Autorecycling: Wie BMW, Bosch und BASF Autoteile vor dem Schredder retten wollen
22. Oktober 2026

Neun Partner aus Industrie und Forschung, darunter BMW, Bosch und BASF, haben im Projekt EDCar nach eigenen Angaben erstmals gezeigt, wie mit dem souveränen Austausch standardisierter Materialdaten in einer Automobil-Lieferkette – vom Rohstoffhersteller bis zum Recyclingbetrieb – schnellere Entwicklungsentscheidungen, reduzierter Materialeinsatz oder neue digitale Geschäftsmodelle möglich werden. Der Schlüssel ist die Kombination der PMD-Materialdateninfrastruktur mit dem Catena-X-Datenökosystem.
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Fehlendes Wissen soll nicht mehr zum Verlust von wertvollen Werkstoffen führen
Wenn ein Altfahrzeug im Verwertungsbetrieb ankommt, entscheidet oft Erfahrungswissen darüber, ob ein Bauteil wiederverwendet, aufbereitet oder verschrottet wird. Nach Angaben der Projektpartner landen deshalb meist wertvolle technische Komponenten im Schredder, weil niemand in der Kette genau weiß, aus welchem Material sie bestehen, welche Belastungen sie im Fahrzeugleben erfahren haben und welche Qualität sie noch besitzen.
Dieses strukturelle Problem hat das vom Bundesforschungsministerium (BMFTR) geförderte Forschungsprojekt EDCar (Automotive End-of-Life Datenaustausch für Circular Economy) laut Aussage der Partner gelöst und demonstriert, wie Unternehmen durch Austausch von Materialdaten ihre Innovationsgeschwindigkeit im globalen Wettbewerb erhöhen können, ohne ihre Datensouveränität aufzugeben.
Im Fokus: getrennte Datenwelten technisch zusammenführen
Im Zentrum steht die Verknüpfung zweier bislang getrennter Datenwelten:
- der Materialdateninfrastruktur der Plattform MaterialDigital (PMD)
- und des industriellen Datenraums Catena-X.
In der PMD-Infrastruktur sind Materialien mit ihren technischen, ökologischen und wirtschaftlichen Eigenschaften in standardisierten Wissensgraphen hinterlegt. Das sind Datenmodelle, die Informationen und ihre Zusammenhänge maschinenlesbar verknüpfen.
Catena-X ist ein Datennetzwerk der Autobranche, das Hersteller, Zulieferer, Händler und Recycler dezentral verbindet. Die Daten bleiben beim jeweiligen Unternehmen.
Automatisierte Datenübertragung bei voller Datenhoheit
Durch die Kopplung der beiden Systeme können nun Materialinformationen aus den Wissensgraphen („Single Source of Truth“) der Unternehmen, etwa mechanische Eigenschaften, Rezyklat-Qualitäten oder Fahrzeug-Nutzungsdaten, unter voller Kontrolle des jeweiligen Datenbesitzers automatisiert zwischen Unternehmen übertragen werden. Projektleiter Dr. Thomas Straub vom Fraunhofer IWM sieht darin einen Wettbewerbsfaktor:
„Wer seine Materialdaten unternehmensübergreifend nutzbar macht, kann schneller Kosten beurteilen und digitale Geschäftsmodelle erschließen, genau das, was wir brauchen, um mit internationalen, insbesondere chinesischen Wettbewerbern Schritt zu halten.“
Straub weiter: „Es geht nicht nur darum, günstiger zu produzieren, sondern mit besseren Daten schneller und fundierter zu entscheiden.“
Zwei Testfälle: vom Verwerter zurück in die Konstruktion
Demonstriert wurde der Ansatz an zwei Anwendungsfällen: Im ersten Fall unterstützt ein datenbasiertes Assistenzsystem Recyclingunternehmen bei der Entscheidung, ob ein demontiertes Bauteil wiederverwendet, wiederaufbereitet oder recycelt werden sollte, basierend auf tatsächlichen Zustands- und Nutzungsdaten statt auf Schätzungen. Im zweiten Fall fließen diese End-of-Life-Erkenntnisse automatisiert in die Entwicklungsabteilungen von Verarbeitern und Herstellern zurück, sodass künftige Systeme von Beginn an kreislauffähiger konstruiert werden können, ein Prinzip, das die Projektpartner „Feedback to Design“ nennen.

„Aktuell liegen bei kritischen Entscheidungen entlang der Lieferkette schlicht zu wenig belastbare Informationen über Materialien, Bauteile und Produkte vor“, sagt Prof. Chris Eberl, stellvertretender Institutsleiter des Fraunhofer IWM:
„Wenn wir es schaffen, diese Informationen durchgängig verfügbar zu machen, sichern wir nicht nur Ressourcen, sondern schaffen auch neue Gestaltungsräume für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in der europäischen Industrie.“
Gleichzeitig helfen die Projektergebnisse regulatorische Anforderungen zu erfüllen: Der digitale Produktpass, der ab Februar 2027 zunächst für Batterien von E-Autos verpflichtend wird und schrittweise auf weitere Produktgruppen ausgeweitet werden soll, und die EU-Kreislaufwirtschaftsstrategie verlangen eine durchgängige, nachvollziehbare Materialdatenverfügbarkeit, wie sie EDCar demonstriert hat.
Das mit rund 1,06 Mio. € vom BMFTR geförderte Projekt lief von Juli 2025 bis Juni 2026. Am Konsortium beteiligt waren neben dem Fraunhofer IWM als Koordinator das Fraunhofer IPK, die BASF SE als Materialhersteller, die BMW Group, die Robert Bosch GmbH, die Schaeffler Technologies AG & Co. KG als Fahrzeug- beziehungsweise Komponentenhersteller, die LRP-Autorecycling Leipzig GmbH als Fahrzeugverwerter sowie die Softwareunternehmen light ds GmbH und tec4U-Solutions GmbH. (Quelle: Fraunhofer IWM).





























