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4,3 Millionen Autos zurückgerufen, China verbannt jetzt versteckte Türgriffe

24. August 2026

versenkbarer Türgriff beim Auto
Optisch schön, aber mit Sicherheitsproblemen: Versenkbare Türgriffe. 4,3 Mio. Autos müssen nun in China nachgebessert werden. Neue Regeln verdrängen versteckte Türgriffe. Auch Deutschland arbeitet an strengeren Vorgaben. Foto: picture alliance/dpa | Johannes Neudecker
China ruft 4,3 Mio. Autos zurück und verschärft die Regeln für Türgriffe. Was hinter dem Problem steckt und was Deutschland plant.
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Ein kleines Detail im Innenraum zwingt Tesla und acht weitere Autohersteller in China zu einer gewaltigen Rückrufaktion. Rund 4,3 Millionen Fahrzeuge müssen nachgebessert werden, weil sich die mechanische Notentriegelung der Türen im Ernstfall schlecht erkennen lässt. Gleichzeitig zieht China bei einem verwandten Problem die Konsequenzen: Versteckte Türgriffe sollen aus neuen Autos verschwinden. Ab 2027 gelten dafür neue Sicherheitsvorgaben.

Bei vielen der zurückgerufenen Autos ist weder das Türschloss kaputt noch der Außengriff defekt. Das Problem zeigt sich erst, wenn nach einem schweren Unfall die Elektrik ausfällt: Dann müssen Insassen auf eine mechanische Notentriegelung zurückgreifen. Und genau die kann schwer zu finden sein.

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Besonders groß fällt der Rückruf bei Tesla aus. Rund 2,98 Millionen Model 3, Model Y, Model S und Model X sind betroffen. Hinzu kommen Fahrzeuge unter anderem von Xiaomi, Leapmotor, Xpeng, Zeekr, Chery, Dongfeng, Arcfox und FAW. Es ist nach Angaben von Reuters die größte Fahrzeug-Rückrufaktion, die China bislang erlebt hat.

Inhaltsverzeichnis

Rückruf wegen eines Griffs, den viele Fahrer kaum kennen

Bei Tesla beschreibt die chinesische Marktaufsicht SAMR das Problem ungewöhnlich konkret: Die mechanische Notentriegelung im Innenraum ähnelt bei den betroffenen Fahrzeugen farblich der Innenverkleidung. Dadurch sei sie nicht leicht zu erkennen und zu bedienen.

Das ist im Normalbetrieb kaum relevant. Die Türen werden elektrisch entriegelt. Ein Tastendruck genügt, ein Aktor gibt das Schloss frei.

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Problematisch wird es, wenn bei einem schweren Unfall das Niedervoltsystem ausfällt. Dann kann auch die normale elektrische Entriegelung nicht mehr zur Verfügung stehen. Für diesen Fall gibt es die mechanische Notöffnung.

Bei Tesla betrifft der Rückruf 973.156 in China produzierte Model 3 und knapp 1,96 Millionen Model Y. Dazu kommen 35.590 importierte Model 3, 8328 Model X und 2123 Model S.

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Bei Xiaomi sieht es ähnlich aus. 390.435 SU7 werden zurückgerufen, weil der mechanische Notgriff ebenfalls farblich kaum von seiner Umgebung zu unterscheiden ist. Bei Leapmotor betrifft das Problem 371.200 C01 und C11.

Der Rückruf hat damit weniger mit einem klassischen Defekt zu tun als mit der Frage, ob ein sicherheitsrelevantes Rückfallsystem unter Stress tatsächlich nutzbar ist.

Bei vielen Autos gehört ein Warnaufkleber zur Lösung

Das zeigt auch die Art der Nachbesserung. Bei vielen Fahrzeugen reicht ein vergleichsweise kleiner Eingriff. Tesla will die mechanische Notentriegelung mit einer deutlicheren Kennzeichnung versehen. Zusätzlich wird per Over-the-Air-Update die Fenstersteuerung geändert. Die chinesische Marktaufsicht spricht von einer zusätzlichen Strategie zum Absenken der Fenster nach einem Unfall.

Xiaomi kombiniert ebenfalls Warnmarkierungen mit einem Softwareupdate. Leapmotor und Zeekr ändern zusätzlich die Fenstersteuerung. Xpeng und FAW kennzeichnen vor allem die bislang schwer erkennbare Notentriegelung. Bei Chery werden neben einer Kennzeichnung auch Abdeckungen ausgetauscht.

