„China-Geschwindigkeit“ bei der Entwicklung von Robotern
Inzwischen setzen chinesische Roboterhersteller Innovationen schneller um als deutsche. Branchenkenner Georg Stieler, Geschäftsführer der Stieler-Technologieberatung, ordnet ein.
In Europa staunt man über die Geschwindigkeit, die Roboterentwickler in China vorlegen. Auch 2026 bleibt das Tempo hoch.
Foto: Smarterpix/julos
VDI nachrichten: Was beeindruckt Sie aktuell im internationalen Vergleich am meisten an den Fortschritten der Robotik in China?
Stieler: Als wir vor 13 Jahren angefangen haben, in der chinesischen Robotik zu arbeiten, lag die Dichte an Industrierobotern dort noch bei 1/10 des deutschen Niveaus. Mittlerweile hat China Deutschland überholt und setzt sich neben den USA auch bei physischer KI an die Spitze der Entwicklung.
Nach unseren Berechnungen wurde in beiden Regionen 2025 etwa das Fünf- bis Sechsfache in junge Robotikunternehmen investiert wie in Europa. Wir haben in China mindestens fünf Unternehmen im Bereich physischer KI, die bisher jeweils mehr als 220 Mio. $ eingeworben haben.
Beispiele für das aktuelle Innovationstempo chinesischer Roboterhersteller
Und wie sieht es mit der technischen Umsetzung neuer Lösungen aus?
Mittlerweile sieht man in China Dinge, die so in Europa noch nicht so gut oder überhaupt nicht funktionieren. Das Innovationstempo ist enorm hoch. Zwei Tage vor Heiligabend zeigte etwa das Start-up TARS eine Demo, in der der Roboter mit zwei Armen erst einen Faden in ein Nadelöhr einfädelte und anschließend ein Stoffbanner bestickte. Das erfordert außergewöhnliche flexible feinmotorische Fähigkeiten.
Am 4. Januar hat Galaxea Dynamics mit dem G0 Plus das weltweit erste Out-of-the-Box VLA-Model (Anm. d. Re.: KI-Modell für „Vision-Language-Action“) vorgestellt. Das Unternehmen liefert seine mobilen Dual-Arm-Roboter nun mit einem vorinstallierten offen verfügbaren VLA aus.
In der Demo „Pick Up Anything“ wurde ein kompletter Durchlauf gezeigt – vom Verstehen natürlicher Sprache über die Handlungsplanung bis zur Ausführung in der realen Umgebung – inklusive Zero-Shot-Fähigkeit. Laut Galaxea bedeutet das, dass der Roboter jedes Objekt greifen kann – egal, ob er es schon einmal gesehen hat oder nicht – und unabhängig von der jeweiligen Umgebung.
Trainiert wurde das System auf dem Galaxea Open-world Dataset (GOD), einem Datensatz mit echten Daten aus klassischen Greifaufgaben und komplexeren Interaktionen. Der Ansatz ist als Plug and Play konzipiert: Entwickler sollen das System in weniger als 30 min zum Laufen bringen und anschließend für neue Aufgaben feinjustieren können. Diese strategische Weichenstellung könnte Galaxea mittel- bis langfristig eine Plattformrolle in der KI-gestützten Robotiksteuerung sichern.
Darüber hinaus sollte man nicht vergessen: Unter der Haut von humanoiden Robotern aus Europa und den USA stecken mehr Komponenten aus China, als das politische und mediale Klima zunächst vermuten lässt.
Welche Komponenten sind das typischerweise?
Das sind sowohl Aktuatoren, Getriebe, Lager, Motoren als auch Sensoren und Strukturteile.

Georg Stieler hat 2011 die Shanghaier Niederlassung der Stieler Technologie- und Marketing-Beratung gegründet. Mit seinem chinesischen Team arbeitet er intensiv mit ausländischen Lieferanten und Anwendern von Unternehmenssoftware, Robotern, Sensoren und CNC-Systemen sowie mit Start-ups zusammen.
Foto: Stefan Höster
Auch 2026 bleibt das Entwicklungstempo der Robotik in China hoch
Welches Entwicklungstempo erwarten Sie von Chinas Roboterbranche im Jahr 2026?
Der Absatz von Industrierobotern in China ist 2025 wieder etwa 10 % gewachsen. Angesichts der relativen Schwäche in den anderen großen Märkten auf der Welt konnte China damit seinen Spitzenplatz bei den weltweiten Roboterverkäufen weiter ausbauen. Für 2026 sind wir vorsichtig optimistisch und erwarten ein Wachstum im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich.
