291 Asbest-Todesfälle allein 2025: Warum das Problem gerade größer wird
Asbest ist seit mehr als 30 Jahren in Deutschland verboten. Dennoch starben 2025 allein bei der BG BAU 291 Versicherte an den Folgen asbestbedingter Erkrankungen. Damit bleibt der Gefahrstoff die häufigste Ursache tödlicher Berufskrankheiten in der Bauwirtschaft.
Asbest ist seit 1993 verboten, steckt aber noch immer in vielen Bestandsgebäuden. Bei Dach- und Sanierungsarbeiten sind geeignete Schutzmaßnahmen deshalb unverzichtbar.
Foto: smarterpix/ arjan1
Wer an die größten Gefahren auf Baustellen denkt, hat meist Abstürze, schwere Baumaschinen oder herabfallende Lasten vor Augen. Tatsächlich hat die Bauwirtschaft in den vergangenen Jahren gerade bei diesen klassischen Unfallrisiken erhebliche Fortschritte erzielt. Die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle geht seit Jahren zurück. 2025 waren es insgesamt 74 Todesfälle.
Doch gleichzeitig wächst eine Gefahr, die weder sichtbar noch unmittelbar spürbar ist: Asbest.
Nach den aktuellen Jahreszahlen der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) starben 2025 insgesamt 291 Versicherte an den Folgen asbestbedingter Erkrankungen. Damit ist Asbest nach wie vor die häufigste Ursache tödlicher Berufskrankheiten in der Bauwirtschaft – 3 von 5 Todesfälle sind auf den krebserzeugenden Naturstoff zurückzuführen. Die Zahlen machen deutlich, dass der jahrzehntelang verwendete Baustoff keineswegs nur ein Problem der Vergangenheit ist.
Inhaltsverzeichnis
- Wieso Asbest trotz Verbots zum Zukunftsproblem wird
- Die größte Gefahr steckt hinter Wänden und Böden
- Warum die Krankheit oft erst Jahrzehnte später ausbricht
- Sanierungen und Energiewende erhöhen das Asbestrisiko
- Neue Vorschriften erhöhen die Verantwortung
- Asbest wird zur Planungsaufgabe
- Unsichtbares Risiko
- Quellen
Wieso Asbest trotz Verbots zum Zukunftsproblem wird
Auf den ersten Blick wirkt das paradox. Schließlich ist die Verwendung von Asbest in Deutschland bereits seit 1993 verboten. Doch das Material verschwindet nicht einfach aus Gebäuden. Im Gegenteil: Millionen Wohnhäuser, Bürogebäude, Schulen, Industriehallen und öffentliche Gebäude wurden gebaut, als Asbest als günstiger, langlebiger und brandsicherer Baustoff galt.
Nach Angaben der BG BAU wurden mehr als 14 Millionen Gebäude errichtet, bevor das Verbot in Kraft trat. Für einen großen Teil des Gebäudebestands gilt deshalb: Asbest kann vorhanden sein – selbst dann, wenn äußerlich nichts darauf hindeutet.
Mit der zunehmenden Konzentration auf Sanierung, Umbau und energetische Modernisierung steigt deshalb zwangsläufig auch die Zahl der Arbeiten an potenziell belasteter Bausubstanz.
„In Gebäuden, die vor dem Asbestverbot im Jahr 1993 erbaut wurden, muss mit Asbest zum Beispiel in Fliesenklebern, Putzen, Estrich oder Spachtelmassen gerechnet werden. Dieser Asbestverdacht betrifft drei Viertel aller Bestandsgebäude. Im Rahmen von Renovierungen und Umbauten kann Asbest freigesetzt werden“, sagt Björn Kass, Präventionsleiter der BG BAU.
Die größte Gefahr steckt hinter Wänden und Böden
Viele verbinden Asbest noch immer mit Wellplatten auf Dächern oder Fassaden aus Asbestzement. Tatsächlich sind diese Baustoffe meist bekannt und können entsprechend behandelt werden. Deutlich problematischer sind jedoch die sogenannten versteckten Asbestvorkommen.
