Interview mit TU9-Präsident

Schmachtenberg: Universitäten geht die Kraft für den internationalen Wettbewerb aus

Wenn die Politik nicht mehr Gelder in forschungsstarke Universitäten pumpt, verliert die deutsche Wissenschaft über kurz oder lang den Anschluss an die internationale Spitze, fürchtet Ernst Schmachtenberg, Präsident der TU9, der Vereinigung großer Technischer Universitäten. Die zu beobachtende Annäherung von Fachhochschulen und Universitäten verwässere die Wissenschaftslandschaft und werde einer dringend benötigten klaren Aufgabenteilung nicht gerecht.

VDI nachrichten: „Rettet die Universitäten!“, lautet Ihr Warnruf. Das klingt dramatisch. Ist die Lage so besorgniserregend?

Schmachtenberg: Die großen Technischen Universitäten befinden sich nach wie vor in einem „Aushöhlungsprozess“ mit einem dramatischen Zusammenschrumpfen der Grundfinanzierung, die von 2005 bis heute einen Rückgang von 25 % verzeichnet. Allein aufgrund der Kostensituation wird die Unterscheidbarkeit von Fachhochschulen und Universitäten immer kleiner. Damit ist das Prinzip der Universität bedroht.

Der Bund fördert die Universitäten aber doch bereits über die Exzellenzinitiative mehr als die Fachhochschulen. Dazu kommen Gelder aus dem Hochschulpakt.

Das kompensiert die Kosten bei Weitem nicht und bleibt der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Sie wünschen eine langfristigere staatliche Grundfinanzierung als sie der Hochschulpakt, der 2020 ausläuft, bietet?

Ja, der Hochschulpakt adressiert die Frage „Starke Studierendenjahrgänge“, nicht aber die Frage der rückläufigen Grundausstattung. Das Problem wird deutlich, wenn man etwa die steigenden Kosten für Energie betrachtet. Den finanziellen Mehraufwand müssen die Universitäten selbst stemmen. Letztlich bleibt dann wenig Grundausstattung für die Forschung. Meine Forderung: Wenigstens einige forschungsstarke Universitäten sollten dauerhaft in die Lage versetzt werden, im internationalen Wettbewerb in der Spitzenforschung mithalten zu können. Der harte Wettbewerb der Exzellenzinitiative hat gezeigt, welche Universitäten in Deutschland dazu am besten befähigt sind.

Die RWTH Aachen ist bei der Drittmitteleinwerbung sehr gut aufgestellt. Das ist doch eine lukrative Einnahmequelle.

Von 2006 bis heute hat die RWTH Aachen ihre Drittmittel verdoppelt, während die Grundausstattung stagniert, preisbereinigt sogar zurückgeht. Andere Technische Universitäten verzeichnen eine ähnliche Tendenz: Die Grundausstattung schmilzt das einzige Feld, auf dem wir dazu gewinnen, sind die Drittmittel. Wir bekommen die Drittmittel aber nicht, um Studierende auszubilden, sondern um Auftragsforschung zu machen. Drittmittel helfen uns also nicht beim Stopfen der Löcher.

Sie wollen sich mit Universitäten wie dem Massachusetts Institute of Technology und dem Imperial College London messen. Spitzenhochschulen in diesen Ländern finanzieren sich aber grundsätzlich anders als hiesige Universitäten.

Das stimmt. Das angelsächsische System ist stärker privatorientiert, in Zentraleuropa haben wir das Primat der Politik in Wissenschaftsfragen. Es ist eine wichtige gesellschaftliche Frage, zu welchen Anteilen wir uns das Wissenschaftssystem öffentlich oder privat finanzieren wollen. Fakt ist: Die jüngsten Entscheidungen der Politik, etwa zur Abschaffung von Studiengebühren, verschieben den Schwerpunkt in Richtung öffentliche Finanzierung. Zugleich kommt die öffentliche Hand ihrer Verpflichtung nicht nach, deutsche Spitzenuniversitäten so zu fördern, dass sie international konkurrenzfähig werden. Die Schweiz leistet sich international wettbewerbsfähige Universitäten, staatlich grundfinanziert. Dort funktioniert das System. Warum nicht bei uns?

Das Imperial College London wird von Ihnen hervorgehoben, weil es besonders gut ausgestattet ist. Es wurde aber auch für seine Militärforschung zwischen 2008 und 2011 von der Rüstungsindustrie und von der britischen Regierung mit rund 19 Mio. € üppig entlohnt. Andere britische und US-amerikanische Universitäten profitieren auch von der Rüstung. Das ist doch kein gangbarer Weg für Deutschland.

Wir Deutschen haben mit Rüstungsforschung eine Menge Unheil angerichtet. Ich halte diesen Weg für eine offene Universität in Deutschland für ungeeignet. Wenn Rüstungsforschung politisch gewollt ist, soll sie an eigens dafür eingerichteten Forschungsinstituten etabliert werden, nicht bei uns. Wir fordern aber nicht mehr Rüstungsforschung, sondern eine bessere Grundfinanzierung.

Aber in welche Forschungsvorhaben sollen staatliche Gelder verstärkt fließen?

