07.05.2013, 15:22 Uhr | 0 |

Teilzeit-Management Exoten in Nadelstreifen: Teilzeit kommt für Manager kaum in Frage

Teilzeitarbeitende Manager und Managerinnen sind in Europas Unternehmen immer noch absolute Exoten. Daran hat auch der seit mehr als 10 Jahren bestehende Rechtsanspruch auf einen Teilzeitarbeitsplatz nichts verändert.

Fußball-Manager Jörg Schmadtke
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Jörg Schmadtke war der erste Teilzeit-Manager im Deutschen Profifußball. Er hatte sich 2012 eine Auszeit genommen und mit Clubchef Martin Kind vereinbart, nach seiner Rückkehr im September 2012 zunächst nur täglich von 9 bis 13 Uhr zu arbeiten. Ab Januar war Schmadtke wieder voll im Dienst. Allerdings soll er an Problemen mit Trainer Mirko Slomka gescheitert sein und musste im April gehen.

Foto: dpa/Jochen Lübke

Im Kindergarten und im Supermarkt gehören sie zum Alltagsbild: Teilzeitkräfte. Da ist es völlig normal, dass sich zwei Menschen einen Arbeitsplatz teilen. Oder das unmögliche Möbelhaus aus Schweden. Bei Ikea in Deutschland sind mehr als die Hälfte der rund 14.000 Beschäftigten in Teilzeit tätig. Insgesamt boomt die Idee, die Arbeit zugunsten von mehr Freizeit einzuschränken. So haben im Jahr 2009 in Deutschland 26 Prozent aller Beschäftigten eine verringerte Wochenarbeitszeit mit ihrem Arbeitgeber vereinbart. Der Schnitt in der EU: Knapp 19 Prozent.

Aufgeschlüsselt nach Geschlechtern zeigt sich: Teilzeit ist die Domäne der Frauen. Fast die Hälfte der Frauen (45 Prozent) ist in Teilzeit beschäftigt, aber nur jeder zehnte Mann. Ganz wenig Gegenliebe hat die verringerte Arbeitszeit in den Chefetagen der Unternehmen – und zwar in ganz Europa. Dies ist das zentrale Ergebnis einer Studie über Management und Teilzeitarbeit, die Lena Hipp und Stefan Stuth vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) jetzt vorgestellt haben.

Teilzeitwunderland Niederlande mit 12 Prozent Spitze in Europa

Die Studie hat 19 europäische Länder hinsichtlich des Anteils der Teilzeit im Management untersucht. Die Unterschiede in Europa sind riesig. In den Niederlanden arbeiten 12 Prozent der Managerinnen und Manager in Teilzeit, also weniger als 30 Wochenstunden. In Großbritannien sind es 8 Prozent, in Deutschland nur 5 Prozent. Der europäische Vergleich zeigt, dass die Bereitschaft für Teilzeit generell in der Arbeitskultur verankert ist. „Manager reduzieren eher in den Ländern ihre Arbeitszeit, in denen Teilzeiterwerbstätigkeit von Beschäftigten weitverbreitet ist“, erklären Lena Hipp und Stefan Stuth.

So rangieren Länder wie Litauen und Griechenland, in denen traditionelle Geschlechternormen vorherrschen, am unteren Rand der Teilzeit-Skala. Länder wie Belgien, in denen die Erwerbstätigkeit von Müttern und die Haus- und Familienarbeit von Vätern selbstverständlich ist, rangieren weit oben im Teilzeit-Ranking. Und auch die Erwartungen an die Führungskräfte spiegeln sich in dem Ranking wider. So ist in Ländern, in denen Managerinnen und Manager traditionell lange Wochenarbeitszeiten in Kauf nehmen müssen, die Teilzeit kaum eine Option für die Belegung in den Chefetagen.

Teilzeit bei Führungskräften ist Frauensache

Es zeigt sich auch: Das Arbeitsverhalten im Management ist nicht nennenswert anders als im sonstigen Broterwerb. Teilzeit ist auch im Management Frauensache. In Deutschland wirken 14,6 der Managerinnen in Teilzeit, aber nur 1,2 Prozent der Männer. In den Niederlanden haben dagegen 31,5 Prozent der Frauen und 4,1 Prozent der Männer im Management ihre Stundenzahl reduziert.

In den Führungsebenen großer Unternehmen ist Teilzeit kaum eine Option. Das gleiche gilt für Selbstständige. Beachtlich sind die branchenspezifischen Unterschiede: In den Bereichen Bildung, Gesundheit und öffentliche Verwaltung ist Teilzeit in den Chefetagen mit 9,3 Prozent am häufigsten vertreten. Im verarbeitenden Gewerbe kommen teilzeitarbeitende Managerinnen und Manager mit 1,2 Prozent praktisch nicht vor.

