Industrielle Automatisierung 26.11.2025, 08:31 Uhr

Messe SPS: Wie die Automatisierungsbranche dem Wettbewerb trotzen will

Die Automatisierungsbranche in Deutschland und Europa braucht dringend einen Wandel, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Das wird auf der Messe SPS in Nürnberg deutlich.

Prozesse automatisieren, die bisher schwer zu automatisieren waren, das haben sich viele Aussteller der Messe SPS in Nürnberg zur Aufgabe gemacht. Software- und KI- Unterstützung sollen dabei helfen, ebenso  einfache Verdrahtungslösungen. Foto: M. Ciupek

Prozesse automatisieren, die bisher schwer zu automatisieren waren, das haben sich viele Aussteller der Messe SPS in Nürnberg zur Aufgabe gemacht. Software- und KI- Unterstützung sollen dabei helfen, ebenso einfache Verdrahtungslösungen.

Foto: M. Ciupek

Zu Beginn der Messe SPS – Smart Production Solutions ist die konjunkturelle Lage der deutschen Automationsindustrie laut aktuellen Zahlen des Branchenverbands ZVEI uneinheitlich. Nach dem schwachen Jahr 2024 entwickelten sich demnach zwischen Januar und September 2025 sowohl Umsatz (+2,2 %) als auch Auftragseingänge (+4,8 %) wieder positiv. Dagegen sank die reale Produktion um 1,6 %. Auch da gibt es allerdings eine positive Tendenz. Denn 2024 war die Produktion gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 13,0 % zurückgegangen.

Exportrückgang in China und den USA für deutsche Automatisierungstechnik

Wie nahezu allen deutschen Industriebranchen machen auch den Automatisierern Unsicherheiten im internationalen Handel zu schaffen. Zumindest konnten laut ZVEI die zunehmenden Exporte in die EU mit +7,8 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum die deutlichen Verluste bei den Ausfuhren nach China (-8,0 %) und in die USA (-6,9 %) kompensieren.

Auch die weiterhin schwache Binnenkonjunktur in wichtigen Absatzbranchen wie dem Maschinenbau und der Autoindustrie mache der Automatisierungsbranche Probleme und drücke aktuell auf die Stimmung. Dennoch blickt der ZVEI für die Elektro- und Digitalindustrie vorsichtig optimistisch auf das kommende Jahr und rechnet dann für die Automation wieder mit einem moderaten Wachstum.

Gunther Koschnick (li.), Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbands Automation, und Rainer Brehm, Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Automation, präsentierten in Nürnberg die aktuellen Geschäftszahlen der Branche. Foto: M. Ciupek

Gunther Koschnick (li.), Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbands Automation, und Rainer Brehm, Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Automation, präsentierten in Nürnberg die aktuellen Geschäftszahlen der Branche.

Foto: M. Ciupek

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Software-definierte Automatisierung und KI

Auf der Messe zeigt sich die Branche innovationsfreudig. Wichtige übergreifende Themen sind dabei die Software-definierte Automatisierung und die Entwicklung industrieller KI-Lösungen. Genutzt wird aber vorwiegend der internationale Begriff „Industrial AI“. Beispielsweise sagt Rainer Brehm, Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Automation: „Industrial AI ermöglicht neue Formen der Wertschöpfung, von selbstoptimierenden Anlagen bis zu Agentic-AI-Ökosystemen, die eigenständig Daten auswerten und Entscheidungen vorbereiten.“ Er ergänzt: „Das eröffnet enorme Potenziale für Effizienz, Qualität und Geschwindigkeit in der Automatisierung.“

Allerdings gibt es in der Branche die Befürchtungen, dass die deutschen und europäischen Unternehmen trotz herausragender Kompetenzen in der Automatisierung im Wettbewerb mit China und den USA ins Hintertreffen geraten könnten. Als Grund führt der ZVEI die Überregulierung im Bereich der KI im industriellen Kontext an.

Denn eine aktuelle ZVEI-Umfrage zeigt, dass zwei Drittel der befragten Unternehmen, die bereits industrielle KI-Anwendungen nutzen, einen weiteren positiven Einfluss auf die eigene Wettbewerbsposition erwarten. Ein Viertel dieser Unternehmen wolle deshalb in den kommenden fünf Jahren 20 % oder mehr ihrer Gesamtinvestitionen in industrielle KI-Anwendungen fließen lassen.

