2300 Jahre alte Mole entdeckt: So bauten die Etrusker einen Hafen ohne Beton
Vor Italiens Küste liegt eine rund 2300 Jahre alte Mole. Steinreihen, Schüttkern und ein Kanal zeigen, wie die Etrusker Häfen bauten.
Vor der Küste von Santa Marinella nördlich von Rom liegt die mögliche etruskische Hafenanlage heute in flachem Wasser.
Foto: Smarterpix / OKGraphic
Nur 90 m vor der italienischen Küste liegen in flachem Wasser die Reste einer Konstruktion, die mehr als zwei Jahrtausende alt sein könnte. Große Steinblöcke bilden parallele Reihen, dazwischen liegen Felsbrocken und kleinere Steine. Forschende interpretieren die Anlage als Teil eines etruskischen Hafens. Ein schmaler Kanal durch die Mole könnte sogar geholfen haben, das Hafenbecken vor Versandung zu schützen.
Der Fund liegt bei Santa Marinella, rund 50 km nordwestlich von Rom. Die Strukturen befinden sich heute im Mittel etwa 1,5 m unter der Wasseroberfläche. Nach Einschätzung des Forschungsteams entstand die Anlage gegen Ende des 4. oder zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. Sie wäre damit rund 2300 Jahre alt.
Der Fund ist auch deshalb ungewöhnlich, weil nur etwa 130 m entfernt ein etruskisches Heiligtum lag. Sollte sich ein direkter Zusammenhang bestätigen, wäre es nach Angaben der Autoren der bislang älteste bekannte Landeplatz, der einem etruskischen Tempel zugeordnet werden kann. Die Untersuchung erschien 2026 im Journal of Cultural Heritage.
Inhaltsverzeichnis
- Was macht aus den Steinen eine Mole?
- Die Hafenanlage schützte mindestens 3000 m² Wasserfläche
- Ein 60 cm breiter Kanal könnte gegen Versandung geholfen haben
- Woher kommen die 2300 Jahre?
- Ähnliche Bauweise ist aus griechischen Häfen bekannt
- Nur 130 m entfernt stand ein etruskisches Heiligtum
- Die Etrusker bauten noch ohne den späteren römischen Hafenbeton
- Direkt daneben zeigt sich der technische Wandel
- Viele Steine der Mole verschwanden vermutlich schon in der Antike
Was macht aus den Steinen eine Mole?
Auf den ersten Blick könnten die Blöcke auf dem Meeresgrund wie Überreste irgendeines antiken Bauwerks wirken. Ihre Anordnung spricht jedoch für eine gezielt errichtete Hafenanlage.
Die Quader bestehen aus bioklastischem Kalkarenit, einem kalkigen Sedimentgestein. Im am besten erhaltenen Abschnitt der äußeren Mole bilden sie zwei parallele Reihen. Die einzelnen Blöcke sind dort im Mittel etwa 1,0 m lang, 0,5 m breit und 0,5 m hoch. Zwischen den Steinreihen befand sich ein Kern aus größeren und kleineren Steinen.
Die Baumeister setzten die Quader nicht alle in derselben Richtung. Mehrere längs liegende Blöcke wechseln sich mit quer gesetzten Steinen ab. Diese Quersteine verbanden und verstärkten die Begrenzung des Schüttkerns. Ein solches Prinzip ist auch von anderen antiken Hafenanlagen bekannt.
Die beiden Seiten der äußeren Mole liegen etwa 5 bis 6 m auseinander. Insgesamt lässt sich der Wellenbrecher über mehr als 60 m verfolgen. Er war damit weit mehr als eine schmale Kaimauer: Die Breite und der steinerne Kern verliehen dem Bauwerk die nötige Masse, um der Brandung standzuhalten.
Die Hafenanlage schützte mindestens 3000 m² Wasserfläche
Aus den erhaltenen Strukturen rekonstruieren die Forschenden einen annähernd L-förmigen Hafen. Eine Mole verlief von der Küste hinaus, die äußere Mole anschließend ungefähr parallel zum Ufer. Zusammen umschlossen sie eine geschützte Wasserfläche von mindestens 3000 m².
Dabei wurde nicht alles neu aus Stein gebaut. Im küstennahen Bereich nutzten die Baumeister vorhandene Felsformationen und ergänzten sie durch bearbeitete Blöcke. Die äußere Mole war dagegen künstlich angelegt. Die Autoren interpretieren sie ausdrücklich als Wellenbrecher.
