Personensicherheit in Gebäuden 04.03.2022, 16:36 Uhr

Über Treppen ohne Geländer zum Safety-Engineering

Menschen fühlen sich meist sicher in Gebäuden. Aber wer sorgt eigentlich dafür, dass ihnen dort nichts passiert? Ein erfahrener Experte für Sicherheit und Zuverlässigkeit im Bauwesen hat einen Vorschlag.

Das Risiko, als Folge eines Sturzes auf den Treppen eines Gebäudes zu Tode zu kommen, ist deutlich höher als oft angenommen. Foto: imago/eyevisto

Das Risiko, als Folge eines Sturzes auf den Treppen eines Gebäudes zu Tode zu kommen, ist deutlich höher als oft angenommen.

Foto: imago/eyevisto

An Universitäten, Hoch- und Fachschulen weltweit unterrichten Fachleute, meist Architekten und Ingenieure, gemeinsam ihre Studentinnen und Studenten in allen Details der Planung und Ausführung von Gebäuden. Mit dem römischen Architekten Vitruvius [1] gesprochen, der im ersten Jahrhundert vor Christus ein zehnbändiges Standardwerk verfasste: Sie lehren firmitas, venustas und utilitas.

Firmitas, also Festigkeit, lehrt meist ein Ingenieur und Professor für Tragwerksentwurf. Venustas, das Wort steht für Schönheit, Eleganz, Anmut, Charme, Attraktivität und gar Zauber, ist üblicherweise Sache der Architekten, wie auch die Forderung nach utilitas, also nach Nützlichkeit und Tauglichkeit. Doch diese, die utilitas eben, bleibt hin und wieder auf der Strecke, und damit oft auch die Sicherheit der Benutzer eines Gebäudes.

Es ist eine Tatsache: Menschen fühlen sich sicher in Gebäuden. In welcher Gefahrensituation auch immer, sie beeilen sich, in den Schutz eines Gebäudes zu gelangen. Die einzige Ausnahme: Erdbeben.

Wer sorgt für die Sicherheit?

Hier die zentrale Frage: Wer sorgt eigentlich dafür, dass sich Menschen in Gebäuden sicher fühlen dürfen? Sicherheit, verstanden als akzeptierbar kleine Wahrscheinlichkeit, in einem Gebäude verletzt zu werden oder gar den Tod zu finden.

Die rasche Antwort wohl der meisten Leser dieser Zeilen: „Der Ingenieur natürlich!“. Denn er legt ja die Abmessungen der Tragelemente fest und sorgt so dafür, dass die vom Architekten und weiteren Spezialisten entworfenen und in allen übrigen Details definierten Bauwerke nicht einstürzen.

Doch stimmt das? Der Autor dieser Zeilen jedenfalls stellt das hier entschieden in Frage.

Ein Blick in die Wirklichkeit – reduziert auf nackte Zahlen

Der Einfachheit halber beschränke ich mich auf die Betrachtung der Todesfälle. Betrachtet seien im Weiteren sämtliche Todesursachen. Die in der Tabelle angeführten Zahlenwerte zeigen die Zahl der Todesfälle bezogen auf 100.000 Personen und ein Jahr, gerundet und geordnet im Wesentlichen der Häufigkeit nach. Sie stammen vom BfS – Schweizerisches Bundesamt für Statistik und beschreiben im Wesentlichen die Situation in der Schweiz im Jahr 2015, dürften aber für andere mitteleuropäische Länder und Zeiträume nicht gravierend anders ausfallen.

Was fällt in dieser Tabelle auf? Die Antwort überlasse ich zunächst dem Leser oder der Leserin mit der Bitte, unvoreingenommen die Tabelle vor dem Weiterlesen zu begutachten.

Übersicht Todesursachen laut Schweizerischem Bundesamt für Statistik im wesentlich für das Jahr 2015. Foto: VDI Fachmedien / K. Klotz

Verletzbarkeit der Benutzer von Gebäuden

Klar: Menschen sterben aus Altersschwäche und Krankheit, und das in der Regel in Gebäuden, das heißt zuhause oder im Krankenhaus. Das ist normal und steht auf der Tabelle der Todesfälle an erster Stelle.

Was mich bei der Zusammenstellung der Tabelle jedoch überrascht hat: Tod durch Sturz in Gebäuden ist häufiger als Suizid, und Tod durch Sturz auf Treppen ist häufiger als Tod im Straßen-, Bahn- und Flugverkehr. Beide Zahlen, die Häufigkeit von Suizid und Tod im Verkehr, gelten bei der Beurteilung von Sicherheitsproblemen als wichtige Vergleichsgrößen. Aber von Tod durch Sturz auf Treppen hatte ich bisher in Statistiken noch nicht gelesen. Doch ist man einmal aufmerksam geworden, findet man allerhand Literatur zu dieser Problematik. Auch in Deutschland gab es beispielsweise im Jahr 2013 um 17 Prozent mehr Todesopfer bei Treppenstürzen als bei Verkehrsunfällen [2].

