Alpine Infrastruktur 08.06.2026, 10:30 Uhr

Klimawandel in den Alpen: So werden Skigebiete jetzt neu gebaut

Ingenieurin Monica Borsatto erklärt, wie Skigebiete im Klimawandel neu geplant werden – mit nachhaltiger Technik, effizienter Infrastruktur und innovativer Beschneiung.

Monica Borsatto

Die Ingenieurin Monica Borsatto arbeitet an Skigebieten der Zukunft.

Foto: Dolomiti Superski

Wie entwickelt sich moderne Skigebiets-Infrastruktur im Zeitalter von Klimawandel, Effizienzdruck und Nachhaltigkeit? Im Gespräch mit der Ingenieurin Monica Borsatto, Gründerin des auf alpine Infrastruktur spezialisierten Ingenieurbüros Studio Winterplan, geht es um die technologische Transformation der Dolomiten – von Beschneiungssystemen und Speicherbecken bis hin zu hochpräzisen Pisten- und Seilbahnprojekten. Ein Gespräch über Ingenieurkunst im alpinen Raum – und darüber, wie aus Infrastruktur Zukunft für den Wintersport entsteht.

Wenn man heute auf die Entwicklung moderner Skigebiete blickt – geprägt von Klimawandel, technischer Innovation und steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen – wird deutlich, wie komplex dieses Feld geworden ist. Wie hat Ihr persönlicher Werdegang Sie in genau dieses Spannungsfeld geführt, und was hat Sie an der Arbeit als Ingenieurin in den Dolomiten besonders fasziniert?

Ich habe die Veränderungen in den Dolomiten, die durch den massiven Tourismus der 1980er und 1990er Jahre entstanden sind, damals selbst miterlebt. Dieser Tourismus hat das Leben in unseren Tälern grundlegend verändert und das empfindliche ökologische und soziale Gleichgewicht zunächst natürlich gestört. Das Thema begleitet mich also quasi bereits mein ganzes Leben lang und hat auch meinen Werdegang geprägt. Die Berge bedeuten für mich Heimat.

Gleichzeitig haben mich technische und technologische Infrastrukturen schon immer fasziniert. Aus dieser Verbindung heraus bin ich Ingenieurin geworden. Ich wollte verstehen und mitgestalten, wie solche Infrastrukturen entstehen und wie sie sich in einen so sensiblen Raum wie die Dolomiten einfügen. Heute plane und betreue ich die technische Infrastruktur von Seilbahnen und Skigebieten. Genau dort kommen für mich all diese Aspekte zusammen: die Berge, die Veränderungen im alpinen Raum und die Verantwortung, technische Lösungen bewusst zu gestalten.

Moderne Lifttechnik ist ein zentraler Bestandteil heutiger Skigebiete und verbindet effiziente Beförderungssysteme mit hoher Sicherheit, Automatisierung und technischer Präzision im alpinen Raum. Foto: Dolomiti Superski

Vom Ausbau zur Optimierung

Skigebiete sind heute hochkomplexe technische Systeme. Wie hat sich die Planung und Umsetzung von Infrastrukturprojekten in den letzten 10 bis 15 Jahren verändert – insbesondere im Hinblick auf Effizienz und technische Präzision?

Die technische Entwicklung von Skigebieten hat sich in den letzten 40 Jahren sehr schnell vollzogen. Früher waren es fast handwerklich errichtete Systeme, die dazu dienten, die Alpen zu erschließen. Heute sprechen wir von hochmoderner Industrietechnik, die ein etabliertes Tourismussystem trägt. In den letzten Jahren hat sich der Fokus verschoben: weg von der Expansion hin zur Optimierung und Verbesserung der bestehenden technischen Anlagen. Ältere Technologien werden durch Systeme ersetzt, die immer leistungsfähiger, funktionaler und energieeffizienter sind.

Nachhaltigkeit und Energieeffizienz spielen inzwischen eine zentrale Rolle. Wie schlagen sich diese Anforderungen konkret in Ihren Projekten zu Beschneiung, Pistenbau oder Speicherbecken nieder?