Das klingt nach einer erstaunlich kleinen Lösung für einen Rückruf dieser Größenordnung. Technisch steckt dahinter aber ein grundlegendes Sicherheitsprinzip: Ein Backup erfüllt seinen Zweck nur, wenn Menschen es im Ernstfall auch finden und bedienen können.

Ähnliche Fragen stellen sich inzwischen an vielen Stellen im Fahrzeug. Bei Steer-by-Wire-Systemen etwa kann eine mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Rädern entfallen. Sicherheit entsteht dann nicht durch möglichst wenig Elektronik, sondern durch eine Architektur, die Fehler erkennt und eine sichere Funktion auch bei Ausfällen gewährleistet.

Rückruf und Verbot sind zwei verschiedene Vorgänge

Der Rückruf fällt zeitlich in eine Phase, in der China die Regeln für Autotürgriffe ohnehin verschärft. Beides betrifft die Notöffnung von Fahrzeugen, sollte aber nicht miteinander gleichgesetzt werden. Bei den jetzt zurückgerufenen 4,3 Millionen Autos geht es überwiegend um schlecht erkennbare mechanische Notentriegelungen im Innenraum.

Die neue chinesische Vorschrift greift wesentlich breiter. Sie regelt, wie Türgriffe innen und außen konstruiert sein müssen. Der verbindliche nationale Standard GB 48001-2026 „Safety technical requirements for automotive door handle“ wurde bereits am 28. Januar 2026 veröffentlicht. Er tritt am 1. Januar 2027 in Kraft.

Damit reagiert China auf einen Designtrend, der sich mit Elektroautos stark verbreitet hat. Nach Angaben des chinesischen Industrieministeriums besaßen im April 2025 rund 60 % der 100 meistverkauften New-Energy-Modelle des Landes versteckte Türgriffe.

Mindestens 60 × 25 × 20 mm für die Hand

Eine der auffälligsten Vorgaben betrifft den Außengriff. China verlangt einen Bedienraum von mindestens 60 × 25 × 20 mm. Das China Automotive Technology and Research Center, kurz CATARC, hat nach eigenen Angaben für die Entwicklung der Vorgabe die Türgriffkonstruktionen von mehr als 200 Fahrzeugmodellen untersucht.

Die Folgen für das Design sind erheblich. Ein Griff, der vollständig in der Tür verschwindet und erst elektrisch ausfahren muss, lässt sich mit dieser Vorgabe nicht ohne Weiteres vereinbaren. Das chinesische Industrieministerium formuliert die Konsequenz noch deutlicher: Versteckte Türgriffe sollen mit der neuen Norm vom Markt verschwinden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass China jeden elektrisch unterstützten oder flächenbündigen Türgriff verbietet. Hersteller können solche Konzepte weiterhin einsetzen, solange eine ausreichend große und unmittelbar nutzbare mechanische Betätigungsmöglichkeit vorhanden ist.

Die Tür muss auch nach Stromausfall mechanisch aufgehen

Der Handraum ist nur ein Teil der neuen Vorschrift. CATARC nennt drei zentrale Anforderungen. Neben der Bedienbarkeit geht es vor allem um die mechanische Rückfallebene und um die Funktion nach einem Stromausfall.

Innen- und Außentürgriffe müssen eine mechanische Freigabefunktion besitzen. Sie soll auch dann zur Verfügung stehen, wenn nach einem Unfall beispielsweise Rückhaltesysteme ausgelöst haben oder es zu einer thermischen Ausbreitung in der Traktionsbatterie gekommen ist.

Warum solche Szenarien besondere Anforderungen an Rettung und Fahrzeugkonstruktion stellen, zeigt auch unser Faktencheck zur Brandgefahr von Elektroautos.

Zusätzlich sieht der chinesische Standard Prüfungen bei unterbrochener Stromversorgung vor. Ziel ist klar: Ein elektrisches Türsystem darf nach dem Verlust seiner Energieversorgung nicht dazu führen, dass Insassen eingeschlossen bleiben oder Helfer von außen keinen Zugang erhalten.

Versteckte Türgriffe verschwinden nicht am 1. Januar 2027 über Nacht

Für die Autohersteller gelten Übergangsfristen. Neue Fahrzeugtypen müssen ab dem 1. Januar 2027 grundsätzlich den neuen Standard erfüllen. Für die Vorgabe zum mindestens 60 × 25 × 20 mm großen Handraum gibt es ein zusätzliches Jahr. Bei neuen Typgenehmigungen gilt diese Anforderung vollständig ab 1. Januar 2028.

