Interview zu Tarifpolitik

Kannegiesser: Wir dürfen uns von der guten Situation nicht verführen lassen

Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, rechnet auch im kommenden Jahr mit einem Wachstum in der Metall- und Elektroindustrie. In den Tarifverhandlungen im Frühjahr müsse aber dem Umstand Rechnung getragen werden, dass in der Wirtschaftskrise Arbeitsplätze gesichert und Löhne erhöht wurden. Kritik an der Exportstärke weist er zurück

VDI nachrichten/INGENIEUR.de: Können die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie im kommenden Jahr mit mehr Geld rechnen?

Kannegiesser: Ich gehe davon aus, dass eine Entgelterhöhung vereinbart werden kann. Wir dürfen uns aber von der augenblicklich guten Situation nicht zu Ausschlägen verführen lassen. Die Metall- und Elektroindustrie kommt aus einer schwierigen Lage. Wir hatten einen Absturz, wie er in der Nachkriegsgeschichte beispiellos ist. Wir sind schneller herausgekommen als erwartet. Aber wir haben erst seit einigen Wochen wieder den Stand vor der Krise erreicht. Alles, was seither kam, ist echter Zuwachs, vorher war es ein Aufholprozess.

Was bedeutet das für die Tarifrunde?

Kannegiesser: Wir sollten Tarifpolitik verstetigen, also nicht jeder konjunkturellen Wanderdüne hinterherlaufen. Geschäftsgrundlage ist, dass wir unsere finanziellen Mittel voll in Beschäftigungssicherung gesteckt haben – über nahezu zwölf Monate wurden 800 000 Arbeitsplätze trotz fehlender Auslastung dafür gehalten. Dennoch haben wir Lohnerhöhungen durchgeführt: 0,8 % Einmalzahlung und prozentuale Erhöhung um 2,7 % – für über die Hälfte der Beschäftigten wurde diese Erhöhung sogar um zwei Monate vorgezogen.

Die IG Metall fordert die unbefristete Übernahme der Ausgebildeten. Eine Branche wie die Metall- und Elektroindustrie, die über zu wenige Fachkräfte klagt, müsste doch ein Interesse haben, möglichst junge Fachkräfte zu halten.

Kannegiesser: Auf den ersten Blick scheint eine solche Forderung einleuchtend. Aber mit diesem Übereifer wird genau das Gegenteil dessen erreicht, was man erreichen will. Der Grundsatz, dass Ausbildung vor Übernahme geht, muss auch weiter gelten. Er hat dazu geführt, dass Unternehmen zu einem hohen Prozentsatz über den unmittelbar erkennbaren Bedarf hinaus ausbilden. Mit der Verpflichtung zur unbefristeten Übernahme würde nur noch in dem Umfang ausgebildet, der unmittelbar als notwendig erkannt wird. Die Ausbildungsbereitschaft wird dann sinken, daran werden auch gute Worte nichts ändern.

Die IG Metall sagt, es würden bei Weitem nicht alle unbefristet eingestellt. In manchen Bezirken werden zwei Drittel bis drei Viertel der Ausgebildeten für ein Jahr übernommen.

Kannegiesser: Die 12-monatige Übernahme ist im Tarifvertrag geregelt, daran halten sich die Unternehmen auch. Die unbefristete Übernahme ist eher ein Thema für die Mitgliederwerbung der IG Metall. Die Metall- und Elektrounternehmen brauchen junge Leute, aber wir können nicht mit einem Schulabgänger darüber sprechen, dass er für alle Zeiten zum festen Mitarbeiter wird. Das beißt sich auch mit der Forderung, künftig auch ausbildungsschwächere junge Leute besser zu fördern und ihnen trotz einiger Zweifel einen Ausbildungsplatz zu geben.

Haben Hauptschulabsolventen in der Metall- und Elektroindustrie überhaupt noch Chancen auf eine Lehre oder werden sie von Realschülern und Abiturienten verdrängt?

Kannegiesser: Bei den Metallberufen liegt der Anteil noch bei etwa 30 %, bei den Elektroberufen zwischen 15 % und 20 %. Aber das ist auch regional sehr unterschiedlich – was leider auch das regionale Schulniveau widerspiegelt. Und es kommt natürlich auf den einzelnen Betrieb an. Die Chancen für Hauptschüler sind dort besser, wo der Anteil gewerblicher Arbeit hoch ist. Die Unternehmen achten auf eine Mischung bei den Auszubildenden.

