Fächer sind überladen 17.04.2013, 16:00 Uhr

„Wollen wir Studien-Brücken bauen oder Barrieren?“

Was ist ein Bachelorabschluss wert? Aus Sicht von Frank Becker, früherer Siemens-Manager und heutiger VDI-Experte für die Ingenieurausbildung, ist der Abschluss besser als sein Ruf. Die Strukturen stimmten, verbesserungswürdig sei die Umsetzung, vor allem an Unis.

Das Bachelor-Studium ist besser als sein Ruf, meint Frank Becker, Fachmann für Fragen der Ingenieurausbildung beim VDI.

Das Bachelor-Studium ist besser als sein Ruf, meint Frank Becker, Fachmann für Fragen der Ingenieurausbildung beim VDI.

Foto: RWTH Aachen/ Peter Winandy

VDI nachrichten: Herr Becker, widersprüchliche Meldungen über den Fachkräftebedarf sorgen für Verunsicherung. Braucht die Industrie mehr Ingenieure oder braucht sie sie nicht?

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Becker: Geschäftsbereiche wie Service, Verkauf, Marketing und kundenspezifische Produktoptimierung haben in den letzten Jahren zugelegt. Der Bedarf an Mitarbeitern mit technischem Verständnis ist an diesen Schnittstellen heute viel größer. Bei Siemens Deutschland hatten 1970 9 % der Mitarbeiter einen technisch-naturwissenschaftlichen Abschluss, heute sind es knapp 30 %.

Verspricht der Bachelor oder der Master die besseren Berufsaussichten?

Da muss man unterscheiden: Werden hoch spezialisierte Fachkräfte gesucht, die sehr anspruchsvolle technische Themen bearbeiten, kann ein Masterabschluss nötig sein. Ansonsten aber ist ein Bachelor oft völlig ausreichend. Siemens stellte im Geschäftsjahr 2011 weltweit gut 15 000 Ingenieure und Naturwissenschaftler ein, davon hatten zwei Drittel einen Bachelorabschluss. Für eine erfolgreiche Bewerbung kann es hilfreicher sein, zusätzlich zum Bachelor zwei Jahre Berufserfahrung vorzuweisen, als zwei weitere Jahre an der Hochschule zu verbringen.

Das klingt, als solle die Wirtschaft zügig mit jungen, praxisorientierten Akademikern versorgt werden.

Es geht nicht darum, immer jüngere Hochschulabsolventen aus dem Hut zu zaubern. Die Industrie aber braucht Leute, die gerade in der Anfangsphase flexibel sind. In einigen Geschäftsbereichen, etwa im Vertrieb, haben Berufseinsteiger, die ihr Studium im Rahmen einer achtsemestrigen Regelstudienzeit absolvieren, die besseren Karten.

Problemlöser mit einem breiten Kompetenzspektrum werden gesucht. Ist es nicht zu viel verlangt, sich ein fundiertes Fachwissen anzueignen und parallel dazu auch noch Ausstrahlung und Sozialkompetenz zu versprühen?

Bis zum Master sind zehn Semester vorgesehen – im Vergleich zu neun für ein typisches Diplomstudium. Würde man die Studiengänge nicht so vollstopfen, hätten die Studenten heute mehr Zeit als früher. Was die „Sekundärtugenden“ betrifft: Für die Industrie sind Akademiker potenzielle Führungskräfte. Von ihnen wird erwartet, dass sie über die Grenzen des eigenen Kompetenzbereichs hinausblicken. Die Besten sind nicht die, die sich ausschließlich um ihr Studium kümmern und den Rest der Zeit vor dem PC sitzen, sondern die, die sich auch andernorts engagieren.

Frank Becker ist Mitglied im Fachbeirat Ingenieurausbildungdes VDI. Zuvor war Becker bei Siemens für Bildungsfragenverantwortlich.

Frank Becker ist Mitglied im Fachbeirat Ingenieurausbildungdes VDI. Zuvor war Becker bei Siemens für Bildungsfragenverantwortlich.

Quelle: VDI

Mit wem liebäugelt die Wirtschaft mehr: mit dem Bachelorabsolventen von der FH oder mit dem von der Uni?

Studenten von Fachhochschulen haben es leichter. Viele sind vorher schon berufstätig gewesen, das ganze Studium ist praxisorientiert. Ein Studium an der Universität ist dagegen stark wissenschaftlich ausgerichtet. Noch vor wenigen Jahren betrachteten über 80 % der Universitätsprofessoren den Bachelor primär als Vorstufe zum Master. Eine solche Sichtweise hat wenig mit den wirtschaftlichen Realitäten zu tun.

Sondern?

Sie spiegelt den akademischen Blickwinkel wider. Ein typisches Merkmal des Ingenieurberufs ist seine Gegenwartsbezogenheit. Eine Leistung muss dann erbracht werden, wenn im Markt Bedarf danach besteht. Was tut man stattdessen? Man misst die Ingenieurausbildung an wissenschaftlichen Anforderungen, wie sie an Forscher von Eliteuniversitäten wie Stanford gestellt werden. Eine solche Wissenschaft ist aber langfristig orientiert.

Das klingt, als wäre akademisches Lehren und Forschen der Industrie ein Dorn im Auge.

Nein, mein Einwand bezieht sich auf das System Universität. Statt den jungen Leuten Mut zu machen und ihre Begeisterungsfähigkeit zu wecken, werden Zweifel an ihren persönlichen Leistungen geschürt. Das ist ein sehr elitärer Ansatz. Die Frage, die sich die Hochschulen heute stellen müssen, ist: Wollen wir Brücken bauen oder Barrieren?

Was wäre eine solche Barriere?

Etwa die Mathematik, zumindest so wie sie oft gelehrt wird. Das Ausmaß, mit dem auf diesem Fach herumgeritten wird, steht in keinem Verhältnis zum späteren Bedarf. Auch andere Fächer sind völlig überladen. Manche Hochschulen haben sich inhaltlich nicht von den Diplomstudiengängen verabschiedet.

Und wo sehen Sie die Brücken?

Eine Lehrveranstaltung könnte damit beginnen, ein Bauwerk zunächst in seiner Gesamtheit zu betrachten, um schließlich zu Aussagen über die Chemie einzelner Komponenten zu gelangen. Dieser Weg vom Praktischen zum Theoretischen verändert die Perspektive des Lernens. Man weiß plötzlich, warum man etwas tut.

Und warum verschafft sich die Industrie nicht mehr Gehör?

Wirtschaftsvertreter werden zwar hinzugezogen bei der Akkreditierung neuer Studiengänge. Doch was die Einflussmöglichkeiten betrifft, sitzt die Industrie am Ende der Pipeline.

Das sehen sicher nicht alle Hochschulen so.

Vielleicht, aber eine Annäherung der verschiedenen Positionen ist zu verzeichnen. Jetzt geht es darum, die Studieninhalte stärker den praktischen Gegebenheiten anzupassen. Davon werden alle profitieren.

Ein Beitrag von:

  • Monika Etspüler

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