Bereits typgenehmigte und weiter produzierte Modelle erhalten noch mehr Zeit. Sie müssen ab 1. Januar 2029 sämtliche Anforderungen von GB 48001-2026 erfüllen. Die Überschrift „China verbannt versteckte Türgriffe“ beschreibt damit die Richtung der Regulierung. Das Verschwinden erfolgt aber schrittweise.

Was gilt für Türgriffe in Deutschland?

In Deutschland sind versenkte oder elektrisch betätigte Türgriffe weiterhin zulässig. Ein mit der chinesischen Vorgabe vergleichbares Verbot gibt es derzeit nicht.

Die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung enthält in § 35e allgemeine Anforderungen an Türen und Türverschlüsse. So dürfen sich Türen nicht unbeabsichtigt öffnen. Eine bestimmte Größe oder Bauform eines Außentürgriffs schreibt die StVZO jedoch nicht vor.

Für Fahrzeugtypgenehmigungen ist darüber hinaus die UN-Regelung Nr. 11 über Türverschlüsse und Türhalteeinrichtungen relevant. Auch sie enthält bislang keine chinesische Vorgabe, nach der beispielsweise immer ein 60 × 25 × 20 mm großer mechanischer Handraum vorhanden sein müsste. Dabei dürfte es allerdings nicht bleiben.

Deutschland treibt neue Regeln für elektrische Türen mit voran

Deutschland hat das Thema inzwischen auf UNECE-Ebene aufgegriffen. Bereits 2025 beschäftigte sich eine internationale Arbeitsgruppe mit der „Emergency Door Opening“, also der Türöffnung im Notfall. Beim ersten Treffen brachte das Kraftfahrt-Bundesamt ausdrücklich elektrisch betätigte, flächenbündige Türgriffe auf die Tagesordnung.

Im Mai 2026 folgte ein konkreter Entwurf für Änderungen der UN-Regelung Nr. 11. Dieser Entwurf geht in eine ähnliche Richtung wie die chinesische Regulierung, setzt technisch aber andere Schwerpunkte.

Vorgesehen ist unter anderem, dass außen mindestens eine intuitiv erreichbare Einrichtung vorhanden sein muss, mit der sich eine Tür entriegeln und öffnen lässt. Auch von innen soll die Bedienung eindeutig und intuitiv möglich sein.

Besonders interessant ist die geplante Prüfung nach Stromausfall. Elektrisch unterstützte Systeme sollen dem Entwurf zufolge auch nach 60 min ohne normale Stromversorgung noch entriegelt und geöffnet werden können.

Dafür lässt der Vorschlag verschiedene technische Lösungen zu: eine mechanische Rückfallebene, eine separate Energieversorgung oder ein anderes ausfallsicheres System. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu China.

China schreibt die Geometrie vor, UNECE eher die Funktion

China greift sehr konkret in die Konstruktion ein. Die Vorschrift definiert unter anderem den benötigten Handraum am Außengriff und verlangt eine mechanische Freigabefunktion. Der derzeitige UNECE-Entwurf ist technologieoffener. Er legt stärker fest, was ein Türsystem im Notfall leisten muss, nicht zwingend, wie die Konstruktion dafür auszusehen hat.

Hersteller könnten demnach beispielsweise ein elektrisches System verwenden, solange es nach einem Stromausfall noch über eine unabhängige Energieversorgung verfügt. Auch eine mechanische Lösung wäre möglich.

Wichtig ist allerdings: Die UNECE-Vorschläge vom Mai 2026 sind noch kein geltendes Recht. Die Arbeiten laufen weiter. Deutschland verbietet versteckte Türgriffe damit derzeit nicht. Die Entwicklung geht aber auch hier in Richtung strengerer Anforderungen an elektrisch betätigte Türen.

Warum Chinas Entscheidung trotzdem für Deutschland relevant ist

China ist inzwischen nicht nur der weltweit größte Automarkt, sondern auch einer der wichtigsten Entwicklungs- und Produktionsstandorte für Elektroautos.

Gleichzeitig gewinnen chinesische Hersteller auf dem deutschen Markt an Gewicht. Ihr Anteil am deutschen Pkw-Gesamtmarkt stieg zuletzt auf 6,2 %. Mehr dazu lesen Sie in unserer Analyse, warum deutsche Hersteller beim wachsenden E-Auto-Markt Marktanteile verlieren.

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