Überraschende Umfrage 22.06.2026, 15:00 Uhr

Zwei Drittel der Beschäftigten denken über Jobs im Ausland nach

Immer mehr Arbeitnehmer ziehen einen Job im Ausland in Betracht. Droht Deutschland angesichts des Fachkräftemangels ein neuer Brain Drain?

Ein Mann überlegt, wo er arbeiten möchte

Immer mehr Fachkräfte ziehen eine Karriere im Ausland in Betracht – ein möglicher Hinweis auf zunehmenden Brain Drain und wachsende Herausforderungen für den deutschen Arbeitsmarkt.

Foto: Smarterpix/fotoevent.stock

Deutschland gilt seit Jahrzehnten als attraktiver Arbeitsstandort. Doch offenbar verliert das Land für viele Beschäftigte an Reiz. Eine aktuelle Umfrage zeigt: Mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmer denken inzwischen über einen Job im Ausland nach.

Besonders auffällig ist das Interesse bei gut verdienenden Fachkräften. Viele informieren sich bereits aktiv über internationale Karrieremöglichkeiten, einige haben sogar schon Bewerbungen verschickt. Die Ergebnisse werfen eine zentrale Frage auf: Handelt es sich nur um Wunschdenken in wirtschaftlich unsicheren Zeiten – oder zeichnet sich tatsächlich eine zunehmende Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte ab?

Jeder Dritte sucht aktiv nach Jobs im Ausland

Wie konkret die Auswanderungspläne vieler Beschäftigter bereits sind, zeigt ein Blick auf das Suchverhalten: Rund 30 % der Befragten haben innerhalb der vergangenen zwölf Monate aktiv nach Stellenangeboten im Ausland gesucht. Jeder Zehnte hat bereits Bewerbungen eingereicht.

Besonders stark ausgeprägt ist dieser Trend bei Besserverdienenden. Arbeitnehmer mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 6000 Euro zeigen ein deutlich höheres Interesse an beruflichen Perspektiven außerhalb Deutschlands. Rund 54 % dieser Gruppe haben sich bereits beworben oder sondieren aktiv den internationalen Arbeitsmarkt.

Bei der geplanten Dauer eines Auslandsaufenthalts zeigt sich jedoch: Die Mehrheit plant keinen dauerhaften Abschied. Zwar können sich 34,5 % eine permanente Auswanderung vorstellen, der größere Teil bevorzugt jedoch einen zeitlich begrenzten Aufenthalt. So würden 22,5 % nur einige Monate im Ausland arbeiten wollen, während sich 43 % einen Aufenthalt über mehrere Jahre vorstellen können.

Droht Deutschland ein Brain Drain?

Und genau dafür gibt es feststehende Begriffe:

Brain Drain bezeichnet die Abwanderung von Fachkräften aus einem Land, etwa wenn Ingenieure, IT-Spezialisten oder Ärzte in andere Staaten gehen, weil sie dort bessere Gehälter, attraktivere Arbeitsbedingungen oder mehr Karrierechancen erwarten. Für das Herkunftsland bedeutet das oft einen Verlust von Know-how, Innovationskraft und wirtschaftlichem Potenzial.

Brain Gain ist das Gegenstück dazu: Ein Land gewinnt qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland hinzu und profitiert dadurch von zusätzlichem Wissen, Erfahrung und Produktivität. Das kann die Wirtschaft stärken und Fachkräftemangel ausgleichen – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen sind attraktiv genug, um Talente anzuziehen und zu halten.

Wie auch im Artikel über die rund 605.000 Fachkräfte mit Aufenthaltstitel in Deutschland deutlich wird, ist Deutschland gleichzeitig Ziel von Zuwanderung und potenziell von Abwanderung betroffen.

Während das Land einerseits dringend internationale Fachkräfte anzieht, steigt andererseits die Bereitschaft vieler heimischer Beschäftigter, selbst ins Ausland zu gehen – ein klassischer Hinweis auf einen zunehmenden Brain-Drain-Druck im Arbeitsmarkt.

Kaum Wanderungsüberschuss in Deutschland im Februar 2026

Nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) gab es im Februar 2026 in Deutschland keinen nennenswerten Wanderungsüberschuss. Die Zahl der Zuzüge und Fortzüge hielt sich mit jeweils rund 104.000 Personen nahezu die Waage (Februar 2025: 116.000 Zuzüge und 100.000 Fortzüge), wodurch sich ein deutlich geringerer Wanderungssaldo im Vergleich zum Vorjahr ergibt.

