberrheinischer Front, Feldbrandziegeln, Festungsverband, historischen Plänen, früheren Grabungen und Festungsgeschichte.
- Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen: Stiftung und Umbau des Behrensbaus – Angaben zur Geschichte des Gebäudes, zur laufenden Sanierung und zur derzeit für 2030 vorgesehenen baulichen Fertigstellung.
- ingenieur.de, 18.08.2026: Fünf Bauphasen übereinander: Was wirklich in dieser 11-km-Stadtmauer steckt – Hintergrund zu archäologischer Untersuchung und historischem Aufbau einer Festungsmauer.
- ingenieur.de, 23.04.2026: Was das Doberaner Münster über mittelalterliche Ingenieurtechnik verrät – Beispiel dafür, wie archäologische Befunde frühere Annahmen über historische Konstruktionen korrigieren.
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