Die IG Metall fordert gleiche Bezahlung von Leih- und Stammkräften und begründet es damit, dass für gleiche Arbeit auch der gleiche Lohn gezahlt werden müsse.

Kannegiesser: Das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist unbestritten. Wenn es das nicht gäbe, hätten wir kein Tarifsystem. Aber es gibt Unterschiede, die einen Lohn-Abstand rechtfertigen. So verfügen Stammkräften über jahrelang gewachsene Erfahrungen und Kenntnisse, die Zeitarbeitskräfte nicht haben. Die Metallindustrie ist auch nicht der richtige Adressat für solche Tarifforderungen, weil Zeitarbeiter bei den Verleihunternehmen angestellt sind und nicht bei den Kundenbetrieben.

Mit Zeitarbeit wird eine niedrigere Lohnlinie eingeführt. Trägt das nicht zur Spaltung der Belegschaften bei?

Kannegiesser: Im Gegenteil: Zeitarbeit stabilisiert Belegschaften, weil sie, wie kein anderes externes Instrument, schnell schwankende Konjunkturen ausgleichen und damit Stellenabbau vermeiden kann. Die Flexibilität, die über Zeitarbeit möglich ist, muss deshalb erhalten werden. Im Übrigen: Nach wie vor kommen zwei Drittel der Zeitarbeiter aus der Arbeitslosigkeit – wer dieses Instrument also generell einschränken und über Gebühr verteuern will, der schafft uns erneut Beschäftigungsprobleme.

Die Chemiegewerkschaft hat jetzt mit einem Leiharbeitsverband eine Vereinbarung zur gleichen Bezahlung getroffen. Kann sich die Metallindustrie dem noch entziehen?

Kannegiesser: Der Gesprächsstand zwischen Chemiegewerkschaft und Zeitarbeitgeberverband steht unter dem Vorbehalt einer Zustimmung auch der anderen Industriegewerkschaften und Arbeitgeberverbände. Außerdem enthält er nichts weiter als eine Bestätigung der bisher auch von den Metallern angepeilten Linie, nämlich tarifvertragliche Lösungen über einen Branchenkoeffizienten, der eine Differenzierung nach Einsatzbranchen ermöglicht.

In Niedersachsen wollen Arbeitgeber und Gewerkschaft in der nächsten Tarifrunde die Themen Zeitarbeit und Übernahme von der Entgeltverhandlung trennen und darüber in vorgezogenen Verhandlungen sprechen. Widerspricht das nicht der Position der Arbeitgeber, immer im Paket zu verhandeln?

Kannegiesser: Wenn die IG Metall reden möchte, halten sich die Arbeitgeber nicht die Ohren zu. Wir sprechen laufend miteinander. Überall sprechen die Tarifpartner über die Themen, nicht nur in Niedersachsen. Aber in beiden Punkten sind die Forderungen der IG Metall nicht akzeptabel, weil sie entweder – wie bei der Zeitarbeit – an den falschen Ansprechpartner gerichtet sind oder – bei den Azubis – kein Problem lösen, aber viel Schaden anrichten würden. Das haben die Arbeitgeber in den entsprechenden Sondierungsgesprächen der IG Metall auch verdeutlicht. Im Übrigen brauchen wir in solch zentralen Fragen industrieweite, bundesweite Standards. Wenn man diese sprengen würde, dann bräuchte man bald keine Tarifparteien mehr.

Ihre Branche wirbt um Nachwuchs aus den naturwissenschaftlich-technischen Berufen. In den vergangenen zehn Jahren ist die Beschäftigung aber kaum gewachsen, sie bewegte sich zwischen 3,45 Mio. und 3,65 Mio. Dem steht ein deutliches Produktivitätswachstum gegenüber. Braucht die Metall- und Elektroindustrie zusätzliche Arbeitskräfte in großer Zahl?