Über Jahrzehnte wurde Asbest tausenden Bauprodukten beigemischt – unter anderem in:
- Fliesenklebern
- Spachtelmassen
- Putzen
- Estrichen
- Bodenbelagsklebern
- Rohrisolierungen
- Brandschutzplatten
- Dichtungen und Fugenmaterialien
Gerade diese Materialien geraten bei Sanierungen regelmäßig in den Fokus. Beim Bohren, Stemmen, Fräsen oder Schleifen können feine Asbestfasern freigesetzt werden. Häufig geschieht das, ohne dass Beschäftigte überhaupt wissen, dass sie mit einem Gefahrstoff arbeiten.
Hinzu kommt, dass viele dieser Baustoffe weder optisch noch haptisch als asbesthaltig zu erkennen sind. Ohne eine sachgerechte Erkundung vor Beginn der Arbeiten bleibt das Risiko oft unentdeckt. Erst beim Öffnen von Wänden, Böden oder Decken werden gefährliche Fasern freigesetzt.
Warum die Krankheit oft erst Jahrzehnte später ausbricht
Das eigentliche Problem ist die enorme Zeitspanne zwischen Belastung und Erkrankung. Während ein Arbeitsunfall sofort sichtbar wird, entwickeln sich asbestbedingte Erkrankungen oft erst nach 30 bis 40 Jahren. Dazu gehören unter anderem Lungenkrebs, Asbestose und das besonders aggressive Mesotheliom, ein Tumor des Brust- oder Bauchfells.
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Viele Menschen, die heute an den Folgen einer Asbestexposition sterben, kamen bereits in den 1970er-, 1980er- oder frühen 1990er-Jahren mit den Fasern in Kontakt.
Vor allem diese lange Latenzzeit macht Asbest so tückisch. Die aktuellen Todesfälle sind die Folge früherer Expositionen – gleichzeitig entscheidet sich auf heutigen Baustellen, wie viele Beschäftigte in den kommenden Jahrzehnten noch erkranken werden.
Sanierungen und Energiewende erhöhen das Asbestrisiko
Für Bauunternehmen, Planer und Bauingenieure gewinnt das Thema weiter an Bedeutung. Deutschland steht vor einer gewaltigen Aufgabe. Rund 19 Millionen Bestandsgebäude müssen energetisch modernisiert werden. Neue Heizsysteme, Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen, Fassadensanierungen oder barrierefreie Umbauten erfordern Eingriffe in Gebäude, die häufig zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren errichtet wurden.
Genau aus dieser Bauzeit stammen jedoch viele asbesthaltige Materialien. Was früher oft ein kleiner Installationsauftrag war, kann heute schnell zur Arbeit an kontaminierter Bausubstanz werden. Das erhöht nicht nur die Anforderungen an den Arbeitsschutz, sondern auch an Planung, Ausschreibung und Bauüberwachung.
| Zahlen & Fakten zu Todesfällen am Bau (2025) | |
| Todesfälle insgesamt | 470 |
| Todesfälle durch Berufskrankheiten insgesamt | 396 |
| Asbest-Todesfälle | 291 |
| Tödliche Arbeitsunfälle | 74 |
| Verdachtsanzeigen auf Berufskrankheiten | 22.102 |
| Veränderung zum Vorjahr | +4,9 % |
| Menschen, die deutschlandweit jährlich an Asbestfolgen sterben | rund 1600 |
| Gebäude aus der Zeit vor dem Asbestverbot | über 14 Millionen |
| Anteil der Bestandsgebäude mit Asbestverdacht | rund drei Viertel |
Für Bauingenieure rückt das Thema damit noch stärker in den Fokus. Schadstofferkundungen werden zunehmend zu einem festen Bestandteil der Projektvorbereitung. Bereits in frühen Planungsphasen muss geklärt werden, welche Baustoffe verbaut wurden, welche Rückbauverfahren erforderlich sind und welche Auswirkungen dies auf Kosten, Bauablauf und Ausschreibung hat.
