Interview zu Hochschulen

„Eine Fachhochschule ist keine schlechte Universität“

„Wir können getrost von einem Wandel in der Hochschullandschaft reden, wie wir ihn in Deutschland noch nie gesehen haben“, sagt Nicolai Müller-Bromley, Präsident des Hochschullehrerbundes. Der ranghöchste FH-Professor in Deutschland sieht – im Gegensatz zu führenden Universitätsvertretern – die Annäherung der Hochschultypen als wegweisenden Fortschritt an.

VDI nachrichten: Professor Müller-Bromley, Elite-Universitäten, forschungsstarke Fachhochschulen, Drittmittel, Rankings. Die Begriffe legen die Frage nahe: Kann man von einer Neuordnung der deutschen Hochschullandschaft sprechen?

Ja, das kann man auf jeden Fall. Sie haben den Bachelor- und Masterprozess vergessen, der Fachhochschulen jetzt auch dem äußeren Bild nach die gleichen Studiengänge vorgibt wie Universitäten. Dadurch ist die klassische Arbeitsaufteilung zwischen Universitäten und Fachhochschulen – die einen forschungsorientiert, die anderen eher ausbildend – brüchig geworden. Wir können getrost von einem Wandel in der Hochschullandschaft reden, wie wir ihn in Deutschland noch nie gesehen haben.

Der Wissenschaftsrat, das höchste politische Beratungsgremium, aber spricht von der Notwendigkeit einer funktionierenden Differenzierung der deutschen Hochschullandschaft.

Die Position des Wissenschaftsrates ist nicht völlig konsistent, da seine Expertisen häufig Kompromissen unterliegen. Zunächst beschreibt er zutreffend die Weiterentwicklung der FH zu forschungsstarken Hochschulen, in denen Studierende nach Bachelor und Master auch die Möglichkeit zur Promotion erhalten, und die damit verbundene Annäherung von FH und Universitäten, um dann zu sagen: Wir wollen an der Differenzierung der beiden Hochschultypen festhalten. Das passt nicht zusammen.

Es gibt schon heute keine generelle Differenzierung mehr zwischen der FH und der Universität. Dies wurde ersetzt durch die individuelle Profilbildung jeder einzelnen Hochschule. Auch die Universitäten unterscheiden sich nach mehreren Ausprägungen: so etwa in forschungsstarke oder eher lehrorientierte Universitäten. Die TU9 kochen ein anderes Süppchen als kleine technische Universitäten in ländlichen Gegenden. Ähnlich hat auch eine Zersplitterung bei den Fachhochschulen eingesetzt, denken Sie etwa an UAS7 oder HAWtech.

Verfügen die FH überhaupt über die Strukturen, insbesondere über den wissenschaftlichen Mittelbau, um so forschungsstark aufzutreten wie die Universitäten?

Sie haben grundsätzlich Recht. Die Ressourcen sind – noch – ungleich verteilt. Aber auch hier gibt es Annäherungsprozesse. Wissenschaftliche Mitarbeiter sind an Fachhochschulen keine Seltenheit mehr: Es gibt heute knapp 0,5 Stellen pro Professor, an Universitäten sind es rund 6,5 Stellen. Bei den Geräten und Laboren verhält es sich ähnlich. Universitäten sind da noch etwas besser aufgestellt, aber wir holen auf. Unser Problem: Wir haben zu wenige grundfinanzierte wissenschaftliche Mitarbeiter, die losgelöst von Projekten für uns arbeiten und die wir längere Zeit beschäftigen.

Für die Studierenden wirft die Annäherung der Hochschultypen aber doch ein Problem auf. Früher war es einfach: Wissenschaftliche Karrieren starten an den Universitäten, die FH bilden nahe an der Unternehmenspraxis aus. Diese Schubladen lassen sich jetzt nicht mehr so einfach bedienen.

Ich würde einem Studierenden deshalb raten, sich die einzelne Hochschule anzuschauen. Es reicht nicht mehr, die Frage zu beantworten: Universität oder Fachhochschule? Das individuelle Profil der Hochschule sollte entscheiden.

RWTH-Rektor Schmachtenberg schlägt vor, forschungsstarke Fachhochschulen in Universitäten umzubenennen und forschungsschwache Universitäten in FH.

Solch eine Aussage ist eine Katastrophe, weil Fachhochschulen nicht weniger sind als Universitäten, sondern anders. Eine Fachhochschule ist keine schlechte Universität.

Ist mit dem zahlreichen Lob aus Wirtschaft und Politik ein neues Selbstvertrauen der Fachhochschulen verbunden und damit der Wunsch, an Exzellenzinitiativen teilzuhaben?