Teilzeit auf Führungsebene würde mehr Frauen in das Management verhelfen

„Teilzeitarbeit in Führungsetagen ist eine Ausnahme – auch wenn das Thema Arbeitszeitreduzierung in Zeiten veränderter Familienarrangements und großer beruflicher Belastung wichtiger geworden ist. Daran ändert auch der seit mehr als 10 Jahren bestehende Rechtsanspruch auf einen Teilzeitarbeitsplatz nichts.“ Mit dieser Zusammenfassung beginnen die beiden Autoren der Studie ihre Situationsbeschreibung. Nach § 8 des Gesetzes über Teilzeitarbeit und befristete Arbeitsverträge (TzBfG) haben Arbeitnehmer in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten einen einklagbaren Anspruch auf Verringerung der Arbeitszeit, wenn sie seit mindestens sechs Monaten dort beschäftigt sind.

Teilzeit ist ein positives Instrument der Personalpolitik

Aus Sicht der Autoren ist die Teilzeit ein positives Instrument der Personalpolitik. Wären mehr Chefinnen und Chefs bereit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, würde die Teilzeitarbeit insgesamt aufgewertet, machen Lena Hipp und Stefan Stuth deutlich. „Wenn Managementaufgaben auch in Teilzeit ausgeübt werden können, sind diese Positionen leichter für Frauen zugänglich“, schreiben sie in ihrer Studie.

Die beiden Wissenschaftler glauben jedoch, in der Wirtschaft ein Umdenken zu registrieren. Unternehmen hätten zunehmend ein Interesse daran, den Arbeitszeitwünschen ihrer Führungskräfte entgegenzukommen. „Auch Führungskräfte gründen eine Familie, brauchen eine Auszeit oder müssen sich um ihre pflegebedürftigen Angehörigen kümmern“, so die Autoren. „Ein Entgegenkommen bei flexiblen und reduzierten Arbeitszeiten von Unternehmensseite kann die Beschäftigten dauerhaft an ein Unternehmen binden. Jobsharing verhindert zudem, dass wertvolles Wissen bei einem zeitweisen Arbeitsausfall oder beim Weggang einer Führungskraft aus dem Unternehmen verloren geht. Angesichts von Fachkräfteengpässen werden Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeitmodelle darum in Zukunft immer wichtiger.“

Wunsch und Wirklichkeit passen nicht zusammen

Beachtlich ist dabei die Betrachtung von Wunsch und Wirklichkeit. In Tschechien, Luxemburg, Österreich und Griechenland möchten zwischen 25 und 35 Prozent der Mangerinnen und Manager ihre Arbeitszeiten um mindestens fünf Wochenstunden reduzieren. Die Wirklichkeit zum Beispiel für griechische Führungskräfte sieht aber so aus, dass nur 2 Prozent ihre Arbeitszeit reduziert haben. In Deutschland möchten ohnehin nur 5 Prozent der Führungskräfte weniger arbeiten.

Die Studie zeigt auch, dass es für die Führungskräfte keine monetäre Entscheidung ist, voll zu arbeiten. Während sich viele Beschäftigte Teilzeit finanziell nicht leisten können, spielen materielle Überlegungen für das Führungspersonal nur eine untergeordnete Rolle. Interessant ist auch der familiäre Hintergrund. Die Wahrscheinlichkeit, eine Führungsposition in Teilzeit auszuüben, steigt mit der Anzahl der Kinder an – und mit dem Lebensalter.

Chefs in Teilzeit vermitteln positives Bild von Teilzeit

„Das explizite Angebot an Führungskräfte, zeitweise in Teilzeit zu arbeiten, kann zu einer Änderung der Unternehmenskultur beitragen. Gleiches trifft auf positive Vorbilder zu: Ein Chef, der mit reduzierter Stundenzahl arbeitet und sich seine Aufgaben erfolgreich mit seinem Kollegen oder seiner Kollegin teilt, vermittelt ein positives Bild von Teilzeitarbeit und lädt zur Nachahmung ein“, heißt es in der Studie. „Wenn diese Vorbilder Schule machen, kann Teilzeitarbeit zu einer Möglichkeit werden, Lebensphasen den Umständen entsprechend angemessen zu gestalten. Sie ist dann nicht länger die „zweitbeste“ Lösung, sondern bietet in bestimmten Lebensphasen die Möglichkeit, Zeit für die Familie und die Karriere miteinander in Einklang zu bringen.“

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Von Detlef Stoller
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