Elektroingenieure aus aller Welt studieren in Deutschland – über die Hälfte geht wieder
Internationale Studierende prägen das Elektrotechnik-Studium. Doch laut VDE steht über die Hälfte der Master-Absolventinnen und -Absolventen aus dem Ausland dem deutschen Arbeitsmarkt danach nicht zur Verfügung – obwohl viele bleiben wollen.
Internationale Studierende sind für den Nachwuchs in der Elektrotechnik zunehmend wichtig, doch viele stehen dem deutschen Arbeitsmarkt nach dem Studium nicht zur Verfügung.
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Mehr als die Hälfte (an Universitäten 55,5 %) der internationalen Master-Absolventinnen und -Absolventen in der Elektro- und Informationstechnik steht dem deutschen Arbeitsmarkt nach dem Studium nicht zur Verfügung. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse des VDE. Gleichzeitig sind internationale Studierende inzwischen ein wesentlicher Grund dafür, dass die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger in der Elektro- und Informationstechnik nicht noch stärker zurückgeht.
Dahinter steckt ein Problem für den Ingenieurarbeitsmarkt: Deutschland schafft es, junge Menschen aus dem Ausland für ein technisch anspruchsvolles Studium zu gewinnen und auszubilden. Ein beträchtlicher Teil dieser potenziellen Fachkräfte kommt anschließend jedoch nicht im deutschen Arbeitsmarkt an.
Dabei sprechen andere Untersuchungen dafür, dass viele internationale Studierende grundsätzlich bleiben möchten. In einer 2025 veröffentlichten DAAD-Befragung aus dem Wintersemester 2023/24 unter mehr als 20.000 internationalen Studierenden an rund 130 Hochschulen gaben zwei Drittel an, nach dem Studium in Deutschland bleiben zu wollen. Besonders ausgeprägt war dieser Wunsch bei Studierenden der Ingenieurwissenschaften, Informatik und Wirtschaftswissenschaften.
Inhaltsverzeichnis
- Internationale Studierende stützen die Elektrotechnik
- Viele Absolventen verlassen Deutschland wieder
- Internationale Studierende sind nicht immer gleich erfolgreich
- Sprache wird beim Berufseinstieg zur Hürde
- Viele fühlen sich schlecht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet
- Sollten internationale Studierende Studiengebühren zahlen?
- Was internationale Studierende für die deutsche Wirtschaft bedeuten
- Elektrotechnik braucht mehr Nachwuchs
- Quellen

Internationale Studierende stützen die Elektrotechnik
Internationale Studierende spielen für den Nachwuchs in der Elektro- und Informationstechnik eine immer größere Rolle. Nach Angaben des VDE hat sich ihre Zahl unter den Erstsemestern an deutschen Hochschulen innerhalb der vergangenen 20 Jahre ungefähr verdoppelt. Seit 2022 machen sie dem Verband zufolge mehr als die Hälfte der Studienanfängerinnen und -anfänger aus.
Der VDE führt die zuletzt stabilisierten Erstsemesterzahlen in der Elektrotechnik deshalb vor allem auf internationale Studierende zurück. Während deren Bedeutung zunehme, gehe das Interesse an einem Elektrotechnikstudium unter jungen Menschen aus Deutschland weiter zurück.
Auch bei den Abschlüssen zeigt sich die zunehmende Internationalisierung: 2023 entfielen nach einer Auswertung zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 45 % der Abschlüsse in der Elektrotechnik auf internationale Studierende. Das entsprach 2620 Abschlüssen.
„Unsere Zahlen belegen die Attraktivität des deutschen Elektrotechnikstudiums“, sagt Michael Schanz, der beim VDE den Ausschuss Studium, Beruf und Gesellschaft betreut und die Berechnungen durchgeführt hat.
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Viele Absolventen verlassen Deutschland wieder
Bei der Interpretation der VDE-Zahlen ist allerdings Vorsicht angebracht. In seiner Pressemitteilung schreibt der Verband, 55,5 % der internationalen Master-Absolvierenden verließen Deutschland nach dem Studium wieder. Die zugrunde liegende Analyse erlaubt jedoch keine so genaue Messung der tatsächlichen Abwanderung.
Der VDE befragte 2024 unter anderem 143 Professorinnen und Professoren, die den geplanten Verbleib internationaler Studierender einschätzen sollten. Für Herkunftsregionen, die in der Befragung nicht abgedeckt waren, nahm der Verband eine Rückkehrquote von 50 % an. Daraus errechnet der VDE, dass an Universitäten 55,5 % und an Hochschulen für angewandte Wissenschaften 52,5 % der internationalen Master-Absolventinnen und -Absolventen dem deutschen Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen.
