Interview mit OECD-Experte

„Reproduktion von Fachwissen reicht nicht aus“

Technikbegeisterung werde in Deutschland vor allem bei Mädchen nicht mit den geeigneten Instrumenten gefördert, Betreuungsgeld und Kindergartengebühren seien kontraproduktiv. Das meint OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher. Der Koordinator der Pisa-Studien hält Deutschland das finnische Vorbild vor Augen.

VDI nachrichten: In Deutschland fehlen Ingenieure. Auch deshalb, weil es zu wenige junge Frauen gibt, die sich für diesen Beruf entscheiden. Wie kann man dem abhelfen?

Schleicher: Der Frauenanteil bei den Ingenieuren ist in Deutschland mit unter 20 % im internationalen Vergleich sehr gering. Interessant ist, dass 15-jährige Jungen und Mädchen bei den Pisa-Studien in den Naturwissenschaften ähnlich gute Schulleistungen vorweisen. Eine Frage naturwissenschaftlichen Vorwissens in der Schule ist dies also nicht. Was auffällt, ist, dass 15-jährige Mädchen sich für naturwissenschaftliche oder technische Fächer deutlich weniger interessieren und die in diesen Fächern liegenden Berufs- und Karrierechancen viel seltener erkennen. Im Laufe der Schulzeit nimmt das Interesse rapide ab und es geht der Gesellschaft damit entscheidendes Potenzial verloren. Ein naturwissenschaftlicher Unterricht, der maßgeblich auf Abfragewissen fokussiert, reicht nicht aus, um insbesondere junge Frauen zu begeistern.

Was müsste sich ändern?

Die Reproduktion von Fachwissen reicht für den Erfolg nicht mehr aus, zum einen, weil derartiges Wissen schnell veraltet, zum anderen, weil Arbeit, die digitalisiert oder automatisiert werden kann, in Hochlohnländern keine Zukunft mehr hat. Sie können heute fast jede Multiple-Choice-Klassenarbeit mithilfe eines Smartphones in Sekundenschnelle lösen. Wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder nicht nur fast so gut wie ein Smartphone sind und sich für das, was sie lernen, auch nachhaltig begeistern, müssen Sie gute Lernstrategien wirksam verankern.

Wir sind also in Deutschland auf einem guten Weg?

Trotz wichtiger Fortschritte hat Deutschland weiter großen Nachholbedarf beim Thema Chancengerechtigkeit. Erfolgreiche Bildungssysteme antworten auf die verschiedenen Interessen, Fähigkeiten und sozialen Kontexte der Schüler nicht mit Klassenwiederholungen, einem gegliederten Schulsystem oder anderer institutioneller Fragmentierung, sondern mit einem konstruktiven und individuellen Umgang mit Vielfalt. Das ist auch von zentraler Bedeutung, um die Leistungsspitze besser zu fördern. Gerade daran aber mangelt es.

In Deutschland sind Universitäten kostenlos, Kindergärten kostenpflichtig. Sind die Weichen falsch gestellt?

In Deutschland wird eine Diskussion darüber immer noch vermieden. Im Kindergarten und in der Vorschulerziehung, also dort, wo es entscheidend um Chancengleichheit geht und wo Fähigkeiten, Interessen, und die personale und soziale Identität von jungen Menschen wesentlich entwickelt werden, ist eine im OECD-Vergleich hohe private Kostenbeteiligung immer noch fester Bestandteil der Finanzierung. Dagegen sind Studiengebühren im Hochschulbereich – also dort, wo sich Bildungsinvestitionen für den Einzelnen in der Regel überdurchschnittlich auszahlen – immer noch tabu. Das zeigt ein krasses Missverhältnis bei den Investitionen in Bildung.

Die Bundesregierung möchte ein Betreuungsgeld einführen. Wie sehen Sie das?

Eltern, deren Kinder am meisten vom Kindergarten profitieren, jetzt auch noch dafür zu bezahlen, dass sie ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken, macht keinen Sinn.

Das beste Schulsystem in Europa scheint Finnland zu haben. Was ist das Erfolgsrezept der Finnen?

Das Bildungssystem in Finnland hat Detailregulierung durch strategische Zielsetzungen ersetzt. Schulen in Finnland antworten auf die verschiedenen Interessen, Fähigkeiten und sozialen Kontexte der Schüler nicht mit einem gegliederten Schulsystem, sondern mit einem individuellen Umgang mit den Lernenden. Dazu nutzen sie Klassenarbeiten und Zensuren nicht in erster Linie zur Kontrolle, etwa um Leistungen zu zertifizieren oder den Zugang zu Bildungsangeboten zu rationieren, sondern sie sorgen für motivierende Leistungsrückmeldungen, die Vertrauen in Lernergebnisse schaffen. Mit diesen können Lernwege entwickelt, individualisiert und begleitet werden. Finnische Schulen sind Lernorganisationen, in denen Lehrer voneinander und miteinander lernen, mit einem professionellen Management sowie einem Arbeitsumfeld, das sich durch mehr Differenzierung im Aufgabenbereich, bessere Karriereaussichten und Entwicklungsperspektiven, die Stärkung von Verbindungen zu anderen Berufsfeldern und mehr Verantwortung für Lernergebnisse auszeichnet.

Hohe Bildung der Bevölkerung führt zu hohem Wirtschaftswachstum. Stimmt diese Gleichung?

Ja, der Zusammenhang zwischen der Qualität von Bildungsleistungen und Wirtschaftswachstum ist klar nachzuweisen.

Von Sabine Seeger

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