Die Verkäufe von kollaborativen Robotern sind schon in den letzten zwei Jahren überproportional gestiegen und das wird wohl so weitergehen. Treiber sind einfache Installation, Flexibilität, ein verhältnismäßig niedriger Energieverbrauch und neue Anwendungen insbesondere in der Produktion von Elektrofahrzeugen.
Der hohe Preisdruck wird weiter bestehen. Gleichzeitig sehen wir sowohl bei klassischen Industrierobotern als auch bei kollaborativen Robotern einen Trend zu mehr intelligenten Lösungen, etwa zu teilautonomem Schweißen.
Humanoide Roboter und physische KI sind Innovationstreiber
Und wie sieht es bei den humanoiden Robotern aus?
Bei humanoiden Robotern und physischer KI werden wir 2026 einen Trend weg von werbewirksamen Spektakeln hin zu realen Anwendungsfällen mit kommerziellem Nutzen sehen. Investoren drängen darauf.
Während amerikanische Unternehmen wie Physical Intelligence, Skild.ai oder Google Gemini Robotics noch in Sachen Generalisierungsfähigkeit führen, könnten chinesische Anbieter wie XSquare, TARS, Agibot, Galaxea oder Galbot davon profitieren, dass sie auf klarer definierte Aufgaben entwickelte Full-Stack-Systeme anbieten.
Diese ermöglichen schnellere Iterationen, höhere Zuverlässigkeit und bessere Kosten-/Leistungsoptimierung, da alle Komponenten konsequent aufeinander abgestimmt werden können. Chinesische Firmen wetten ferner darauf, mit nicht perfekten Robotern mehr Echtzeit-Betriebsdaten zu sammeln und ihre Modelle damit zu verbessern.
Mit dem Börsengang von Unitree werden wir voraussichtlich recht früh im neuen Jahr einen der größten chinesischen Tech-Börsengänge seit längerer Zeit sehen. Weitere werden folgen. Gleichzeitig werden schwächere Spieler verschwinden.
Macht Deutschland bei Humanoiden denselben Fehler wie bei der Elektromobilität?
In Deutschland wird deutlich weniger Wirbel um Humanoide gemacht. Wie bewerten Sie das?
Ich sehe, dass viele in Deutschland diese Entwicklungen auch mit viel Skepsis verfolgen und sich erst einmal zurücklehnen. Das halte ich für fatal. Man sollte nicht dieselben Fehler wie bei der E-Mobilität wiederholen.
Unter welchen Umständen könnten humanoide Roboter zu ernsten Wettbewerbern für klassische mobile Roboter werden?
Anwendungsfälle aus der Intralogistik zählen neben einfachen Montage- und Prüftätigkeiten zu den ersten Anwendungen, die chinesische Hersteller von humanoiden Robotern im Jahr 2026 kommerzialisieren wollen.
Die Wettbewerbssituation zu mobilen Robotern sehe ich bisher nicht so gravierend. Mobile Roboter mit Greifarm sind das ausgereiftere Konzept. Dazu kommt, dass in vielen Anwendungen der humanoide Formfaktor ja nicht unbedingt ein Vorteil ist: Bei der Bestückung von Werkzeugmaschinen ist es oft günstiger, wenn der Roboter noch Platz für die Zwischenlagerung der entsprechenden Teile hat. Auch größere Lagerhausroboter mit Staplerfunktion werden wohl nicht von Humanoiden ersetzt werden.
Darüber hinaus sind die chinesischen Firmen mit den leistungsfähigsten KI-Modellen zur Zweiarm-Manipulation sehr undogmatisch, was die Beine angeht – alle haben auch Roboter auf Rädern im Programm.
Auf der anderen Seite werden Industrieroboter vom Fortschritt bei Vision-Language-Action-Modellen profitieren. Hier gibt es durchaus Schnittmengen mit humanoiden Robotern. So hat etwa AgiBot bereits im November eine Lösung bei einem Hersteller von Elektronikprodukten gezeigt, bei der die Umrüstzeit der Roboter mittels einer Kombination aus Teleoperation und Reinforcement-Learning angeblich auf durchschnittlich 10 min reduziert werden konnte.
Übrigens: Obwohl Agibot zu den am besten finanzierten chinesischen Start-ups im Bereich physische KI gehört und auch eigene humanoide Roboter baut, kamen bei dem genannten Pilotprojekt Roboterarme von Franka Emika zum Einsatz.
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