Kannegiesser: Grundsätzlich gilt: Selbst wenn wir nicht weiterwachsen, müssen wir um den Nachwuchs werben – weil weniger junge Menschen da sind. Für hoch Qualifizierte wird es auch im Inland einen weiter wachsenden Bedarf geben, auch wenn die Gesamtzahl der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie nicht wesentlich wachsen wird. Es wird Umschichtungen geben: Wir werden mehr Qualifizierte brauchen, vor allem Ingenieure. Auf anderen Gebieten wird es weniger Beschäftigungswachstum geben, weil dort die Produktivität stark steigt oder weil Produktion ausgelagert wird. Die Metall- und Elektroindustrie beschäftigt rund 1,5 Mio. Frauen und Männer im Ausland. Da die Tendenz zur weltweiten Vernetzung anhält, wird der Anteil ausländischer Mitarbeiter wachsen müssen. Beschäftigung entsteht bei Dienstleistungen, die eng an die Industrie gekoppelt sind: bei Service, Beratung oder Projektierung. Zudem bieten immer mehr Unternehmen auch Komplettlösungen an.

Wirtschaftsforscher erwarten, dass die Konjunktur 2012 abflaut oder eine Pause einlegt. Wie sieht es in Ihrer Branche aus?

Kannegiesser: Die Metall- und Elektroindustrie wird im kommenden Jahr noch wachsen, aber dieses Wachstum wird deutlich geringer ausfallen als 2011. Dieser Rückgang ist zum Teil eine Normalisierung nach hohen Zuwachsraten, zum Teil spiegelt sich darin auch die konjunkturelle Abschwächung. Die geht zurück auf erschwerte Finanzierungsmöglichkeiten der Kunden im Ausland. Die Metall- und Elektroindustrie stellt zu 80 % Investitionsgüter her, für deren Verkauf gute Finanzierungsbedingungen elementar sind. Daher erwarten wir im Schnitt nur ein leichtes Wachstum, vielleicht eine Stagnation.

Sehen Sie eine Kreditklemme?

Kannegiesser: Nein, von einer generellen Kreditklemme kann man nicht sprechen, vor allem nicht in Deutschland. Aber in einigen Ländern ist es schwierig geworden, für Unternehmen, die wir beliefern, und die nicht über eine sehr gute Bonität oder finanzielle Stärke verfügen, eine Finanzierung zu bekommen. Hier schlägt sich das neue Risikoverhalten von Banken nieder.

Sind Sie besorgt über das, was an den Finanzmärkten geschieht?

Kannegiesser: Die Metall- und Elektroindustrie ist gut aufgestellt, sie liefert gute Produkte und ist wettbewerbsfähig. Wenn größere Probleme auftauchen sollten, dann haben sie ihre Ursache in den Finanzmärkten, in der Verschuldung und an veränderten Risikobewertungen.

Die hohe Wettbewerbsfähigkeit und die damit einhergehende Exportstärke werden von etlichen Ökonomen gerade als Ursache der gegenwärtigen Krise angesehen.

Kannegiesser: In einem Binnenmarkt mit gemeinsamer Währung kann man bei der Lieferung in andere europäische Länder nicht von Export sprechen. Statistisch mag das so erfasst werden, ökonomisch ist es aber kein Export mehr. Wir müssen sehen, dass 70 % der deutschen Exporte von der Metall- und Elektroindustrie erzielt werden. Es ist ein bestimmtes Lieferprogramm, mit dem Überschüsse erzielt werden, meist Spezialprodukte in Nischenmärkten, die teilweise über Jahrzehnte kontinuierlich weiterentwickelt wurden. Wenn wir diese Überschüsse nicht hätten, sähe es um unseren Wohlstand traurig aus.

Wenn die Schuldenländer in der EU das deutsche Exportmodell übernähmen, würde die EU hohe Überschüsse gegenüber dem Rest der Welt anhäufen. Ist das erstrebenswert?

Kannegiesser: Unsere Wirtschaft folgt keinem staatlich verordneten Fünfjahresplan: Das angebliche „Modell“ besteht darin, dass sich Kunden auf der ganzen Welt freiwillig für unsere Produkte entscheiden – weil sie der Auffassung sind, dass kein Konkurrenzprodukt beim Preis-Leistungs-Verhältnis mithalten kann. Das ist nicht vom Himmel gefallen, das erfordert stetige harte Arbeit. Viele Länder haben sich in der Vergangenheit von der Industrie verabschiedet, weil ihnen Finanzwirtschaft oder Dienstleistungen als bequemerer Weg erschienen. Per Willensbekundung wieder zu wettbewerbsfähiger Industrie zurückzufinden, funktioniert auch nicht mal eben so.

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