Für die Etrusker wäre ein solcher Landeplatz wichtig gewesen. Ihre Macht und ihr Handel waren eng mit der Seefahrt verbunden, erhaltene Hafenanlagen aus dieser Zeit sind allerdings selten. Wer wissen möchte, mit welchen Schiffen Griechen und Römer später das Mittelmeer befuhren, findet dazu bei ingenieur.de einen ausführlichen Überblick über die antike Seefahrt und den damaligen Schiffbau.
Ein 60 cm breiter Kanal könnte gegen Versandung geholfen haben
Ein Detail macht die Konstruktion besonders interessant. Die beiden Steinreihen werden an einer Stelle von einem quer verlaufenden Kanal unterbrochen. Er ist nur rund 60 cm breit und ebenfalls mit bearbeiteten Steinblöcken eingefasst.
Durch diese Öffnung konnte Wasser zwischen dem offenen Meer und dem geschützten Hafenbereich ausgetauscht werden. Die Forschenden vermuten, dass dies die Wasserzirkulation verbesserte und einer Versandung des Beckens entgegenwirkte. Auch die veröffentlichte Studie nennt diese Funktion ausdrücklich als mögliche Erklärung.
Denn ein geschütztes Hafenbecken hat einen Nachteil: Wo Strömung und Wellen schwächer werden, können sich Sand und andere Sedimente leichter absetzen. Im Laufe der Zeit wird das Wasser flacher. Ob der Kanal tatsächlich gezielt aus diesem Grund angelegt wurde, lässt sich bislang nicht beweisen. Seine mögliche Funktion ist daher eine Interpretation der Forschenden und kein gesicherter Befund.
Woher kommen die 2300 Jahre?
Das Alter der Mole wurde bislang nicht direkt bestimmt. Eine archäologische Ausgrabung des Hafenbereichs steht noch aus. Ohne Holz oder anderes organisches Material fehlen bisher Funde, die beispielsweise eine Radiokarbondatierung ermöglichen könnten. Auch datierbare Keramik ist in der Anlage nur spärlich vorhanden.
Die Forschenden stützen ihre zeitliche Einordnung deshalb vor allem auf die Lage der Bauwerke zum heutigen Meeresspiegel und auf archäologische Indizien.
Zwei Strukturen werden als frühere Lauf- beziehungsweise Nutzungsflächen der Mole interpretiert. Sie liegen heute etwa 50 bis 60 cm unter Wasser. Damit sie beim Betrieb des Hafens sinnvoll genutzt werden konnten, musste der relative Meeresspiegel damals deutlich niedriger liegen. Das Team errechnet mindestens 1,2 bis 1,4 m unter dem heutigen Niveau.
Zusammen mit der Bauweise und den Funden aus der Umgebung spricht dies nach Ansicht der Autoren für eine Errichtung gegen Ende des 4. oder zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. „2300 Jahre alt“ ist damit eine begründete Datierung, aber keine direkt gemessene Altersangabe.
Ähnliche Bauweise ist aus griechischen Häfen bekannt
Das Konstruktionsprinzip entstand nicht völlig unabhängig von anderen antiken Hafenbauten. Bereits der Vorabbericht der Forscher verweist auf Parallelen zu griechischen Häfen des 5. Jahrhunderts v. Chr., darunter Anlagen in Athen, Mounychia und Zea.
Auch dort wurden Quader längs und quer gesetzt, um die Bauwerke zu verstärken. Der Fund von Santa Marinella könnte damit zeigen, dass vergleichbare Konstruktionsprinzipien auch an der etruskischen Küste verwendet wurden.
L-förmige Hafenanlagen waren in der Antike allerdings offenbar nicht die Regel. Häufig dienten natürliche Buchten, Lagunen oder Flussmündungen als geschützte Ankerplätze. Zusätzliche Wellenbrecher bestanden teilweise lediglich aus grob geschichteten Steinen.
Nur 130 m entfernt stand ein etruskisches Heiligtum
Dass die Forschenden in der Anlage mehr als einen beliebigen Küstenhafen sehen, hängt vor allem mit ihrem Standort zusammen.
Etwa 130 m entfernt befand sich das Heiligtum von Punta della Vipera. Der Tempel wurde um 530 v. Chr. gegründet und in den folgenden Jahrhunderten mehrfach verändert. Nach Angaben der Stadt Santa Marinella sind größere Umbauten für das 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. belegt. Das passt zeitlich zu der vermuteten Entstehung des Hafens.
Das Heiligtum war der etruskischen Menerva geweiht, der späteren römischen Minerva. Bei früheren Ausgrabungen kamen unter anderem Votivgaben, architektonische Terrakotten und eine beschriftete Bleiplatte zum Vorschein.