Andere Daten zeigen ebenfalls, dass ein erheblicher Teil der internationalen Studierenden Deutschland wieder verlässt. Eine neuere Auswertung des Statistischen Bundesamtes, die im Bericht „Wissenschaft weltoffen 2024“ von DAAD und DZHW veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass von den internationalen Studienanfängerinnen und -anfängern der Jahrgänge 2006 bis 2012 nach fünf Jahren noch 55 % und nach zehn Jahren 46 % in Deutschland lebten. Die Berechnung basiert auf dem Ausländerzentralregister und kann deshalb nur Studierende aus Nicht-EU-Staaten erfassen. Die Zahlen beziehen sich zudem auf alle Studienfächer und sind nicht unmittelbar mit der VDE-Schätzung für die Elektro- und Informationstechnik vergleichbar.
Neuere OECD-Zahlen, auf die sich auch der DAAD beruft, kommen auf eine langfristige Verbleibsquote: Demnach befinden sich zehn Jahre nach Studienbeginn noch rund 45 % der internationalen Studierenden in Deutschland. Im internationalen Vergleich ist das ein hoher Wert: Laut OECD zählt Deutschland neben Kanada zu den Ländern mit den höchsten Bleibequoten internationaler Studierender
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Internationale Studierende sind nicht immer gleich erfolgreich
Handlungsbedarf sieht der Verband unter anderem während des Studiums. Nach seinen Berechnungen lag die Studienerfolgsquote inländischer Studierender in den vergangenen Jahren sieben Prozentpunkte über der internationaler Studierender. Allerdings lässt die Datengrundlage keine gleichzeitige Unterscheidung nach Bachelor und Master sowie nach inländischen und internationalen Studierenden zu.
„Ein Studium im Ausland bringt immer besondere Herausforderungen mit sich: eine fremde Sprache, eine andere Kultur und mitunter auch andere Anforderungen im Studium“, sagt Prof. Dr.-Ing. Kira Kastell, Vorsitzende des VDE-Ausschusses Studium, Beruf und Gesellschaft und Präsidentin der Hochschule Hamm-Lippstadt.
Hinzu kommen Unterschiede zwischen den Hochschulsystemen. Ausländische Bachelorabschlüsse, die formal zu einem Masterstudium berechtigen, entsprechen laut VDE nicht zwangsläufig exakt den fachlichen Anforderungen eines deutschen Bachelorstudiums. Der Verband schlägt deshalb unter anderem vor, bei der Zulassung stärker zu prüfen, welche Module absolviert wurden und welche wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungen Bewerberinnen und Bewerber mitbringen.
Sprache wird beim Berufseinstieg zur Hürde
Warum aus einem Studium in Deutschland nicht automatisch eine Beschäftigung in Deutschland wird, hat mehrere Gründe. Einer davon ist die Sprache.
Englischsprachige Studiengänge erleichtern internationalen Studierenden den Zugang zu deutschen Hochschulen. Beim Berufseinstieg können fehlende Deutschkenntnisse jedoch zur Hürde werden. Nach einer Unternehmensbefragung des Instituts der deutschen Wirtschaft erwarten 54,7 % der befragten Unternehmen von internationalen Fachkräften fortgeschrittene oder sehr gute Deutschkenntnisse. Auch in der Metall- und Elektroindustrie liegt der Anteil bei rund der Hälfte, abhängig von der Unternehmensgröße.
Der DAAD spricht deshalb von einer Diskrepanz zwischen Studium und Arbeitsmarkt. Englisch könne den Zugang zum Studium erleichtern, für eine langfristige Beschäftigung seien Deutschkenntnisse jedoch häufig entscheidend. Besonders im Mittelstand bleibt Deutsch die zentrale Unternehmenssprache.
Viele fühlen sich schlecht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet
Die Schwierigkeiten beschränken sich nicht nur auf die Sprache. Nur rund ein Drittel der internationalen Studierenden fühlt sich laut DAAD gut auf den Berufseinstieg in Deutschland vorbereitet. Gewünscht werden unter anderem mehr Career Services, Sprachkurse und Kontakte zu Unternehmen.
Eine 2026 veröffentlichte Mikrostudie zur Situation internationaler Studierender in Berlin des DAAD zeigt zudem, wie wichtig bereits die Erwerbstätigkeit während des Studiums sein kann. Rund 35 % der dort untersuchten Studierenden arbeiteten nicht fachnah. Dadurch fehlten ihnen nicht nur berufliche Kontakte und praktische Erfahrungen, sondern teilweise auch Zeit für das Studium und den Spracherwerb. Die Untersuchung umfasste allerdings lediglich 355 Studierende und Alumni aus Indien und der Türkei und lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf ganz Deutschland übertragen.
