Druck der ständigen Erreichbarkeit 25.06.2026, 11:00 Uhr

Digitaler Dauerstress: Warum immer mehr Menschen trotz Feierabend nicht abschalten können

Wer ständig erreichbar ist, arbeitet nicht automatisch produktiver. Im Gegenteil: Digitale Dauererreichbarkeit kann Konzentration, Erholung und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Eine aktuelle Studie zeigt, warum Abschalten im Berufsalltag immer schwerer fällt.

Ein Mann sitzt in einem abgedunkelten Raum an einem Schreibtisch und hält sich den Kopf. Vor ihm steht ein aufgeklappter Laptop.

Benachrichtigungen, E-Mails und Chats sorgen dafür, dass viele Menschen auch in ihrer Freizeit gedanklich "auf Empfang" bleiben.

Foto: Smarterpix/Alexander_Safonov

Das Smartphone liegt auf dem Schreibtisch, E-Mails werden noch auf dem Sofa beantwortet und selbst im Urlaub bleibt der Blick auf neue Nachrichten gerichtet. Für viele Beschäftigte endet der Arbeitstag längst nicht mehr mit dem Feierabend. Eine Studie der IU Internationalen Hochschule zeigt, wie sehr der ständige digitale Bereitschaftsmodus belastet und warum immer mehr Menschen sich mehr Offline-Zeit wünschen.

Expertinnen und Experten bezeichnen diesen Zustand als digitalen Dauerstress. Die Studie zeigt auf, welche Auswirkungen das ständige On-Sein hat und wie man dem vorbeugen kann.

Vier von zehn Befragten gedanklich ständig online

44,2 % der Befragten haben das Gefühl, gedanklich ständig „auf Empfang“ zu sein. 45 % fühlen sich im Kopf angespannt, obwohl sie eigentlich abschalten möchten. Je jünger die Befragten sind, desto häufiger geben sie an, solche „Always-on-Muster“ zu erleben.

Daraus resultierend fühlt sich ein Drittel der Befragten am Ende des Tages häufig oder sogar täglich emotional oder mental erschöpft.

Arbeitnehmer auch nach Feierabend noch beim Job

  • 32,9 % der Arbeitnehmenden fühlen sich verpflichtet, außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein. 
  • 42,2 % der Arbeitnehmenden haben das Gefühl, sowohl im beruflichen als auch im privaten Alltag permanent erreichbar sein zu müssen.

„Unsere Studie misst keinen klassischen Jobstress. Es geht viel mehr um einen permanenten psychologischen Aktivierungszustand. Der zieht sich durch alle Lebensbereiche: Arbeit, Freizeit, soziale Beziehungen. Dabei mag keine akute Überbelastung entstehen, aber es gibt keine richtige Erholung“, erläutert Timo Kortsch, Professor für Wirtschaftspsychologie an der IU.

Lesen Sie auch: Recht auf Abschalten: Ständige Erreichbarkeit am Arbeitsplatz? – Nicht in diesem Land!

Gesellschaftlicher Druck als treibender Faktor

81 % der Befragten checken ihre digitalen Geräte mindestens einmal pro Stunde, selbst wenn es keine neuen Benachrichtigungen gibt. Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten bei jungen Menschen: 90,6 % der 16- bis 30-Jährigen checken ihre digitalen Geräte mindestens ein- bis zweimal pro Stunde, 68,1 % tun dies sogar mindestens dreimal.

Das Erschreckende: Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland hat das Gefühl, dass ihr Umfeld von ihnen erwartet, dass sie zeitnah auf digitale Nachrichten antworten. Bei 22,3 % akzeptiert das Umfeld nicht, wenn nicht sofort eine Antwort kommt.

Unterschiede nach Geschlecht und Alter

Die Studie zeigt auch Unterschiede nach Geschlecht und Alter auf. Frauen erleben beispielsweise häufiger negative Auswirkungen durch digitale Erreichbarkeit als Männer. 40,3 % der weiblichen Befragten geben an, sich durch digitale Nachrichten leicht ablenken zu lassen und von digitalen Medien abhängig zu sein, bei Männern sind es 29,9 %.

Auch wenn es um die Quelle des stärksten Erwartungsdrucks beim Thema Erreichbarkeit geht, nennen Frauen die Familie häufiger als Männer. Männer verspüren dagegen öfter Druck von Seiten der Arbeit.

Bei jungen Menschen im Alter von 16 bis 30 Jahren ist die digitale Dauerbereitschaft besonders ausgeprägt: Fast die Hälfte (48,6 %) der Befragten hat Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn sie offline sind.

„Auffällig ist auch die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität: Rund zwei Drittel der Befragten wünschen sich mehr Offline-Zeit, aber nur etwa jede fünfte Person schafft bewusst Phasen, in denen sie nicht erreichbar ist. Das spricht nicht für fehlendes Wissen, sondern für einen starken sozialen und beruflichen Erwartungsdruck“, resümiert Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement an der IU.