Fahrlässige Gestaltung von Treppen

Man muss es sich einmal bewusst machen: Treppen haben in mehrstöckigen Gebäuden eine äußerst wichtige und überaus zentrale Funktion: Sie ermöglichen die tägliche Benützung von Gebäuden und gewährleisten im Katastrophenfall die Flucht. Ohne die vernünftige Gestaltung von Treppen ist Sicherheit in Gebäuden nicht zu haben. Bedauerlich zu sehen, wie nachlässig, wie fahrlässig, und ja, wie unverständig sich oft die Verantwortlichen in dieser Angelegenheit verhalten [3].

Hier jedoch wieder die Frage: Was ist zu beachten und was ist zu tun? In engerem Sinn geht es sicher um die Konkretisierung der Anforderungen an Treppen in Gebäuden. Aber im weiteren Sinn geht es um mehr, um viel mehr.

Eigenartig verschobene Aufmerksamkeit für Gefahren

Mit erneutem Blick auf die Tabelle erkennt man, dass im Hinblick auf die Sicherheit der Bewohner von Gebäuden die Aufmerksamkeiten eigenartig verschoben sind. Wir bemühen uns beispielsweise, Todesfälle aus Brand in Altersheimen zu verhindern, platzieren zu diesem Zweck in jedem Zimmer Rauchmelder oder gar Sprinkler und übersehen dabei das 10-mal größere Risiko, als Folge eines Sturzes auf den Treppen im gleichen Gebäude zu Tode zu kommen.

Sicherheit von Menschen in und im Umfeld von Gebäuden

Treppen sind wichtig, doch im hier diskutierten Zusammenhang sind sie nur ein Beispiel. Es gibt viele Gefährdungen, denen wir Bauleute mit einem gezielten Einsatz von Fachleuten begegnen, wie zum Beispiel mit dem für das Tragwerk verantwortlichen Bauingenieur. Und allerhand weitere Spezialisten kamen im Laufe der Zeit hinzu: erst der Bauleiter, dann HLK-Planer, Elektro-Planer, Sanitär-Planer, Bauphysiker, Brandschutzplaner, Bau-Manager und so weiter. Ein Blick auf die an allen Baustellen sichtbaren Bautafeln bestätigen das.

Und nicht nur beim Neubau von Gebäuden zeigen sich Gefährdungen. Auch der Umbau und die Erneuerung von Gebäuden und Anlagen, oft unter Betrieb, bis hin zum Abbruch, gefährdet Menschen in oft völlig unerwarteten Situationen.

Glauben wir im Ernst, dass der leitende Architekt zusammen mit all diesen Spezialisten den Problemkreis Sicherheit wirklich im Griff hat? Ich zweifle zutiefst! Es braucht eine Disziplin, die quasi die Tabelle vertikal im Visier und die nötigen Folgerungen im Griff hat.

Was ist also zu tun?

Es braucht meiner Überzeugung nach zusätzlich zu all den „auf ihre Spezialität spezialisierten Spezialisten“ eine der Sicherheitsproblematik gewidmete weitere, jedoch klar querschnittsorientierte Disziplin. Die Einsetzung dieser neuen, der Bauherrschaft direkt verantwortlichen Dienstleistung, zum Beispiel unter der Bezeichnung Safety-Engineering, ist sinnvoll und in großen Projekten eindeutig nötig.

Dabei darf die Aufmerksamkeit eines entsprechenden Dienstleisters selbstverständlich nicht nur Treppen gelten, sondern er muss integral alle Sicherheitsaspekte bei der Planung, Ausführung und Nutzung sowie auch im Hinblick auf Unterhalt, Erneuerung und Abbruch von Bauten beachten und gegebenenfalls den Bauherrn sichernd beraten. Das Grenfell-Tower-Inferno in London [4], um nur ein 2017 die ganze Bauwelt weltweit erschütterndes (und leider schon bald wieder vergessenes) Beispiel zu nennen, hätte sich dann dank der Aufmerksamkeit eines geschulten Sicherheits-Ingenieurs vermutlich nicht ereignet.

Aufgaben eines Safety-Engineers

Eine solche Dienstleistung zu definieren und als Vertiefung einzuführende Lehrveranstaltung wäre Aufgabe der Hochschulen und fordert dort insbesondere die Architektur-Fakultäten heraus. Das Bemühen um die Schaffung einer solchen Dienstleistung wäre eine gute Gelegenheit, um über die wichtige Forderung nach Sicherheit im Bauwesen nachzudenken. Benachbarte Disziplinen und schließlich auch die Fachvereine müssen zweifellos in diesem Zusammenhang in die Arbeit einbezogen werden.

Literatur

  1. de.wikipedia.org/wiki/Vitruv
  2. nullbarriere.de/treppenstuerze.htm
  3. nullbarriere.de/treppen-barrierefrei.htm
  4. de.wikipedia.org/wiki/Grenfell_Tower

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