Hochschule und Globalisierung

Deutsche Sprache als Wissenschaftssprache erhalten: Pro und Contra

Die deutschen Hochschulen beugen sich den vermeintlichen Anforderungen der Globalisierung und richten reihenweise englischsprachige Studiengänge ein. Die Hochschulrektorenkonferenz reagierte mit der Forderung nach Multilingualität. Doch was spricht eigentlich dafür, die deutsche Sprache als Wissenschaftssprache zu erhalten – und was gegen eine allgemeine Verkehrssprache?

Nach Erkenntnissen der Unesco ist von den heute rund 6000 gesprochenen Sprachen die Hälfte bedroht zu verschwinden. Deutsch gehört nicht dazu. Doch wer die deutsche Hochschullandschaft betrachtet, kann einen Sprachverlust feststellen: Im Zuge der Internationalisierung verdrängt das Englische andere Sprachen. Der Anteil deutschsprachiger Veröffentlichungen im Bereich der naturwissenschaftlichen Publikationen ist auf 1 % gesunken, wie der DAAD mitteilt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass rund 2 % der Weltbevölkerung überhaupt Deutsch sprechen können.

„Die leichtfertige Preisgabe der deutschen Wissenschaftssprache bedeutet nichts anderes als Kulturverlust“, sagt Kurt Reinschke, stellvertretender Vorstand im Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache (Adawis).

Englische Ausdrücke werden unreflektiert in die deutsche Sprache übernommen

„Mich ärgert das gedankenlose Spicken deutscher Texte mit unreflektierten und oft falsch übernommenen englischen Ausdrücken. Da will sich jemand wichtig machen und ist letztendlich nur zu faul, eine korrekte deutsche Ausdrucksweise zu finden“, sagt Frank Stefan Becker, Bildungs- und Hochschulexperte bei Siemens.

Deutschland habe seine eigene Kultur und Sprache wie kein anderes Land infrage gestellt. Daraus resultiere zum einen eine eingeschränkte Arbeitseffektivität und -effizienz der Wissenschaftler im Land. Zum anderen sinke das kulturelle Niveau aufgrund mangelnder Sprachqualität. „Jeder hat in der Regel nur eine Muttersprache, in der er urwüchsig denkt, die feinsten Regungen seines Intellekts in Worte fassen und diese bei anderen Personen wahrnehmen kann“, erklärt Reinschke. In nicht englischsprachigen Ländern entstehe durch die einseitige Bevorzugung des Englischen ein Nachteil im internationalen Wettbewerb der Geistesschaffenden.

Trotz ihres klaren Votums für Deutsch an den Hochschulen, plädieren Becker und Reinschke keinesfalls gegen eine allgemeine Verkehrssprache, eine sogenannte „Lingua franca“. Für Menschen, die in der Wissenschaft oder der freien Wirtschaft tätig sind, könne es nur den Weg der Mehrsprachigkeit geben.

Im 13. Jahrhundert war Latein die Wissenschaftssprache

„Bereits als im 13. Jahrhundert unsere ersten Universitäten entstanden, diente das tote Latein als Wissenschaftssprache“, beginnt Reinschke einen historischen Rückblick. „Das musste jeder Gelehrte in harter geistiger Anstrengung erlernen.“ Ab dem 16. Jahrhundert bekannten sich einige Wissenschaftler zu den Vorzügen der Muttersprache als „natürlichem Vehikel allen schöpferischen Denkens“. Wer wissenschaftliche Erkenntnisse außerhalb der eigenen Landesgrenzen verfolgen wollte, musste die Sprache des jeweiligen Autors erlernen.

Die Idee, jeder könne sich in seiner eigenen Sprache am besten ausdrücken, überlebte bis heute – der Mut, in der eigenen Muttersprache zu veröffentlichen, wich jedoch. „Heute ist Englisch die internationale Verkehrssprache“, konstatiert Frank Stefan Becker. „Das mag man bedauern, aber die Alternative wäre wohl Chinesisch – was ich persönlich nicht vorziehen würde.“

Die Übermacht einzelner Sprachen ist, ebenso wie der Untergang anderer, ein Bestandteil der Weltgeschichte. „Die Dominanz einzelner Sprachen hängt mit den hegemonialen Bestrebungen von Staaten zusammen“, sagt Reinschke. So haben sich zunächst Französisch, Spanisch und letztlich Englisch als Verkehrssprache durchgesetzt.