Der VDE fordert deshalb unter anderem mehr Coaching während des Studiums, Unterstützung beim Berufseinstieg und stärkere Angebote zum Erwerb der deutschen Sprache.
Sollten internationale Studierende Studiengebühren zahlen?
Mehr Betreuung und Sprachförderung werfen allerdings auch die Frage nach der Finanzierung auf. Der VDE bringt deshalb Studiengebühren für Studierende aus Nicht-EU-Staaten ins Spiel und verweist auf Baden-Württemberg.
Dort zahlen internationale Studierende aus Staaten außerhalb der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums seit dem Wintersemester 2017/18 grundsätzlich 1500 € pro Semester. Es bestehen allerdings verschiedene Ausnahmen. Die Einnahmen sollen nach Angaben des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums den Hochschulen zugutekommen.
Der VDE schlägt vor, zusätzliche Einnahmen gezielt für Sprachförderung, Coaching und Unterstützung beim Berufseinstieg einzusetzen. Studiengebühren könnten allerdings zugleich die Attraktivität Deutschlands für internationale Studierende beeinflussen. Ob das baden-württembergische Modell tatsächlich zu einer besseren Arbeitsmarktintegration führt, belegt die VDE-Analyse nicht.
Was internationale Studierende für die deutsche Wirtschaft bedeuten
Ökonomisch kann sich die Ausbildung internationaler Studierender für Deutschland dennoch rechnen, vorausgesetzt, ein ausreichender Anteil bleibt im Land.
Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag des DAAD hat verschiedene Szenarien berechnet. Je nach angenommener Verbleibsquote ergibt sich für 1000 internationale Studienanfängerinnen und -anfänger über ihren weiteren Lebensverlauf in Deutschland eine Wertschöpfung zwischen 620 Mio. € und 1,77 Mrd. €. Für die öffentlichen Haushalte errechnet das IW ebenfalls langfristig positive Effekte. Die Ausbildung amortisiere sich je nach Szenario zwei bis fünf Jahre nach Studienende.
Der VDE leitet daraus für die Elektro- und Informationstechnik eine eigene Rechnung ab. Nach seinen Annahmen kostet ein erfolgreich ausgebildeter internationaler Absolvent, der anschließend in Deutschland bleibt, unter Berücksichtigung von Studienabbrüchen und Abwanderung rechnerisch knapp 254.000 €. Dem stellt der Verband eine langfristige Wertschöpfung von rund 4,1 Mio. € pro verbleibendem Absolventen gegenüber. Daraus ergibt sich die Aussage, dass jeder investierte Euro rund 16 € Wertschöpfung erzeugt.
Auch diese Zahl ist das Ergebnis einer Modellrechnung. Der VDE kombiniert dafür eigene Annahmen zu Studienerfolg und Verbleib mit den volkswirtschaftlichen Szenarien des IW. Die Größenordnung hängt deshalb stark davon ab, wie viele Absolventinnen und Absolventen tatsächlich dauerhaft in Deutschland arbeiten.
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Elektrotechnik braucht mehr Nachwuchs
Für die Elektro- und Informationstechnik ist die Frage besonders relevant. Nach einer weiteren VDE-Berechnung könnten von 2025 bis 2029 rund 30.000 weniger Menschen ihr Studium in diesem Bereich abschließen, als Elektroingenieurinnen und -ingenieure altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Für 2026 erwartet der Verband beispielsweise rund 6800 Abschlüsse bei etwa 12.550 Verrentungen. Nicht jeder frei werdende Arbeitsplatz muss allerdings eins zu eins neu besetzt werden.
Internationale Studierende können diese Lücke deshalb nicht allein schließen. Sie sind inzwischen aber ein wichtiger Teil des Nachwuchses.
Die Ausgangslage ist dabei günstiger, als die Abwanderungszahlen zunächst vermuten lassen: Viele internationale Studierende kommen nicht nur für einen deutschen Hochschulabschluss. Zwei Drittel der DAAD-Befragten können sich vorstellen, anschließend in Deutschland zu bleiben.
Die entscheidende Frage ist deshalb weniger, ob Deutschland genügend internationale Studierende anzieht, sondern ob Hochschulen und Unternehmen es schaffen, aus diesem Interesse einen erfolgreichen Übergang in den Arbeitsmarkt zu machen.
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