Konzept der "Open Innovation" 08.04.2013, 10:20 Uhr

„Tausende Experten lösen Ihr Problem“

Zu fast jeder technischen Herausforderung gibt es irgendwo eine Lösung. Aber wo? Beim Suchen hilft das Konzept der „Open Innovation“. Dabei machen Unternehmen ihre Probleme öffentlich und zapfen das Wissen der Masse an. Unterstützt werden sie von einschlägigen Dienstleistern. International führend ist das US-Unternehmen NineSigma. Dessen Chef Andreas Zynga erklärt, wie auch deutsche Mittelständler profitieren können.

VDI nachrichten: Herr Zynga, stellen Sie sich vor, ich brauche für meinen Produktionsprozess eine Spritzdüse, die aufgrund des speziellen Anforderungsprofils am Markt nicht verfügbar ist. Wie helfen Sie mir?

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Zynga: Im ersten Schritt vermittele ich Sie an einen unserer Mitarbeiter in Deutschland. Er wird Sie besuchen und mit Ihnen gemeinsam ausarbeiten, wo genau das Problem liegt. Als Wissenschaftler mit Industrieerfahrung wird er eine Lösungsanfrage so formulieren, dass Entwickler in aller Welt sie verstehen. Nicht erwähnen wird er, was Sie mit der gesuchten Technologie beabsichtigen.

NineSigma-Chef Andreas M.Zynga

NineSigma-Chef Andreas M.Zynga

Quelle: NineSigma

Auch Ihr Firmenname taucht nicht auf. Es werden also keinerlei vertrauliche Informationen nach außen gegeben. Das Herauslösen aus dem Anwendungsfall und das Anonymisieren hat u. a. den Vorteil, dass sich später auch Techniker angesprochen fühlen, die mit Ihrer Branche eigentlich nichts zu tun haben. Am Ende eines iterativen Prozesses halten sie eine zweiseitige Ausschreibung in den Händen – die Request for Proposal (RFP).

Und die stelle ich dann ins Internet?

Nein, das machen wir. Und parallel zur RFP-Erstellung suchen wir bereits aktiv nach potenziellen Lösungsanbietern. Dazu greifen wir auf verschiedene Verfahren zurück, etwa das Social Listening. Dabei werden mit speziellen Suchmaschinen im Internet die Hotspots in Bezug auf spezielle Technologien identifiziert, in Ihrem Fall etwa Fluidtechnik. Vor allem aber bauen wir auf die Erfahrung unseres Teams. Nach zwölf Jahren im Geschäft und über 2500 abgewickelten Projekten wissen wir, wo die führenden Köpfe einer Branche sitzen. Wir haben Kontakt zu rund 2 Mio. Experten.

Ich werde also überschüttet mit mehr oder weniger hilfreichen Geistesblitzen…

Nein, keine Sorge. Wir übernehmen die Vorauswahl. Wir senden ihre Ausschreibung an rund 1000 ausgewiesene Fachleute. Erfahrungsgemäß leiten diese das Problem dann in ihrem Netzwerk weiter. Am Ende stammen 30 % aller Ideen von Experten, die wir im ersten Schritt gar nicht angeschrieben hatten. Erfreulicher Nebeneffekt: Unser Pool wächst stetig.

Wie viele gute Ideen darf ich erwarten?

In der Regel erreichen uns 15 bis 25 detaillierte Vorschläge. Wir prüfen sie und erstellen eine Matrix, in der Vor- und Nachteile in Bezug auf Ihr Problem abgetragen sind. Sollten dann Ihrerseits Rückfragen bestehen, hilft unser Help Desk weiter. Die dortigen Mitarbeiter stellen auch dann Kontakt her, wenn ein Lösungsanbieter eine Nachfrage an Sie hat. Oft entstehen so spannende Dialoge, die den Weg zur Lösung vorzeichnen.

Kein Entwickler der Welt wird mir vertrauliche Ideen senden!

Natürlich nicht. In diesem Stadium sind die Lösungsvorschläge noch so abstrakt, dass keine Aspekte des gewerblichen Rechtsschutzes berührt werden. Erst wenn Sie sich auf etwa zwei Ideengeber fokussiert haben, gehen die Verhandlungen in die heiße Phase. Als erstes wird dann eine Vertraulichkeitserklärung unterschrieben, beidseitig. Alles weitere regeln Sie mit den potenziellen Partnern selbst. Wir unterstützen Sie nur noch, wenn Sie das wünschen. Meist aber bleiben wir bei den Geschäftsdetails außen vor.

Was kostet mich der ganze Prozess?

Wir stellen 30 000 € pro Technologiesuche in Rechnung. Hinzu kommen Belohnungen für Ausschreibungsteilnehmer. Deren Höhe ist abhängig von der Dringlichkeit und Komplexität des Problems sowie der Werthaltigkeit der Lösung. Sie können mit NineSigma aber auch Geld verdienen. Etwa, in dem Sie selbst Lösungen anbieten und auslizenzieren.

Wer sind die Kunden von NineSigma?

Als das Thema Open Innovation Anfang des Jahrtausends aufkam, waren es nur große Konzerne, die diesen neuen Ansatz wagten. Zu unseren Kunden zählen noch heute beispielsweise Siemens, Henkel oder General Electric. Inzwischen legt auch der Mittelstand die Berührungsängste ab. In den USA wird Open Innovation sogar zur Wirtschaftsförderung eingesetzt: Der Bundesstaat Ohio übernimmt für kleinere Unternehmen einen Teil der Gebühren. Ziel ist es, Innovationen und Wachstum anzukurbeln. Sehr viele Firmen beteiligen sich an diesem Programm. Wir helfen Ihnen aber nicht nur bei der Ideenfindung. Oft etablieren wir auch gleich eine neue Innovationskultur bei unseren Kunden. Wir geben Ihnen also nicht nur einen Fisch, wir zeigen Ihnen, wie sie künftig selber angeln.

An wen richtet sich Ihre Community „NineSights“?

Dort können Unternehmen Lösungen suchen für solche Probleme, die sie immer wieder haben. Ein Waschmittelhersteller wird beispielsweise stets nach neuen Enzymen zur Fettbeseitigung suchen. Er kann diesen Bedarf auf der Plattform einstellen und von Experten aus aller Welt diskutieren lassen – auf Wunsch auch unter unserer Regie. Außerdem können sich Forscher und Entwickler über ihre individuellen Projekte austauschen – über alle Grenzen hinweg. Es haben sich dort inzwischen hochklassige Expertenpanels gebildet.

Ein Beitrag von:

  • Stefan Asche

    Stefan Asche

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: 3-D-Druck/Additive Fertigung, Konstruktion/Engineering, Logistik, Werkzeugmaschinen, Laser

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