Eine neutrale Sprache hatte der Pole Ludwig Zamenhof im Sinn, als er 1887 seine Kunstsprache Esperanto präsentierte. Diese konnte sich jedoch nicht als internationales Verständigungsmittel durchsetzen. Kritiker führen das auf den mangelnden Bedarf an einer künstlichen Sprache, auf die fehlende historische Verwurzelung und linguistische Willkür zurück. Darüber hinaus seien in Esperanto die Ausdrucksmöglichkeiten ebenso beschränkt, wie in jeder erlernten Weltsprache.

Einzig nach Fachrichtungen unterscheiden sich die Auswirkungen von Sprache auf die Wissenschaft und das Verständnis des Einzelnen. „Im Bereich der Geisteswissenschaft, wo Stilmittel wie Ironie oder kulturspezifische Bezüge eine Rolle spielen, geht in einer fremden Sprache viel verloren“, erklärt Becker. Wenn es sich jedoch um Fächer handle, bei denen Fakten und Zahlen im Vordergrund stehen, z. B. in Naturwissenschaft und Technik, sei das tiefe Verstehen abhängig vom Grad der Gewöhnung.

Einige Wissenschaftler sind gegen Deutsch als Wissenschaftssprache

Es gibt Wissenschaftler, die noch weiter gehen als Becker. Alexander Kekulé, Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Universität Halle-Wittenberg, spricht sich gegen die Wiederbelebung des Deutschen als Wissenschaftssprache aus. Er argumentiert, dass 90 % der Adressaten naturwissenschaftlicher Publikationen im Ausland beheimatet und die meisten Autorenteams international besetzt seien.

Neben kulturellen Aspekten geht es bei der Wahl der Sprache auch um Geld. „Die Kosten der in Deutschland betriebenen Forschung und Lehre werden von den deutschen Steuerzahlern aufgebracht“, sagt Reinschke. Diese tragen auch die Kosten für Studierende, die aus dem Ausland an deutsche Hochschulen kommen. „Das Argument, die ausländischen Studierenden würden später in ihren Heimatländern als Botschafter wirken, setzt voraus, dass sie während ihres Studiums in Deutschland mit der deutschen Kultur und Sprache vertraut wurden.“ Das sei jedoch immer weniger der Fall. Stattdessen erfolge die Ausbildung in Deutschland „mehr schlecht als recht“ in englischer Sprache, um den Absolventen bessere Chancen auf dem US-amerikanisch dominierten Arbeitsmarkt zu bieten. Das Land ihrer Wahl bleibt den Gastwissenschaftlern dabei fremd.

Sollten Abschlussarbeiten aufgrund bildungs- oder arbeitsmarktpolitischer Überlegungen in einer anderen Sprache verfasst werden, würde der ehemalige Lehrstuhlinhaber Reinschke eines fordern: „Sowohl der Student als auch die Prüfer müssen die betreffende Sprache hinreichend gut beherrschen.“

EU-Forschungsprojekt „TransLectures“: Kostengünstige Lösungen für mehrere Sprachen

Das EU-Forschungsprojekt „TransLectures“, das bis 2014 mit 3 Mio. € gefördert wird, könnte helfen. Ziel ist es, kostengünstige Lösungen zur Unterstützung der Mehrsprachigkeit zur Verfügung zu stellen. Vorlesungen und Vorträge sollen zunächst aufgezeichnet, dann automatisch transkribiert und in die verschiedensten Sprachen übersetzt werden. Auf diese Weise wären Forschungsergebnisse weltweit präsent. Auch wenn diese in einer Sprache verfasst wurden, die nur 2 % der Weltbevölkerung überhaupt sprechen.  

Von Lisa Schneider

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