Nachhaltigkeit und Energieeffizienz sind zweifellos zentrale Themen im Design und in der Planung. Für mich gehört dazu auch, die Umwandlung oder Restaurierung von Bauwerken am Ende ihrer Nutzungsdauer mitzudenken. Zentral in meinen Entwürfen ist dabei immer die Optimierung von Bauwerken, um so ihre optimale Funktion für ihren vorgesehenen Zweck zu gewährleisten.

Genauso wichtig ist mir aber, die Auswirkungen auf die lokalen Ressourcen so gering wie möglich zu halten. Ich bevorzuge Skipisten, die sich harmonisch in die Hangmorphologie einfügen, und Becken, die so positioniert sind, dass sie sowohl die Wasserressourcen als auch die Landschaftsmerkmale optimal nutzen. In meinen Projekten berücksichtige ich stets das „Danach“: also die Frage, wie diese Bauwerke nach Ablauf ihrer Nutzungsdauer umgewandelt und harmonisch in ein natürliches System integriert werden können.

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Technische Lösungen im Zeichen des Klimawandels

Der Klimawandel ist im alpinen Raum besonders spürbar. Wie verändert er Ihre tägliche Arbeit als Ingenieurin – und welche technischen oder planerischen Antworten sind überhaupt möglich?

Der Klimawandel ist in den Bergen deutlich spürbar. Deshalb müssen wir uns sehr bewusst machen, dass es Grenzen gibt, die wir nicht überschreiten dürfen, wenn wir die Berge nicht schädigen wollen. Für die Planung bedeutet das: Wir müssen kreativer werden – nicht, um diese Grenzen zu umgehen, sondern um innerhalb dieser Grenzen gute Lösungen zu finden. Respekt vor dem Ort und vor der Berglandschaft ist deshalb bei jedem Entwurf und in jeder Planung unerlässlich.

Ich glaube, dass wir als Branche diese Art von Tourismus und Infrastruktur in den Dolomiten vor etwa 50 Jahren selbst erfunden und gefördert haben. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir auch in Zukunft in der Lage sein werden, auf Grundlage unserer Erfahrungen und der Weiterentwicklung unserer technologischen Lösungen andere Formen der Humanisierung zu entwickeln –  also andere Wege, wie der Mensch den alpinen Raum nutzt und gestaltet.

Wenn Technik, Tourismus und Sport zusammenwirken

Sie arbeiten eng mit Betreibern und Organisationen wie Dolomiti Superski zusammen. Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Technik, Tourismus und Sport in der Praxis vorstellen?

Unsere Branche funktioniert nur durch Zusammenarbeit. Tourismus entsteht nicht allein durch die Landschaft, sondern durch ein Angebot, das für Gäste attraktiv und verlässlich ist. Dafür braucht es technische Infrastruktur, die gut geplant ist und sicher und effizient betrieben wird. Gleichzeitig verändern Tourismus und Sport die Anforderungen an diese Infrastruktur immer weiter. Betreiber, Organisationen und Technik müssen deshalb eng zusammenarbeiten: Die einen formulieren die Bedürfnisse und Ziele, die Technik übersetzt sie in konkrete, umsetzbare Lösungen.

Welche technologischen Entwicklungen im Bereich Aufstiegsanlagen, Pisteninfrastruktur oder Beschneiungssysteme haben die Branche in den letzten Jahren am stärksten verändert?

Der Ausbau von Skiliften und Beschneiungsanlagen hat zwischen den 1990er- und 2000er-Jahren ein starkes Wachstum erlebt. In dieser Zeit gab es auch bedeutende technologische Fortschritte. In den letzten Jahren wurde dann sehr viel Arbeit in die Optimierung und Standardisierung der Systeme investiert, insbesondere in die Entwicklung von Automatisierungs- und Sicherheitssystemen.

Ski-WM Cortina 2021: Wenn Pisten zu Hochleistungsanlagen werden

Ein prägendes Projekt war unter anderem die Ski-WM in Cortina 2021. Welche besonderen technischen und organisatorischen Herausforderungen haben Sie dabei erlebt – und was bleibt Ihnen davon besonders in Erinnerung?

Für die Skiweltmeisterschaften 2021 in Cortina war ich für die Optimierung der bestehenden Pisten verantwortlich, damit auf ihnen die Damen- und die Herrenrennen stattfinden konnten. Dafür mussten neue Pistenabschnitte angelegt und einer neuer Zielbereich geschaffen werden. Außerdem habe ich den Bau eines großen Beckens für die Kunstschneeproduktion beaufsichtigt.

