15 Bewerbungen statt drei: Warum selbst erfahrene Entwickler es schwerer haben
Der IT-Arbeitsmarkt wird globaler und anspruchsvoller: Warum KI, Systemdesign, Soft Skills und lebenslanges Lernen für Entwickler entscheidend sind.
Der IT-Arbeitsmarkt verändert sich: Für Softwareentwickler werden neben Programmierkenntnissen zunehmend KI-, Architektur- und Systemkompetenz wichtig.
Foto: Smarterpix/AndreyPopov
Die goldenen Zeiten unbegrenzter Jobangebote und müheloser Karrierewechsel in der IT-Branche sind passé. Wer heute als Softwareentwickler erfolgreich sein will, sieht sich mit einem internationalisierten Markt, veränderten Bewerbungsprozessen und dem tiefgreifenden Einfluss künstlicher Intelligenz konfrontiert. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, welche Kompetenzen künftig über den Erfolg entscheiden.
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Internationalisierung und Risikoaversion: Warum der lokale Markt hakt
Der IT-Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren radikal globalisiert. Auf offene Engineering-Stellen bewerben sich heute längst nicht mehr nur Fachkräfte aus der Region. „Der auffälligste Unterschied ist, wie international der Markt geworden ist. Früher kamen auf offene Engineering-Stellen vor allem lokale Bewerbungen. Der zweite große Unterschied: KI verändert gerade fundamental, wie Wissensarbeit aussieht. Das war vor ein paar Jahren noch kein Thema“, erklärt Frank Böhmer, CEO des Berliner Softwareunternehmens Ninox.
Gleichzeitig offenbart sich bei Bewerbungsprozessen in Deutschland eine klaffende Lücke. Unternehmen tun sich schwer, offene IT-Positionen mit lokalen Kräften zu besetzen. „Auf offene IT-Stellen bekommen wir kaum noch Bewerbungen von Fachkräften aus Deutschland“, so Böhmer weiter. Neben einem schlichten Mangel an Personal in bestimmten Spezialbereichen macht der CEO dafür auch eine ausgeprägte Risikoaversion bei heimischen Talenten verantwortlich: „Junge Ingenieurinnen und Ingenieure gehen lieber in etablierte Unternehmen und Konzerne aus Bereichen wie dem Maschinenbau oder der Automobilindustrie. IT-Start-ups und Scale-ups gelten vielen noch als zu riskant. Fachkräfte aus anderen Ländern sind da offener und oft risikobereiter.“
Diese Entwicklung führt dazu, dass Unternehmen gezielt im Ausland rekrutieren. Bei Ninox etwa arbeiten mittlerweile Menschen aus 25 unterschiedlichen Nationen – ein Bild, das in der modernen Softwarebranche längst Standard ist.
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Der Mythos vom pauschalen Fachkräftemangel
Dass erfahrene Entwickler derzeit spüren, dass die Suche aufwendiger wird, liegt an der Verteilung der Nachfrage. Gesucht werden vor allem hochspezialisierte Senior-Kräfte, während Einstiegspositionen seltener ausgeschrieben werden. Das führt zu einer neuen Dynamik: Selbst erfahrene Ingenieure bewerben sich zunehmend auf Rollen, die früher eher für weniger erfahrene Entwickler vorgesehen waren.
Diese Erfahrung teilt auch Sebastian Franco, IT-Ingenieur und AI-Spezialist: „Früher hätte ich mich bei drei, vier Unternehmen beworben, die mir gefielen, und meistens kam von ein, zwei eine Rückmeldung. Diesmal musste ich mich bei etwa 15 Unternehmen bewerben, um am Ende rund fünf Interviews zu bekommen.“ Die Ursache sieht er im gestiegenen Bewerberdruck: „Wenn insgesamt mehr Bewerbungen auf weniger offene Stellen treffen, wird auch bei erfahrenen Engineers die Suche breiter. Viele öffnen sich für Positionen, die sie früher nicht in Betracht gezogen hätten, um überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen.“
Künstliche Intelligenz: Vom Coder zum Systemarchitekten
Neben der veränderten Marktdynamik greift die Entwicklung künstlicher Intelligenz tief in den Arbeitsalltag von Entwicklern ein. KI-Coding-Tools sind in vielen Teams zum ständigen Begleiter geworden und steigern die Produktivität massiv.
„Dadurch kann ich heute Dinge machen, die früher nicht in meine Rolle gepasst hätten: Frontend, Backend und Infrastruktur gleichzeitig“, berichtet AI-Spezialist Franco. Doch wo Maschinen die reine Code-Generierung übernehmen, verschiebt sich das Anforderungsprofil des Menschen. Franco betont: „Was KI nicht ersetzt, ist das große Ganze im Blick zu behalten – wirklich zu verstehen, welches Problem gelöst werden soll, und ein System so zu architektieren, dass es auch in ein paar Jahren noch trägt.“
Das reine Programmieren wird damit zunehmend vom Kern der Arbeit zu deren leichtestem Teil. CEO Frank Böhmer skizziert die Fähigkeiten, die künftig den Unterschied machen: „Je mehr Routineaufgaben automatisiert werden, desto wichtiger werden Kommunikation, Beziehungsaufbau und Urteilsvermögen. Ebenso Neugier und die Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln. Die eigentliche Kunst liegt darin, Systeme zu entwerfen, die langfristig funktionieren – Grundlagen wie Architektur, Design Patterns und Design Thinking bleiben unverzichtbar.“
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Re-skilling als Dauerauftrag: Keine Angst vor Jobverlust
Die Sorge, dass KI Softwareentwickler überflüssig machen könnte, greift nach Ansicht der Experten zu kurz. Ein Vergleich mit anderen Branchen zeigt, wie KI Arbeitsprozesse verändert, ohne den Bedarf an Experten zu senken. In der Radiologie etwa werten KI-Systeme medizinische Scans heute teils präziser aus als Menschen – dennoch herrscht dort ein historischer Höchststand an unbesetzten Stellen. Die Erzählung vom flächendeckenden Jobverlust durch Automatisierung lässt sich so nicht halten.
Rückblickend würde AI-Spezialist Sebastian Franco zu Beginn seiner Laufbahn andere Schwerpunkte setzen: „Ich würde definitiv früher anfangen, mich intensiver mit Architektur und Systemdesign zu beschäftigen, statt mich nur aufs Coden zu konzentrieren. Und ich würde mir von Anfang an eine Neugier-Routine angewöhnen – regelmäßig neue Tools und Entwicklungen anschauen, statt erst dann, wenn es nötig wird.“
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