Maßanzug aus PVC-Abfall: 12.000 Schindeln für Münchner Bürohaus
12.000 Recycling-Schindeln prägen Münchner Bürobau. Wie Kunststoffabfall zur Fassade wird – und was technisch dahintersteckt.
Kunststoff statt Klinker: 12.000 Schindeln aus Bauabfall formen eine neue Fassadenstrategie in München.
Foto: MVRDV
In der High-Fashion folgt auf die erste Idee des Kreativ-Direktors meist aufwendiges Handwerk: Stoffe sichten, Schnitte zeichnen, Entwürfe skizzieren. Bis zu 2000 Arbeitsstunden investieren die Ateliers in ein einziges Kleid, setzen Stich für Stich per Hand. Was in Paris mit Seide und Pailletten gelingt, überträgt ein Projekt in München nun direkt auf die Architektur.
Im Werksviertel entsteht mit dem Monaco der Rock Capital Group ein Bürogebäude, das ein architektonisches Maßkleid trägt. Das niederländische Büro MVRDV entwarf eine Fassade, die wie Haute Couture wirkt. 11.993 Schindeln aus recyceltem Kunststoff formen eine dreidimensionale Hülle und verleihen dem Gebäude eine unverwechselbare Identität.
Kreislaufwirtschaft an der Außenwand
Das Monaco ist das bundesweit erste Projekt, das Schindeln des Unternehmens Pretty Plastic einsetzt. Diese Materialinnovation nutzt alte Fensterrahmen, Rohre und andere PVC-Abfälle von Baustellen. Nach dem „Cradle-to-Cradle“-Prinzip entstehen daraus dreidimensionale Elemente für die Außenhülle.
Andreas Wißmeier, Geschäftsführer bei der Rock Capital Group, erklärt die Bedeutung: „Die Fassade ist ein Kernelement der Identität des Monaco. Das Gebäude trägt Couture und wird zu einem Objekt, das Designsprache, Handwerk und Zukunft gleichermaßen zelebriert.“ Besonders nachhaltig: Die Fassadenfliesen lassen sich bis zu acht Mal wiederverwerten. Damit bleibt das Material dauerhaft im Kreislauf.

Ein Farbspiel wie bei einem Abendkleid
Die Gestaltung der Fassade folgt keinem kurzlebigen Trend. Die Verantwortlichen wählten sieben Farben aus, die Tiefe und Eleganz vermitteln. Ein helles Grau bildet die Basis. Drei verschiedene Grüntöne für die Tiefe sowie Akzente in Bronze, Mauve und Lilac ergänzen das Bild.
„Auch bei der Farbgestaltung für die Fassade des Monaco haben wir uns bewusst an einer Kombination orientiert, die nicht etwa kurzfristigen Trends unterworfen ist“, sagt Udo Peuker, Projektleiter Vermietung bei der Rock Capital Group. Da jede Schindel durch den Herstellungsprozess eine individuelle Marmorierung aufweist, verändert sich die Optik je nach Lichteinfall.
Fachkräfte für Fassadenbau bringen die 12.000 Elemente in einer Rautenstruktur an. Das fertige Muster erinnert an geschliffene Diamanten, während sich die Oberfläche glatt wie Seide anfühlt.
Maßarbeit an der Gebäudehülle
Die Montage am Monaco bricht mit den Konventionen klassischer Fassadensysteme. Statt großflächiger, glatter Paneele setzen die Fachkräfte auf eine rautenförmige Struktur. Diese Anordnung erzeugt eine plastische Oberfläche, die dem Gebäude Tiefe verleiht. In der Umsetzung gleicht dieser Prozess eher einer seriellen Einzelanfertigung als einer standardisierten Verkleidung.
Die technischen Besonderheiten der Installation im Überblick:
- Geometrie: Dreidimensionale Körper ersetzen die üblichen flachen Fassadenelemente.
- Handarbeit: Die Monteure positionieren jede einzelne Schindel manuell, um das präzise Muster zu wahren.
- Konstruktion: Die Unterkonstruktion und die Befestigungstechnik müssen exakt auf die Rautenform abgestimmt sein.
- Rastertreue: Die optische Wirkung der Fassade steht und fällt mit der Genauigkeit des Rasters.
Projektdaten im Überblick
Das Bürogebäude bietet moderne Arbeitswelten auf sieben Etagen. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Eckpunkte zusammen:
| Merkmal | Details |
| Bürofläche | ca. 4000 m² (teilbar ab 600 m²) |
| Außenanlagen | ca. 580 m² Dachterrassen & Pocket Garden |
| Zertifizierungen | LEED Platinum & WELL Platinum angestrebt |
| Konnektivität | WiredScore Zertifizierung vorhanden |
| Fertigstellung | Geplant für Mitte 2027 |
Mehr als Gestaltung
Das Gebäude setzt auf das sogenannte „Immune Office“-Konzept. Dahinter verbirgt sich kein technischer Standard, sondern ein Planungsansatz für gesunde Arbeitsumgebungen. Faktoren wie Luftqualität, Licht und Aufenthaltsqualität stehen im Fokus.
Neben den Kunststoff-Schindeln nutzt der Bau auch wiederverwendete Klinkersteine. Diese Kombination aus Bestandsmaterial und neuen Recyclingprodukten ist typisch für aktuelle Ansätze im nachhaltigen Bauen. Das Projekt wurde bereits vor Baubeginn mit dem German Design Award 2025 ausgezeichnet.
Ab Mitte 2027 können Mieterinnen und Mieter die Flächen beziehen. Die Lage am Ostbahnhof garantiert eine exzellente Anbindung an den Fernverkehr, den Flughafen und die Messe München. Wer hier arbeitet, nutzt ein Gebäude, das ökologische Verantwortung mit einer klaren Designsprache verbindet.
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