Kündigungswelle in den USA 08.06.2001, 17:29 Uhr

USA-Firmen: Die etwas andere Kündigung

für die Betroffenen ein hartes Los. Kündigungsschutz gibt es kaum, Arbeitslose werden maximal sechs Monate unterstützt. Ein Paradies für Anwälte, die für ihre Klientel das Anti-Diskriminierungsgesetz nutzen.

Harvard in Illinois ist ein idyllisches kleines Städtchen zwei Stunden südlich von Chicago. In Harvard lebt man gern. Der Ort liegt mitten im Grünen, an einem See mit dem hübschen Namen Wonderlake, und am Rande der Stadt bietet die Motorola-Fabrik interessante und gut bezahlte Arbeitsplätze. So war es jedenfalls, bis die Chefs von Motorola im März Massenentlassungen ankündigten. 12 000 Mitarbeiter müssen gehen. Das Werk in Harvard wird geschlossen, eine Katastrophe für den Ort.

Motorola ist kein Einzelfall. Täglich berichten US-Zeitungen über Entlassungen. Es scheint, als wollten die Branchenriesen sich gegenseitig im Stellenabbau überbieten. Wenn Motorola 12 000 Kündigungen bekannt gibt, zieht Procter&Gamble nach – mit 24 000. Auch Lucent Technology , Compaq, Ford oder Matsushita – jede große Industriefirma feuert jetzt gleich mehrere tausend Arbeitnehmer. „Entlassungen kommen wieder in Mode“, so der trockene Kommentar von Volkswirtschaftler Sung Won Sohn. „Während der Boomzeit haben die Unternehmer auf jeden Angestellten aufgepasst, jetzt lässt man sie alle fallen.“

Betroffen sind vor allem Arbeiter in ländlichen Gegenden. Als die Matsushita Kompressorenfabrik in North Carolina dicht machte, verloren 600 Leute über Nacht ihren Job. „Ich weiß nicht, wer mir jetzt noch Arbeit geben soll“, klagt ein ehemaliger Mitarbeiter, „hier machen doch alle Fabriken dicht.“ Auch in Harvard, Illinois, sorgt man sich. Das Motorolawerk brachte einst 900 neue Einwohner und Steuerreichtum in die 7000-Seelen-Stadt. Nun weiß der Bürgermeister nicht mehr, wie er das Schwimmbad finanzieren soll. Und was passiert mit den Menschen, wenn die Fabrik im Juni für immer ihre Tore schließt? Motorola bietet sich als Arbeitsvermittler an, doch viele freie Stellen gibt es in der Gegend nicht. „Im Umkreis von Chicago wird doch zur Zeit fast jeder entlassen, wo sollen die Leute denn hin?“, fragt sich Harvards Bürgermeister Dave Nelson. Wegziehen sei keine Alternative, glaubt Prof. Robert Bruno aus Chicago. „Diese Option haben wir heute nicht mehr“, so der Ökonom. In den 70er und 80er Jahren seien viele Arbeitslose noch gen Süden gezogen, weil es dort mehr Jobs gab. „Jetzt gibt es aber keine boomende Gegend mehr, wo sie hinziehen könnten. Die Zeit, als man die Sachen packte, um seine Träume woanders zu verwirklichen, ist vorbei.“ Wer heute arbeitslos wird, zieht höchstens noch in eine kleinere Wohnung und versucht ansonsten, sich mit schlecht bezahlten Teilzeitjobs über Wasser zu halten.

In den USA werden Arbeitslose kaum versorgt. Zwar gibt es eine staatliche Versicherung, doch die zahlt einer Familie maximal 1600 Dollar im Monat, und das auch nur für ein halbes Jahr. Danach muss jeder selbst sehen, wie er zurechtkommt. Üblicherweise zahlen auch die Firmen bei Kündigungen eine Abfindung. Von Motorola etwa bekommt jeder, der mindestens zehn Jahre in der Fabrik gearbeitet hat, fünf Monatsgehälter in die Hand gedrückt. Eine freiwillige milde Gabe. Gewerkschafter oder Betriebsräte sucht man in Harvard vergeblich. In ganz Amerika gibt es nur n wenige Firmen, in denen Gewerkschaften für die Rechte der Arbeiter kämpfen. Chrysler ist so eine Ausnahme. Dort handelte man geradezu grandiose Verträge für die Mitarbeiter aus.

In der New Economy aber spielen Gewerkschaften überhaupt keine Rolle mehr. Das hat auch keinen gestört, solange die Geschäfte von Firmen wie Motorola, Compaq und Lucent brummten. Jetzt, wo Massenentlassungen anstehen, fühlen die Arbeitnehmer sich plötzlich schutzlos. Doch nicht die Gewerkschaften finden Zulauf. Der amerikanische Angestellte verschafft sich sein Recht, indem er vor Gericht zieht. Immer häufiger klagen Gekündigte gegen ihre Entlassung. Ratgeber von geschäftstüchtigen Spezialanwälten sind zur Zeit im Buchhandel der absolute Renner. Zwar dürfen US-Unternehmer ihre Angestellten jederzeit nach Belieben und ohne Angabe von Gründen feuern. Doch die Anwälte machen sich das Anti-Diskriminierungsgesetz zunutze. Niemand darf wegen seines Alters, seines Geschlechts, seiner Rasse und diverser anderer Umstände benachteiligt werden. „Auf dieser Basis kann fast jeder Mitarbeiter gegen seine Kündigung klagen“, sagt Rechtsanwalt Thomas Burke, der viele Entlassene vertritt.

Die Firmen stehen dieser Praxis jedoch nicht wehrlos gegenüber. Sie haben ja das Druckmittel Abfindung in der Hand. Motorola zum Beispiel zahlt die volle Summe nur denen, die unterschreiben, dass sie auf rechtliche Schritte gegen den Konzern verzichten. Wer sich weigert, bekommt nur die Hälfte ausgezahlt. Bei Lucent Technologies gar bekommen solche Leute nicht einen einzigen Pfennig. Amerikanische Arbeitnehmer quittieren solche Praktiken mit Achselzucken. So ist das eben im Kapitalismus. Dennoch – auf ihre irischen Kollegen blicken sie in diesen Tagen mit Neid: Guinness schließt eine Fabrik – als Abfindung bekommen die Mitarbeiter bis zu 147 000 Dollar und zusätzlich täglich zwei Flaschen Bier. SABINE WÄTJEN

Kündigung á la USA

Hire and Fire nach Belieben

In den USA kann jeder jederzeit ohne Angabe von Gründen gefeuert werden.

Bei Massenentlassungen müssen Firmen mit mehr als 100 Beschäftigten eine Kündigungsfrist von zwei Monaten einhalten. Ansonsten gilt Hire and Fire nach Belieben. Es ist üblich, den Gekündigten eine Abfindung zu zahlen.

Wer unverschuldet seine Arbeit verliert, hat außerdem bis zu 26 Wochen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Das liegt im Schnitt zwischen 50 Dollar und 400 Dollar pro Woche. Bezahlt wird diese Arbeitslosenversicherung von den Unternehmen. Arbeitgeber zahlen abhängig von Firmengröße und der von ihnen verursachten Arbeitslosigkeit zwischen 0,6 % und 6,8 % der gesamten Lohnsumme. SW

Von Sabine Wätjen

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