Zahnräder ohne Zähne: Physiker entwickeln berührungslose Getriebe
Forschende entwickeln ein Getriebe ohne Zähne. Flüssigkeitswirbel übertragen Drehmoment kontaktlos und steuern sogar die Drehrichtung.
Zwei Spinner in einem kreisförmigen Behälter, umgeben von Flüssigkeit mit Blasen, die helfen, die Strömungen sichtbar zu machen. Der linke Spinner wird aktiv durch einen Motor (nicht abgebildet) angetrieben, während sich der rechte Spinner passiv aufgrund der Strömungen dreht.
Foto: NYU's Applied Mathematics Laboratory
Zahnräder zählen zu den Grundbausteinen der Technik. Sie übertragen Drehbewegungen zuverlässig, aber sie haben eine Schwäche: Ihre Zähne müssen exakt passen. Schon kleine Fertigungsfehler, Schmutz oder Verschleiß können den Betrieb stören. Ein Forschungsteam der New York University zeigt nun eine Alternative. Statt Zähnen nutzt das neue Getriebekonzept gezielt gelenkte Flüssigkeitsströmungen.
Die Arbeit erscheint in Physical Review Letters. Sie beschreibt ein System, das Rotation kontaktlos überträgt. Die Idee: Flüssigkeiten übernehmen die Rolle klassischer Zahnräder.
Ein alter Maschinenbaugedanke bekommt Konkurrenz
Zahnräder gibt es seit rund 5000 Jahren. In China trieben sie Streitwagen an, später kamen sie im Antikythera-Mechanismus zum Einsatz. Bis heute arbeiten Uhren, Windmühlen und Roboter mit verzahnten Rädern. Das Prinzip blieb gleich: starre Zähne greifen ineinander.
Genau hier setzt die neue Forschung an. Starre Zähne sind unflexibel. Sie brechen, verschleißen und reagieren empfindlich auf Abweichungen. Das Team um Jun Zhang wollte wissen, ob sich die Funktion von Zahnrädern auch ohne festen Kontakt realisieren lässt.
„Wir haben neue Arten von Zahnrädern erfunden, die durch das Aufwirbeln von Flüssigkeit statt durch ineinandergreifende Zähne ineinandergreifen – und wir haben neue Möglichkeiten zur Steuerung der Drehzahl und sogar der Drehrichtung entdeckt“, sagt Zhang.
Flüssigkeiten als Überträger von Drehmoment
Der Ansatz basiert auf Strömungsphysik. Luft und Wasser treiben seit Langem Turbinen an. Die Forschenden übertrugen dieses Prinzip auf zwei rotierende Zylinder, die in einer Flüssigkeit liegen. Verwendet wurde eine Mischung aus Wasser und Glycerin. Damit ließen sich Dichte und Viskosität gezielt einstellen.
Ein Zylinder wurde aktiv angetrieben. Der zweite blieb passiv. Die Annahme: Der aktive Rotor erzeugt Wirbel, die den zweiten mitziehen. Um diese Strömungen sichtbar zu machen, mischten die Forschenden winzige Gasbläschen in die Flüssigkeit. So ließen sich Wirbel, Strömungspfade und Kräfte direkt beobachten.
Zwei Betriebsarten statt starrer Verzahnung
Die Experimente zeigten zwei klar unterscheidbare Modi. Entscheidend waren Abstand und Drehzahl. Lagen die Zylinder dicht beieinander, wirkten die Wirbel wie virtuelle Zähne. Sie griffen seitlich an und drehten den passiven Rotor in die entgegengesetzte Richtung. Das Verhalten entsprach einem klassischen Zahnradpaar.
Waren die Zylinder weiter voneinander entfernt und der aktive Rotor schneller, änderte sich das Bild. Die Strömung umschloss den passiven Zylinder wie ein Riemen. Beide drehten sich dann in die gleiche Richtung. Das System verhielt sich wie ein Riemenantrieb.
Damit lässt sich nicht nur Drehmoment übertragen, sondern auch gezielt die Drehrichtung wechseln – allein über Geometrie und Geschwindigkeit.
Warum berührungslose Getriebe interessant sind
Die Forschenden sehen mehrere Vorteile gegenüber mechanischen Lösungen. Es gibt keinen direkten Kontakt, keinen Zahnbruch und keine Blockade durch Fremdkörper. Auch der Fertigungsaufwand sinkt, da exakte Zahnprofile entfallen.
„Herkömmliche Zahnräder müssen sorgfältig konstruiert werden, damit ihre Zähne genau ineinander greifen, und jeder Defekt, jeder falsche Abstand oder jedes Sandkorn führt dazu, dass sie sich verklemmen“, erklärt Leif Ristroph. „Fluidgetriebe sind frei von all diesen Problemen, und die Geschwindigkeit und sogar die Richtung können auf eine Weise verändert werden, die mit mechanischen Zahnrädern nicht möglich ist.“
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