Auch die Ausrichtung der Anlage ist auffällig. Der Zugang zum Heiligtum zeigte nach Rekonstruktion der Archäologen zum Meer und nicht zum etruskischen Siedlungsgebiet im Hinterland. Im Bereich des Hafens wurden außerdem Fragmente roter Dachziegel gefunden, deren Material mit Funden vom Tempel übereinstimmt.
Das reicht noch nicht als Beweis dafür, dass der Hafen tatsächlich eigens für das Heiligtum gebaut wurde. Entfernung, Datierung, Ausrichtung und Materialfunde ergeben nach Ansicht der Autoren jedoch ein stimmiges Bild. Sollte es sich bestätigen, wäre die Anlage der früheste bekannte etruskische Landeplatz mit direktem Bezug zu einem Tempel.
Die Etrusker bauten noch ohne den späteren römischen Hafenbeton
Bautechnisch dokumentiert die Anlage eine Phase vor dem großen Wandel des römischen Hafenbaus. Die Mole von Santa Marinella besteht aus behauenen Steinblöcken und einem Schüttkern. Ein hydraulisch abbindender Betonkern wird für das Bauwerk nicht beschrieben.
Später eröffneten kalkbasierte Bindemittel zusammen mit puzzolanischen Materialien den Römern neue Möglichkeiten. Solche Baustoffe konnten auch in dauerhaft feuchter Umgebung erhärten. Große Hafenanlagen ließen sich dadurch anders und in größeren Dimensionen errichten.
Der Unterschied sollte allerdings nicht als Wettstreit zwischen „Stein“ und „Beton“ verstanden werden. Als die etruskische Mole vermutlich entstand, hatte die später für römische Seehäfen prägende Betontechnik ihren Siegeszug noch nicht begonnen. Die Konstruktion aus Quadern und Schüttmaterial war daher keine bewusste Alternative zu einer bereits etablierten römischen Betonbauweise.
Warum römischer Beton teilweise Jahrtausende übersteht und was moderne Baustoffforscher daraus lernen wollen, haben wir bereits ausführlich im Beitrag „Was römischer Beton besser konnte – und was wir heute daraus lernen“ beschrieben.
Direkt daneben zeigt sich der technische Wandel
Wie stark sich der Küstenbau später veränderte, lässt sich ausgerechnet bei Punta della Vipera besonders gut beobachten.
Dort befindet sich noch heute eine römische Fischzuchtanlage. Ihr Hauptbecken misst rund 48 × 30 m. Zum Meer hin wurde es von einer Mole aus opera cementizia geschützt, also einer Konstruktion mit römischem Mauerwerksbeton. Die drei rechtwinklig angeordneten Molenarme sind etwa 3 m stark. Die Anlage dürfte gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. entstanden sein.
Nur wenige Jahrhunderte und eine kurze Entfernung trennen damit zwei sehr unterschiedliche Bauweisen: auf der einen Seite die mögliche etruskische Hafenanlage aus Quadern und Schüttsteinen, auf der anderen die jüngere römische Konstruktion mit hydraulisch gebundenem Baustoff.
Viele Steine der Mole verschwanden vermutlich schon in der Antike
Von der etruskischen Anlage ist heute nur ein Teil erhalten. Die Forschenden gehen davon aus, dass zahlreiche Quader später entfernt und erneut als Baumaterial verwendet wurden. Vor allem die untersten Steinlagen blieben zurück – vermutlich, weil sie schwieriger zu bergen waren.
Diese Annahme wird durch einen weiteren Fund gestützt. In der später errichteten römischen Villa rustica beim ehemaligen Heiligtum wurden mindestens zwei Steinblöcke festgestellt, deren Abmessungen denen der Hafenquader ähneln. Auch für römische Fischzuchtanlagen in der Umgebung könnten ältere Steine wiederverwendet worden sein. Der Vorabbericht wertet dies allerdings ausdrücklich als archäologische Interpretation. Das erklärt zugleich, warum die Hafenanlage auf dem Meeresboden heute so lückenhaft wirkt.
Quellen
- Journal of Cultural Heritage: Newly discovered ship-landing site serving the Etruscan coastal temple in Punta Della Vipera, Santa Marinella, Rome (Italy), Vol. 80, 2026, S. 189–196.
- Sapienza Università di Roma: Publikationseintrag zur Studie von Giorgi et al.
- Mauro Giorgi und Stefano Giorgi: Vorabfassung der Untersuchung mit Plänen, Messwerten und Detailangaben zur Konstruktion.
- Comune di Santa Marinella: Punta della Vipera – etruskisches Heiligtum und römische Fischzuchtanlage.
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