ZVEI hält EU-Regulierung bei industrieller KI für schädlich

Allerdings offenbart die Umfrage offenbart auch Mängel bei den Rahmenbedingungen in Europa. Danach halte fast jedes zweite Unternehmen die EU-Regeln wie AI Act, Cyber Resilience Act und Data Act für ein so enges Korsett, dass es Investitionen in KI-Entwicklungen eher im EU-Ausland und nicht in Deutschland sieht. Brehm betont dazu: „Unsere Unternehmen sind bereit zu investieren. Aber sie brauchen ein Umfeld, in dem ihre Innovationskraft nicht im Dickicht der Regulierung stecken bleibt.“ Sein Appell lautet deshalb: „Europa muss praxisnah, mutig und technologieoffen agieren, damit industrielle KI hier entsteht.“

Bisher ist es aus ZVEI-Sicht nicht gelungen, dies auf EU-Ebene zu verankern. So lasse der zuletzt vorgestellte Entwurf für den sogenannten Digital Omnibus zum Bürokratieabbau in diesem Bereich den Mut zu beherzten strukturellen Reformen vermissen. Der ZVEI fordert, industrielle KI vollständig aus dem AI Act herauszunehmen, da diese z. B. bereits der Maschinenverordnung unterliege.

Offene und geschlossene Automatisierungssysteme im Vergleich

Aber auch schon ohne KI-Einsatz können Unternehmen bei der Automatisierung ihrer Prozesse effizienter werden, wenn sie auf Software-definierte Automatisierung setzen. Zu dem Ergebnis kommen die Analysten von Omdia in einer von Schneider Electric beauftragten globalen Studie. Darin wurden offene und geschlossene Automatisierungssysteme miteinander verglichen.

Laut der Studie verursachen geschlossene industrielle Systeme bei mittelgroßen Unternehmen jährlich rund 7,5 % Umsatzverlust. Gründe dafür seien Ausfallzeiten, Ineffizienzen und teure Nachrüstungen. Gleichzeitig bremse starre Infrastruktur die Reaktionsfähigkeit. Demnach erforderten 77 % der Systeme physische Updates. Darüber hinaus erhöhten fragmentierte Plattformen die Komplexität und verzögern schnelle Maßnahmen.

Entkopplung von Software und Hardware in der Automatisierung nötig

Als Ausweg sieht Schneider Electric daher die offene, Software-definierte Automatisierung. Die Entkopplung von Software und Hardware ermögliche schnellere Entscheidungen, Echtzeit-Einblicke und Resilienz. Das Unternehmen verweist darauf, dass traditionelle, Hardware-definierte Automatisierungssysteme, die für statische Umgebungen entwickelt wurden, kaum den dynamischen Anforderungen der heutigen Industrie gerecht werden könnten. Beispielsweise würden dabei Routine-Updates zu kostspieligen Projekten.

Gwenaëlle Avice Huet, Executive Vice President Industrial Automation bei Schneider Electric, verwies zur Entwicklung offener softwarebasierter Strategien auf den Wandel in der Musikindustrie hin zum Daten-Streaming. Foto: M. Ciupek

Gwenaëlle Avice Huet, Executive Vice President Industrial Automation bei Schneider Electric, verwies zur Entwicklung offener softwarebasierter Strategien auf den Wandel in der Musikindustrie hin zum Daten-Streaming.

Foto: M. Ciupek

Für Gwenaëlle Avice Huet, Executive Vice President Industrial Automation bei Schneider Electric, ist deshalb klar: „Diese Studie bestätigt, was uns unsere Kunden täglich berichten: Industrielle Systeme müssen sich so schnell anpassen wie ihre Märkte.“ Aus ihrer Sicht besonders erfreulich ist, „dass kleinere Unternehmen am meisten von jährlichen Einsparungen profitieren können, die in Innovation und Wachstum reinvestiert werden“. Bis zu 25 % ihres Jahresumsatzes verlören diese aktuell durch mangelnde Offenheit.

Ein Beitrag von:

  • Martin Ciupek

    Martin Ciupek ist Ingenieur und Technikjournalist mit den Schwerpunkten Maschinenbau, Robotik und Automatisierungstechnik.

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