Laut Destatis ist dieser Rückgang sowohl auf weniger Zuzüge aus dem Ausland (-10 %) als auch auf einen leichten Anstieg der Fortzüge (+3 %) zurückzuführen. Insgesamt deutet dies auf eine abgeschwächte Nettozuwanderung hin.

Die amtlichen Wanderungsdaten erlauben zwar keine direkten Rückschlüsse auf die Abwanderung von Fachkräften, zeigen jedoch eine insgesamt nachlassende Nettozuwanderung.

Diese Länder sind bei Jobsuchenden besonders gefragt

Doch zurück zur Untersuchung: Der Wunsch nach einem Job im Ausland bleibt nicht nur eine theoretische Überlegung: Die Zahlen zeigen einen klaren Trend.

Daten der Jobplattform Indeed belegen: Seit 2020 hat sich die Zahl der Suchanfragen nach Stellen im Ausland mehr als verdoppelt (+105 %). Das verdeutlicht, dass internationale Karrieremöglichkeiten für viele Fachkräfte zunehmend attraktiver werden.

Zu den aktuell beliebtesten Zielländern gehören:

  • USA: 14,4 % aller Suchanfragen
  • Schweiz: 13,6 %
  • Großbritannien: 13,6 %

Interessant ist dabei die Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr: Obwohl die USA weiterhin an der Spitze liegen, verlor das Land deutlich an Attraktivität. Die Suchanfragen gingen im Jahresvergleich um 34 % zurück.

Gleichzeitig zeichnen sich neue Trendmärkte ab, die bei Arbeitnehmern zunehmend in den Fokus rücken.

Diese Länder verzeichnen besonders starke Zuwächse:

Global:

  • Indien: +24 %
  • Vereinigte Arabische Emirate: +24 %
  • Australien: +10 %

Innerhalb Europas:

  • Großbritannien: +38 %

Vor allem das Vereinigte Königreich konnte innerhalb Europas deutlich an Beliebtheit gewinnen und entwickelt sich zunehmend zu einem attraktiven Ziel für wechselbereite Fachkräfte.

Warum Arbeitnehmer Deutschland verlassen wollen

Mehr Geld, eine höhere Lebensqualität und bessere Rahmenbedingungen: Für viele Beschäftigte geht es bei einem möglichen Jobwechsel ins Ausland längst nicht mehr nur um Karriere. Die Umfrage zeigt deutlich, welche Faktoren Menschen besonders stark zu einem beruflichen Neustart außerhalb Deutschlands bewegen.

Die wichtigsten Gründe für die Arbeit im Ausland sind:

  • Bessere Bezahlung: 50,8 %
  • Höhere Lebensqualität: 50,7 %
  • Angenehmeres Klima: 41,7 %
  • Niedrigere Steuer- und Abgabenlast: 41,5 %
  • Bessere Karriere- und Aufstiegschancen: 24 %

Auffällig: Klassische Karriereperspektiven spielen im Vergleich zu finanziellen und persönlichen Lebensfaktoren eine eher untergeordnete Rolle. Für viele steht die Verbesserung der eigenen Lebenssituation klar im Mittelpunkt.

Kritik am deutschen Arbeitsmarkt wächst

Gleichzeitig zeigt die Umfrage eine zunehmende Unzufriedenheit mit den Bedingungen in Deutschland. Mehr als 70 % der Befragten sind der Ansicht, dass die steuerliche Belastung nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis zum Einkommen steht. Zudem haben viele das Gefühl, dass persönlicher Einsatz und Leistung nicht ausreichend honoriert werden.

Vor allem jüngere Arbeitnehmer zwischen 25 und 34 Jahren zeigen sich kritisch:

  • Viele empfinden mangelnde Anerkennung für Leistung
  • 71,6 % befürchten, dass attraktive Jobs künftig schwerer zu finden sein werden

Ältere Arbeitnehmer setzen hingegen andere Schwerpunkte. Für sie zählen vor allem hohe Steuern und Sozialabgaben zu den größten Herausforderungen am Arbeitsmarkt.

