Katzen im Teams-Call: Wie kleine Störungen große Nähe schaffen
Katzen im Teams-Call oder Kinder im Bild: Eine Studie zeigt, wie kleine Störungen in Videomeetings Nähe schaffen und digitale Zusammenarbeit menschlicher machen.
Katze im Zoom-Call: Wenn der Arbeitsalltag kurz ins Chaos kippt – und daraus ungeplante Nähe entsteht.
Foto: ingenieur.de
Zoom- und Teams-Meetings wirken oft kühl und distanziert. Eine aktuelle Dissertation zeigt jedoch: Gerade kleine Alltagsmomente können dazu beitragen, dass digitale Gespräche persönlicher und menschlicher werden. Die HM-Promovendin Galina Gostrer hat untersucht, wie solche Situationen in virtuellen Meetings entstehen und welche Wirkung sie haben.
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Im Alltag von Zoom- und Microsoft-Teams-Meetings kommt das häufig vor: Ein Kind taucht plötzlich im Bild auf, ein Hund bellt im Hintergrund, oder im Kamerabereich wird kurz der Küchentisch sichtbar.
Was zunächst wie eine Störung wirkt, ist längst Teil vieler digitaler Arbeitsgespräche. Gostrer, Promovendin an der Fakultät für Studium Generale und Interdisziplinäre Studien der HM, hat genau solche Szenen analysiert und gefragt, wie Menschen darauf reagieren – und warum daraus manchmal mehr Nähe entsteht.
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Alltagsmomente als Forschungsgegenstand
Im Zentrum ihrer Arbeit stehen sogenannte Noticing-Sequenzen: kurze Episoden, in denen Teilnehmende etwas außerhalb des gemeinsamen Arbeitskontextes bemerken und ansprechen, etwa eine Katze, ein Kind oder einen ungewöhnlichen Hintergrund. „Solche Momente verleihen virtuellen Meetings eine persönliche Nähe“, sagt Gostrer.
„Plötzlich sind wir mehr als Kolleginnen, wir sind (Katzen-)Mütter oder (Katzen-)Väter und können über diese Rollen eine neue Art und Tiefe von Beziehung herstellen.“ Auch der Blick ins Bild verrät mehr als nur den Arbeitskontext: Möbel, Gegenstände und andere sichtbare Details machen deutlich, dass Videomeetings immer Teil des privaten Alltags der Beteiligten sind – und nie losgelöst davon stattfinden.
Unerwartete Dynamik in virtuellen Meetings
Am Anfang ging es in der Forschung darum, wie sich Menschen aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Sprachen in virtuellen Arbeitsmeetings verständigen. Dabei zeigte sich schnell etwas Überraschendes: Trotz Distanz und Sprachunterschieden lief die Kommunikation besser als gedacht. Digitale Meetings wirkten weniger trocken und monoton, als es oft angenommen wird.
Im weiteren Verlauf verlagerte sich der Blick der Untersuchung. Statt nur auf Sprache zu schauen, standen plötzlich kleine Momente im Mittelpunkt, in denen Teilnehmende Dinge im Bild bemerken und darauf reagieren. Diese sogenannten Noticing-Sequenzen zeigen, dass schon kleine Alltagsdetails in Videomeetings Einfluss darauf haben, wie Menschen miteinander umgehen und in Kontakt kommen.
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Nähe entsteht durch kleine Unterbrechungen
Für ihre Untersuchung hat Gostrer zwischen März 2021 und Mai 2022 insgesamt 44 virtuelle Meetings aus zwei Teams aufgezeichnet und ausgewertet. Dabei nutzte sie die multimodale Konversationsanalyse, eine Methode, die Gespräche sehr genau betrachtet, um zu verstehen, wie sie gemeinsam entstehen und ablaufen.
Also etwa: Wer spricht wann, wie reagieren andere und wie entwickelt sich daraus ein Gesprächsfluss. Dafür wurden einzelne Videosequenzen detailliert transkribiert und analysiert. Nicht nur Worte spielten eine Rolle, sondern auch Mimik, Gestik und die Art, wie sich Menschen vor der Kamera bewegen oder auf dem Bildschirm orientieren.
Die Ergebnisse zeigen: Solche kleinen Aufmerksamkeitsmomente treten in ganz unterschiedlichen Situationen im Meeting auf – zum Beispiel beim lockeren Einstieg, am Ende, in kurzen Pausen oder auch dann, wenn eine Situation unangenehm wird und entschärft werden soll.
Dabei wird deutlich, wie flexibel Teilnehmende mit der fehlenden physischen Nähe umgehen. Sie winken sich oder Haustieren zu, ahmen Bewegungen nach oder sprechen über körperliche Empfindungen. Auf diese Weise gleichen sie die Distanz zumindest teilweise aus und schaffen kurzfristig mehr Nähe im digitalen Raum.
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Kleine Unterbrechungen mit großer Wirkung für die Praxis
Die Ergebnisse der Studie haben auch direkte Bedeutung für den Arbeitsalltag. „Virtuelle Meetings sind gekommen, um zu bleiben“, sagt Gostrer. Gerade in Unternehmen und Hochschulen könnten sogenannte Noticing-Sequenzen gezielt genutzt werden, um mehr Nähe und ein besseres Miteinander in digitalen Besprechungen zu schaffen. Unterbrechungen müssten dabei nicht als Störung gesehen werden. Richtig eingesetzt, könnten sie Beziehungen stärken und das soziale Miteinander fördern.
Welche Unterbrechungen in Videomeetings typischerweise vorkommen
In virtuellen Meetings lassen sich kleine Unterbrechungen gut unterscheiden. Sie wirken auf den ersten Blick oft störend, werden aber unterschiedlich wahrgenommen und verarbeitet.
- Lustige Unterbrechungen: Kinder oder Haustiere tauchen im Bild auf, es kommt zu unerwarteten Geräuschen oder kleinen „Fehltritten“, die oft für Lachen sorgen.
- Peinliche Momente: Zum Beispiel wenn jemand versehentlich den falschen Hintergrund teilt, unvorbereitet im Schlafanzug im Meeting erscheint oder private Situationen sichtbar werden.
- Technische Störungen: Schlechte Verbindung, eingefrorene Bilder oder verzögerte Sprache, die den Gesprächsfluss kurz unterbrechen.
- Alltags-Einblicke: Hintergrunddetails wie Küche, Wohnzimmer oder persönliche Gegenstände, die unbewusst Einblicke ins Privatleben geben.
- Interaktive Störungen: Andere Haushaltsmitglieder sprechen dazwischen, klingelnde Türen oder spontane Fragen aus dem Umfeld.
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