In die Umweltforschung etwa. Es wäre kein Problem, sie an den Universitäten auszubauen. Auch haben wir eine international hoch anerkannte Forschungsstruktur des Bundes in den Einrichtungen wie Helmholtz, Leibniz und Max-Planck. Aber der Bund hat kaum die Möglichkeit, das mit den Hochschulen institutionell zu verknüpfen – was in den USA selbstverständlich ist. Intelligent verzahnte Strukturen sind ein ebenso wichtiges Vehikel wie Geld, um in der Wissenschaft international sichtbarer zu werden. Man sollte denen, die in der Exzellenzinitiative ihre Forschungsqualität bewiesen haben, die Kraft für den globalen Wettbewerb geben.

Werden vor allem große Technische Universitäten in Deutschland gefördert, so dürfte es zu einem weiteren Auseinanderbrechen der Hochschullandschaft in arme und reiche Universitäten kommen. Zwischen Universitäten und Fachhochschulen herrscht ohnehin schon dicke Luft.

Es geht nicht darum, einen Keil zwischen Hochschulen zu treiben. Fakt ist, dass immer weniger Universitäten erstklassige Forschung betreiben können. Nur die wenigsten Schulabgänger werden wissenschaftliche Karrieren anstreben. Es geht mir darum, dass in Deutschland dauerhaft Voraussetzungen für erstklassige Forschung an dazu prädestinierten Universitäten geschaffen werden.

Bildungsministerin Schavan lobt die Leistungsfähigkeit der Fachhochschulen und hebt ihre zunehmende Bedeutung in der Forschung hervor, es ist von der Ausbildung von Doktoranden an FH die Rede. Graben Ihnen die FH das Wasser ab?

In der Differenzierung liegt die Chance, nicht in der Annäherung. Ich will auch gar nicht von unten und oben in einem Ranking der Hochschultypen reden. Wir wissen inzwischen, welch hervorragende Ausbildung die Fachhochschulen anbieten und wie gut es ihnen gelingt, die Abbrecherquoten zurückzufahren. Bei gleichem Standard aller Hochschulen würde Deutschland aber einerseits bei der Spitzenforschung an Boden verlieren, andererseits die erforderliche Ausbildungsbreite vernachlässigen.

Promotionen sind dort am besten aufgehoben, wo man Forschungserfahrung vorweist. Wenn eine Fachhochschule das bietet, soll der Staat sie entsprechend mit Laboren und Personal ausstatten. Diese mit dem Promotionsrecht versehenen Hochschulen sollten dann aber im Sinne einer Aufgabenverteilung zwischen Universitäten und Fachhochschulen zu Universitäten werden.

Wie erklären Sie sich den steigenden Beliebtheitsgrad der Fachhochschulen, die so viele Studierende vorweisen können wie nie zuvor?

Sie werden sich wundern: Ich wünsche mir noch mehr Studierende an den Fachhochschulen. Wir haben momentan bei den Ingenieurwissenschaften ein Verhältnis von rund 60 % der Studierenden an Fachhochschulen und 40 % an Universitäten. Ich würde mich über ein Verhältnis von 80:20 freuen. Hätten 80 % der Ingenieurabsolventen ein FH-Ausbildungsprofil, wäre das für die Industrie ideal. Das entspräche auch den Vorstellungen der meisten Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften, die eher anwendungsbezogen studieren möchten als abstrakt. Diese Studierenden wären bei uns nicht gut aufgehoben. Wir möchten gerne die Studierenden an den großen Technischen Universitäten haben, die ganz bestimmte forschungsorientierte Ausbildungsformen wünschen und diese erfolgreich absolvieren können.

Die TU9 wünschen eine Aufhebung des Kooperationsverbots, die eine dauerhafte Finanzierung des Bundes in Forschung und Lehre erlauben würde. Sie sind pessimistisch, dabei sendet die Regierung positive Signale.

Ja, aber die Opposition will ein Ende des Kooperationsverbotes mit einem erhöhten Engagement des Bundes für die gesamte Bildungslandschaft verknüpfen, etwa den Einstieg in die Schulfinanzierung. Das mag sinnvoll sein, führt aber zum politischen Patt – und damit ist das Thema auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben.

Sollte es aber doch zu einer Aufhebung des Kooperationsverbotes kommen, würde der Bund größere Mitsprache in Bildungsfragen fordern. Wäre Ihnen das recht?

Für die Bildung sollte das jeweilige Land zuständig bleiben. Geht es aber um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Forschung, die überregionale Bedeutung hat, ist der Bund gefordert.

Woher soll der Bund das Geld nehmen?

Wenn man in die Forschung investiert, erzeugt das Arbeitsplätze. Werden 10 % etwa aus dem Etat für Arbeit und Soziales in die Forschungsförderung an Universitäten investiert, hätte sich das in wenigen Jahren amortisiert. Noch aber leisten wir uns einen Innovationsstau in Deutschland, weil wir nicht genug in hoch qualifizierte Ausbildung und innovative Forschung stecken.

  

Von Wolfgang Schmitz

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