Mit Selbstvertrauen haben wir schon seit vielen Jahren keine Probleme mehr. Wir wissen, was wir können. Diese Entwicklung führt tatsächlich dazu, dass wir von einigen Fleischtöpfen nicht ausgeschlossen sein wollen. Bei der Exzellenzinitiative haben wir schon 2007 beklagt, dass die Fachhochschulen nicht vorkommen. Dass wir nicht einmal die Chance zur Bewerbung bekommen haben, war nicht in Ordnung.

Die Fachhochschulen bilden in Kooperation mit Universitäten Doktoranden aus. Unter der Promotionsurkunde steht nur der Name der Universität. Ärgert Sie das?

In der Tat: Ich sehe die Rolle der Fachhochschulen nicht entsprechend gewürdigt. Die Universitäten sind Herren des Promotionsverfahrens. Über die Gestaltung der Promotionsordnungen können sie die Absolventen der Fachhochschulen ausbremsen. Universitäten sehen die Promotion als ihren einzigen Wettbewerbsvorteil an – und den spielen sie auch aus. Dabei ist es politisches Credo, eine Bildungsbiografie zu ermöglichen, die es jedem guten Studierenden erlaubt, ungehindert vom Bachelor bis zur Promotion zu studieren. Eine Möglichkeit, dieses Problem zu lösen, wäre das Promotionsrecht für Fachhochschulen. Da traut sich politisch aber zurzeit kein Land heran. Hätte der Bund mehr Kompetenzen, wären wir hier wahrscheinlich bereits auf einem guten Weg.

Eine Brücke zwischen den Hochschultypen könnte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sein, in der sowohl FH- als auch Universitätsvertreter sitzen. Aber über die Wahl von Horst Hippler, einstigem Sprecher der großen technischen Universitäten, zum HRK-Präsidenten sind viele FH-Professoren nicht glücklich. Als Brückenbauer scheint er für Sie nicht infrage zu kommen, oder?

Diese Wahl hat es für uns nicht leichter gemacht. Professor Hippler vertritt rigide Positionen. Andererseits ist der HRK-Präsident zurzeit nicht um sein Amt zu beneiden. Die Hochschullandschaft ist im Umbruch, sie strebt auseinander. Diesen Laden zusammenzuhalten, ist eine extrem schwere Aufgabe, die nur über Kompromisse zu lösen ist.

In einem offenen Brief werfen FH-Professoren aus NRW Horst Hippler vor, er verkenne die Realität, entwerte die Arbeit der deutschen Hochschulen und verunsichere durch seine Kritik an den Bologna-Reformen „in unverantwortlicher Weise Studierende wie Arbeitgeber“.

Ich teile generell die Meinung der Landesrektorenkonferenz NRW. Aber ich muss auch gestehen: Viele Kollegen sprechen dem sechssemestrigen Bachelor die Qualität des alten Diploms ab. Vielleicht müssen wir es akzeptieren, dass ein solcher Abschluss den Bedürfnissen der Praxis entspricht. Wer sich weiterbilden möchte, für den gibt es schließlich noch den Master. Was zählt, ist die exzellente Reputation des deutschen Ingenieurs und die ist ein sehr guter Ausweis geblieben.

Der Run auf die Fachhochschulen hält auch wegen des doppelten Abiturjahrgangs an. Ist das gute Lehr- und Lernverhältnis von einem Professor zu wenigen Studierenden, auf das die Fachhochschulen so stolz sind, als Trumpf gegenüber den Universitäten gefährdet?

Das Verhältnis ändert sich tatsächlich. Auch da bewegen wir uns – leider – auf die Universitäten zu. Betrug die Gruppengröße früher 35, sind es heute 40, Trend Richtung 45. Der politische Druck, mehr junge Menschen zum Studium zu motivieren, darf sich nicht in einer Qualitätsminderung widerspiegeln. Wir brauchen einen Ausbau des Mittelbaus, auch um zusätzliche Lehrkräfte zu gewinnen. Das aber kostet.

Hat sich im Verhältnis der Fachhochschulen zu den Unternehmen etwas getan?

Enge Kooperationen hat es immer schon gegeben. Was sich verändert hat, ist unsere hohe Attraktivität als Forschungspartner – vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen.

Wie sieht die Hochschullandschaft in 15 Jahren aus?

Die institutionelle Unterscheidung nach Fachhochschulen und Universitäten wird es nicht mehr geben. Forschen werden alle Hochschulen, aber mehr oder weniger intensiv. Ehemalige Fachhochschulen werden in den Topligen mitspielen. Mein Wunsch ist, dass die heutigen Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaften die Nähe zur Praxis als Wettbewerbsvorteil verstehen und diesen nicht verspielen. 

Von Wolfgang Schmitz

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