Die zentrale Herausforderung war, dass Wettkampfpisten ganz andere Anforderungen stellen als Pisten für den touristischen Betrieb. Deshalb erfolgt die Anpassung der Pistenoberflächen in enger Zusammenarbeit mit der FIS (International Ski and Snowboard Federation). Ziel war es, optimale Wettkampfbedingungen zu schaffen und zugleich sicherzustellen, dass die Pisten nach der Veranstaltung wieder für den ‚normalen‘ Skibetrieb genutzt werden konnten.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Start des Abfahrt Rennens der Männer an der neuen „Vertigine“-Piste. Um den nötigen Höhenunterschied zu erreichen, hatten wir den Start am Fuße einer großen Felswand an der Tofana positioniert, die nur zu Fuß über eine lange provisorische Treppe erreichbar war. Da dieses Rennen das einzige war, das auf dieser Piste und von genau diesem Startpunkt aus stattfand, war mir wichtig, die gesamte Konstruktion so zu planen, dass nach der Veranstaltung keine Spuren zurückbleiben. Wenn man sich den Ort heute ansieht, würde niemand vermuten, dass dort ein Abfahrt-Weltmeisterschaftsrennen gestartet ist.

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Neue Rollen im Ingenieurberuf: Mehr als nur Technik

Welche Kompetenzen sind heute für Ingenieur:innen in Ihrem Bereich entscheidend – und welche Fähigkeiten werden vielleicht erst seit wenigen Jahren wirklich wichtig?

Man muss nicht nur eine gute Technikerin oder ein guter Techniker sein. Meiner Meinung nach braucht man auch eine Vision und die Fähigkeit zu verstehen, wie sich unsere Branche entwickelt. Es geht also nicht nur darum eine technische Zielvorstellung zu haben, sondern auch darum, Entwicklungen einzuordnen und weiterzudenken.

Sie arbeiten in einem traditionell stark technisch und männlich geprägten Berufsfeld. Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Ingenieurwelt gemacht – und hat sich die Situation im Laufe Ihrer Karriere verändert?

Es ist unbestreitbar, dass mein Berufsfeld überwiegend von Männern geprägt ist, besonders auf der technischen Seite. Gerade am Anfang war das nicht einfach. Ich hatte oft das Gefühl, meine Fähigkeiten stärker unter Beweis stellen zu müssen, um ernst genommen zu werden.

Gleichzeitig ist der technische Bereich in gewisser Weise objektiver als andere Berufsfelder: Am Ende zählen die Qualität der Planung, die Funktionalität einer Lösung und das Ergebnis. Wenn man zuverlässig gute Arbeit leistet, wird das mit der Zeit anerkannt. Dann tritt die Frage, ob man Mann oder Frau ist, zunehmend in den Hintergrund.

Ingenieurin Monica Borsatto arbeitet an der Planung und Weiterentwicklung moderner Lifttechnik, die Effizienz, Sicherheit und Nachhaltigkeit in alpinen Skigebieten verbindet. Foto: Dolomiti Superski

Ein Berufsleben zwischen Technik, Netzwerk und Leidenschaft

Wenn Sie auf Ihre bisherige Laufbahn zurückblicken: Welche Momente oder Projekte waren für Sie persönlich besonders prägend oder erfüllend – und was macht diesen Beruf für Sie im Kern aus?

Mein gesamtes bisheriges Berufsleben war interessant und prägend. Im Laufe der Jahre habe ich mir ein starkes Netzwerk in meinem Fachgebiet aufgebaut. Dadurch hatte ich immer wieder die Möglichkeit, mit interessanten Menschen zusammenzuarbeiten und an Projekten mitzuwirken, die mich fachlich und persönlich weitergebracht haben.

Für mich ist dabei wichtig, dass ein Projekt zu mir passt. Wenn mir Aufgaben oder Aufträge angeboten werden, die mich nicht interessieren, die nicht mit meinen Werten vereinbar sind oder bei denen ich mich nicht weiterentwickeln kann, dann nehme ich sie nicht an. Ich glaube, genau das macht meinen Beruf für mich aus: die Verbindung von Technik, Verantwortung, persönlicher Haltung – und der Freude an dem, was man tut.

Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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