Digitale Dauererreichbarkeit sorgt für Konzentrationsprobleme

Der Druck hinter der digitalen Dauererreichbarkeit und die digitale Ablenkung bringen Konzentrationsprobleme mit sich:

  • 51,7 % geben an, dass ihre Aufmerksamkeit ständig zwischen verschiedenen Dingen hin- und herspringt.
  • 37,2 % verlieren schnell den Faden, wenn sie durch digitale Nachrichten unterbrochen werden.
  • 44,3 % fühlen sich von der Menge an digitalen Informationen überfordert.

Macht uns die Digitalisierung krank?

Laut Professor Timo Kortsch sei das größte Problem unserer digitalen Welt eine Art Mismatch: Das menschliche Gehirn ist auf klare Handlungsimpulse und echte Erholungsphasen ausgelegt, nicht aber für eine permanente Informationsflut und eine Dauerberieselung an Reizen gemacht.

„Führen wir uns vor Augen, dass die durchschnittliche Person heute täglich mit Hunderten von Benachrichtigungen, Nachrichten und Informationsreizen konfrontiert ist – und das über alle Lebensbereiche hinweg, ohne klare zeitliche Grenzen. Unser System reagiert darauf nicht mit einer einmaligen, klar abgegrenzten Stressreaktion – sondern mit einem anhaltenden Bereitschaftszustand: Die Aufmerksamkeit bleibt mobilisiert, das Gehirn scannt weiter nach dem nächsten Reiz“, erklärt Kortsch.

Bei Stress erfolgt im Gehirn die Aktivierung des Sympathikus, die anschließende Erholungsphase reguliert der Parasympathikus. Der Körper kommt dann zur Ruhe und kann regenerieren. Im digitalen Alltag fällt diese Regulationsphase jedoch häufig weg. Die Stresskurve sinkt nicht mehr ausreichend ab, der Organismus verbleibt in einem Zustand erhöhter Aktivierung.

Das Ergebnis: Die Allostase, also die Anpassungsreaktion des Organismus, verschiebt sich dauerhaft. Der Körper passt sich an ein erhöhtes Level an, wodurch sich langfristig Ressourcen erschöpfen und Erholung zunehmend schwerfällt.

Die Frage ist damit weniger, ob die Digitalisierung uns krank macht, sondern vielmehr, wie damit systematisch umgegangen wird.

Wie man wirklich offline geht

Die Verantwortung, den digitalen Konsum zu regulieren, liegt deshalb nicht ausschließlich beim Individuum, sondern es handelt sich vielmehr um ein strukturelles Problem.

Beschäftigte und Privatpersonen können unter anderem Fokuszeiten ohne Messenger einrichten, Outlook nach Feierabend schließen, Benachrichtigungen bündeln und Push-Benachrichtigungen deaktivieren.

Auch Führungskräfte können beispielsweise Erreichbarkeit klar regeln, E-Mails zeitversetzt senden und klar kommunizieren, dass keine sofortigen Antworten nach Feierabend notwendig sind.

Es sei besonders wichtig, sich eine digitale Resilienz aufzubauen. Resilienz bezeichnet dabei die Fähigkeit, auch unter schwierigen Bedingungen stabil zu bleiben und sich weiterzuentwickeln. Digitale Resilienz überträgt dieses Prinzip auf unseren Umgang mit digitalen Anforderungen.

Es geht also darum, eine Informationsflut, ständige Unterbrechungen oder Erreichbarkeit so zu bewältigen, dass die Leistungsfähigkeit, das Wohlbefinden und die Gesundheit langfristig erhalten bleiben.

Lesen Sie auch: Grenzen im Beruf setzen: Wie man im Job „Nein“ sagt

Erholungsphasen sollten kein „Nice-to-have“ sein

Für Stefanie André ist aus gesundheitswissenschaftlicher Perspektive klar: „Ohne ausreichende Regeneration geraten wir langfristig in einen Zustand chronischer Erschöpfung. Wer erschöpft ist, verliert an Konzentration, Kreativität und Handlungskraft. Das betrifft nicht nur den Einzelnen, sondern auch Organisationen und letztlich die Gesellschaft, die von Ideen, Kooperation und Umsetzung lebt.“

Die Erholung sollte daher strukturell verankert sein und nicht als „Nice-to-have“ gesehen werden. Im Sinne einer gelebten Erholungskultur müsste der Stellenwert von Erholungspause mit dem der Arbeitszeit vergleichbar sein.

Für die Studie „Always on: Digitaler Stress in Deutschland“ wurden im Zeitraum vom 13. 1. bis 19. 1. 2026 2000 Personen im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt. Hier lesen Sie die Originalpublikation: Always-on: Digitaler Stress in Deutschland | IU Studie

Ein Beitrag von:

  • Anastasia Pukhovich

    Anastasia Pukhovich ist Volontärin beim VDI Verlag. Ihre Tätigkeit beim Max-Planck-Institut für Nachhaltige Materialien weckte ihr Interesse an allen Themen rund um Wissenschaft und Technik. Besonders gerne verfolgt sie journalistisch die Themen Medizintechnik und Karriere.

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.