Neue Vorschriften erhöhen die Verantwortung
Die Politik hat auf diese Entwicklung reagiert. Mit der Novellierung der Gefahrstoffverordnung wurden die Anforderungen für Arbeiten an Bestandsgebäuden verschärft. Ziel ist es, mögliche Asbestbelastungen früher zu erkennen und Beschäftigte besser zu schützen.
Die neuen Vorgaben gehen grundsätzlich davon aus, dass in älteren Gebäuden asbesthaltige Baustoffe vorhanden sein können. Bei Bauwerken aus der Zeit vor dem Asbestverbot muss künftig deutlich stärker geprüft werden, ob asbesthaltige Baustoffe vorhanden sein könnten. Für Bauherren, Planungsbüros und ausführende Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Schadstofferkundungen werden immer häufiger zur Voraussetzung für einen sicheren und wirtschaftlichen Bauablauf. Denn bleibt Asbest bis zum Beginn der Arbeiten unentdeckt, drohen Baustopps, Terminverzögerungen, Nachträge und erhebliche Mehrkosten.
Asbest wird zur Planungsaufgabe
Damit verändert sich auch die Rolle der Bauingenieure. Während früher häufig erst auf der Baustelle auf Schadstoffe reagiert wurde, rückt heute die Bestandsanalyse deutlich stärker in den Mittelpunkt. Bereits in frühen Planungsphasen muss geklärt werden, welche Baustoffe verbaut wurden und welche Risiken daraus entstehen können.
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Im Idealfall beginnt der Umgang mit Asbest deshalb nicht erst beim Rückbau, sondern bereits bei der Bestandsaufnahme. Je früher potenzielle Schadstoffe erkannt werden, desto besser lassen sich Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie Bauablauf miteinander vereinbaren.
Die eigentliche Frage lautet deshalb immer seltener, ob Asbest vorhanden ist. Sie lautet vielmehr: Wo könnte Asbest vorhanden sein – und wie lässt sich sicher damit umgehen?
Unsichtbares Risiko
Die aktuellen Zahlen der BG BAU zeigen, wie stark sich die Risiken auf Baustellen verändert haben. Bei klassischen Arbeitsunfällen wurden in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte erzielt. Gleichzeitig rückt ein Risiko in den Vordergrund, das weder sichtbar noch unmittelbar spürbar ist.
Asbest ist deshalb längst kein historisches Thema mehr. Mit der wachsenden Bedeutung des Bauens im Bestand entwickelt sich der Gefahrstoff vielmehr zu einer der größten Herausforderungen für die Bauwirtschaft der kommenden Jahrzehnte.
Jahrzehntelang galt der Absturz als das größte Risiko auf Baustellen. Heute zeigt sich ein differenzierteres Bild: Die gefährlichste Bedrohung ist oft weder sichtbar noch hörbar. Sie steckt hinter Putz, unter Fliesen oder im Estrich. Und oft zeigt sich erst Jahrzehnte später, wie gefährlich sie tatsächlich war.
Quellen
- BG BAU – Jahreszahlen 2025: Sicherheit und Gesundheit am Bau
Aktuelle Zahlen zu Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und Asbest-Todesfällen (291 Todesfälle, 14 Millionen Bestandsgebäude etc.).
Zur Pressemitteilung - Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) – Informationsportal Asbest
Hintergrundwissen zu Asbest, Latenzzeiten, typischen Einsatzbereichen sowie gesundheitlichen Folgen.
Zum Informationsportal - BG BAU – Themenseite Asbest
Informationen zu Asbest beim Bauen im Bestand, typischen Fundstellen, Schutzmaßnahmen sowie der Bedeutung der Gefahrstoffverordnung.
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