Diese Vorteile sprechen weiterhin für Deutschland

Trotz der Kritik sehen viele Beschäftigte weiterhin wichtige Standortvorteile in Deutschland. Besonders soziale und arbeitsrechtliche Aspekte werden positiv bewertet.

Zu den wichtigsten Pluspunkten zählen:

  • Soziales Umfeld: 60 %
  • Arbeitsrechtlicher Schutz: 47 %
  • Sozialsystem: 34,8 %

Die Ergebnisse zeigen damit ein differenziertes Bild: Während finanzielle und persönliche Faktoren viele Arbeitnehmer ins Ausland ziehen, bleiben soziale Sicherheit und stabile Arbeitsbedingungen weiterhin zentrale Argumente für Deutschland.

Was Arbeitnehmer vom deutschen Arbeitsmarkt erwarten

Viele Beschäftigte sehen die Probleme am Arbeitsmarkt nicht als unlösbar an – sie wünschen sich vielmehr konkrete politische und wirtschaftliche Maßnahmen, um Deutschland als Arbeitsstandort wieder attraktiver zu machen.

An erster Stelle steht dabei eine finanzielle Entlastung: Die Mehrheit der Befragten fordert niedrigere Steuern und weniger bürokratische Hürden. Besonders stark ausgeprägt ist dieser Wunsch bei Arbeitnehmern ab 55 Jahren.

Die wichtigsten Maßnahmen aus Sicht der Befragten:

  • Senkung der Steuerlast: 65,2 %
  • Abbau bürokratischer Hürden: 51,5 %
  • Verbesserte Aus- und Weiterbildung: 38,7 %
  • Flexibleres Arbeitsrecht: 36,6 %
  • Mehr Investitionen in Infrastruktur: 34,3 %
  • Gezielte Förderung von Innovationen: 34,3 %

Arbeitnehmer wünschen sich nicht nur kurzfristige Entlastungen, sondern auch langfristige Investitionen in die Zukunft des Arbeitsmarktes. Neben steuerlichen Themen stehen vor allem bessere Qualifizierungsmöglichkeiten, moderne Arbeitsbedingungen und wirtschaftliche Innovationskraft im Fokus.

Indeed-Ökonomin warnt vor möglichen Folgen für den Arbeitsmarkt

„Internationale Mobilität ist grundsätzlich begrüßenswert. Wenn Talente dorthin gehen, wo sie gebraucht werden, folgt das effizient der Logik von Angebot und Nachfrage. Neue Erfahrungswerte und Wissen aus dem Ausland bringen außerdem Impulse für Innovation oder die Erschließung neuer Geschäftsmöglichkeiten. Wenn jedoch zwei Drittel der Beschäftigten mit dem Weggang liebäugeln, sollte das auch als Zeichen für Unzufriedenheit mit den heimischen Standortbedingungen verstanden werden“, erklärt Virginia Sondergeld, Arbeitsmarktökonomin bei Indeed.

Sondergeld betont außerdem, dass die aktuelle Entwicklung nicht über langfristige Herausforderungen hinwegtäuschen dürfe. Zwar habe sich der Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren spürbar abgekühlt, gleichzeitig werde der demografische Wandel den strukturellen Fachkräftemangel in den kommenden Jahren jedoch deutlich verschärfen.

Aus ihrer Sicht könne sich Deutschland nicht leisten, qualifizierte Fachkräfte und Leistungsträger durch unattraktive Rahmenbedingungen zu verlieren. Politik und Arbeitgeber seien deshalb gefordert, die Signale ernst zu nehmen und gemeinsam mit Beschäftigten neue Anreize für den Arbeitsstandort Deutschland zu schaffen. Dazu gehörten bessere Arbeitsbedingungen sowie überzeugende Perspektiven, um Fachkräfte langfristig im Land zu halten.

Im Auftrag von Indeed führte das Marktforschungsinstitut Appinio eine bevölkerungsrepräsentative Umfrage durch. Der Erhebungszeitraum lag zwischen dem 08.05.2026 und dem 11.05.2026.

Befragt wurden insgesamt 1000 Beschäftigte in Deutschland im Alter von 16 bis 66 Jahren. Die Stichprobe war dabei gleichmäßig aufgebaut und umfasste jeweils 500 Frauen und 500 Männer, zudem wurden die Altersgruppen gleich verteilt.

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Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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