Weltingenieurtag

Ingenieurausbildung wird künftig gesellschaftspolitische Aspekte berücksichtigen

Für eine Ingenieur-Initiative der Unesco spricht sich VDI-Direktor Willi Fuchs auf dem Weltingenieurtag (4. bis 9. September) in Genf aus. Sie soll die Führungsrolle der Ingenieure beim Übergang aus der Industriegesellschaft in eine Wissensgesellschaft verdeutlichen. Der Ingenieur der Zukunft soll sich zum Innovationsmanager und Unternehmer entwickeln, um damit in der Lage zu sein, Unternehmen zu führen und Wirtschaftspläne zu erstellen.

Für Willi Fuchs, Direktor des VDI, steht fest: „Zwar können Politiker Entscheidungen treffen, die wirklichen Lösungen müssen aber in den Laboren der Wissenschaft sowie in der Praxis der Unternehmen gefunden werden. Ich denke hier zum Beispiel an die Elektromobilität oder die Ressourceneffizienz. Damit lastet aber auch eine große Verantwortung auf den Ingenieuren. Diese Herausforderung hat inzwischen eine globale Dimension erreicht.“

Was können die Ingenieure aber tatsächlich tun, um ihrer globalen Verantwortung gerecht zu werden?

„Wir müssen gemeinsam das Gewicht und die Bedeutung der World Federation of Engineering Organisations. der WFEO, als Weltdachverband und als Global Player stärken. Wir müssen die WFEO als Vertreterin von mehr als 90 nationalen Ingenieurorganisationen dahingehend reformieren, dass sie auch adäquate Antworten auf globale Herausforderungen präsentieren und auf globaler Ebene vertreten kann“, weist Fuchs die Perspektive.

Wenn er von globaler Ebene spräche, so meine er in erster Linie die vielfältigen Möglichkeiten der WFEO als assoziiertes Mitglied der Unesco weltweite Programme und Initiativen ins Leben zu rufen, die helfen sollen, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (Unesco, Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) ist eine der 17 rechtlich selbstständigen Sonderorganisationen der Vereinten Nationen.

Willi Fuchs plädiert für eine noch zu konzipierende „Unesco Engineering Initiative“, die Ingenieurkapazitäten aller existierenden Organisationen in einer innovativen, pragmatischen und kosteneffektiven Art zusammenbringt.

Die „Unesco Engineering Initiative“ soll als Agenda der Ingenieure beim Übergang aus der Industriegesellschaft in eine Wissensgesellschaft die Führungsrolle der Ingenieure bei der Gestaltung der künftigen Wissensgesellschaft einmal mehr verdeutlichen.

Die Ingenieurausbildung spielt eine entscheidende Rolle

„Die Ingenieurausbildung muss sich nicht nur an den Erfordernissen der Zukunft orientieren, sondern auch in die `Unesco Engineering Initiative´ Eingang finden“, so Fuchs: “ Wenn wir uns die vergangenen Jahrhunderte vor Augen führen, so können wir feststellen, dass Ingenieure schon immer die Triebfeder des technischen Fortschrittes waren. Sie sind sich aber auch immer schon ihrer gesellschaftlichen und sozialen Verpflichtungen bewusst gewesen.“

Fuchs verweist auf die Thesen von Professor Nico Stehr, dem designierten- Leiter des Europäischen Zentrums für Nachhaltigkeitsforschung.

Nach Stehrs Ansicht wird Nachhaltigkeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten im Alltag zum „Kerngeschäft der Unternehmen, des Kapitalmarktes, der technischen Innovation und natürlich der Politik gehören.

Stehr stellt fest: „Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Umwelt- und Entwicklungsproblem. Nachhaltigkeit ist zu einer Frage der ökonomischen, demografischen, politischen, kulturellen, technischen, ökologischen und nicht zuletzt moralischen Entwicklung der Gesellschaft geworden.“

Fuchs unterstützt diese Thesen und zieht die Schlussfolgerung: „Um diese Zielsetzung erfolgreich verfolgen zu können, müssen wir die Ingenieurausbildung so reformieren, dass die verstärkte Nutzung der erneuerbaren Energien, die Ressourceneffizienz und das Recycling sowie die ökonomischen, ökologischen, sozialen, soziologischen und gesellschaftspolitischen Gesichtspunkte des wirtschaftlichen Handelns zu einem integralen Bestandteil der Ingenieurausbildung werden.“

Ziel müsse sein, so Fuchs. dass jeder Ingenieur eine internationale Perspektive bekommt, damit er seinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen weltweit leisten könne. Der Erwerb dieser „ganzheitlichen Kompetenzen“ helfe dem Ingenieur interdiszi-plinär zu denken und zu lernen sowie Produkte zu entwickeln, die den gesamtgesellschaftlichen und globalen Anforderungen gerecht würden.

Die Hochschulen sollen die Ingenieurausbildung schrittweise reformieren

Natürlich wird auch künftig ein Studienprogramm der Ingenieurwissenschaften ein breites Spektrum an Grundlagenwissen in Mathematik, Naturwissenschaften, Technologie und notwendigem interdisziplinären Wissen enthalten. Diese Fächer bilden das Fundament und den Kern für die Qualifikation eines jeden Ingenieurs.

Doch, so Fuchs, „das wichtigste Ausbildungsziel für die Ingenieure muss aber die aus dem Wissen abgeleitete Kompetenzentwicklung sein, die die angehenden Ingenieure für ihre künftigen Aufgaben benötigen“.

Mit anderen Worten, die Ingenieurausbildung muss sich zum einen für neue Inhalte öffnen und zum anderen stärker an den Bedürfnissen der Industrie und der Gesellschaft ausrichten.

Fuchs formuliert das Ziel der Anstrengungen so: „Der Ingenieur im 21. Jahrhundert muss in der Lage sein, mit dem raschen technologischen Fortschritt in einer immer stärker verflochtenen Weltwirtschaft Schritt halten und die komplexen multidisziplinären Probleme lösen zu können. Er muss die ihm zur Verfügung stehenden natürlichen und personellen Ressourcen möglichst effizient einzusetzen. Der Ingenieur der Zukunft sollte zudem in der Lage sein, sich zum Innovationsmanager und Unternehmertyp zu entwickeln, ein Unternehmen zu führen, Wirtschaftspläne zu erstellen und wirtschaftliches Wachstum zu erzeugen.“

Aus dieser Definition des modernen Ingenieurs ergäbe sich, so Fuchs, dass die Ingenieurausbildung, so wie wir sie kennen, dringend reformbedürftig ist. Die Verantwortlichen weltweit und vor allem in Europa hätten diese Notwendigkeit bereits erkannt, die ersten Reformschritte zur Anpassung der Curricula eingeleitet.

Der europäische Einigungsprozess und die von der Europäischen Union (EU) propagierte „European Higher Education Area“ – oder auch der „Bologna-Prozess“ – werden nach Fuchs Überzeugung dazu beitragen, dass sich die Lehre von Ökologie und Nachhaltigkeit im globalen Kontext als Bestandteil der Ingenieurausbildung über kurz oder lang durchsetzen wird.

Von wf/Rudolf Schulze

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